korrespondenz.biz - 023 (02.09.2002): text-e.org


Dass die Etablierung des Mediums World-Wide-Web und die verbreitete Nutzung textverarbeitender Programme die Bedingungen von Textproduktion, -rezeption, -austausch und -bewahrung verändern, ist gemeines Wissen. Es ist weniger klar, wie sich die Bedingungen ändern und welcher Wandel erwartet werden darf. Ein interessantes Symposium zu diesem Thema hat die bibliothèque publique d'information (BDI) des Centre Pompidou von Oktober 2001 bis März 2002 veranstaltet. Das Symposium war ein virtuelles insofern, als dass die Referenten anstatt einen Vortrag zu halten einen Text im Web veröffentlichten. Die Texte wurden weblog-mäßig online diskutiert. Alle Texte und Diskussionsbeiträge wurden übersetzt und auf Französisch, Englisch und Italienisch verfügbar gemacht. Man findet die Texte und Diskussionen unter www.text-e.org. Die Texte wurden als e-books bereitgestellt. Um sie lesen zu können, muss man sich entsprechende Software installieren. Die Software kostet kein Geld. Um an die nicht-französischen Versionen zu kommen, muss man beim Laden Cookies zulassen.

Aus den Texten lassen sich u.a. folgende Einsichten extrahieren.

Zum Austausch von Texten:
(1) Das Web und die Technik des print on demand -- wenn sie sich denn mal durchgesetzt hat (Ich habe immerhin schon ein book on demand gekauft, ein katastrophal schlechtes natürlich.) -- erlauben die Befreiung von Kontrolstrukturen des Buchmarkts. Ein Autor kann ggf auf einen Agenten und Verleger verzichten. Das muss man nicht immer gut finden. Agenten und Verlage sind Filter, die dem Rezipienten einen Teil der Literaturauswahl abnehmen und damit auch vor Geld- und Zeitverschwendung bewahren (s.u.).
(2) Der Begriff "Buch" ist ambig. Er bezeichnet zum einen eine Informationseinheit (Buch_a), zum anderen einen materiellen Gegenstand (Buch_b). Ein Buch_b kann man kopieren, verleihen etc, ein Buch_a nicht. Wer eine Raubkopie von einem Buch herstellt, der verstößt gegen ein Copyright. Wer ein Plagiat herstellt, der eignet sich ungerechtfertigterweise geistiges Eigentum an. Verstöße gegen Copyrights sind wider das Interesse von Leuten, die mit Büchern_b Geld verdienen wollen. Die Verbreitung von Texten als Datensatz, z.B. über das Web, begünstigt das Kopieren. Um das einzuschränken wurde ja z.B. das Open eBook Forum gegründet. Ein Ergebnis der Diskussion in diesem Forum ist die Veröffentlichungsform, der sich auch text-e.org bedient. Das Kopieren von E-Books soll kontrollierbar sein, Copyrights an E-Books sollen gewahrt werden können. Verstöße gegen Copyrights sind nicht unbedingt gegen das Interesse der Autoren. Autoren wissenschaftlicher Bücher wollen, dass ihre Bücher_a -- auch sonstigen Texte -- so weit wie möglich verbreitet werden. Sie möchten allerdings ihr geistiges Eigentum gewahrt wissen. Angenommen ein Wissenschaftler will in einer teuren wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlichen. Er will, dass sein Artikel rezensiert, ausgewählt und durch Publikation geadelt wird. Er will, dass im Rahmen des Auswahlprozesses Plagiate gefiltert werden. Er gibt das Copyright an den Herausgeber ab, will aber gleichzeitig nicht, dass es gewahrt wird, sondern dass sein Artikel auch über das Web verbreitet wird. Stevan Harnard reflektiert den Umgang v.a. von Naturwissenschaftlern mit ihren Veröffentlichungen, erklärt die Funktion von elektronischen Archiven, gibt Hinweise, wie man fremdes Copyright an eigenem geistigen Eigentum rechtmäßig und effektiv umgeht, und diskutiert die Zukunft wissenschaftlicher Zeitschriften.

Zur Produktion von Texten:
Bruno Patino, Directeur général von Le Monde Interactif, erklärt, dass (1) der Prozess der Validierung/ Korrektur und Veröffentlichung im Web nicht linear in dieser Reihenfolge ablaufen muss. Es ist möglich, bereits veröffentlichtes zu verändern. Texte im Web sind ggf weniger verbindlich. (2) Eine gedruckte Zeitung ist aktuell bis die nächste Ausgabe erscheint. Online-Zeitungen können jederzeit aktualisiert werden. Es gibt keinen Bezugspunkt für Aktualität. Das hat Einfluss auf die Perzeption von Nachrichten ebenso wie auf Arbeitsbedingungen von Journalisten.
Stefana Broadbent und Francesco Cara vom Icon Media Lab haben empirische Untersuchungen zum Verhalten von Webnutzern gemacht. Es zeigt sich, dass ein Großteil der Nutzer -- die light users (ich) im Gegensatz zu den naive users (Trottel, Nichts-Nutzer, Alte) und expert users/ early adaptors (Nerds, Chipstonnen) Aufwand bei der Suche von Inhalten scheuen, daher immer wieder auf die selben Seiten zurückkehren und auch diese nicht lange durchsuchen. Light users wollen die gesuchte Information gleich finden. Für sie muss ein Text nicht irgendwo abgelegt sein, sondern am besten auf Anfrage hin erzeugt werden. Dazu werden eine Datenbank, verschiedene Templates und Kriterien der Informationsauswahl benötigt. Der Autor erzeugt nicht einen Text, sondern Elemente zur automatischen Texterzeugung. Man findet automatisch generierte Texte z.B. bei Amazon. Amazon wählt die präsentierte Information nach statistischen Kriterien aus: "Customers who bought this book also bought ..." Das Datenbank-orientierte Schreiben ist bisher nicht besonders weit entwickelt. Mit Fortschritt von Computerlinguistik und KI ist Datenbank-orientiertes Schreiben das Aktualisieren der Datenbasen eines natürlichsprachlichen (Experten-)Systems (NSS) oder die Konstruktion eines NSS mittels eines eigens dafür konstruierten Baukastens.

Zur Rezeption und Bewahrung von Texten:
Das zentral diskutierte Problem ist das der Informationsauswahl und des Datenfilterns. Man kann nicht alle Daten -- nicht nur des Webs, auch die gedruckten -- selbst sichten. Man braucht einen Berater, der Daten filtert. Eine Suchmaschine ist dazu nicht geeignet. Sucht man nach Informationen zu einem bestimmten Thema, dann werden i.d.R. mehrere URLs geboten. Einige der URLs verweisen auf seriöse Seiten, andere auf unseriöse. Der Nutzer muss selbst entscheiden, welchen Seiten er glaubt, die Suchmaschine hilft ihm nicht. Der hinsichtlich des Themas unbedarfte Nutzer braucht einen Experten, der ihm hilft. Wenn er nach einem Experten sucht, werden ihm ggf mehrere genannt. Einige sind seriöse. Wie soll er die auswählen? Mit der Hilfe eines Experten. U.s.w. Eine Bibliothek kann die Rolle eines Experten übernehmen. Sie sammelt nach bestimmten Kriterien Texte und stellt sie dem ihr vertrauenden Nutzer zur Verfügung. Seiten müssen nicht von Experten bewertet werden. Man kann auch der Masse vertrauen und einer Seite glauben, weil viele Links auf sie zeigen oder sie insgesamt hoch frequentiert wird. Ich kann mir vorstellen, dass das Verfahren gar nicht so schlecht funktioniert.

Endlich vertritt der Relevanztheoretiker Dan Sperber die These, dass die Verwendung von Sprachtechnologie mittelfristig zum partiellen Analphabetismus führt. Es sei nötig, lesen zu können, da man Texte besser visuell und auditiv als nur auditiv wahrnehmen kann. Darum unterstützen wir Vorträge mit Folien. In manchen Fällen ist es nur möglich, Information visuell wahrzunehmen: Straßenschilder sprechen uns praktikablerweise nicht an. Eine sehr gut funktionierende Spracherkennung allerdings erlaube es, so Sperber, auf Schreiben zu verzichten. Wer nicht schreibt, verlernt es. Sperber hält es für wahrscheinlich, dass die Schreibkundigkeit, anders als die Lesekundigkeit, weitgehend nachlässt.

hcs