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korrespondenz.biz - 013 (24.06.2002): ``Schtopp!'' Was Wissenschaft darf, Teil II Seit einiger Zeit läuft im britischen Fernsehen eine Werbung für das beliebte holländische Erfrischungsgetränk Grolsch, deren Hauptfigur ein langhaariger, gutmütiger Niederländer ist, der in den verschiedensten Situation mit einem lässig gerufenen ``Schtopp!'' zur Bedächtigkeit mahnt. Die Botschaft soll wohl sein, dass Bier am besten gemächlich einzuschenken als auch gemächlich zu trinken ist, etwas, das man Engländern durchaus beibringen muss. Nun ist Francis Fukuyama, Historiker und Politikwissenschaftler an der John Hopkins University kein Niederländer, und er sieht unserem Grolsch-Experten auch nicht besonders ähnlich. Wahrscheinlich trinkt er nicht mal Bier. Dennoch konnte ich beim Lesen seines Buches `Our Posthuman Future' (Profile Books, 2002) nicht anders, als ihn mir vorzustellen, wie er sich mit diesem Ausruf auf den Lippen der laborweissbekittelten Geschichte in den Weg stemmt. Diese unschuldige Vorstellung war allerdings so ziemlich mein einziges Vergnügen an der Lektüre des Buches. Fukuyama, ist das nicht der? Genau, 1992 war es, der kalte Krieg schien gewonnen (oder verloren, je nachdem, wo man stand), da verkündete er vollmundig das bevorstehende Ende der Geschichte. Die These damals war, dass Geschichte im wesentlichen von zwei Antriebskräften vorangetrieben wird, nämlich dem wissenschaftliche Fortschritt einerseits, der den Kapitalismus braucht, worin allein er sich verwirklichen kann, und andererseits dem von Hegel entliehenen ``Kampf um Anerkennung'', der die Geschichte zur Demokratie drängt, wo alle ein bisschen anerkannt sind. Mit dem Ende des kalten Krieges sah Fukuyama nun den Sieg der liberalen Demokratie besiegelt, und damit sei es vorbei mit Geschichte, von da an gebe es nur noch kleinere Anpassungsprobleme. So schlicht wie diese These war, so falsch war sie natürlich auch. Seit 1992 ist die Welt nun wahrlich nicht entspannter geworden, und der liberalen Demokratie ging es auch schon besser. Noch ein anderes Problem hat diese These, wie Richard Lewontin in der New York Review of Books anmerkt: So etwas zu behaupten, ist kein guter Karrierezug für einen Zeitgeschichtler. Wenn die Geschichte am Ende ist, was bleibt dann zu schreiben? Das wird sich auch Fukuyama gedacht haben, bevor er über seine neue These stolperte. Moment, vielleicht ist die Geschichte doch noch nicht am glücklichen Ende. Das heisst, wenn wir nicht aufpassen, ist sie das nicht, weil wir nämlich davor sind, sie selbst weiter zu treiben. Mag sich auch die Demokratie als Verwaltungsform weiter verbreitet haben, und der Kampf um Anerkennung seinem Ende entgegengehen, die Wissenschaft jedoch bequemt sich nicht, ab jetzt nur noch in Lehrbüchern das erworbene Wissen zusammenzufassen. Nein, im Gegenteil, in Gestalt der Gen-Technologie und Psycho-Pharmakologie macht sie sich dran, den Menschen fundamental zu verändern, und damit die Balance zu zerstören. Mit der Wahl seines Themas beweist Fukuyama wieder einmal Gespür für den Zeitgeist. Gen-Technik hat die Atomtechnik als Ängstelieferant weitgehend abgelöst, wie man an der neuen Spiderman-Verfilmung schön sehen kann. War die Spinne, deren Biss Peter Parker zum Amazing Spiderman macht, 1962 noch radioaktiv, ist sie heute Vehikel manipulierter Gene. Während aber Peters Verwandlung die Folge eines Unfalls ist, der aus dem benachteiligten Klassenstreber den muskulösen Superhelden macht, sieht Fukuyama Generationen von gentechnisch ``verbesserten'' Superkindern, denen die Eltern die Gene sowohl für's Streber- als auch für's Sportler-Sein gekauft haben. Dies gilt es zu verhindern: ``the aim of the book is to argue [...] that the most significant threat posed by contemporary biotechnology is the possibility that it will alter human nature and thereby move us into a "posthuman" stage of history. [...] Human nature shapes and constrains the possible kinds of political regimes, so a technology powerful enough to reshape what we are will have possibly malign consequences for liberal democracy and the nature of politics itself.'' Die gewählte Verteidigungsstrategie ist, wie man an dem Zitat schon erkennen kann, zum einen die Existenz einer erkennbaren allgemeinen menschlichen Natur zu behaupten, aus der sich zum anderen unsere moralischen Überzeugungen ableiten lassen. Diese Natur ist in Gefahr, kurzfristig durch die Möglichkeiten moderner Psychopharmaka, langfristig durch die Möglichkeiten genetischer Eingriffe in die Keimbahn. Und verändere diese Natur, und Du schaffst Post-Menschen, Unmenschen. (Hat da jemand `naturalistischer Fehlschluss' gerufen?) Um das Ergebnis vorwegzunehmen, besonders weit kommt er nicht auf diesem Weg, was ihm allerings gelingt ist, sein ziemlich reaktionäres Bild dieser menschlichen Natur weit auszubreiten. Erstmal aber eine Kostprobe seiner Argumentationsweise: In einem Szenario, das uns die Gefahren der Gentechnik plausibel machen soll, sehen wir die Lebenserwartung auf jenseits der 100 geschoben. Die Menschen sind gesund, Problem aber ist, dass ``people grow mentally rigid and increasingly fixed in their views as they age, and try as they might, they can't make themselves sexually attractive to each other and continue to long for partners of reproductive age.'' Dieses Szenario bittet uns also, eine grosse Menge an jetzt noch nicht ansatzweise verstandenen biologischen Mechanismen als genetisch bedingt zu erachten, diejenigen Wesenszüge aber, die er für sein Krisenszenario braucht, als unveränderbar. Nun gut. Um also dieses und andere Schreckensszenarien abzuwenden, müssen wir uns auf die gute alte menschliche Natur besinnen. Der intellektuell Stil, in dem dies versucht wird in diesem Buch, wird schön deutlich in folgender Passage: ``Despite the poor respute in which concepts such as natural rights are held by academic philosphers, much of our political world rests on the existence of a stable human "essence" with which we are endowed by nature, or rather, the fact that we believe that such an essence exists.''Wenn ich übersetzen darf: ``Dies ist ein schwieriges Problem. Viele Leute strengen sich an, dazu etwas differenziertes zu sagen. Dazu habe ich keine Lust, und auch keine Zeit, schliesslich habe ich einen Bestseller zu schreiben. Also nehme ich einfach mal an, dass es geben muss, wovon ausreichend viele Leute annehmen, dass es existiert.'' Also, jetzt mitschreiben: Die menschliche Natur ist a) gut, und b) eindeutig genetisch determiniert. Derart befreit von Rechtfertigungszwängen, kann man dann schonmal im Plauderton weitermachen: ``Young human beings, and particularly young boys, were not designed by evolution to sit around at a desk for hours at a time paying attention to a teacher, but rather to run and play and do other physically active things.'' [Hilal Sezgin freute sich an dieser Stelle in ihrer Besprechung in der FR über die deutsche Übersetzung, die uns hier wohl tatsächlich ``Burschen'' statt ``Jungen'' gibt.]Ist halt die menschliche Natur, boys will be boys. Das heisst, wenn ihre Eltern, ihre Lehrer sie lassen. Ritalin, die bei der modischen Attention-Deficit-Disorder verschriebene Medizin, unterdrückt dieses `natürliche Verhalten'. Frauen hingegen scheinen eine etwas traurigere Natur zu haben, wie Fukuyama im Spiegel-Interview nochmal deutlicher klarmacht: ``Mehr und mehr Frauen nehmen Prozac, ein Anti-Depressivum, das in den USA eine Art feministische Medizin geworden ist. Denn das klassische Problem von Frauen ist niedrige Selbstachtung. Feministinnen feier die Tatsache, dass Prozac die Selbstachtung von Frauen steigert und sie es mit Hilfe der Tabletten zum Beispiel schaffen, sich von übel wollenden Ehemännern zu lösen und eine Berufskarriere zu starten. Insofern bringen Ritalin und Prozac beide Geschlechter zu ähnlichen Verhaltensmustern: Die Männer sind weniger aggressiv, die Frauen sind selbstbewusster. [..] Wenn die Natur Männer und Frauen nicht mit den exakt gleichen Eigenschaften ausstattet, warum sollen wir das dann korrigieren?'' Eine interessante Frage, die wir aber leider nicht beantwortet bekommen. Was wir als Forderung nach so vielen Buchseiten mit auf den Weg bekommen, ist folgendes: Vonnöten ist eine Regulierungsbehörde, deren Job es ist, jetzt kommts, ``to discriminate between those technological advances that promote human flourishing and those that pose a threat to human dignity and well-being.'' Herzlichen Glückwunsch. Die Bedürfigkeit des Ergebnisses, der viele Unsinn auf dem Weg dahin, das alles ist bedauerlich. Die Fragen nämlich sind natürlich tatsächlich interessant: Welche nicht-religiöse Gründe kann es geben, Eltern etwas zu verbieten, was unmittelbar nur einen Anstieg an Glücklichkeit erzeugen kann? Wie plausibel machen, dass so wohl nur lokale Maxima gefunden werden, in einer globalen Talsohle? Viele Begriffe könnten einem bei der Suche nach Antworten weiterhelfen, eine Analyse des Begriffs der Freiheit zum Beispiel, den wir anderen eben nur zuschreiben, wenn wir sie nicht als Ausdruck der Absicht eines anderen sehen. Rawls Begriff der Fairness könnte verwendet werden. Eine so krude herbeiphantasierte menschliche Natur, aus der sich die ideale moralische Ordnung ableiten liesse, das reicht nun leider nicht. Wie es gehen könnte, das könnte Fukuyama bei Habermas nachlesen, um den es in der nächsten und letzten Folge dieser Serie gehen soll. (Soll uns ja niemand vorwerfen, immer nur einfache Ziele zu wählen...) Bis dahin ist aber noch genug Zeit, ein geruhsam eingeschenktes Grolsch zu geniessen. Also, für jetzt: Schtopp. das
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