|
korrespondenz.biz - 022 (26.08.2002): Good Clean Grief. Balkan und 11. September Die Landesvertretung von Rheinland-Pfalz hat vor kurzem zur Ausstellungseröffnung "Traces of war - The Balkans" geladen. Schwarz-Weiß-Fotos, die in ihrer Ästhetik an die frühen Landschaftsaufnahmen eines Eadweard Muybridge erinnern, hängen an den Wänden und an einem provisorisch aufgestellten Baugitter - letzteres vielleicht für die Authentizität. Der Fotograf "Paolo Pellegrin nahm den Alltag auf, das Grauen, die Zerstörungen. [...] Spuren des Krieges, Bilder der Vertreibung - die Ausstellung zeigt seine Arbeit von zwei Jahren. Wer sie gesehen hat, wird sie nie vergessen. Und so soll es auch sein", steht in einer Berliner Tageszeitung zu lesen, die die Ausstellung sponsort. Der Herr des Hauses, Staatssekretär Dr. Karl-Heinz Klär, hält es für notwendig, in seiner Ansprache darauf hinzuweisen, dass Pellegrin seine Bilder zwar bearbeite, aber nicht manipuliere. Dann werden die Gäste zu den Bildern entlassen. Einige gucken betreten und bewundern leise die "Architektur im Bild", diese "ganz eigene Sprache", das "Spiel von Vorder- und Hintergrund". Zur Bildbetrachtung werden sieben verschiedene Sorten Wein gereicht, die Bilder in spätestens einer Woche vergessen. Vielleicht liegt die Berechtigung solcher Bilder darin, dass der künstlerische Anspruch erst dazu führt, dass Menschen in reichen, glücklichen Ländern sich "Grauen und Zerstörungen" überhaupt angucken. Aber wiegt nicht der Vorwurf schwerer, dass die Schönheit des einzelnen Bildes den Bildinhalt, die trauernden Frauen, die kaputten Dörfer, die verängstigten Flüchtlinge, austauschbar macht? Ist es auf diesem feinkörnigen, exakt vermessenen Bildausschnitt mit den hübschen Grauabstufungen nicht egal, ob eine alte Frau vor ihrem brennenden Haus steht oder ob im Struktur-Durcheinander eines Feldes eine Leiche liegt? Einen Kilometer Luftlinie entfernt, quer über den Potsdamer Platz, liegt der altehrwürdige Martin-Gropius-Bau. Als temporäre Ausstellung beherbergt er "Here is New York", Fotos vom 11. September, von Profis und Laien. Schon vor Betreten der Ausstellung habe ich eine Meinung, ein Bild im Kopf. Es würde das übliche sein, schlimme Bilder, große Katastrophe, betroffene Betrachter. Wir verbauen, verquatschen die Ereignisse, die wir eigentlich schon wieder vergessen haben. Wir schieben Ästhetik vor, damit die Ungeheuerlichkeit des tatsächlichen Geschehens uns nichts anhaben kann. Das hätte jedenfalls schön zu den Balkan-Bildern gepasst. Die Ausstellung geht über vier Räume im zweiten Stock der alten Gewerbeschule. Durch zwei der Räume ziehen sich Schnüre, an denen die Fotos hängen. Im dritten Raum laufen auf zwei Fernsehern Videos von Testimonials, im vierten liegen themenbezogene Bücher aus. Ein ruhiger, belangloser Raum, für den man am Ende dankbar ist, denn es kommt anders als erwartet: Der erste Raum stinkt. Es ist stickig. Aber in der Luft liegt noch etwas anderes. Ein Blick in die Gesichter der Betrachtenden meint: Angstschweiss. Doch ich bin noch sicher, denke, können die nicht lüften, denke, was für ein schwachsinniger Einführungstext: "Nach wenigen Tagen hatten die vier [New Yorker] Initiatoren eine Sammlung von mehreren hundert Fotografien zusammen." Ja, hatten die denn nichts besseres zu tun? Dann fange ich an, planmäßig, im ersten Raum, ein Bild nach dem anderen. Nach drei Bildern muss ich mich angestrengt an meine Fassung krallen. Nicht loslassen, nicht loslassen! Das hier hat nichts mit Semiotik zu tun, oder mit Arroganz einer Supermacht oder Krieg der Kulturen - das ist reinste menschliche Tragödie! Ein Bild lässt sich nicht sofort auflösen, nah davor stehend erkenne ich ein vom Körper abgerissenes Bein, das nur die Fussnägel von einem Hundeknochen unterscheiden. Ein paar Schnur-Meter weiter liegt ein leerer Schuh im Staub. Und immer wieder hängen da Gesichter: ängstliche Gesichter, verzweifelte Gesichter, erschöpfte Gesichter. Und die Gesichter der Betrachter werden den Gesichtern auf den Fotos immer ähnlicher. Ich taumele die Reihe entlang und klammere weiter. Wenn die reinste menschliche Tragödie vorbei ist, wenn der Staub gesunken, der Schutt weggeräumt und die Menschen begraben sind, kommen die Abwehrmechanismen. Die Witze, die Diskussionen. Und das macht ein Ereignis schnell langweilig - egal welchen Ausmaßes. Doch konfrontiert mit den hunderten von Bildern, die einem vor der Nase hängen, zu denen man hochgucken muss, ist plötzlich wieder Dienstag. Ich stehe mit meiner Freundin vor dem Fernseher, höchstens einen Meter entfernt, und wir brüllen: "Nein! Nein!", schütteln die Köpfe, als könnten wir den Bildern damit den Eintritt in unsere Köpfe verwehren. Aber natürlich kommen sie, wir bewegen uns ja auch nicht einen Zentimeter vom Bildschirm weg. Der größtanzunehmende Unfall im Sex and the City-Woody Allen-Disneyland-Weltbild. Ich verlasse das Gebäude, vorbei an der Neuen Deutschen Architektur und den Hethitern. Zehn Meter weiter steht die Zauntür zur Topographie des Terrors offen. Eine Mauer aus rotem Backstein ist übriggeblieben vom Sicherheitsdienst-Quartier der Nazis. Parallel dahinter Reste "der Mauer", in die Touristen Löcher kratzen, um Mauer-Steinchen mit nachhause zu nehmen. Die Topografie bietet Schautafeln. "Karte des Regierungsviertels". Fotos. Porträts von Menschen, die hinter der älteren der beiden Mauern zu Tode gefoltert wurden. Die Bilder sind auf Metallplatten geklebt. Die Ausstellung ist erstaunlich unbeschadet. Keine Kritzeleien, nichts heruntergerissen. Dann ein großes Foto: " Hitler und Goebbels verlassen das Hotel Prinz-Albrecht nach einer Sitzung der NSDAP-Fraktion des Preußischen Landtags am 19. Mai 1932." Jemand hat Hitlers Schnauzbart weggekratzt. Zwischen Nase und Mund blitzt der Führer silbern. Als wäre es der Schnurrbart gewesen. Ich blicke mich um. Niemand wundert sich. hap
|