korrespondenz.biz - 018 (29.07.2002): Sind Soldaten Nerds?


Haltet die Ohren steif, möchte man rufen. Denn was sind sie nicht alles: die Soldaten. Insbesondere unsere. Unverzügliche Eingreiftruppe, postkoloniale Entwicklungshilfeagentur, multinationale Friedenstruppe, Garant der inneren Sicherheit, Messerstecher, Dammhalter gegen die Odererweiterung oder das eiserne Pfand unserer nationalen Souveränität.
Eine Aufgabenvielfalt, die, das ist leicht einzusehen, leicht zur Belastung werden kann. Die formt und verformt. Die einen ebenso beeindruckt wie erschreckt. Aber man muss nicht erschrecken. Auch Soldaten sind nur wie wir, anders, aber nicht so anders, dass wir sie anders finden müssten.

Als ich letztens meinen Schulfreund Marcel wieder traf, erschrak auch ich zuerst: über ein kaumuskelgerahmtes Gesicht, das unter einem knapp bemessenen Schädeldach festgeschnallt war. Wo ich einen nonchalanten Dreitäger trug, zeigte er eine gut gebaute Oberlippe vor, unter der ein "Alln's chlor?" hervorschnellte. Dazu der einschlägige Händedruck. Er freute sich wohl über das Wiedersehen, denn nachdem ich gefragt hatte, was er so mache, schubste er mich mit einem "Ach was" in ein tief am Strassenrand liegendes Auto, das uns auf seine "Bude" brachte.
Marcel wohnte aufgeräumt. Beim Bier blickte ich auf die Revel-Modelle in den leer gewischten Bücherregalen. Von der Wand schaute Nicholas Cage aus einem Poster heraus, das von Camouflageklebeband gehalten wurde. Ein leichter Schimmer von Sidolin trotzte dem Geruch, der aus Marcels Schuhen kroch. Bis seine Kameraden kamen - Schlag acht - spielte er mit mir Karaoke auf seiner Konsole.
Alle hatten eine ähnliche Frisur. Marcel sagte Nycsi 3 Fü S, und Potthoff, der alte Affenarsch und rammte seine Bierbüchse gegen die der anderen. Sie zeigten sich Fotos vom letzten Truppentreffen und Frauengymnastikfilme. Geh kacken, rief Marcel und kippte Batida. Inzwischen war auch er ganz aufgeräumt. Er liess mich Sidolin aus seinen Schuhen trinken. Ich tanzte im Rhythmus ihrer Gesänge. Freiheit ist immer die Freiheit unserer Ohren von den Haaren, gurgelte Marcel. Und tunkte mich ins Klosett. Ich konnte mich kaum mehr im grünen Bereich halten. Noch einmal schlucken, dann war Zapfenstreich.

Drei Wochen habe ich gebraucht, um zu verstehen, was da passiert ist. Drei Wochen, in denen ich nicht nur mit Traumatraining beschäftigt war, sondern mich auch bemühte, etwas tiefer in Marcels Welt einzudringen. Ich recherchierte in Zeitungsarchiven und Szenemagazinen, sprach mit Veteranen der Bewegung und den sogenannten "Ehemaligen", liess mir von Fachleuten die "eigene Traditionsidentität" der Soldaten erklären, sammelte die "wichtigsten Infos zu Befehl & Gehorsam" und chattete mit dem Nachwuchs der Streitkräfte. Drei Wochen, in denen ich auch meine teilnehmende Beobachtung wieder aufnahm. Noch mehrmals zog ich mich mit in den hinteren Gefechtsbereich zurück, wie Marcel das nennt, und traf auf seine Freunde.

Marcel hat mir verziehen, halb so wild. Und ich war neugierig geworden. Ich lernte die rauen Gebräuche der Soldaten als Haltung kennen, forschte in den Archiven ingenieurmässigen Wissens und taktischer Wissenschaften, prägte mir ihre Sprache ein, die von der Adolf-Eichmann-Gedächtniskammer bis zum Zivilversager der Welt eine neue, nie gekannte Struktur gab, und verstand schliesslich ihre "Zielansprache", zu der - trotz aller Unverzüglichkeit, Eingriffsfähigkeit und nationaler Vorwärtsverteidigungsaufträge - letztlich auch eine ganz private Mission gehört: das eigene Leben.
Auch Soldaten sind nur wie wir, anders, aber nicht so anders, dass wir sie bedrohlich finden müssten. Hinter der rauen Schale herzliche Rituale, die für eine kreative Kultur des Kameradschaftsgeistes stehen. Und hinter der Maske des Staatsbürgers in Uniform Bedürfnisse, die nicht schlechter sind als andere. Wenn ich wir uns in Spezialdiskursen versenken, lesen Marcels Kameraden eben BW-Comics; wo wir an dem perfekten Kommunikationsprogramm arbeiten, suchen sie nach dem besten Witz. Sie hören eben Powerballaden statt Frickelmusik, und gehen in Taktikspielen auf statt im Ego-Shooter. Eine fremde, doch eine "Truppe mit Identität".

Marcel hat mir verziehen und ich habe verstanden. Marcel hat das gemerkt. Er hat mich schliesslich mit hineingenommen, nach drei Wochen, in das Zentrum seiner Welt. Und endlich stand ich dort eines Abends: im Kasino.
Ein Saal, von Licht durchschwemmt, gut aufgeräumte Gesichter über Reihen von Frikadellentellern, die Luft brannte vom Rasierwasser, und es sang in meinen Ohren - bis ich die ersten Sätze erkannte: Fü Es Zwo Potthoff Zackenarsch.
Ich trug ihre Uniform. Und Harald Kujat war unser Captain Piccard.

tlr