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korrespondenz.biz - 029 (14.10.2002): Auslanzkorrespondenz Auf dem Hinflug, auf dem es transnationale Hühnchenwürste fürs deutschnationale Publikum gab, fehlte ein Buch in meinem Handgepäck. Da ich meine metallmünzengefüllte Geldbörse am Sicherheitscheck gelassen hatte, war ich nicht in der Lage, einen Kopfhörer zu kaufen und musste in der Bordbroschüre lesen, was mir entging: 20 Musikkanäle, "Von Abba bis Heino", die Tonspur zum Film "Drei sind einer zuviel" sowie die Erläuterungen zu einem computergenerierten Clip, der zeigte, wie Kleinfamilien nach einer Notwasserung ihren Urlaub auf Rettungsinseln im Ozean verbringen. So hörte ich einem freundlich braun gebrannten Steward zu, wie er nicht müde wurde, im Namen von "Captain Kopsmeier" die Passagiere zu begrüssen, auf Flughöhen hinzuweisen und darauf, dass doch die Sicherheitsgurtanzeige zu beachten sei. Er wechselte dabei vom Deutschen in einen Jargon, der passable Flughafenenglischkenntnisse mit dem Bemühen verband, die Sicherheitsgurtanzeigensätze nicht allzu lang werden zu lassen und durch Verschlucken einiger weniger wichtiger Silben (2 Heben, 1 Fallen) Atem zu sparen - wobei ein ungeduldiges Knacken und Knippeln in der Leitung noch jede vierte Silbe mit sich nahm: Las---genmen, capmei welcs---board eltu-flight namb---and---nice nosmoke---hopenjoy---staygain---in Pogol". Kopsmeiers Esperanto war zwar gänzlich sinnfrei, aber das störte das GALA-lesende Publikum nicht weiter. Und klang gut. Schön klingt auch das Portugiesische, das man vernimmt, wenn man die Welt der Autovermietungsagentinnen, Touristenbushaltestellentrottel und Zimmeranbieterinnen verlassen hat. Damenfriseure heissen dann Cabalereiros, Feuerwehrmänner Bombeiros - und wie schafft es der Portugiese den Deutschen endgültig zu beschämen? Indem er den HNO-Experten Medico especialista otorrinolaringologia nennt. So klingt das Portugiesische aber nicht immer. Die schönen Formen und Klänge entstehen manchmal nur in der Phantasie des Wörterbuchlesers, denn Portugiesisch wird - warum machen die das? - meist schnell gesprochen, klingt leicht vernuschelt und unterliegt womöglich auch dem Kopsmeierschen Gesetz. Dazu das charakteristische, extrem stimmhafte S, und schon heissen die Escudos Schcusch. Doch nicht nur das: Manchmal sitzt man auch in der S- Bahn, hört hinter sich einige Benelux-Bürger über die nächste Deicherweiterung diskutieren, dreht sich um und? Sieht eine dunkelhaarige ältere Dame, die dem Fahrer auf dem Nachhauseweg noch das Neueste aus der Nachbarschaft erzählt. Man sitzt am Flussufer, hört jemand neben sich in strengem Weissrussisch ein Borschtschrezept referieren, schaut vorsichtig zur Seite und? Sieht eine entspannte jüngere Frau, die offensichtlich ein ukrainisches Blondierungsmittel benutzt hat und dennoch ihrem Freund aus einer portugiesischen Sportzeitung vorliest. Eine verwirrende, vielfältige und widerspenstige Sprache. Was gibt's in Portugal sonst noch? Glaubt man den Postkartenständern, so ist dies zweierlei. Lustige Sprüche und grosse Brüste, wie wohl überall in der Welt. Und mediterrane Stimmung, wie in einem grösseren Teil derselben. Blumen blühen, Häuser haben Farbe, Wäsche flattert über dunklen Gassen, Menschen singen, Frauen Fado, die Abende sind lang, und sonnengegerbte alte Männer meist vor wettergegerbten Kirchen vor Sonnenuntergängen platziert. Diese Stimmung, auf die wir GottseiDank durch heimische Postershop- Postkarten vorbereitet sind, diese Bilder und die ganzen anderen mediterranen Klischees scheinen naturnotwendig zum Handgepäck des Südeuropa-Touristen dazu zu gehören. Man kann dem nicht entkommen. Wer die mediterranen Klischees in Frage stellt, greift zu mediterranen Metaklischees. Die Suche nach dem Malerischen hört nicht auf. Der Postmann geht von Haus zu Haus und klopft statt zu klingeln, zwei Katzen liegen auf dem heissen Stein, das Pflaster buckelt, der Rost glüht auf den Mülltonnen, im Schaufenster glitzern fiese Fische, ein junger Mann führt sein Auto aus wie einen dressierten Hund (Gas, Stopp, bei Fuss), an Strassenständen kann man plattgepresste Schweineschnauzen erwerben, drei Frauen in Plastikschürzen halten einen Plausch in der Kirche, ein Ambulanzfahrer geht unter Blaulicht Zigaretten holen, der Pfarrer lässt Gott einen guten Mann sein, und ein geschäftiger Mann zahlt seinen Café (Bica) aus einem Geldbündel heraus. Doch weiss man nie, ob hinter den Bildern nicht mehr ist. Den Café aus einem Geldbündel heraus zu zahlen - das steht womöglich für eine andere Gewohnheit, Pragmatik, einen anderen Takt des Alltags. Das Kaffeetrinken: an der Theke, eine schnelle Bewegung in drei ruhigen Minuten, in einer alten Bar, auf drei TV-Schirmen laufen japanische Frühstückscartoons, man trinkt ohne Milieu und ohne die - auch hier farbig markierte - Klassenlinie zu beachten, neben Regenschirmverkäufern und alten Damen im Kostüm, ein Tourist kritzelt Notizen auf die Serviette einer müden missgelaunten Polizistin, man trinkt an der Wand eine typisch portugiesische Fliesenmalerei (Azulejos), die eine Adam&Eva-Szene in den Kulissen der Blauen Lagune zeigt, ein Kaffee ohne Aufhebens, der so schwarz ist, dass man ihn nicht ohne ein Vanillepuddingblätterteilchen in den Magen bringt, den man schnell wegwischt mit einem Schein den man aus dem Bündel zieht zum Grundnahrungsmittelpreis. Was ist dagegen ein schaumbedeckter Cappucino in einem originell bestuhlten deutschen Strassencafe für 5,80 Studentenpreis? Genauso viel wie das Schwarzbiertrinken im Eventbrauhaus im Vergleich zum Schnapssaufen am Lissaboner A Gjunjada (dessen Namenich möglicherweise nichmehr äh genau). Auch hier das Prinzip der Bar: hinter einer offenen Theke steht der Betreiber und schüttet geschwind Branntwein mit Kirschen zusammen zu einem Likör, der für geringes Geld in kleinen Plastikbechern an die Kundschaft verteilt wird. An den Bechern kann man gerade dreimal nippen. Man stellt sich dabei kurz auf die Strasse vor der Bar und sieht die Leute ins Nachtleben davonziehen. Dann geht man weiter. Wer hier bleibt, der geht zu Grunde. Neben manchem Zeittakt auch interessant: die Raumaufteilung. Lissabon hat sich auf mehreren Hügeln aufgebaut. Wenn man die Stadt durchläuft, kommt man unweigerlich ins Klettern, kommt man unweigerlich auf Anhöhen und einen der vielen Plätze, die im Reiseführer als Aussichtspunkte (miradouros) markiert sind. Dort kann man sich nicht nur mit anderen Touristen über die Panoramen unterhalten, die man am Postkartenständer auswendig gelernt, sondern schauen, wie man die Stadt durchquert hat, wo man gerade langgegangen ist. Man kann den zurückgelegten Weg anfassen und die nächsten Wege vorzeichnen. Ohne Blick auf die Karte errät man die Stadt: Das ist wohl das, von dem wir gelesen haben, dass es das ist. Die Stadt als fassbare Vorstellung. So sieht man auch ihre enorme Kleinteiligkeit: in den vielfach gebrochenen Dachhauben, den Höckern, Kuppeln, Kirchenspitzen, die in einem komplexen Muster von Farben und Schattierungen aufgehen. In den Strassen, in den älteren Stadtteilen von Lissabon, zeigt sich diese Kleinteiligkeit v.a. in Formen: spitzen Winkeln, grotesken Aufbauten, Querverstrebungen, Kanten; und an den Häusern, die nur ein paar Schrittlängen breit und vielfach in sich verschachtelt sind. Und den Läden, die sich in diese Häuser wie selbstverständlich hineingesetzt haben. Wenn man das sieht, fällt einem erst das Angeberische eines Supermarktes auf, ja die Idee eines Megastores wird ganz unerträglich. Hier ist feine Differenzierung, hier hat man eine Ahnung von dem einzelnen Gegenstand und seinem Gebrauch, hier gönnt man dem anderen seine Fertigkeiten und sein Stück vom Umsatz: es ist, ja, Arbeitsteilung mit menschlichem Antlitz. Da gibt es so schön wie erwartbar: mehlbestäubte Weißbrotbäcker, Instrumentenbauer, Handwerker. Aber auch weitaus mehr. Es gibt Läden, die führen komische Gerüche in Säcken, Werkstätten für Kupferschalen, Geschäfte für meist unmodische Sachen, für viel (Schrauben) und wenig (Mörtel). Kinderschlafzimmergrosse Läden, schlauchförmige, allemal mannshohe. Manchmal schaut man ins Dunkle, hinter der Eingangstür ein paar Tiegel und Töpfe, dann nur noch Schemen. Was wird dort verkauft? Wer mag da einkaufen. Wer ist da drin? Und was sieht er, wenn er aus dem Laden heraus schaut. Einen interessierten Mediterranophilen, der ein Foto schiesst? Oder einen Metamediterranophilen, der langsam vorbeiläuft und zu Boden schaut. Und dabei an die Ästhetik von Megacities denkt? Er schaut natürlich in den Prospekt des neuen an der Peripherie der Stadt entstandenen Baumarktes und informiert sich über den Preis der Energiesparneonröhren, die auch seine Räume zu einem lichtdurchfluteten Laden machen werden, den die Geld- und Pfeffersäcke mit dem kopsmeierschen Englisch ohne Furcht vor fremden Kulturen und befremdlichen Kulturkontakten betreten können. Denn der Wettbewerb um die Geld- und Pfeffersäcke, das Bemühen um ein unbeschwertes Konsumklima wird auch hier, in den Altstadtstrassen, immer deutlicher. Das Zeichen, das hierfür und längst überall, selbst in abgelegenen abwasserfeuchten Gassen und vor verkrochenen Kaschemmen, steht, ist ein Schild mit der Aufschrift "Olà" (span. Hallo, dt. Langnese). Das strahlenste Symbol dieser Entwicklung aber ist das Tomate-Mozarella-Brötchen. Es ist überall. Auch in den Backstuben der Weissbrotbäcker. Dazu kommen Stadtentwicklungsprogramme, Sanierungsoffensiven, High- class-Renovierungen und Schickimickirestaurierungen; der bekannte Spin, der zunächst Künstler und Studierende und schliesslich Galerien und Prada-Boutiquen in die einst deklassierten Viertel bringt. Mit ihnen den international stijl der Modeindustrie, das Cappuccinotrinken, das gespreizte Abschreiten von Ladenfronten, den chic blankpolierten Kunstmarmors; man kann alte Fischer Z-LP's nun als Antiquitäten kaufen, Kunstpostkarten mit Ansichten des alten Viertels, und die Cybercafés, die einst Ciberbica hiessen (analog dem deutschen Kopishop), heissen jetzt webspace. Man mag sich nicht vorstellen, wo das noch hinführen soll. Momentan ist es aber längst noch nicht dort, sondern in der Konzeptionsphase, dem Versuchsstadium, im Übergang. Während der Dachstuhl zusammenbricht, entsteht im Erdgeschoss die neue Boutique. Man kann sich noch ausmalen, wie der Schutt die Schaufensterpuppen unter sich begräbt. An einem anderen Haus bröckeln die Kanten, ein drittes hat genug von seiner Farbe, an einem vierten zerbricht der Rost die Eingangstür, gespiegelt in den Scheiben eines Kaufhauses. So wird man auf die Zeit aufmerksam, die in dem Viertel steckt, auf die Schichten, die sich hier abgelagert haben. Auch auf den Gebäuden selbst: Grindiger Putz, der von einem Konzertposter gehalten wird, der Dreckschleier auf einer buntgestrichenen Fassade, neue Fenster in einer morsch gewordenen Wand. Überschreibungen und Überschreibungen der Überschreibungen. Man bleibt vor einem Laden stehen, der offensichtlich stillgelegt ist. Jemand hat die Tür versperrt und nachdem ein anderer sie aufgebrochen hatte, mit einem rostenden Kettenschloss gesichert, das spröde geworden mit einem Bretterverschlag verstärkt wurde; die Fensterscheibe hat ein dritter zu tapeziert, sie bekam Altersflecken, ging unter Steinschlag zu Bruch und wurde hintermauert, die letzten Scherben verklebt mit den Werbeplakaten der politischen Parteien, auf denen wiederum die nächste Generation ihre Grafittis gesetzt hat. Auch das hat man hier: einen Überfluss von Zeichen, von Leseproben und "Textkämpfen" (Michael Rutschky). Plakate über Plakaten, ein Verzeichnis der örtlichen Punkbands, Sonderangebote für Billigtouristen, Gesichter von Schönheitsprinzessinen, gegelten Stadtteilschlagerstars und Kafka, die durch Überkleben, Zerreissen, und Verkratzen zu neuen Physiognomien zusammengesetzt werden; ein Hydrant sagt "Si", ein Strandpartyposter mit dem Logo der kommunistischen Partei macht Stimmung, Dave Grohl in Edding auf einer einsamen frisch verputzten Wand, "without hope your nuttin" kündet die Kirchhofwand; subersive Spuckis neben Kunstaktionsankündigungen an Parkuhren und die Spuren der Sprayer, die nicht nur Kölner Kunstbananen produzieren, sondern auch politische Basisaufklärung bieten: Hier gib es noch gute Nazis, die tote Nazis sind. Selbst im Pensionszimmer war keine Ruhe zu finden. In der Nachtischschublade die Krakeleien unserer Vorgänger. Und auch, als wir die Tür des Kleiderschranks öffneten, mussten wir lesen. "Beware of the cleaning ladies!" Was man in Lissabon an den Häusern, in den Strassen und Vierteln verdichtet sieht, sieht man im Süden Portugals übers Land ausgebreitet. Statt drüberzuschreiben stellt man hier nebeneinander. Den Schrottplatz neben das Meer, den Megastore Gurskyschen Ausmasses neben die stillgelegte Eisenbahnstrecke, den Sportplatz ins Ödland, einen Kiosk ins Nachbarschaftszentrum, den Olivenhain ins Neubaugebiet. Was verfällt, verfällt und wird nicht weggeräumt, in den Orten wuchern die Brachen, mit den Planungen laufen die Strassen ins Leere. Das Sehenswerte ist die unübersehbare Unachtsamkeit, mit der hier die Landschaft geformt wird. Man fragt sich ob das jemals jemand entschieden, wer das alles beschlossen hat. Wo der geheime Plan ist. Die Orte, die in dieser zufälligen Landschaft liegen, zumindest jene, die der Tourismus noch nicht aufgefressen hat, sind angenehm unaufgeregt. Es geht kaum ein Laut, es bewegt sich kaum etwas, niemand bewegt sich zu viel; die alten Männer am Meer nicht, die Söhne der alten Männer auf der Uferpromenade nicht, die jungen Männer in den Strandbars, die jungen Frauen an der Theke. Die Baustellen liegen still; und wo in Lissabon moderne Grossraumboutiquen die kleinen Läden verdrängen, hat hier jeder seinen eigenen Mini Mercado. Einen kleinen Supermarkt mit vor sich hin rostendem "Ola"-Schild. Eine widerspenstige Szenerie. Doch auch hier hört die Suche nach dem Malerischen nicht auf, die Suche nach "poetischen Kalenderblättern" (Max Goldt). Man fotografiert die Unordnung. Oder man inventarisiert als folgsamer Schüler von Bernd & Hilla Becher die komischen Kästen, in denen die Menschen hier wohnen. Ein gelbes Haus, ein blaues Haus, ein rosa Haus. Das Fischerboot im Schlamm, die Schrift an der Wand, ein Hund namens Ernesto, Mülltonnen in der Abendsonne, Abseitiges im Rahmen. Zu Hause beim Fotos auspacken: Ist es gut, wenn die Fotos gelungen sind. Man weiss, dass es schön war. Egal wo man war. Und es ist schön, wenn die Fotos misslungen sind, ausdruckslose Bilder, schiefe Kulissen, triviale Motive, ohne Spannung, enttäuschend zufällig. Man fragt sich, wo das denn war? Man fragt sich, wo war das gleich? Dann weiss man, man war da. tlr
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