|
korrespondenz.biz - 018 (29.07.2002): Sind Soldaten Nerds?
Haltet die Ohren steif, möchte man rufen.
Denn was sind sie nicht alles: die Soldaten.
Insbesondere unsere.
Unverzügliche Eingreiftruppe, postkoloniale Entwicklungshilfeagentur,
multinationale Friedenstruppe, Garant der inneren Sicherheit, Messerstecher, Dammhalter
gegen die Odererweiterung oder das eiserne Pfand unserer nationalen Souveränität.
Als ich letztens meinen Schulfreund Marcel wieder traf, erschrak auch ich zuerst: über ein
kaumuskelgerahmtes Gesicht, das unter einem knapp bemessenen Schädeldach festgeschnallt
war.
Wo ich einen nonchalanten Dreitäger trug, zeigte er eine gut gebaute Oberlippe vor,
unter der ein "Alln's chlor?" hervorschnellte.
Dazu der einschlägige Händedruck.
Er freute
sich wohl über das Wiedersehen, denn nachdem ich gefragt hatte, was er so mache, schubste
er mich mit einem "Ach was" in ein tief am Strassenrand liegendes Auto, das uns auf seine
"Bude" brachte.
Drei Wochen habe ich gebraucht, um zu verstehen, was da passiert ist. Drei Wochen, in denen ich nicht nur mit Traumatraining beschäftigt war, sondern mich auch bemühte, etwas tiefer in Marcels Welt einzudringen. Ich recherchierte in Zeitungsarchiven und Szenemagazinen, sprach mit Veteranen der Bewegung und den sogenannten "Ehemaligen", liess mir von Fachleuten die "eigene Traditionsidentität" der Soldaten erklären, sammelte die "wichtigsten Infos zu Befehl & Gehorsam" und chattete mit dem Nachwuchs der Streitkräfte. Drei Wochen, in denen ich auch meine teilnehmende Beobachtung wieder aufnahm. Noch mehrmals zog ich mich mit in den hinteren Gefechtsbereich zurück, wie Marcel das nennt, und traf auf seine Freunde.
Marcel hat mir verziehen, halb so wild.
Und ich war neugierig geworden.
Ich lernte die
rauen Gebräuche der Soldaten als Haltung kennen, forschte in den Archiven
ingenieurmässigen Wissens und taktischer
Wissenschaften, prägte mir ihre Sprache
ein, die von der Adolf-Eichmann-Gedächtniskammer bis zum Zivilversager der Welt eine neue, nie gekannte
Struktur gab, und verstand schliesslich ihre "Zielansprache", zu der - trotz aller
Unverzüglichkeit, Eingriffsfähigkeit und nationaler Vorwärtsverteidigungsaufträge - letztlich
auch eine ganz private Mission gehört: das eigene Leben.
Marcel hat mir verziehen und ich habe verstanden.
Marcel hat das gemerkt.
Er hat mich
schliesslich mit hineingenommen, nach drei Wochen, in das Zentrum seiner Welt.
Und
endlich stand ich dort eines Abends: im Kasino.
tlr
|