korrespondenz.biz - 015 (08.07.2002): Privatfernsehen


I.

Die "Provinz" als Bezeichnung für das Zurückgebliebene, Hinterwäldlerische, den beschränkten Horizont und kleinen Kosmos alteingefahrener Sozialbeziehungen und Verkehrsweisen ist - wie es die letzte "Kritische Ausgabe" am Beispiel der Literatur und des Sprechens über Literatur zeigt - fragwürdig geworden. Nicht nur, weil das Gegenstück zur "Provinz", die "Großstadt" auch ihre provinziellen Seiten hat, weil die "Metropolen" ihrerseits in provinzielle Einheiten (Szenen, Kieze etc.) zerfallen und das "Urbane" meist nicht mehr als ein schlichter Angeberbegriff ist, mit dem eigene Pespektivbeschränkungen veredelt werden. Sondern auch: weil man in der Provinz, der ehemaligen Peripherie, mittlerweile vieles entdecken kann, was früher den städtischen Zentren vorbehalten war: Jugendbanden, neue Arbeitszeitmodelle, Konsumtempel, verkehrsberuhigte Zonen, Drogenkonsumenten, getränkedoseninduzierte Allroundvermüllung, Bürgerinitiativen gegen getränkedoseninduzierte Allroundvermüllung, neue soziale Ungleichheit, Telearbeit.
Und natürlich: Internet. Keine Kleinstadt, keine Firma, keine soziale und wirtschaftliche Einheit, die nicht am Netz hängt. Und kaum eine Stadt und Kirchengemeinde, kaum ein Teppichladen, kaum ein Ortsverein, der nicht mit eigenem Auftritt in die Öffentlichkeit des world wide web drängt.

II.

Da darf die Familie nicht fehlen. Bei fast jeder beliebigen Google-Recherche stösst man auf deren neue Seiten. Familie Schmidt hat eine. Familie Theo Schmidt. Familie Schmidt in Düsseldorf. Familie Schmidt in Düsseldorf-Derendorf ebenso wie Familie Schmidt in der Derendorfer Spichernstrasse. Und im gleichen Haus die Lauterbachers. Die Lauterbachers wiederum stehen nicht nur als die Lauterbachers im Netz, sondern geben allen Familienmitgliedern eine Bühne: Vater, Mutter, Tochter, Oma. (Die Zerlegung in Unter- Einheiten funktioniert auch auf der Ebene des Individuums, das für jede seiner sozialen Rollen eine eigene Präsentationsfläche bekommt: eine Seite für den Betriebsratsvorsitzenden, eine Seite für den Familienvater, für den Ehemann, eine Seite für den Hobbyeisenbahner, eine für den Kegelclubvorsitzenden).
Während manche dieser Familien-Homepages nicht viel mehr leisten als die Familie anschlussfähig zu halten, indem sie e-mail-Adressen für Papa, Mama und Lukas liefern (und dabei immerhin die Kommunikationsbeziehungen der Individuen durch den Filter "Familie" laufen lassen), andere das Medium nutzen, um mit Familienklubs, -foren und Lauterbacher- Chatrooms die verfallenen Strukturen der Großfamilie oder des Sippenverbandes wiederzubeleben, dienen die meisten als Plattform für eine freigiebige Selbstdarstellung der Kernfamilie. Porträts der Familienmitglieder, Lebensläufe, aktuelle Meldungen zum Familienstand sind obligatorisch; opulentere Seiten stellen - mit Erklärungen für die Nutzer, ausführlichen Autobiographien oder Links zu Freunden - ihren ganzen sozialen Kosmos dar.
Besonders Ehrgeizige lassen ihre privat gefertigten Videofilme über das Netz laufen und stellen in Fotogalerien ihr tägliches Leben aus (wobei die Kundigeren bereits die Gefahren ihres Veröffentlichungsdranges reflektiert haben und beispielsweise Bildstrecken von kleinen Kindern gegen unbefugten Zugriff schützen); man textet und erzählt, um Andere an den Erlebnissen der Familie teilhaben zu lassen. Populärstes Genre sind die Urlaubsberichte: mein Sommer in Griechenland, die besten Hotels an der türkischen Riviera, wie ich einmal von indischen Teppichhändlern betrogen wurde, wegen Lukassonnencremeallergie konnten wir leider nicht an den Strand.
Was aus diesen Berichten oft spricht, ist nicht nur der Mut zur Schamlosigkeit, sondern auch ein kaum verhohlener Wille zur Rationalisierung des Berichtens, die Emanzipation vom Zuhörer, auf dessen besondere Sprache einzugehen offenbar immer mehr Mühe macht. So kann man sich - teilen z.B. die Schmitzens aus dem Oberbergischen mit - " auf diese Weise irgendwann die Urlaubsgrüße per Postkarte ersparen".
Dieser Wille zur Rationalisierung ist nicht neu, er zeigt sich bereits seit der Verbreitung des PC's, der nicht nur eine schnellere Bewältigung des Briefverkehrs mit Hilfe von Textbausteinen ermöglichte, sondern mit der Serienbrieffunktion auch die schöne Form des Familienrundbriefes hervorbrachte, mit dem alle, die qua Verwandschaftsbeziehung qualifiziert sind, über die "freudigen Stunden" und "Schicksalsschläge" des vergangenen Quartals, Semesters oder Jahres auf dem laufenden gehalten werden. Im Internet bekommt dieses Berichtswesen durch die Ausdehnung des Nutzerkreises noch eine exhibitionistische Tendenz, die zwar wieder durch bestimmte Erzählstrategien und Verfremdungsbemühungen gebrochen, aber nicht zum Verschwinden gebracht wird. Man teilt nicht mehr mit, was war, sondern wendet sich ans Publikum: schreibt Familiengeschichten, verziert Babys mit spassigen Sprechblasen oder lässt den Hund als auktorialen Erzähler des Familienromans auftreten.

III.

Auch Blumenläden sind Familien. Und Städte auch nur Menschen. Das multimediale Mitteilungsbedürfnis treibt nicht nur die Familie Schmidt um. Mit den erschwinglichen Mitteln der Selbstdarstellung, die das Internet bietet, ist nun jede Kleinstadt und sonstige Ansammlung von Gebäuden in der Lage, uns mit den neuesten Trends des Städtemarketings bekannt zu machen. Der örtliche Einzelhandel stellt sich vor, die lokale Infrastruktur wird zum kapitalisierbaren Gut, das man nicht nur den Leuten vor Ort anbieten, sondern öffentlich ausstellen muss. Wie das mittlerweile weltbekannte Wipperfürth zurecht bemerkt, hat sich "inzwischen ... die Erkenntnis durchgesetzt, dass heute kein Gemeindewesen mehr auf ein vielseitiges, abgerundetes Angebot an Freizeiteinrichtungen verzichten kann": "Sporthallen, von denen zwei Zweifach- und eine Dreifachturnhalle auch Veranstaltungen größeren Zuschnitts zulassen ... sind ein Angebot nicht nur an den Einwohner, sondern auch an den Besucher, um sich aktiv zu erhoben. [!]"
Doch es geht nicht nur um Erhobung. Der Trend geht zur umfassenden Inventarisierung der Provinz und möglichst vollständigen Vertextung des dörflichen Lebens. Das vom Dorf inzwischen zur Kleinstadt angewachsene Neuendettelsau etwa bietet schlichtweg alles: auf www.neuendettelsau.de kann man nicht nur die neuesten Informationen über den aktuellen Umweltskandal und den diesbezüglichen Pressespiegel, Stellenanzeigen und Gemeinderatsprotokolle bekommen, sondern auch die Kirchweihnews, Links zur Konditoreiszene, Einführungen in die Ortsgeschichte, Einkaufshinweise, Dorffesttermine, Bürgerversammlungsprotokolle und einen sogenannten "Deutschenchat", der offensichtlich die einzige Offerte darstellt, die nicht an alle geht.
Im digitalisierten Gemeindeblatt erfahren wir, dass kürzlich, "überschwängliche und ausgelassene Freude herrschte ..., als zehn Deutsche Meister von den Turngruppenmeisterschaften (TGM) in Leipzig zurückerwartet wurden. Vier Mädchen und sechs Jungen aus Neuendettelsau schafften es, Platz eins zu belegen und somit als Deutsche Meister gekürt zu werden, während sich die Sportler aus Berlin bei den Platzierungen mit dem vierten Rang begnügen mussten." Auch die Watzendorfer Feuerwehr hat einiges geleistet im letzten Jahr, im neuen Café-Bistro gibt's schon mal "Lyrik nach Noten" und das Sanitätshaus Sitzmann bietet nicht weniger "Top Qualität". Wer will das wissen, wenn er nicht vor Ort wohnt? Und wer soll das nachschlagen, wenn er dort wohnt?

IV.

Die "Provinz" als abwertende Bezeichnung ist mittlerweile fragwürdig geworden. Die Provinz ist nicht mehr provinziell, bietet aber - so Klaus Wiegerling in der "Kritischen Ausgabe" - "Differenz", Unangepasstheit und "schärfer konturierte Typen". Oder wenigstens, wie man andernorts lesen kann, noch soziale Bindungen, feste Strukturen, Rituale. Ja: "Provinz ist wichtig."
Aber ist das so? Der Blick auf die Provinz im Internet lässt einen zweifeln. Je wichtiger sie sich dort nimmt, desto unwichtiger wird sie. Die Verbindung der beschränkten Perspektive mit dem Verfügbarkeits- und Zugriffsdenken des Mediums bringt einem die Provinz nicht näher, sondern entzaubert sie.
www.neuendettelsau.de nimmt den Prozess der Aneignung nicht ernst. Man muss nicht fragen, welches Sanitätshaus das Beste im Ort ist, Anschläge an Laternenpfählen prüfen, oder Jahre in der Eckkneipe sitzen, um etwas zu erfahren, sondern erfährt alles, was man wissen muss durch Datenabruf.
Und die Familienhomepages wenden sich gegen eines der wichtigsten Elemente der Familienideologie: Abgeschlossenheit und Intimität. Man muss nicht mehr fragen, um in das Leben anderer Leute einzusteigen, sondern bekommt alles ohne Umschweife mitgeteilt. Information ohne Anteilnahme aber ist Gewäsch. Was bleibt ist: Privatfernsehen, pure Trivialität, Peripheres ohne Rätsel.
Auch eine Art Ideologiekritik.

V.

Aber vielleicht ist das alles gar nicht so. Letztens verbrachte ich ein paar Tage in einem kleinen Ort an der Ostsee, der sich entschieden zivilisationsabgewandt zeigte. Es gab keinen Autoverkehr, keine Backpackervermittlungsagenturen und keinen Alaskaseelachs. Nach ausgedehnten Spaziergängen traf ich schliesslich hinterm Deich am Dorfausgang auf ein Haus, das sich gar nicht die Mühe machte, den Baustil der Einheimischen nachzuahmen. Es beherbergte das neue Internetcafé der Insel, die Boddensch@nke. Ich ging hinein und surfte ein bisschen, schaute mir die Seite der "Boddenschänke" an und die des lokalen Fremdenverkehrsvereins, der mir die Fischräuchereien um die Ecke anpries. Die beiden Inhaber des Cafés bereiteten mir Beuteltee. Sie verstanden sich gut. Der einzige Gast außer mir, der nach dem sechsten Pils die letzten Sätze seiner Lebensgeschichte auf die Theke spie, war ein pensionierter Fischer, der seinen Nachbarn, einen Bootsbauer, am liebsten mit der Ankerkette erschlagen hätte. Beim Rausgehen versicherte er mir, das mit dem Internet würde er nicht mehr lernen, in seinem Alter. Die beiden Besitzer der "Boddenschänke" fanden ihn "furchtbar".

tlr