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korrespondenz.biz - 030 (21.10.2002): hyper.txt
Hypertexte sind schwer aus der Mode. In der aktuellen Ausgabe der New York Review of Books findet sich ein interessanter Artikel mit dem Titel "Tales Told by the Computer" (von Tim Parks), der sich wie ein Abgesang auf die junge, kurze Geschichte der Hypertext-Literatur liest. Ich möchte hier einige Anmerkungen zu diesem Text machen und eine Vermutung anstellen, warum Hypertexte nur selten über die erste Kuriosität hinaus befriedigen können. Fangen wir an mit der informellen Definition der Hypertext-Narration, die der Aufsatz bietet: "the hypertext is free to mix the written word [...] with sound, static images, or even cinematic effects, and to deliver the text at whatever speed and in whatever form the author chooses. [...] However, by far the most revolutionary development of the hypertext and the feature that most distinguishes it from a printed book has to do with the succession in which sections of the written text are read." Hier verwundert zunächst der doch etwas ungewöhnliche Zugang zu dem Phänomen; mir würde als charakteristisches Merkmal eher die erweiterte Möglichkeit der Verknüpfung von Texten, überdas Umblättern hinaus, einfallen. Auch macht Parks hier eine Unterscheidung nicht, die durchaus nützlich ist: Das erste Element, die Möglichkeit der Hinzufügung anderer Darstellungsmodi, wird üblicherweise wohl "Multimedia" genannt, das zweite Phänomen "Interaktivität". Erledigen wir zuerst das erste, um uns dann letzterem zu widmen: Multimedia muss eigentlich schief gehen. Wenn ein Gedicht bebildert werden muss, dann kann man vermuten, dass die Sprache des Gedichtes selbst zu schwach ist, oder zumindest das Vertrauen des Dichters in seine Sprache. (Damit sei nicht die Verwendung von mehreren Modi kritisiert, wie z.B. in Tonfilmen. Aber diese funktionieren auch nur, wenn sich keine "Spur" in den Vordergrund drängt. Von Bands, die endlich den Film machen zu der Musik, die doch schon immer wie ein Soundtrack klang, sollte man sich eher fernhalten. Solche vermeintlichen Erweiterungen nehmen immer eher etwas weg.) Es ist die Möglichkeit zur Interaktivität, die interessanter ist, und die zu solch abenteuerlichen Behauptungen geführt hat, wie der, dass nun aber wirklich endlich jeder Leser seinen Text selbst schafft. Parks zitiert hier einen "typical essay" ("Telewriting", von Mark Taylor und Esa Saarinen): "no hypertext is the product of a single author who is its creative origin or heroic architect. To the contrary, in the hypertextual network, all authorship is joint authorship and all production is co-production. Every writer is a reader, and all reading is writing." Parks entgegnet hier trocken: "to say that this [deciding which links to follow, das] makes me a co-writer, to the same extent as the author who prepared the texts and decided what links would be available to me, where and when, is absurd. I have written nothing." Ich kenne den Originaltext nicht, und vielleicht missversteht Parks ihn auch absichtlich; man könnte sich eine Sprechweise vorstellen, nach der eine Surfstunde im WWW einen "Text" erzeugt, dessen "Autor" man so ist, wie ein Wellenreiter der "Autor" seiner Spur entlang der Küste ist. (Ich setze hier scare-quotes, weil mir solche Erweiterungen der Bedeutungen von Begriffen nichts sagen; aber ich bin ja auch kein Germanist.) Nehmen wir an, wie Parks es augenscheinlich tut, dass wir es mit einem geschlossenen Hypertext zu tun haben, der ausschliesslich Material verknüpft, von dem ein Autor weiss, dass es verknüpft ist. Dann ist sicherlich klar, dass der Leser weiterhin nur eben das ist: Leser. Selbst wenn mit zunehmender Anzahl an Verzweigungen und mit exponentiell zunehmender Anzahl an Pfaden durch den Entscheidungsbaum die Wahrscheinlichkeit abnimmt, dass irgendwer anderes (und sei es der Autor) genau diesen Weg schon genommen hat, macht mich das trotzdem nur in einem sehr begrenzten Masse zu einem Agenten. Ich bewege mich weiterhin innerhalb der Regeln eines Systems und setze Komponenten zusammen, die jemand anderes mir gegeben hat. Das kann man natürlich abstrakt weiterdrehen: Ist derjenige, der die Regeln eines Spieles festlegt, der Autor aller damit gespielten Spiele? Derjenige, der die Regeln einer Sprache bestimmt, der Autor aller in dieser Sprache gemachten Äusserungen? Aber dabei übersehen wir etwas, nämlich die Intentionalität, und darum soll es im nächsten Abschnitt gehen. Die Frage, die mich hier interessiert, ist, warum interaktive Texte einfach nur langweilig sind, sobald der Neuigkeitseffekt verschwunden ist. Hier stellt sich zuerst die Frage, welchen ästhetischen Mehrwert Hypertext denn überhaupt bieten kann. Zur Beantwortung dieser Frage muss erst einmal eine weitere Äquivokation aus dem Weg geschafft werden. Parks verwendet "nicht-linear" und "hypertext" synonym. Natürlich sind diese Dinge miteinander verbunden: Wenn ein Text Möglichkeit zur Interaktion bietet, wird er zwangsläufig nichtlinear, in dem Sinne, dass die Reihenfolge des Lesens der einzelnen Komponenten nicht vollständig determiniert ist. Parks und die von ihm zitierten Theoretiker reden dann aber über die Linearität von Ereignissen. An einem Buch aber ist nur linear, dass es auf eine bestimmte Weise (durch Konventionen der entsprechenden Schriftkultur vorgegeben) gelesen werden will: In deutschen Texten wollen die Buchstaben von links nach rechts gelesen werden, um Worte zu ergeben, die Worte um Sätze, die Sätze um Texte zu erzeugen. Was in diesen Texten geschieht, wie dort die Ereignisse präsentiert werden, die in der erzählten Zeit in einer zeitlichen und wohl auch kausalen Ordnung stehen, bleibt aber dem Autor überlassen. Statt Linearität sollte man hier also eher von Textflusskontrolle sprechen. Gibt es Interaktionen, gibt der Autor ein Teil der Kontrolle auf über die gelesene Anordnung der Ereignisse. Und hier kommen wir zu meiner These: Diese Anordnung bestimmt zu einem wesentlichen Teil den ästhetischen, aber auch den semantischen Wert des Textes. Berichte ich über das Resultat einer Handlung, bevor ich von der Handlung berichte, erzähle ich eine andere Geschichte, als wenn ich auf dieses Resultat hinarbeite. Wie solche Texte zusammenhängen, zum Beispiel über Relationen von Ursache und Wirkung, muss aus einem Text rekonstruierbar sein. Und diese Relationen sind real, und nicht verhandelbar. Hier muss ich mich als altmodischer Realist zu erkennen geben: Jawohl, Ereignisse passieren in einer Reihenfolge, Zeit ist real, physikalische Ereignisse sind zeitlich geordnet. Unser Empfinden dieser Ereignisse, und auch unsere Erkenntnis zum Beispiel kausaler Relationen zwischen ihnen, mag gelegentlich unvollkommen sein. Aber auch das lässt sich darstellen, wenn über das Erleben von Figuren berichtet wird. Ich meine auch nicht, dass in einer fiktiven Welt nicht gleiche Ursachen andere Wirkungen haben können; im Gegenteil. Die nötigen textlichen Relationen jedoch bleiben auch dort dieselben. Texte aber, die sich so in Teile zerreissen lassen, dass auch noch etwas Verständliches herauskommt, wenn die Reihenfolge der Teile beliebig geändert wird, müssen zwangsläufig flach und allgemein sein, damit Kohärenz-Relationen überhaupt noch rekonstruiert werden können. Ohne solche verbindenden, zusammenklebenden Relationen werden Texte nicht von einem Terror-Regime der Rationalität befreit, sondern einfach nur unverständlich, langweilig statt mysteriös. Hinter dem Glauben, man könne verschiedene Wege anbieten, steckt eine falsche Auffassung davon, wie Bedeutung erzeugt wird. Ein Hypertext, dessen Bestandteile so sorgsam konstruiert sind, dass auf allen Wegen durch den Text (die ja auch zirkulär sein können), Kohärenz erhalten bleibt zwischen den Bestandteilen, ist vielleicht nicht unvorstellbar, auf jeden Fall aber eben auch exponentiell aufwendiger zu schreiben als ein normaler, "linearer" Text. Heisst das, wir müssen einfach noch auf den Hölderlin des Hypertext warten? Ich denke nein, und hier kommt eine weitere Erwägung hinzu: Als Leser will ich nicht meine eigene Intentionalität in das Gelesene einbringen, keine Entscheidungen treffen. Ich will eben nicht schreiben, wenn ich lesen will. Jedes Eindringen von mir in den Text zerstört nur die Fiktion, lässt die fiktive Welt zerbrechen. Aber: Es gibt eine wohl etablierte und kommerziell extrem erfolgreiche Form der interaktiven Narration, nämlich Computerspiele. Diese haben schon lange eine Qualität erreicht, eine Konsistenz der fiktiven Welt, dass man sie ohne weiteres als interaktive Narrationen verstehen kann. Interessanterweise sind diese aber alle in der ersten Person geschrieben: es ist meine Stellvertreterfigur, die Dinge erlebt. Über andere erfahre ich nichts neues. Getrieben wird diese Narration von mir, und damit ist sie, nur, ein Teil meines Lebens. Dafür Lesen wir nicht. das
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