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korrespondenz.biz - 014 (01.07.2002): Die Stadt Eines Tages zogen dichte Wolken über der Stadt zusammen. Aus allen Himmelsrichtungen schienen sie zu kommen, um sich schließlich in einer undurchdringlichen grau-schwarzen Masse zu vereinen. Menschen, die stehen blieben und nach oben blickten, erkannten Blitze im Gewölk, seltsame Formen, die wie bedrohliche Krallen das Dunkel über ihren Köpfen festhielten. Die Vögel verließen die Stadt, die Bewohner wurden unruhig, Experten wurden befragt. Die dunkle Wolke war Thema auf allen Fernsehkanälen, im Radio und in den Zeitungen. Kirchenmänner und Sektenanführer verkündeten den Anbruch der Apokalypse, Militärs berieten wie das Gewölk zu zerstören sei, und der Bürgermeister der Stadt erhielt Telegramme der Anteilnahme von anderen Bürgermeistern aus aller Welt. Doch warum die Wolke ausgerechnet über dieser Stadt entstanden war, auf diese Frage hatte niemand eine Antwort. Ein paar sehr alte und weise Männer stiegen tief hinab in die Erde, denn in uralten Stollen lagerte das Archiv der Stadt. Ihre ganze Geschichte wurde hier verwahrt und auch die Geschichte aus der Zeit davor. Die ganz alten Aufzeichnungen in seltsamen Sprachen waren auf Pergament, das von der Zeit hart geworden war. Dann gab es Bücher, deren Papier im Licht zerstaubte, sobald man die schweren Buchdeckel öffnete. Irgendwann hatte ein fortschrittlicher Archivar Lochkarten angelegt und auf ihnen die Stadtgeschichte gespeichert. Später war man auf Disketten umgestiegen, doch die waren mittlerweile so alt, dass es keine passenden Computer mehr gab, mit denen man die Daten hätte lesen können. Die alten weisen Männer verbrachten viele Wochen unter der Erde, und über der Stadt wurde es immer dunkler. Die Kraft der Sonne reichte nicht mehr aus, um zwischen Tag und Nacht zu unterscheiden. Der Himmel blieb schwarz. Deshalb war die Straßenbeleuchtung immerzu an, und der Energie-Senator warnte vor einer Energiekrise. Aufgrund eines alten Solidaritätsbündnisses halfen andere Städte der verdunkelten Stadt aus, und so konnten die Menschen in ihrer nun vom elektrischen Licht erhellten Stadt bleiben. Dennoch zogen mit der Zeit viele fort, vor allem junge Menschen. Sie ertrugen den dunklen Himmel nicht. Auch der Bürgermeister verlegte seinen Wohnsitz ins Randgebiet der Stadt und änderte seinen Lebensrhythmus. Er arbeitete nun nachts und fuhr tagsüber zurück ins Licht. Die Opposition kritisierte das. Nach einigen Monaten begann die Wolke zu sinken. Sehr langsam, fast unmerklich. Schließlich berührte sie die Antennen auf den Hochhäusern, und der Mobiltelefonempfang wurde schlechter. Die alten, weisen Männer kehrten aus den Stollen zurück und mussten der Bevölkerung melden, dass sie nichts gefunden hatten, das die Wolke erklären könnte. Besonders neugierige Menschen liefen in die obersten Stockwerke der Hochhäuser und betrachteten die immer näher kommenden Nebel. Sie drückten ihre Gesichter an die Fensterscheiben, doch das Bild blieb gleich: schwarz-graue Verschlingungen, seltsame Formen, Blitze. Wissenschaftler hatten ihre Messgeräte auf die Dächer der Wolkenkratzer gestellt, doch die fielen jedes Mal aus, sobald die Wolke sie berührte. Ein Sektenanführer verkündete im Fernsehen, dass er mit einigen Auserwählten in die Wolke gehen würde. Der Bürgermeister und die Wissenschaftler rieten ab, doch eine Gruppe von etwa zehn Menschen ging in eines der Hochhäuser, fuhr aufs Dach und wurde nie wieder gesehen. Die Experten stellten Vermutungen an, wie es ihnen wohl ergangen sei. Die dunklen Schwaden sanken weiter. Sie erreichten die oberen Stockwerke, und wer sich in ihnen befand, verschwand. Keiner der Neugierigen kam je aus den Hochhäusern zurück. Die Polizei sperrte die hohen Gebäude ab. In der Stadt herrschte Ratlosigkeit und bald Panik. Niemand konnte sehen, was dort oben geschah, und jeder der zu nahe heranging, ging verloren. Immer mehr Menschen verließen die Stadt. Der Bürgermeister blieb ganz im Randbezirk und arbeitete von dort aus. Die Wolke sank und sank. Da nicht abzusehen war, wann sie aufhören würde zu sinken, gab der Innensenator die Empfehlung aus, dass jederman die Stadt verlassen sollte. An alle Haushalte wurde eine Bekanntmachung geschickt, dass jeder innerhalb der nächsten zehn Stunden mit maximal zwei Koffern in die Randgebiete fahren solle. Dort würden in Turnhallen und Schulen Schlafplätze gestellt. Viele alte Leute weigerten sich fortzugehen. Sie waren in der Stadt geboren und aufgewachsen, hier hatten sie sich ein Haus gebaut, das wollten sie nicht aufgeben. Die Armee des Landes sperrte das Gebiet um die Stadt ab. Ein riesiger Zaun aus Stacheldraht wurde gezogen, damit niemand in die Stadt gelangen konnte. Wissenschaftler beobachteten von weitem mit Ferngläsern, wie die Wolke nun auch dreistöckige Wohnhäuser erreichte und Backstein für Backstein verschluckte. Meter für Meter verschwand die Stadt im Nichts. Und mit ihr die Menschen, die dageblieben waren. Der Bürgermeister bekam Beleidstelegramme aus aller Welt. In anderen Städten wurde diskutiert, wie man sich vor der Wolke hätte schützen können. Die Opposition warf dem Bürgermeister Untätigkeit vor. Er hätte versagt, die Stadt nicht beschützt und nicht ausreichend Vorkehrungen getroffen. Experten schalteten sich ein, und es bildeten sich zwei Lager, die sich im Fernsehen, im Radio und in den Zeitungen gegenüber standen. Die einen behaupteten, man hätte die Wolke verhindern können, die anderen vertraten den Standpunkt, dass man einem solchen Phänomen ausgeliefert sei. Während sie stritten, erreichte die Wolke den Boden. Sie hatte nun die ganze Stadt in sich, doch die Wissenschaftler beobachteten, dass die Wolke weiter sank. Schließlich waren sogar die Antennen auf den Hochhäusern wieder zu sehen, nach ein paar Monaten die obersten Stockwerke, und bald war die ganze Stadt wieder da. Der Bürgermeister schickte Experten, die nachsehen sollten, wie es in der Stadt aussah. Die Wissenschaftler beluden einen ABC-Panzer mit Messgeräten und fuhren durch den Stacheldrahtzaun. Mit Hilfe von Kameras sahen sie, dass die Gebäude der Stadt von einem schwarzen Film überzogen waren, und dass in den Straßen einige Leichen lagen. Die Toten sahen aus, als wären sie verbrannt. Sonst hatte sich nichts verändert. Die Experten machten einige Tests, nahmen Proben und fuhren zurück. In ihren Labors stellten sie fest, dass der schwarze Film ungefährlich war und dass weder in der Luft noch im Boden Rückstände der Wolke zu finden waren. In den nächsten Monaten wurden fünf weitere Wissenschaftlertrupps in die Stadt geschickt, die alle das erste Ergebnis bestätigten. Schließlich wurden die Leichen von den Straßen und aus den Häusern geräumt und auf dem städtischen Friedhof begraben, der Stacheldrahtzaun wurde abgebaut, und die Bevölkerung durfte in ihre Stadt zurückkehren. Nachdem die Stadt gereinigt worden war, gab es keinerlei Anzeichen mehr dafür, dass die Wolke je da gewesen war. Der Bürgermeister erhielt Glückwunschtelegramme, und die Opposition forderte ein Denkmal für die Vertreibung durch die schwarze Wolke. hap
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