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korrespondenz.biz - 027 (30.09.2002): Minority Report, Spielberg 2002 Filme handeln natürlich auch immer vom Sehen. Die Kamera ist unser Stellvertreter, blickt für uns auf das Geschehen, lässt uns sehen, was wir sehen sollen. Das Thema von Minority Report ist auf ganz direkte Weise das Sehen---``kannst Du sehen?'' ist die enigmatische Frage, die der Hauptfigur an mehreren Stellen gestellt wird---, das Sehen der Zukunft und das Erkennen der Vergangenheit. Angesichts des Werbebudgets dürfte der Plot des auf einer 1956 erschienenen Kurzgeschichte von Philip K. Dick basierenden neuen Filmes von Steven Spielberg inzwischen jedem bekannt sein: In der nicht so fernen Zukunft können Verbrechen erkannt werden, bevor sie geschehen. John Anderton (Tom Cruise) arbeitet in der Polizeieinheit, die für dieses Pre-Crime Law Enforcement zuständig ist, bis eines Tages sein Name erscheint als Mörder eines ihm unbekannten Mannes. Ist das System doch fehlbar? Ihm bleiben 36 Stunden, das herauszufinden, seine Unschuld zu beweisen, oder die Tat zu begehen, für die er jetzt schon fliehen muss. So weit, so The Fugitive with a twist. Aber, `can you see?' In einer der ersten Szenen sieht man Anderton, wie er versucht, den Ort einer zukünftigen Tat zu erschliessen. Die Hinweise auf die Taten werden von `Pre-Cogs' geliefert, geistig beschädigte Kinder, die in einem Tank mit Nährlösung in einem Koma gehalten werden, von Visionen überfallen, die in Bruchstücken Aufschluss über zukünftiges Geschehen, über zukünftige Morde geben. Den Namen des Täters und Opfers in spe und den genauen Zeitpunkt der Tat können sie exakt nennen, der Ort muss, der Spannung zuliebe, aus visuellen Hinweisen gefolgert werden. Auf vor ihm in der Luft hängenden Glasmonitoren schiebt Anderton mit seinen Datenhandschuhen in einem extrem unpraktisch, aber eindrucksvoll aussehendem User-Interface Ausschnitte der Visionen hin und her, vergrössert, überlagert. Ein schöner Anfang, und auf eine schöne Art überhöht Spielberg so, was er vielleicht als die eigentliche Aufgabe des Filmemachers sieht, Bilder dirigierend, statt Vergangenheit zu editieren die Zukunft entschlüsselnd. Nach geglückter Verhaftung des zukünftigen Verbrechers sehen wir Anderton in seiner Wohnung, natürlich einsam, natürlich regnet es gegen die Scheiben, natürlich ist er betrunken / auf Drogen. Er legt ein Hologram-Video ein, dass ihm mit seiner Frau zeigt, und mit seinem Sohn, von dem wir später erfahren werden, dass er einem Verbrechen zum Opfer viel. Wir sehen, Anderton lebt mehr mit der Vergangenheit und mit der Zukunft, als mit der Gegenwart. Der Mann hat ein Problem. Und natürlich wird er am Ende der Verfolgungsjagd sich gefunden und sein Problem gelöst haben. Immer wieder Augen. In dieser Welt der Zukunft werden Menschen über ihre Augen identifiziert, unmerklich, überall. Werbewände spielen personalisierte Botschaften ab, Türen öffnen sich (oder eben auch nicht). Das Auge als Spiegel der Seele, natürlich ein alter Hut, von Bataille bis Bunuel. So bleibt Anderton auf der Flucht nichts als sich die Augen rausnehmen zu lassen, in einer überraschend expliziten, aber auch trashigen Szene (er bittet darum, sie zum Mitnehmen eingepackt zu bekommen); eine kleine Verbeugung an den Augenexperten aus Blade Runner vielleicht. Kurz darauf sehen wir in einer der fiesesten Szenen, kleine Roboterspinnen an seinem Verband zerren, um in seine Augen zu schauen, seine dunklen Geheimnisse zu sehen. Das alles ist schön gemacht. Eigentlich ist alles schön gemacht in diesem Film. Besonders visuell ist `minority report' sehr gelungen. Spielberg scheint verstanden zu haben, was Lucas niemals begreifen wird: Effekte im Film, besonders wenn sie Nicht-Reales darstellen sollen, sehen nur dann glaubwürdig aus, wenn sie eben wie Effekte aussehen. Spielbergs digitale Hintergründe sind absichtlich körnig, grob gefärbt, erinnern an einen auf Leinwand projizierten Wagenhintergründ, vor den ein Cary Grant das Lenkrad hält. Die Zukunft sieht gleichzeitig neu und nostalgisch aus, wie die besten Zukünfte. Viele Genre werden angedeutet; hier eine James Bond Verfolgungsszene, dann dunkler Sci-Fi, Splatter, dann exzellent bemessene und leicht inszenierte Screwball-Comedy, alles brilliant inszeniert. Auch werden wir dankenswerterweise verschont von genaueren Erklärungen, wie das Zukunftssehen funktionieren soll, und auch für tiefere philosophischen Erwägungen bleibt meist keine Zeit (``I mean, like, what about freedom of will?''). Man würde ja sogar noch das lahme Ende verzeihen, in dem die vielen auseinanderlaufenden Fäden in einem konventionellen `Oh Vater, warum hast Du mich verlassen'-Ende zusammengezwungem werden. Leider aber ist da Tom Cruise, dessen leicht verstopfte Performance den ganzen Film über viel zu ernsthaft ist. Und ausserdem ist der Film immer wieder kreuzlangweilig. Er fasziniert manchmal, aber er engagiert nie. Die Retina wird gekrault, die Hirnhaut kribbelt, aber das Kleinhirn schweigt. das
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