korrespondenz.biz - 009 (rsa): Kulturteilgymnastik


Das Streben nach einem flotten Erscheinungsbild, Publikumsorientierung und flexible Reaktionen auf Stimmungswechsel, zupackendes Themenmanagement, die Produktion von kommunikativem Einfluss und Meinungsführerschaft in Form von Aufmerksamkeitsgewinnen und Marktmacht, dies beherrscht nicht nur die FDP, die Artikel über "die Medien" heutzutage gut daran tun zu erwähnen, das beherrscht auch die ganze Medienwelt. Die ganze heißt: auch die vermeintlich konservative Tageszeitung, die Großmutter, die Königin, das älteste Gewerbe der Medienwelt.

Konservativ meint, Tageszeitung hieß - das zeigen schon die einschlägigen Rituale des Tageszeitungslesens - abonnementweiser Bezug, das morgendliche Briefing in öffentlichen Verkehrsmitteln, das konzentrierte Studieren in Lesesälen -: verlässliche Orientierung, solide Information, klare Konturen, Richtlinienkompetenz. Diese Kultur des Zeitunglesens wird man künftig wohl nur noch bei jenen Blättern finden, die sich der kreativen Dynamik des Medienbetriebs bisher verweigert haben und daran zu erkennen sind, dass sie keinen eigenen Internet-Auftritt haben: also der Mittelfränkischen Landeszeitung, dem Trierischen Volksfreund oder dem Werler Waldboten. Die Informationen die sie geben sind allerdings meist gewöhnlich und etwas abgekaut. Man kann sie leider nicht lesen, ohne nebenbei Patience zu legen.

Die Zeitungen, die man lesen kann, scheinen dagegen immer mehr auf das Westerwellsche Prinzip zu bauen. "Aufklärung" (Schröder) und "Orientierung" (Stoiber) weichen einer neuen Wendigkeit. Hat "89" (Weizsäcker), das Aufbrechen der weltanschaulichen Lager, die Fragwürdigkeit von Ideologien, der allgemeine Trend zur Mitte usf. da capo schon die Lage nicht gerade einfacher werden lassen, so sprechen Fachleute des Medienbetriebs wie Hubertus Meyer-Burckhardt mittlerweile von einer zweiten, neuen "neuen Unübersichtlichkeit". Eine Kultur von Innovation und Imagegewinn hat die großen Tageszeitungen erfasst, eine Kultur, die zunächst vom Kampf um Marktanteile und Anzeigenkunden ausging, sich dann souverän über das ökonomische Denken erhob, mittlerweile aber jegliche Richtung und jegliches Ziel verloren hat.

Dies wird besonders deutlich im Bereich des Feuilletons. Bis schätzungsweise vor einigen Jahren - nun muss ich doch persönlich werden - war noch alles im Rahmen. Die Tageszeitung meines Vertrauens - nennen wir sie "SZ" - bot ein gut aufgefächertes Spektrum von Information, meist transparente Bewertungsmassstäbe und meist moderate Kritik. Ihr Kulturteil war aufmerksam, angemessen pluralistisch, nicht allzu staatstragend, ein verlässliches Instrument zur Durchleuchtung des Betriebes.

Dann kam der erste Innovationszyklus, es kamen POP und neue Formate. In der Feuilletonredaktion mehrten sich Schreiber, die an den ästhetischen Herausforderungen und Anregungen von Pop- und Alltagskultur interessiert waren, die hochkulturelle Kragenlinie des Besprechungsfeuilletons überwanden, ironisches Schreiben und subjektives Erzählen mit kulturwissenschaftlichen Techniken mischten; und außerhalb des Feuilletons entwickelte man eine Beilage für jugendliche NACHWUCHSLESER und jung gebliebene Mittdreissiger, in der junge Nachwuchsredakteure jungen Themen (Pop, Pubertätsproblemen) mit jugendlicher Schreibe zu Leibe rückten (!!!!jetzt auch Online!!!!). Auch mit der Beilage für Anzeigenkunden und Wochenendleser, dem "SZ-Magazin", gewann man Spielraum, nachdem FAZ und "Zeit" ihre Magazine mangels Modeanzeigentauglichkeit einstellen mussten. Die SZ wurde flott, so flott, dass ihre weniger begabten Redakteure vom Popliteraturbetrieb abgeworben wurden und so eine ständige Qualitätssicherung gewährleistet war.

Was diesen INNOVATIVEN Wirbel zerstörte, war nicht so sehr ein kleiner Skandal um Tom Kummer, der das "SZ-Magazin" zur Postille des Borderline-Journalismus machte und mit der "Glaubwürdigkeit" der Zeitung auch das Zutrauen der alteingesessenen Leserschaft zu gefährden schien, sondern das Alternativkonzept der good ol' FAZ, die nicht minder MODERNITÄTSBEWUSST an der Abschaffung des "klassischen Kulturteils" (Meyer-Burckhardt) arbeitete. Nachdem die FAZ nicht nur ein SCHICKES Debattenfeuilleton etablierte, in dem die Themen des Politikteils als Menschheitsfragen inszeniert wurden, die Kulturseiten mit tiefenhermeneutischen Deutungen von Disney-Comics auch für die liberale Wählerschaft lesbar machte und mit den Berliner Seiten ein Spaßbeilage schuf, in der jene Jungliteraten schrieben, denen die aus der SZ kommenden Jungliteraten nur nachschrieben, geriet die Lage außer Kontrolle.

Um der FAZ die Vergeblichkeit ihrer Expansionsbemühungen zu beweisen, warb die SZ die konservative Speerspitze des nationalalternativen Blattes, den Literaturchef Thomas S. und Feuilletonchef Ulrich R. [Namen geändert], ab und nahm die Debattenidee gleich mit auf. Zwar wurden daraufhin einige linksliberale Mitarbeiter entlassen, dafür wurden aber Slavoj Zizeks menschheitsumspannende Beiträge IMMER MEHR. Davon beeindruckt entschloss sich die FAZ zu einem perfiden Gegenschlag: Sie attackierte von der anderen Seite und holte das "wild bunch" der SZ-Jungautoren nach Frankfurt, wo sie den flotten SZ-Stil ohne Abstriche (abgesehen von der Auflage, stets "Postkommunisten" statt "PDS" zu schreiben) weiter entwickeln sollten. Die Früchte der fortschrittlichen Feuilletonbemühungen der Süddeutschen kamen überdies dem Kulturteil der NEU gegründeten Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zu gute.

Während die FAZ somit einen POPKULTURELLEN Kantersieg davontrug, schlug die SZ auf dem Gebiet des hochkulturellen Erbauungswesens zurück, schuf eine TÄGLICHE Literaturseite und stellte Raum zur Verfügung, in dem ehemalige FAZ-Autoren die jugendkulturell angehauchten Romane derzeitiger FAZ-Autoren mit viel Recht und falschen Gründen in die Pfanne hauen konnten.

War es dies, die mittlerweile dramatische Raumnot im FAZ-Redaktionsgebäude, waren es die vielen Bilder in der FAS oder möglicherweise das finanzielle Schwächeln der FAZ, die dafür sorgten, dass ein paar der JUNGEN Autoren wieder auf dem Markt kamen? Egal, die SZ ließ es sich nicht nehmen, und warb wieder an, was das Feuilletonportefeuille herab, um eine neue Offensive gegen die FAZ zu starten. Roll back, rock on. Der Wochenendteil der Zeitung, der bis dato vor allem antyziklische Essays und Literaturbesprechungen lieferte, wurde mit Verwies auf die neugeschaffenen Literaturseite eingestampft und ersetzt durch den NEUEN Wochenendteil, dessen luftig-lockerer Lifestyle-Populismus nach Art der "Zeit"-Beilage "Leben" das neue SZ-Outfit der FAS alt aussehen lassen soll.

Nun gut. Die SAZ hat jetzt also den ideellen Gesamtkulturteil, auf den die FZ immer erfolgreicher hingearbeitet hat. Flexibel lassen sich nun die wechselnden Bedürfnisse des Publikums bedienen. Ein fruchtbarer Austausch ermöglicht neue Perspektiven. Der Kulturteil der Süddeutschen kann für jede Nachrichtenlage die passende Diskussion erzeugen. Pisa meets Palästina. Politiker schreiben für Politiker. Der Wochenendteil gibt Lebenshilfe, organisiert unser unpolitisches Denken und gibt jeder Lebensäußerung einen Schöner-Wohnen-Charme. Während die FAZ sich um den "letzten Vertreter der deutschen Linken im Literaturbetrieb" (Günther Grass) bemüht, wendet die SZ sich entsetzt ab. Man sitzt bei Handke und isst Spaghetti mit selbstgesammelten Pfifferlingen und Maronen. Der ehemalige Walt-Disney-Redakteur der FAZ notiert erwartbares über Themen, die einem ehemaligen FAZ-Redakteur erwartungsgemäß in der SZ zugewiesen werden (Star Wars und so). Die linksliberalen Restmitarbeiter sind Fachkräfte für das Freche. Werktags schreiben die Schwergewichte des Feuilletons zu Proust, am Wochenend schwerwitzig über Jazz. Rubriken helfen: Was ist "Gut"? "Drama der Woche", "Stil", "Kostprobe", "Stimmt das denn?" Das subjektive Erzählen ist nun in den Kinobesprechungen zu Hause. Der über die Zeit zur SZ gekommene Gustav S. schreibt endlich, was er in der FAZ nie schreiben wollte. Die Filmkritik wird von freiflottierender Motivsuche abgelöst, Diederich Diederichsen aber auf den quotation index der FAZ versetzt. Über George Lucas erfahren wir, dass er aussieht wie der junge John Ford oder Peter Jackson nach einer Rasur. Auch Britney Spears Brustmarketingprobleme werden zu Menschheitsfragen (die Lolitafalle). Alles, aber auch alles hat nicht nur seine zwei Seiten, sondern vielfältige Bezüge. Die FAS für Jugendliche, die SZ-Beilage jetzt.de übt sich in neoliberalem Optimismus (Handys für alle). Der Kunstkritiker kompensiert Besprechungen über die klassische Moderne durch Flottes über Porsche. Ein Mann namens Bisky rettet die Republik. Der nationalistische Versöhnungskitsch von Bernhard Schlink wird genauso gegeißelt wie Proteste gegen den Wiedergutmachungs-Wanderprediger Walser. Artikel über nachts wirkende Schminke bereiten die nächste Modestrecke vor. Und seit Jahren schon kein Artikel von Ulrich Beck.

Es ist nicht von der Hand zu weisen: der Austausch zwischen FAZ und SZ hat eingefahrene Perspektiven aufgebrochen, ermöglicht flexibles Themenmanagement, stärkt die Profilvielfalt und die perspektivlose Austauschbarkeit. Und der Kulturteil tendiert konzeptionell zum All-you-can-eat-Buffet. Man kriegt alles, man kann alles essen, man kriegt von allem nicht allzu viel runter. Danach das Bedürfnis nach Sport.

rsa