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korrespondenz.biz - 020 (12.08.2002): Fenstergötter Würde man auf einer kleinen Straße in Berlin Mitte zwischen 9 und 10 Uhr vor einem französischen Feinkostladen stehend einen Schuss abgeben, flöge die Kugel vorbei an hektischen Menschen und durchschlüge die Körperteile Unglücklicher, die die Schussbahn kreuzten. Am Rande der Schusslinie lägen unter anderem die Wohnung von Benjamin Stuckrad-Barres Freundin und die Berliner Zentrale des Chaos Computer Clubs. Die Kugel schlüge eventuell in, flöge aber wahrscheinlich eher vorbei an Stuckrad-Barre, der nervös um sich blickend vom Taxi zur Haustür stürzt --- wohl damit ihn keine weiblichen Fans anfallen --- und möglicherweise auch in oder vorbei am CCC-Sprecher Andi Müller-Maguhn, der schnell und wachsam, relativ nah an der Häuserfront, den Gehweg entlangläuft --- vielleicht um nicht von irgendwelchen Geheimdienstleuten verschleppt zu werden. Der Flug der Kugel durch das Hasten und Eilen eines Werktagsmorgens fände allerdings ein Ende gleich neben dem Maguhnschen Hinterhoftor. Hier fiele sie zu Boden, plötzlich gestoppt, abgeprallt an einem Zeitfenster im Erdgeschoss, das an diesem Ort seine Flügel bis zum Anschlag auf die Straße klappt. Auf dem Fensterbrett liegen schmalgedrückte, lila Satinkissen. Dahinter im Dunkel des Raumes steht ein schäbiger Schrank mit an Ecken aufgesprungenem Plastikfurnier. An einem der Schranktürgriffe baumelt ein verfilztes Plüsch-Äffchen. Radiogerede- und -musik quellen auf die Straße und manchmal kalter Zigarettenrauch. Auf den Kissen ruhen die Ellbogen eines ältlichen Paares. Die Frau hat eine schlechte Blondierung und abwärtsgerichtete Mundwinkel. Der Mann trägt im Sommer Unterhemden und zeigt eine verblichene Tätowierung am linken Oberarm. Und sie schweigen. Und blicken auf die Straße. Tag für Tag sind sie auf Posten und betrachten die Menschen unter ihrem Fenster: Die Bauarbeiter, die den Asphalt zum fünften Mal aufreissen, die wendenden Taxen, den dunklen Haarschopf von Müller-Maghun, die Medienleute im französischen Feinkostladen. Alle arbeiten, atmen und essen unter den wachsamen Augen der Fenstergucker. Lächelnd blickt die Frau auf die Kugel zwischen den Trottoirsteinen. Denn die Fenstergucker sind Fenstergötter. Unter ihrem Blick fällt die Kugel, wird Stuckrad-Barre nicht von weiblichen Fans angefallen und kann Müller-Maghun sicher sein, dass ihm nichts passieren wird. Jedenfalls nicht in dieser Straße. hap
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