korrespondenz.biz - 012 (17.06.2002): Motorsterben


Wenn mein Vater das Auto - immer ein Alfa Romeo, wenn auch unterschiedliche Modelle, zu denen ich ein freundschaftliches Verhältnis pflegte - nach einem Wochenendausflug in die Hofauffahrt lenkte, gab es einen kurzen Augenblick der absoluten Ruhe, wenn der Motor erstarb. Ich beschloss, mir diesen Augenblick für später zu merken, denn es war ein sehr angenehmer. In einem Jahr werde ich an diesen Augenblick denken, dachte ich.

Da mein Vater den Alfa Romeo - den ich am Motorgeräusch und Türenklappen unbesehen erkennen konnte - unzählige Male nach einem Wochenendausflug in die Hofauffahrt lenkte, und da ich mich jedesmal an meinen Vorsatz, den Augenblick des Motorersterbens nicht zu vergessen, erinnerte, wurde jedes Mal Erinnern vom nächsten Mal überlagert. Der Moment des Ersterbens des Motors sah mittlerweile aus wie ein stark verwackeltes Bild, zahllose übereinanderliegende Formen mit fledderigen Rändern.

Ich versuchte die Verwacklung auszugleichen, indem ich mir das jeweilige Auto dazu vorstellte. Die Guilia, den Sud, den 75er. Dazu gehörten verschiedene Sitzfarben, Armlehnen, Rückentaschen an den Vordersitzen, Kopflehnen, Aschenbecher in den Türen. Das half jedoch nur bedingt, denn an diesen Einzelheiten hingen wieder andere ganz Erinnerungen als der ersterbende Motor: Die Sitzpolster der Guilia waren graumeliert. Auf der Kühlerhaube hatte ich einmal gesessen und mich mit einem italienischen Mädchen unterhalten, obwohl ich kein Italienisch kann. Da war ich noch klein. Meine Eltern und ich waren im Italien-Urlaub und auf einem Autobahn-Parkplatz. Meine Eltern waren gerade nicht da, und ich sprach also mit dem Mädchen, das sich zu mir auf die Kühlerhaube setzte, obwohl ich ihre Sprache nicht beherrschte. Ende der Erinnerung.

Der Sud hatte eine herunterklappbare Mittelarmlehne, hinter der ich einen Zettel mit der Aufschrift: 'Du wirst immer zu uns gehören' versteckte, als mein Vater ihn verkaufte. Dieses Modell sehe ich in meiner Erinnerung meist von unten, denn einer meiner liebsten Kindheitserinnerungsplätze ist die Autowerkstatt. Ich sitze auf einem Stapel Autoreifen, eine Flasche Cola mit Strohhalm in der Hand und sehe meinem Vater und den Automechanikern dabei zu, wie sie das Auto schneller machen. Manchmal durfte ich auch unter die Hebetribüne und an irgendwelchen Schrauben drehen. Abblende.

Der 75er hatte in Verlängerung der Handbremsenverschalung eine Ablage für den Rücksitz, auf der ich alles Mögliche sammelte, Steine, Gummibänder, Kaugummipapier. Mein Vater nutzte Italien-Urlaube gerne, um in den "guten und wahren Alfa-Werkstätten des Auto-Mutterlandes" an seinem Gefährt herumschrauben zu lassen. Einmal fuhren wir auf den staubigen Hof einer kleinen Werkstatt irgendwo bei Pesaro. Mein Vater fachsimpelte mit den Mechanikern, auch er nicht des Italienischen mächtig, meine Mutter blieb gelangweilt im Auto sitzen, sich mit der Straßenkarte Luft zufächelnd, und ich strich zwischen den herumstehenden Autos herum. Strahlende alte, zerbeulte neue. Plötzlich kam ein Junge auf mich zu, vielleicht der Sohn vom Chef, langsamer als die anderen, mit sich immer wieder verirrendem Blick. Er bedeutete mir, ihm zu folgen. Meine Eltern waren beschäftigt, also ging ich mit. Ich folgte ihm in die angenehm kühle Luft der Werkstatt, wieder raus in die Sonne, dann zu einer Treppe in eine Tiefgarage. Immer weiter, denn ich hatte keine Angst vor ihm. Wir gingen ein Stockwerk unter die Erde, und als er die großen Neonröhren an der Decke anschaltete, sah ich mich umgeben von einer Alfa-Sammlung: Ein Sprint aus den 60ern mit ledernen Kühlerhaubenverschlüssen, ein 1750 GTV, eine ganze Armada Spider-Modelle der letzten Jahrzehnte, ein Junior Zagato und schließlich unter einem riesigen Flugseidentuch nicht konform aber schön ein Ferrari. Mein Vater kam mit einem alten Mechaniker die Treppe herunter auf der Suche nach mir. Wir saßen gerade Probe in einem 73er Spider Veloce. Hier wird die Erinnerung sandfarben.

Eine akkurate Erinnerung an den einen Augenblick des Motorersterbens ist nicht möglich. Ich habe Erinnerungen an die Erinnerung.

hap