korrespondenz.biz - 025 (16.09.2002): Menschenalter


Ein mittelalter Mann mit grauen Haaren fragte mich einmal nach meinem "Charakter-Alter". Den Spruch habe er von Harald Schmidt, meinte er und taxierte mich. Er beschreibe das Charakter-Alter als jenes, in dem man sich eigentlich sein ganzes Leben befinde. Bei Schmidt sei das "so um die 50". Hier brach die Unterhaltung ab, weil ein Telefon klingelte.

Ich vergaß den Vorfall, Zeit verging. Zwei Jahre später in einer Supermarktkassen-Schlange stehend erinnerte ich mich plötzlich an die Charakter-Alter-Frage, und die Leute um mich herum wurden zu Zahlenreihen.

Mir fiel auf, dass ich meine Mitmenschen nicht mehr nur in jung und alt einteilte, sondern deutlich feinere Grenzen zog: Hinter mir stand ein junger Mann im Jogging-Outfit mit einem dieser dreirädrigen Sportler-Kinderwagen. Ich betrachtete ihn, indem ich so tat, als würde ich die Waschmittelpreise hinter ihm vergleichen, und fragte mich, wie alt elternalt wohl sei. Meine Mutter war sechs Jahre jünger als ich jetzt, als sie mich geboren hat. Dieser sportliche Papa hier müsste ungefähr mein Alter haben. Bin ich also elternalt? Jemand lacht.

In der Schlange an der Nebenkasse stehen zwei kichernde Mädchen in Hüfthosen. Sie reden über eine Party in einem Club vom letzten Wochenende, müssen also irgendwas um die 16 sein. Für mich sehen sie jünger aus, als ich mich in ihrem Alter je gefühlt habe. Ich atme tief ein und aus, was sich wie ein Seufzer anhört. Das Baby in der Sportkarre fängt an zu schreien. Die Schlange steht. Eine alte Frau hat vergessen, das Obst abzuwiegen.

Auch "Omas und Opas" sind mit einem Mal nicht mehr einfach nur alte Menschen, die in der U-Bahn nerven, weil sie einen von den Sitzen jagen. Die waren selbst mal jung. Und sie geben den Blick zurück: "Ja, ich war sogar mal so jung wie du." Das erinnert mich an diese schreckliche Szene in David Lynchs Film "Straight Story": Der uralte Mann, der auf einem Rasenmäher quer durch die USA fährt, um seinen kranken Bruder zu besuchen, trifft unterwegs auf schöne junge Menschen. Ein sonnenblonder Beau fragt ihn, was eigentlich so schlimm daran sei, alt zu sein. "Dass man sich daran erinnert, selbst einmal jung gewesen zu sein", antwortet der Greis trocken. In diesem Augenblick schiebt mir eine dicke Frau im großgeblümten Kittelkleid ihren Einkaufswagen in die Seite. Ihr ganzes Gesicht hängt irgendwie nach unten, der Mund, die Wangen, selbst die Stirn. Dabei ist sie bestimmt gerade mal Mitte 30. Anstatt sich zu entschuldigen, stiert sie mich ein paar Sekunden schlecht gelaunt an, dann klingelt glücklicherweise ihr Mobiltelefon. "Was iss los? Schon wieder? Dann hol ihn doch ab? Nee, ick bin im Supermarkt. Mach doch auch mal was!" Das sind mindestens fünfzig schlechtgelaunte Charakterjahre. Alle verbittert, alle im Gesicht.

Meine kürzlich verstorbene 81jährige Tante fällt mir ein, eine grande dame, die trotz ihres Alters und entsprechender Haut monatlich hunderte von Euro für Cremes von Lancôme ausgegeben hat. Cremes, die vermutlich Blumen sprießen lassen, wenn man sie auf den Boden tupft. Nach dem Essen bei ihrem Lieblings-Italiener zog sie sich immer blind die Lippen nach, tätschelte mir mit ihrer diamantringschweren Hand den Arm und sagte: "Man tut, was man kann."

hap