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korrespondenz.biz - 017 (22.07.2002): davidlynch.com David Lynch hat eine kostenpflichtige Website. Man zahlt per Kreditkarte knapp 10$, verschafft sich so einen einmonatigen Zugang und darf sich das ganze Angebot angucken. Die Site ist sehr gut und professionell gemacht. Es war eh nicht zu erwarten, dass Lynch ein dilletantisches, fehlerhaftes Produkt veröffentlicht. Zum Browsen braucht man Flash und Quicktime. Man braucht wohl auch eine gute Verbindung. Ich habe mir die Site nicht über ein Modem angesehen. Ich stelle mir vor, dass das keinen Spaß machte. Über eine gute Verbindung werden die einzelnen Seiten schnell und frei von Mängeln geladen. Auf der Site sind integriert: Animation (Alle Menüs sind Flash-animiert.), Film, Sound, Bild und Text. Man findet Trailer von Lynch-Filmen (Eraserhead, ...), (Film-)Serien, die nur für die Site gemacht wurden (z.B. Rabbits, Dumbland), David Lynchs Tagebuch von den Filmfestspielen in Cannes (klassisch gedrehte und geschnittene, kurze, dokumentarische Filmfeatures, dazu Diafolgen), Annoncen von Musik-Projekten, experimentelle Kurzfilme, Live-übertragene Bilder aus einer Vogelkrippe, von Zeit zu Zeit Radiosendungen, eine Foto- und Gemäldegalerie (mit Werken von Lynch verständlicherweise), Cartoons. Außerdem das übliche Programm von Administration und Impressum (mit Auflistung der verwendeten Technik), Chat, Email-Grußkarten, Download von Bildschirmschonern, Links, Online-Geschäft, wo man Tassen, Poster, Mützen, T-Shirts und Aktfotos ("von Lynch" ist zwar richtig, könnte aber missverstanden werden) kaufen kann, und ein Weblog. Die Experimente sind Filmskizzen. Sie zeigen die Verwertung einer toten Maus durch Ameisen im Zeitraffer, die Formierung eines Bienenstocks, die mechnische Behämmerung eines Kopfes (grand guignol mechanique), die Änderung der Lichtverhältnisse beim Blick auf ein Küchenfenster von außen über Tag und Nacht hinweg (Zeitraffer) etc. Die Skizzen erscheinen mir pädagogisch. Rabbits ist eine absurde, vielleicht auch kafkaeske, sur- oder sousrealistische (Braucht man Klarheit oder genügt der Eindruck, den die Begriffe hervorrufen respektive -rufen mögen?) Sitcom. Das Setting ist, wie bei Lynch üblich, schmucklos, deprimierend. Der Sound ist assoziativ mit menschenleeren Industrieanlagen verknüpft (durchziehender Wind, starker Hall, Geräusche harter Stöße, keine Geräusche von Lebewesen, wie das Rauschen von Bäumen im Wind, Tierlaute, Unterhaltungen oder Verkehr), jedenfalls könnte er das sein. Die Schauspieler tragen Hasenkostüme. Sie reden wenig. Es gibt ein Geheimnis. Etwas schreckliches ist passiert. Und so weiter. Dumbland ist eine Serie von Zeichentrickfilmen. Die Filme sind mit schwarzem Filzstift skizzenhaft primitv gemalt. Sie handeln von asozialen Idioten. Beispiel Folge 6: Grober fetter Mann mit offenem Maul und drei Zähnen sitzt auf einer Couch. Vor ihm läuft der Fernseher. Eine brutale Szene, in der jemand einen anderen zu Brei schlägt, wird gezeigt. Links neben dem Fernseher springt ein Kind auf einem kleinen Trampolin nervtötend jauchzend auf und ab. Vor dem Kind, dem Mann zugewandt, sitzt eine Frau und zetert. Hinter dem Fernseher ist das Fenster nach draußen. Man hört und sieht den Verkehr auf einer großen Straße. Der Mann wechselt mit seiner Aufmerksamkeit von Frau zu Kind zu Fernseher zu Verkehr, in verschiedenen Reihenfolgen. Der Mann wirkt aggressiv. Die Bilder von Fernseher, Frau, Kind und Verkehr sind aufeinander abgestimmt bewegt. Bewegung der einzelnen Einstellungen, die Schnittfolge und die begleitenden Geräusche etablieren den dem Film grundgelegten wabernden Rhythmus. Die Szenerie eskaliert. Augen und Zunge der Frau treten hervor, der Mund des Kinds wird zum Maul, auf der Straße draußen kommt es zur Schießerei, Verfolgungsjagd mit Polizei, Ankunft der Feuerwehr, Beschuss der Feuerwehr, Aufmarsch von Soldaten mit Panzern. Der Mann macht nichts, wirkt allerdings aggressiv bis sehr aggressiv. Eine Fliege belästigt den Mann, der bleibt -- Once upon a time: the West -- unbeteiligt, versucht die Fliege zu erledigen, schafft es nicht, grunzt "Fucking flies.", Ende des Films. Dumbland ist cool gemacht. Ich würde nicht wegschalten, wenn die Folgen auf MTV liefen. Zu den Cartoons zählt außer Dumbland noch The angriest dog in the world, eine Bilderserie, die einfach horizontal nach links über den Bildschirm gezogen wird, was gut funktioniert. (Der wütende Hund ist so wütend, dass er sich nicht bewegen kann. Er ist im Garten angeleint und steht knurrend immer in der Position, die seine Leine unter maximale Spannung setzt.) Die Ergebnisse der annoncierten Musikpojekte kann man als CDs kaufen. Auf der Website findet man einzelne Titel und Musikvideos. Die Gallerie enthält Fotos und Gemälde von Lynch, die einem Gesamtkünstler entsprechend schwach sind. Ein Angebot heißt Phone. Man wählt eine Telefonzelle, dann wird eine Wählscheibe geladen. Man drückt einen Knopf, um ein Freizeichen zu bekommen, dann kann man eine Nummer wählen. Und dann passiert nichts. Dieses Angebot beschäftigt mich. hcs
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