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korrespondenz.biz - 031 (28.10.2002): hyper.txt.e (Re: hyper.txt)
Ich stimme der letzten Korrespondenz von das weitgehend, aber nicht vollständig zu. Zuerst die Bestimmung einiger zentraler Begriffe: In der Korrespondenz wird zwischen Multimedialität, Interaktivität und Hypermedialität unterschieden. Ein multimediales Dokument besteht aus Zeichen verschiedener Typen: Texten, Bildern, Filmen, Sound (gesprochenen Texten, Geräuschen, Musik, ...) oder so weiter. Bezüglich der Verwendung des Begriffs herrscht manchmal Uneinigkeit: Manche bezeichnen Dokumente, auf die mit verschiedenen Medien zugegriffen werden kann, als mulitmedial. Ein derartiges Dokument ist z.B. ein einfacher Text, der als Bildschirmtext mit dem Fernseher, darüber hinaus als Webtext mit dem Computer und als Wap- oder I-mode-Text mit dem Mobiltelefon gelesen werden kann. Um die Möglichkeit der Verwirrung zu begrenzen, nennt man derartige Dokumente auch intermedial, spricht zusätzlich statt von Multimedialität von Multimodalität und meint mit letzterem, dass der Inhalt eines Textes auf verschiedene Arten kodiert ist, teilweise als Text, teilweise als Bild velc. Multimedial oder -modal nennt man ein Dokument i.d.R. erst dann, wenn mehr als zwei Darstellungsmittel verwendet werden. Weder Zeitungen noch Tonfilme sind standardmäßig multimodal, Gesamtkunstwerke schon. Ein Dokument -- ich habe keinen besseren Begriff parat und benutze nur deshalb Dokument in postmoderner Breite -- ist interaktiv, wenn seine Rezeption die Präsentation beeinflusst. Das Dokument selbst ist unabhängig von der Rezeption. Ein Computerspiel ist interaktiv. Der Spieler tut dies und das, auf dem Bildschirm passiert deshalb jenes und jenes. Durch das, was der Spieler tut, wird das Dokument (das Programm) nicht verändert, wohl aber die Präsentation (die Ausführung des Programms). Interaktivität ist ein vager Begriff. Ein Kinofilm ist auch dann nicht interaktiv, wenn das Publikum die Leinwand anzündet. Bei Theaterstücken kann man sich nicht so sicher sein. Mir gegenüber wurde schon die These vertreten, ein Theaterstück sei interaktiv, denn die Performanz der Schauspieler sei stark vom Publikum beeinflusst. Ich weiß nicht, ob ich dem zustimmen soll. Zur Hypermedialität: Ein Dokument ist hypermedial, wenn in ihm Verknüpfungen zu anderen Dokumenten, zu anderen Stellen im selben Dokument oder zu bestimmten Stellen in anderen Dokumenten vorkommen. Verknüpfungen machen andere Dokumente oder Dokumentstellen direkt zugänglich. Traditionelle Texte verschiedener Sorten enthalten Verweise auf andere Texte oder Textstellen. In Lexikoneinträgen wird auf andere Einträge verwiesen, in Fußnoten wissenschaftlicher Abhandlungen auf andere Abhandlungen. Trotzdem sind derartige Dokumente keine hypermedialen Dokumente, machen sie die Texte, auf die sie verweisen, doch nicht direkt zugänglich. Hypermedialität wird durch Verknüpfungs- (Linking-) Techniken ermöglicht. Digitale Dokumente können an verschiedenen Orten abgespeichert und insofern verteilt sein. Zur Integration der einzelnen Teile sind Verknüpfungen notwendig. Digitale Dokumente werden strukturiert und ihrer Struktur gemäß präsentiert. Ein Dokument kann auf verschiedene, ggf. konkurrierende Weisen strukturiert und präsentiert werden. Verknüpfungen dienen neben der Integration auch der Strukturierung von Daten. Ich arbeite an der Bereitstellung und Pflege von Kants Gesammelten Werken in elektronischer Form. Mein Datensatz besteht aus den Texten, die in den Bänden 1-23 der Akademie-Ausgabe abgedruckt sind. In Band 7 ist Kants Antropologie in pragmatischer Hinsicht abgedruckt, in Band 15 finden sich die handschriftlichen Reflexionen zur Anthropologie. Die Reflexionen sind gemäß dem Text aus Band 7 angeordnet, die Inhaltsverzeichnisse der Bände sind partiell identisch. Es ist der Kant-Philologie dienlich, Reflexionen mit entsprechenden Textstellen im Werk zu verknüpfen. Man kann sich das Werk mit oder ohne Reflexionen präsentieren lassen, man kann auch vom Werk zu den Reflexionen wechseln. Die Reflexionen sind datiert. Um den Denkweg Kants nachvollziehen zu können, mag man die Reflexionen chronologisch geordnet lesen wollen. Dazu reichen Verknüpfungen nicht aus. Wir speichern die Reflexionen besser in einer Datenbank und präsentieren sie auf Anfrage hinsichtlich des jeweiligen Interesses: thematisch geordnet (wie in der Akademie-Ausgabe gedruckt), als Randtexte zum Text aus Band 7 oder chronologisch geordnet, mit oder ohne Verknüpfungen. Die Präsentation wird hypermedial und interaktiv. Die Bände 21 und 22 enthalten das opus postumum. Das handschriftliche Original wurde fotografiert. Wir verknüpfen die Seiten des Textes, wie er in der Akademie-Ausgabe erscheint, mit den entsprechende Fotos der Handschriften. Die Edition des opus postumum wurde kritisiert. Durch die Verknüpfung des Textes mit den Handschriften wird die Kritik nachvollziehbar und die Arbeit an einer Neuedition gefördert. Die Präsentation wird hypermedial und multimodal. Die Mittel der Multimodalität, Hypermedialität und Interaktivität ermöglichen die Integration verschiedener Daten und Datentypen (Handschriften, Bearbeitungen, Bezugstexte, Kommentare, Anmerkungen zu Text und Inhalt), die Strukturierung der Daten hinsichtlich verschiedener Aspekte und die Präsentation der Daten hinsichtlich bestimmter Interessen. Kritische Editionen sind sinnvollerweise nur noch als digitale Editionen mit den diskutierten Mitteln machbar. Klarerweise ist nicht jede interaktive Hyper- und Multimediaedition eine gute Edition. Auch Texten anderer Art schadet die Strukturierung mit Verknüpfungen nicht. Ich lese Quines philosophisches Wörterbuch (Quiddities). Ich lese das Buch nicht von vorne nach hinten, sondern fange bei einem Eintrag an und folge den Verweisen. Eine digitale Edition machte die Verweise zu Verknüpfungen, der Text wäre dadurch nicht schlechter. das ist zuzustimmen, dass Techniken der Mulimedialität -- oder, mir egal, -modalität -- das Leben hemmungsloser Kreativität fördern. (In diesem Zusammenhang ist leben transitiv.) Gegen ein elektronisches Wörterbuch des Französischen, das verschiedene Eingabemodi hat und gesuchte Vokabeln auch vorlesen kann, ist deshalb nichts einzuwenden. Kritische Editionen, Anthologien, Wörterbücher, ggf der Fischer Weltalmanach: schön und gut. Aber auf einen Krimi, bei dem wir irgendwann wählen dürfen, ob der Mörder Gift oder Plastiksprengstoff verwendet, können wir verzichten. Es ist keine Empfehlung für einen Text, wenn er dadurch besser wird, dass der Leser die Reihenfolge bestimmt, in der Sachverhalte geschildert werden. Ob ich es gut fände, wenn einige Passagen einer Erzählung in Kenntnis meiner sexuellen Präferenzen verschärft oder gemildert würden, glaube ich nicht, kann ich aber nicht ohne weiteres entscheiden. Unangenehm fände ich, wenn Lektüre durch automatische obszöne Anrufe ergänzt würde. Zweifelsohne wäre das multimedial und interaktiv, käme der Anruf aufgrund der -- versehentlichen? -- Aktivierung einer Verknüpfung, dann wäre das auch hypermedial, könnte ich ihn mir zusätzlich als Soundfile vom Web laden vielleicht noch intermedial. Jedenfalls meine ich, nicht zuletzt um den vorliegenden Text möglichst vielen Benutzern von Suchmaschinen nahe- und vorzulegen, dass Pornotexte (erotic literature, sex stories on gang bangs, cheating wifes, horny lesbian housewifes and monster dicks) durch Anpassung an den Benutzer und Wählbarkeit von Akteuren (Britney Spears, Christian Aguilera, Jennifer Lopez) noch attraktiver würden. Multimodale Versionen solcher Texte erhielten zweifelsohne größten Zuspruch. Wie aber steht es mit Literatur, die man im Buchladen bekommt? (i) Nicht jede Literatur ist eine geordnete Schilderung von Sachverhalten, also von einer Art, die das zufolge per se für Hypertextualität ungeignet ist. (a) Die Anordnung der einzelnen Text- und Filmelemente in Produkten Alexander Kluges -- keine Verknüpfung hier, aber ein Verweis auf eine zukünftige Korrespondenz -- scheint mir nicht immer von Bedeutung zu sein. Kluge schafft assoziative Felder, indem er sich Themen von verschiedenen Seiten nähert. Er schafft die Felder, indem er sie durchstreift. Die Wege -- Tod durch Metaphorik -- sind nicht beliebig, können aber, meine ich, in verschiedener Reihenfolge und in verschiedenen Richtungen gegangen werden. Ich denke darüber nach und melde mich später. (b) Man muss Quines Quiddities nicht für Literatur halten. Es gibt jedenfalls Lexika mit literarischem Anspruch. (c) Zu automatistischer Poesie, die hier genannt werden muss,schreibe ich noch eine Korrespondenz. (ii) Es gibt literarische Texte, die zwar geordnete Schilderungen von Sachverhalten sind, aber ggf. nur in Ermangelung anderer Möglichkeiten. Ich kann mir vorstellen, dass einige Vertreter des Expressionismus -- ich denke z.B. an Franz Jung -- vorteilhaft auf Linearität einiger Texte hätten verzichten können (natürlich nicht: "Der Weg nach unten"). Ich habe keine Ahnung, wie ich das belegen sollte. Eine Korrespondenz zu diesem Thema ist nicht zu erwarten. hcs
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