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korrespondenz.biz - 008 (hcs): Zeitunglesen mit Ambler Die Analysen im Economist sind wohl recherchiert, gewissenhaft und präzise, die Kommentare unaufgeregt und pragmatisch. Die Ausrichtung ist politisch wie wirtschaftlich liberal. Politik wird nicht nach nationalen Kriterien beurteilt, sondern im Sinne des Geschäfts. Der Economist liegt in Einschätzungen und Prognosen zumeist richtig. Im Anzeigenteil finden sich Stellenangebote für Führungsposten, Werbung für wirtschaftliche Aus- und Fortbildung auf höchstem Niveau und Vorschläge zur Geldverwaltung in Steueroasen wie den Cayman Inseln. Der Economist ist klarerweise ein Blatt für kompetente Kriminelle. Den kompetenten Kriminellen zeichnet u.a. aus, dass er nicht als Krimineller erkannt wird. Der kompetente Kriminelle wird nicht nur nicht verurteilt, es wird erst gar nicht gegen ihn ermittelt. (Ich halte mich an Amblers Bitte keine Rosen mehr.) Joseph Bonanno, der kürzlich gestorbene und nie wegen eines schweren Verbrechens verurteilte capo di tutti i capii, war erfolgreich und kriminell, aber nicht im gemeinten Sinne kompetent. Der kompetente Kriminelle hat mit Bonanno nichts gemein. Er symphatisiert mit Josef Ackermann und liberalen Politikern. Entsprechend despektierlich fällt im aktuellen Economist (18.05.2002) der Nachruf auf Bonanno aus und entsprechend freundlich die Meldung von Guido Westerwelles Kanzlerkandidatur. Seit dem 12. Mai ist der bouncy, unconventional, clever, hopeful liberal Dr. iur. Guido Westerwelle Kanzlerkandidat der FDP. Seit 1949 hat in Deutschland keine Partei außer CDU und SPD einen Kanzlerkandidaten aufgestellt. Ein Witz kommentierte Schröder entsprechend. Der Economist jedoch sieht Westerwelle die Position des Juniorpartners von den Grünen wiedererringen. Seine jokes, gimmicks and public stunts -- auch wenn sie unsere Nackenhaare aufrichten -- haben Wunder bewirkt, die FDP mausere sich zur von Fabrikarbeitern gewählten Volkspartei. 18%-Westerwelle als the joker in Germany's electoral pack? Maybe. Plainly Mr Schröder and Mr Stoiber would be unwise to laugh him off. Ziemlich am Anfang seiner Karriere wurde Westerwelle von Friedrich Küppersbusch in ZAK interviewed. Küppersbusch wies ihn mehrfach auf den Unsinn seiner -- Westerwelles -- Rede hin, resignierte dann. Die verbreitete Einschätzung war, Westerwelle sei zu blöd. Ich war Praktikant beim ZDF und durfte Lehrgeld zahlen. Die JuSos Hessen erklärten, den Hund ihres Vorsitzenden oder seiner Freundin entführt zu haben und dass sie ihn töteten, wenn das Land irgendwelche kurdischen Flüchtlinge, die man in der Türkei foltere, abschiebe. Westerwelle stellte von Bonn aus Strafanzeige wegen Tiermisshandlung, versuchtem oder angedrohtem Mord oder Gründung einer terroristischen Vereinigung, die Redaktion von Hauser und Kienzle brauchte was Lustiges, und man gab mir den Auftrag, Westerwelle ein paar Fragen bezüglich seiner Tierliebe zu stellen. Sein Gesicht sollte etwas größer als vorteilhaft und mit schräger Kamera aufgenommen werden. Man könne dann O-Töne für eine Glosse verwenden. Ich stellte in Westerwelles Büro einige Fragen, er erklärte seine Empörung über das feige Verhalten der JuSos. Man lebe in einer Demokratie, in der man seine Meinung sagen dürfe, aber bitteschön keine Hunde, die mit der ganzen Sache gar nichts zu tun haben, quälen, das sei nicht zu rechtfertigen und gehöre unterbunden. Der Staat dürfe sich ferner nie erpressen lassen. Ich glaubte, er kapiere mal wieder gar nichts, argumentierte auch noch und wies idiotisch darauf hin, dass derartige Aktionen uralte Hüte seien, beliebige Comic-Versande mit Wenn Ihr nicht bestellt, erschießen wir diesen Hamster werben u.s.w., erfolglos natürlich. Westerwelle beschied, er sei wohl aus dem Comicalter heraus, schätze dafür richtig ein, was sittlich sei und was nicht, die JuSos jedenfalls nicht. Beleuchter und Kameramann waren auf seiner Seite, das sei eine Sauerei, der Hund könne nichts dafür, und setzen ihn ins beste Bild. Statt eines Interview-Lehrbuchs hätte ich vorher besser Mit der Zeit von Ambler gelesen. Dort hätte ich rechtzeitig die größten Fehler des Interviews nachlesen können und darüber hinaus, dass Typen wie Westerwelle nicht blöd sind. Amblers Bücher handeln zumeist von Spionage und politischen Komplotten. Die Hauptperson wird jeweils in einen Konflikt verwickelt. Sie kann sich diesem aufgrund irgendwelcher kontextueller Faktoren nicht entziehen und wird unter Druck gesetzt. In dem Spiel, an dem sie gezwungenermaßen teilnimmt, muss sie handeln. Man versucht, sie zu manipulieren, für seine und gegen ihre bescheidenen Zwecke zu gebrauchen. Sie ist sich nicht vollständig über das Wissen und die Intentionen der anderen Spieler im Klaren. Das Verhalten ihrer Mit- und Gegenspieler, selbst wenn diese überheblich, borniert oder idiotisch wirken, interpretiert sie am besten als rational. Die anderen Spieler nutzen Gelegenheiten und haben meistens einen Informationsvorsprung. Der Leser sammelt mit der Hauptperson sukzessive entscheidungsrelevante Information, wird dabei auf Holzwege geleitet und muss ohne deus ex machina den richtigen Weg finden. Amblers Bücher sind gut recherchiert (Man registriert oft verwundert das frühe Erstveröffentlichungsjahr). Sie legen nahe, politische Prozesse als Spiele mit Entscheidungen unter Unsicherheit zu interpretieren. Sie sind weitaus unterhaltsamer als chinesische Listenkataloge. Am unterhaltsamsten fand ich Nachruf auf einen Spion. Der Levantiner dürfte wohl derzeit als am aktuellsten rezipiert werden. Am spannensten ist vielleicht Die Angst reist mit. Erklärungen au Ambler erscheinen konservativ, insofern sie, ähnlich wie die klassische, personenbezogene (Herrscher-) Geschichtsschreibung, Handlungen einzelner Akteure reflektieren anstatt die Macroebene ganzer Systeme. Personenbezogene Geschichtsschreibung allerdings reduziert geschichtliche Abläufe auf Handlungen weniger Akteure. Strukturelle Aspekte werden als nicht bedeutungsrelevant ignoriert. Bei Ambler dagegen werden größere Zusammenhänge parabelhaft auf überschaubare heruntergebrochen. Die werden auf der Microebene beschrieben, der soziale Zusammenhang ergibt sich als emergentes Phänomen. Zeitungslesen mit Ambler, damit die Interpretation politischer Zusammenhänge als komplexe Spiele mit ständig überforderten, keinesfalls aber dummen, und i.d.R. überlegt agierenden Akteuren, macht mehr Spaß als Zeitunglesen ohne Ambler, selbst wenn man zu falschen Interpretationen gelangt. Ein Beispiel: Bei der Abstimmung zum Zuwanderungsgesetz im Bundesrat kam es bekannterweise zum sogenannten Eklat. Nachdem Wowereit das Votum Mecklenburgs als Zustimmung gewertet hatte, protestierten CDU-Mitglieder lauthals, Hessens Ministerpräsident Koch dabei am empörtesten. Bernhard Vogel las sogleich eine Erklärung vor, die gerichtliche Konsequenzen und den Protestzug aus dem Bundesrat ankündigte. Ich habe faulerweise die Debatte im Fernsehn verfolgt. Es war offensichtlich, dass die CDU Theater spielte. Die Show war vorbereitet, während der Schlussdebatte versicherte man sich das richtige Verhalten, vor der Abstimmung zog man sich zur Generalprobe zurück. Die Äußerungen waren dann alle gut formuliert, wozu spontan, so zeigte die Erfahrung der vorhergehenden Debatte, die Herren nicht in der Lage gewesen wären. Theaterleiter, hinterher interviewed, fanden die Aktion zwar dennoch glaubhaft, hatten aber höchstwahrscheinlich nicht mehr als den Ausschnitt aus der Tagesschau gesehen. Schon der Verweis auf Empörung hätte für Ambler keine Erklärungsmächtigkeit. Wenige Tage nach dem Eklat offenbarte der saarländische Ministerpräsident Müller auf irgendeiner Kulturveranstaltung zum Thema Theater und Politik, der CDU-Auftritt sei tatsächlich gespielt gewesen und die Empörung Kochs nicht echt. Man war sich sogleich einige, der Koch sei ein falscher Hund, der Müller hingegen -- schließlich auch der einzige der gegen das Gesetz auch argumentiert und nicht nur polemisiert hatte -- nur ein bisschen dämlich, sich aus Eitelkeit zu dem Geständnis hinreissen zu lassen. Ende der Interpretation, der Einser-Jurist Müller, dessen Karriere sicher nicht Blödheit beweist, sei ein bisschen dämlich. So einfach machte es Ambler dem Müller nicht. Nur kurz: Nehmen wir an, Stoiber verliert die Wahl. Auf wessen Karriere wird sich der Bundesratskomplott wohl wie auswirken (wenn überhaupt)? Die CDU ist schließlich auch nicht konkurrenzfrei.
Im Economist wurde das Ergebnis der Abstimmung berichtet und kurz, wie es zustande kam.
Wertungen wurden natürlich unterlassen.
Der Economist und Ambler haben einiges gemein.
Nur, dass man beim Economist den Eindruck hat, dass er berichtet und mitspielt.
hcs
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