korrespondenz.biz - 026 (23.09.2002): Über das Vergleichen und Gleichsetzen


Inzwischen sollten es alle wissen, öffentlich gemachte Vergleiche bringen meist nur Ärger. Ich hatte diesen Text schon angefangen---er sollte, und wird, mehr allgemeiner von Semantik handeln---, da sorgte Herta D-G. mit dem neuesten Beleg für diese These für ihre Kündigung. Was aber ist es, das Vergleiche so problematisch macht? Und was erzeugt diese offensichtliche Diskrepanz zwischen dem, wie sie verstanden werden, und wie sie, wenn dann die Aufregung da ist, angeblich gemeint waren?

Fangen wir mit etwas an, was unbezweifelbar ein Vergleich ist: ``Heinz ist genauso gro"s wie Peter.'' Zwei Dinge können immer nur bezüglich einer Eigenschaft verglichen werden; nur bezüglich dieser Eigenschaft kann von Gleichheit oder Verschiedenheit (nach einer Ordnung) zweier Dinge die Rede sein. In dieser Form des Vergleiches im Beispielsatz wird diese dem Vergleich zu Grunde liegende Eigenschaft explizit genannt, nämlich die Körpergrösse. Der Satz könnte zu verschiedenen Zwecken benutzt werden, zum Beispiel, um jemanden, der Peter kennt, eine Idee zu geben von der Körpergrösse von Heinz, den er vielleicht nie persönlich getroffen hat. Nehmen wir nun an, Adolf Hitlers Körpergrösse ist allgemein bekannt, und zufällig gleich der Peters. Drückt dann ein Satz wie ``Heinz ist so gro"s wie Hitler.'' das selbe aus wie das vorherige Beispiel? Natürlich nicht. Warum? Hier hilft uns eine überlegung des Sprachphilosophen H. Paul Grice weiter. ``Sei relevant'' lautet (vereinfacht) eine der Maximen, die er für kooperatives Sprechen annimmt. In einer Situation, in der vorher nicht über Hitler geredet wurde, ist dessen Erwähnung sicherlich unmotiviert: von seinen Eigenschaften ist die Körpergrösse sicherlich nicht die herausstechendste. Jemand, der eine solche Äusserung macht, muss also etwas weiteres auszudrücken beabsichtigen.

``Das [Michael Gorbatschow] ist ein moderner kommunistischer Führer. Der war ... eh ..., der war nie in ... eh ... in Kalifornien, nie in Hollywood, aber versteht was von PR. Der Goebbels verstand auch was von PR. Aber (Lachen) man muss doch . . . man muss doch die Dinge auf den Punkt bringen.'' (Helmut Kohl 1986 in einem Interview mit Newsweek, zitiert nach dem Tonband, gefunden hier.) Die Äusserung führte bekanntermassen zu einiger Aufregung, woraufhin Kohl sich (natürlich) missverstanden fühlte. Nie habe er Gorbatschow mit Goebbels vergleichen wollen. Aber was dann? Nehmen wir an, er wollte eine relevante Äusserung machen (und das müssen wir, wenn wir überhaupt annehmen wollen, dass er ein rationaler Agent ist, der die gleiche Sprache spricht wie wir). Eine Aufzählung aller historischen Personen, die etwas von PR verstehen, wäre sicherlich nicht relevant. Mit der Erwähnung, dass jemand anderes `auch' eine bestimmte Eigenschaft hat, muss also beabsichtigt sein, einen darüber hinausgehenden Zusammenhang herzustellen.

``Das ist der schlimmste Präsident seit Hermann Göring.'' Wieder eine andere Form des Vergleichens, wieder Helmut Kohl, wieder ist der Vergleich nur impliziert (das allerdings sehr stark). Die Präposition `seit' selektiert semantisch eigentlich für ein Objekt, dass einen Zeitpunkt bezeichnet, wie z.B. in `seit langem', ein Name steht so erstmal für eine Zeitangabe. Um aber ein relevanter Beitrag zu sein, muss auch die Zeitangabe inhaltlich in einem Zusammenhang zu dem von der Präpositionalphrase modifizierten Satz stehen. (``The best thing since sliced bread.'')

``Diese Methode kennen wir schon aus unserer eigenen Geschichte.'', oder so ähnlich, Herta Däubler-Gmelin. Eine Gleichsetzung, diesmal von verwendeten Methoden. Verteidigungsversuch: `damit wollte ich aber keinesfalls Bush mit Hitler vergleichen.' Hinter solchen Verteidigungsversuchen steckt die, wie oben bereits erwähnt, falsche Annahme, man könnte Dinge direkt vergleichen, und ein Vergleich von Eigenschaften wäre irgendwie ``weniger schlimm''.

Was aber treibt Leute mit so einer Regelmässigkeit zu Vergleichen mit Nazifunktionsträgern? Hier können vielleicht unterschiedliche Ausgangsmotivationen, die aber ähnliche Effekte haben, vermutet werden. Bei Kohl scheint dahinter wohl `normaler' Geschichtsrevisionismus zu stehen, bei Herta D.-G. die rekursive Variante: Verantwortung und Singularität einsehen, um daraus moralischen Anspruch abzuleiten. Insgesamt haben diese Vergleiche die Wirkung, den Nationalsozialismus zu einem Symbol einfach nur für das Böse, oder vielleicht einfach nur Doofe zu machen: ``diese Cola schmeckt voll Hitler, ey.''

Schliessen wir mit Godwin's Law: ``Je länger eine Usenet-Diskussion andauert, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, daß jemand mit einem unpassenden Nazi-Vergleich auftritt. Normalerweise wird dann die Diskussion für beendet erklärt.''

das