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korrespondenz.biz - 032 (4.11.2002): Kommentierte Edition eines Papierhandtuchrollenblattes
Vorbemerkungen
"Where did'ya get that?" James Joyce
I. Anlass zur folgenden Edition hat die Beobachtung gegeben, dass sich "das Internet" nicht nur als Struktur des Cyberspace, sondern auch - um in präpostmoderner Begrifflichkeit zu sprechen - im sogenannten real space immer weiter ausbreitet: (1) Surftipps im Fernsehen und Tageszeitungen, www-Hinweise auf Getränkedosen und Instantlinsensuppentüten, web-Verweise auf CD-Covers, in der "PRISMA", auf Bussen, Blumenkübeln und Werbewänden, in Bäume geritzt, auf den T-Shirts von Comedy-Stars oder den Griffen der Einkaufswagen einer grossen deutschen Baumarktkette. Was man hier beobachten kann, geht hinaus über die oft diagnostizierte Selbstreferentialität der Medien, es ist nicht allein zurückführbar auf die Nutzung des Netzes für Werbemassnahmen oder einen vorübergehenden Hype.Die fast schon ubiquitären Verweise auf "das Netz" stehen für ein umfassenderes kulturelles Phänomen. Die Botschaft ist das Medium. Das Internet wird nicht nur für die alltagspraktischen Besorgungen - Ticketbuchungen, Emailverkehr, Rezeptdatenbanken - immer wichtiger, sondern ist unserem Alltag regelrecht eingeschrieben, als ständig präsente Bezugsgrösse. So entwickelt sich eine Alltagskultur des Netzes, wenn nicht gar - wie kritische Kommentatoren bemerkt haben - eine "Ideologie hypertropher Vernetzung". Die ständigen Hinweise auf notwendige Adressen, weiterführende Hinweise und interessante Seiten führen zu einer progredierenden ideellen Verlinkung der Welt, einem Denken in Verlinkungen und weiterführenden Bezügen und schliesslich auf einen nie erreichbaren Endpunkt hin: die ewige Suche nach dem nächsten Link. Die Umwelt wird quasi als Hypertext konstruiert: überall, jederzeit, grenzüberschreitend und gleichzeitig total - ein Phänomen, das H. Jaeger in Analogie zu dem in der Literaturwissenschaft zentralen Begriff der "Intertextualität" einmal als "textualische Inferenz"(2) bezeichnet hat, ein Phänomen, dessen wissenschaftliche Erschliessung - wie sie kürzlich S. Connor in ihrem Aufsatz "Crossbounding - Bordercrossing" geleistet hat - längst überfällig war. (3) Allerdings haben wir es auch hier mit gewissen Ungleichzeitigkeiten zu tun. Es zeigt sich wieder einmal, dass die "kulturelle Vorstellungskraft", die die Gesellschaft anhand einer technologischen Neuerung entwickelt, den technologischen Innovationen oft weit vorauseilt. Denn: die hyptertextuelle Erschliessung der Umwelt bleibt bislang weitgehend - um in präpostmoderner Begrifflichkeit zu sprechen - virtuell. Viele Verweise auf das Netz sind noch folgenlos, "links still dead" (McLuhan). Denn wer an einer Werbeplakatwand steht und "Weitere Informationen unter www.persil.de" liest, kann aufgrund der beschränkten technischen Ausstattung von dort aus nicht direkt weiter, sondern muss erst nach Hause gehen, an ein spezielles Terminal, um der Aufforderung des Links zu folgen. Er muss mithin die Welt verlassen, um sie zu erschliessen. Aber egal. Auch wenn die Realisierung (noch) scheitert, so sind doch der Kult um die Verlinkung und die Idee alltäglicher Vernetzung es Wert, beispielhaft dokumentiert zu werden. Dies soll anhand eines Dokumentes geschehen, das in besonderem Masse auf die Alltäglichkeit des Phänomens verweist: eines Textes auf einem Papierhandtuch, das in einer Frankfurter Herrentoilette gefunden wurde. In seiner Struktur ist dieser Text exemplarisch: obgleich er eigentlich ein ganz anderes Sujet behandelt (Erfolg, Sauberkeit, Spannung), ist die Kultur der Vernetzung doch sein eigentliches Thema. Denn er kommt an den entscheidenden Stellen immer wieder - wie obsessiv - mit einem Link auf das Netz zurück. Diese Verweisstruktur soll an dieser Stelle nicht nur nachgezeichnet, sondern unmittelbar Ernst genommen werden. Das heisst für die vorliegende Edition, dass die bisher nur ideell (in der Vorstellungskraft) bestehenden Links nun auch in praxi, quasi in concreto geschaltet werden. Der Text wird in das Netz eingebettet, er bekommt auf diese Art das Format eines Weblogs, einer netztypischen Darstellungsform, in der sich der Blickwinkel des Autors über eine - kommentierte - Sammlung von Links mitteilt. (4) II. Abgesehen von der texttechnologischen gibt es auch eine literaturwissenschaftliche Legitimation für das hier vorgestellte Projekt. Es bricht nämlich mit der Fixierung auf klassische, ja - um in präpostmoderner Begrifflichkeit zu sprechen - kanonische Texte und orientiert sich an einem erweiterten, gleichsam genügsamen Literaturverständnis. In diesem Sinne knüpft es an die Arbeiten von Michael Rutschky an (5), der sich bereits in den 70er Jahren um eine Aufzeichnung, Auswertung und Aufwertung peripherer Texte - Grafittis, Wandmalerien, Kritzeleien auf Werbeplakaten - bemüht hat. Man kann hierbei in Fortschreibung der Rutschkyschen Perspektive von einer Literatur in Latenz sprechen, die sich nicht nur auf Wänden finden lässt, sondern auch auf Plakaten, in Glückskeksen, auf Toilettenpapierblättern oder eben Papierhandtüchern. (6) Der "Verlust" oder "Tod des Autors", wie er von der poststrukturalistischen Schule proklamiert wurde, ist hier gar kein Thema mehr. Die Literatur in Latenz dekonstruiert nicht klassische Autorschaft, sondern verweigert sich ihr von vornherein, prima facie, um gleichzeitig den Lesern und Nutzern, jenen also, die diese Literatur aus der Latenz herausheben, die Rolle eines Produzenten oder Quasi-Autoren zuzuweisen. (7) Das Lesen dieser Texte, das Herausheben aus der Latenz schafft aber keine neuen literarischen Werte, ihr Ziel ist nicht Dauerhaftigkeit. Das Literarische bleibt flüchtig. Sobald der Leser wieder die Aufmerksamkeit verliert, verschwindet die literarische Anmutung. Somit sind auch die Texte dieser latenten Literatur nicht geeignet, in den kanonischen Formen literarischer Publikation (Buch, Zeitschrift) präsentiert zu werden. So wünschenswert eine solche Publikation wäre, um Aufmerksamkeit auf das hier beschriebene Phänomen zu lenken, so wenig würde sie dem Phänomen gerecht. Der konkrete Gebrauchswert dieser Texte (der nicht zuletzt darin liegt, dem Leser ins Rollenspiel des "Autoren" zu verhelfen) würde gerade zerstört, wenn sie zu abstrakten Tauschgegenständen der künsterisch-ästhetischen Marktgesellschaft würden. Will man dennoch die Phänomene einer Literatur in Latenz dokumentieren, so ist es naheliegend, eine Edition im Netz vorzunehmen, nicht nur, weil der Text selbst das Thema der Vernetzung durchspielt, sondern auch, weil das Netz als Experimentierfeld für neue Formen literarischer Produktion gelten kann. Erinnert sei in diesem Zusammenhang nicht nur an die avancierten Formen einer an Programmiersprachen und Hypertexttechniken sich orientierenden "digitalen Literatur" (8), sondern auch an die Versuche, produktive Rückkopplungen zwischen literarischem Anspruch und alltäglichen Nutzungsweisen in den neuen Medien zu erzeugen. Als Beispiel sie hier die am SMS-Format orientierte Literatur der "160 Zeichen" genannt.(9) III. Wenn auch mit der Edition eines Papierhandtuches von einer Frankfurter Herrentoilette auf den ersten Blick Neuland betreten wird, so gibt es doch bereits Arbeiten, die einem ähnlichen Ansatz verpflichtet sind und nicht nur als Vor-Arbeiten das hier vorgestellte Vorhaben inspiriert haben, sondern auch helfen werden, es innerhalb der anstehenden fachlichen Diskussionen abzusichern. So bezieht sich die vorliegende Edition einerseits auf die literarische Aneignung von Werbetexten, Slogans und anderem "Sprachmüll", wie sie bereits in den Jahren der klassischen Moderne Anfang dieses Jahrhunderts betrieben worden ist. Andererseits sieht sie sich in der Tradition der noch eingermassen jungen Strömung einer "entspannten Editionswissenschaft", die versucht, mit Hilfe editorischer Verfahren Aufmerksamkeit für den Anspielungs- und Formenreichtum trivialer oder subliterarischer Texte zu schaffen. Welch lohnende Ergebnisse dieser Ansatz erbringen kann, zeigen die - wegweisenden - Arbeiten von Roth und Politycki, in denen z.B. eine Fussballfernsehreportage oder die tagebuchartigen Niederschriften eines juvenilen Helden zu seinen Frauenaffairen zum Ausgangspunkt editorischer Reflexionen gemacht wurden.(10) Der hier vorgestellte Text wurde wie vorgefunden transkribiert, grammatikalische und sprachliche Eigenheiten sind belassen, offensichtliche Ungereimtheiten aber stillschweigend korrigiert worden. Obgleich die Edition dem Kanon historisch-kritischer Editionsphilologie viel verdankt, muss sie doch angesichts des vorliegenden Materials mit den Prinzipien historisch-kritischer Ausgaben brechen. Da es sich hier um einen sogenannten autorlosen Text (McInnes und Klotz) handelt, verwundert es auch nicht, dass dieser weder Überlieferungsgeschichte noch unterschiedliche Bearbeitungsstufen vorweisen kann. Er ist vielmehr variantenlos (10a) und betont "geschichtslos" - industriell gefertigt und auf ein Papierhandtuch gedruckt, das nach Gebrauch (dem sog. Handabtrocknen)entsorgt wird. Dementsprechend musste von vornherein die sonst übliche Sichtung und Bewertung von Überlieferungsträgern und die kritische Bearbeitung des Textes im Sinne der Trias "recensio, examinatio, emendatio" (11) entfallen. An ihre Stelle trat die blosse, am Textbild orientierte Dokumentation. Man könnte ein solches, rein dokumentarisches Vorgehen apologetisch nennen. Gleichwohl soll der Text nicht unreflektiert, gleichsam "versiegelt" dargeboten werden. Die Dokumentation betrachtet den Text vielmehr als Folie für daran anschliessende Deutungen, als Ausgangspunkt unterschiedlicher Lesarten. Der Leser soll nicht mit einem fertigen Text konfrontiert, vielmehr sollen die beim Leser evozierten Assoziationen oder Interpretationen bei der Erschliessung des Textes unmittelbar berücksichtigt werden. In diesem Sinne wurde ein Anmerkungsteil erstellt, der anstatt die Entstehungsbedingungen zu reflektieren oder Varianten zu diskutieren, Deutungsmöglichkeiten, Ansätze für Anspielungen, ja die Anspielungen des Lesers auf den Text vermerkt. Der so entstandene Kommentar dient - anders als in den üblichen Editionen - nicht der Aufschlüsselung des Werkes, sondern der Öffnung, ja: seiner Aufbrechung. Da es keinen Autor gibt, steht der Text den Rezipienten zur freien Verfügung. Die Edition ist somit ohne Verbindlichkeit, nur eine Momentaufnahme der Aneignung, sie legt kein Endergebnis vor, sondern unterliegt - im Sinne einer open source - wiederum neuen "Edierungen". Um diesen Sachverhalt auch editionstechnologisch adäquat darzustellen, muss eine neue Form interaktiver Edition von Texten angestrebt werden. So ist beabsichtigt, in einem ersten Schritt Deutungsvarianten und unterschiedliche Interpretationsansätze der Leserinnen und Leser in den Anmerkungsteil einzuarbeiten, und schliesslich in einem zweiten Schritt den Rezipienten freien Zugriff auf den Apparat zu ermöglichen, so dass dieser beliebig umgestaltet, angereichert, aber auch "bereinigt" werden kann. (Ein entsprechendes Editionsinterface wird noch erstellt; bis zur Fertigstellungen werden Anregungen über information@korrespondenz.biz angenommen und dann eingearbeitet.) Der Progress, oder das "Fortschreiten" dieser Editionsarbeiten wird wiederum festgehalten, indem in bestimmten Intervallen Momentaufnahmen, sogenannte stills, vom Text und seinem jeweils aktuellen Apparat angefertigt werden. Sie werden aufbewahrt und wiederum ediert [siehe dazu jetzt die eingerichtete Erste revidierte Fassung]. Die Dokumentation einer "Literatur in Latenz" geht so über in eine Dokumentation literarischer Aneignung von Alltagstexten. Notiert wird der Text, von dem dieser Prozess ausgehen soll, nach der morphologischen Methode differenzierter Transskription, wie sie zuletzt bei der Editio der Werke Nietzsches und Hölderlins angewandt wurde. Dort wurde der Text auch als Bild reproduziert, in dem die verschiedenden Bearbeitungsschritte des Autores augenscheinlich werden, und als komplexes, mehrfach verändertes und überschriebenes Gebilde präsentiert, das eben nicht bereinigt und vereindeutigt werden kann. (12) Diesem komplexen Bildverständnis folgt auch die hiesige Edition. Sie will damit gleichzeitig auffordern zu einer gestaltorientierten Wahrnehmung literarischer Texte. Dementsprechend ist die vorliegende Edition auch eine Aufforderung zu einem Zwiegespräch zwischen Editionsphilologie und "visueller Poesie". (13) IV. Bleibt abschliessend den vielen Menschen zu danken, die mir bei der Entwicklung und Durchführung dieses Editionsprojektes geholfen und zur Seite gestanden haben. Dank gilt den Herausgebern von korrespondenz.biz, die schon ein offenes Ohr für dieses, so kann ich in aller Bescheidenheit sagen, wegweisende Vorhaben hatten, als noch nicht klar war, wie wegweisend es werden würde. Dank gilt auch dem Lokal "Zeitungsente" in Frankfurt am Main, das nicht nur den Ausgangstext zur Verfügung stellte, sondern auch mit moderaten Bierpreisen beste Bedingungen schuf für den am Anfang eines solchen Projektes notwendigerweise stehenden "inspiratorischen Rausch" (Sloterdijk). Dank gilt der Stiftung "Weimarer Klassik", dem ZKM in Karlsruhe sowie den Kollegen von Stupidities? Journal for trivial literary pursuit, die mir in zahlreichen Internet-Diskussonen Mut gemacht haben, hinter der Geistlosigkeit des zu edierenden Textes das Wegweisende dieses Editionsprojektes zu entdecken. Schliesslich danke ich "meinen Freunden, die auch wenn sie hier ungenannt bleiben müssen, wissen werden, dass sie gemeint sind" sowie natürlich - um hier einen klassischen Topos aus Vorworten wissenschaftlicher Arbeiten zu zitieren - "meinen Eltern für ihre Unterstützung sowie meiner Frau, die nicht nur in bewundernswerter Weise darüber hinweg gesehen hat, dass mich die Arbeit an dieser Studie über ein erträgliches Mass hinaus in Anspruch genommen, sondern mich auch daran erinnert hat, dass es ein Leben ausserhalb dieser Arbeit gibt". Inwieweit dieser Topos auf das reale Leben verweist, muss ich hier offen lassen. tlr |
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Anmerkungen (1) Feuilletons der deutschsprachigen Tagespresse, passim. (2) Hierzu einführend Renate Lachmann, Intertextualität, in: Fischer Lexikon Literatur, hrsg. von Ulfert Rickels, Frankfurt am Main 1996, S. 794ff. sowie Heino Jaeger, Alkoholprobleme in Dänemark, Track 17 [Dr. Medius' Dichterlesung]. (3) Sarah Connor, "Crossbounding - Bordercrossing", in: Webspace, Journal for the culture and politics of new media 4 (2002), S. 132-142. (4) Zur Geschichte des weblogging vgl. www.rebeccablood.net/essays/weblog-history.html. (5) Michael Rutschky, Zur Ethnographie des Inlands, Frankfurt am Main 1984, S. 26ff.; ders., Auf Reisen. Ein Fotoalbum, Frankfurt am Main 1986. (6) Vgl. jetzt auch Zewa Lind, 8 Rollen Toilettenpapier, vierlagig extra soft [hellgelb], das ein Inventar kräftigender Spruchweisheiten bietet und dabei das Terrain zwischen Aphorismus und Platitüde erkundet: "Dein Wille kann Berge versetzen", "Eine der größten Stärken ist, sich zu Schwächen zu bekennen", "Die kleinen Dinge des Lebens bereiten oft die größte Freude". (7) Zum Hintergrund Norbert Gabriel, Kulturwissenschaften und neue Medien. Wissensvermittlung im digitalen Zeitalter, Darmstadt 1997. (8) Als erster Einblick: Text und Kritik, Heft 152 (Oktober 2001): Digitale Literatur, hrsg. von Heinz Ludwig Arnold, München 2001. (9) Zur Einführung in die deutsche Netzliteratur - das Berliner Zimmer; zur SMS-Literatur z.B. www.160-zeichen.de. (10) Jürgen Roth/Wolfgang Herrndorf (Hrsg.), Heribert Faßbender. Gesammelte Werke. Werkgruppe IX: Die Länder-Turniere der neunziger Jahre. Bd. 5: Europameisterschaft 1996: Italien - Deutschland, Essen 1998 (Gesammelte Werke / Heribert Faßbender ; Bd. 9); Matthias Politycki, Weiberroman. Historisch-kritische Gesamtausgabe, Reinbek b. Hamburg 1999. (10a) Eine Entnahme am Papierhandtuchspender in der Herrentoilette des "Godot", Im Krausfeld, in Bonn am 28.10.2002 ergab unter gleichen Entnahmebedingungen fast völlige Übereinstimmungen im Bezug auf das Trägermaterial sowie einen identischen Text. (11) Herbert Kraft, Editionsphilologie, Darmstadt 1990; Klaus Hurlebusch, Edition, in: Fischer Lexikon Literatur, hrsg. von Ulfert Rickels, Frankfurt am Main 1996, S. 457ff. (12) Im Gegensatz zu Notaten von Nietzsche oder Hölderlin weist der hier dokumentierte Text keine Streichungen, Ergänzungen und Überschreibungen auf. Allerdings ist bei ihm die räumliche Anordnung der einzelnen Textelemente von grosser Bedeutung. Die eingebauten Grafiken und Zeichnungen konnten wegen technischer Probleme (noch) nicht reproduziert werden. (13) Als erster Einblick: Text und Kritik, Sonderband (September 1997): Visuelle Poesie, hrsg. von Heinz Ludwig Arnold in Zusammenarbeit mit Hermann Korte, München 1997. (14) Das Blatt wurde um 22 Uhr 17 dem Papierhandtuchspender entnommen. Vor der Entnahme wurden zwei Umdrehungen abgerollt. Das Papier hatte keine Perforation, vor der Entnahme des Blattes musste der Bogen über eine geriffelte, am Handtuchspender angebrachte Metallkante gezogen und dadurch abgetrennt werden. Grösse des entnommenen Blattes: 129 x 21 cm. Blaue Schrift auf weissem Grund, leicht durchsichtiges Recyclingpapier. (15) Zu der hier vertretenen integralen Auffassung der "gesamten Sinne" siehe auch die Anmerkungen in Robert Jütte, Geschichte der Sinne. Von der Antike bis zum Cyberspace, München 2000 sowie Christoph Türcke, Sexus und Geist. Philosophie im Geschlechterkampf, Frankfurt am Main 1991, das freilich gar nichts mit dem Thema zu tun hat. (16) Hinweis auf die gefährlichen Implikationen eines scheinbar harmlosen Spiels und Anspielung auf Vladimir Nabokov, Lolita. Roman einer jungen Liebe, Tragödie einer gefährlichen Leidenschaft, Reinbek b. Hamburg 1991. Ich danke David Schlangen / Edinburgh für diesen Hinweis. (17) Nach neuerer Berechnung ca. 14,32 Euro. (18) Nach neuerer Berechnung ca. 7,56 Euro. (19) "Versandlogistik" - "Fabrikationsstrasse": offensichtlich Anspielung auf die demoralisierenden Folgen und die Prägung menschlicher Existenz durch Normen und Rhythmen entfremdeter Arbeit, ein Thema, das bereits vom "Werkkreis Literatur der Arbeitswelt" in den 60er Jahren und vom Genre des sog. "Angestelltenromans" in den 70er Jahren bearbeitet wurde. Eine Wiederaufnahme dieser Tradition scheint dringend geboten. Ansätze hierzu etwa bei Georg M. Oswald, Alles was zählt, München und Wien 2000. (20) Eine klare Spitze gegen Walter Krämers "Verein Deutsche Sprache e.V.", auch bekannt als Verein für den Erhalt der deutschen Sprache. Dessen Forderung, angloamerikanische konsequent durch deutsche Ausdrücke zu ersetzen, wird an dieser Stelle offensichtlich unterlaufen. "Synapsy mobile networks" ist ein sog. unübersetzbarer Terminus, ins Deutsche übertragen hiesse das Wortgebilde "Umschaltstelle beweglich vernetzten Arbeitens", was Quatsch ist. (21) Der Fairness halber sei an dieser Stelle auch auf andere "Spiele des Jahres" verwiesen. Über diese marktbezogene Konkurrenzreferenz evoziert der Begriff "Spiel des Jahres" auch weit welthaltigere Assoziationen, vgl. "Spiel des Lebens", "Der Spieler" (Dostojevski, Achim Reichel), "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern" (Franz-Josef Degenhardt). (22) Ein etwas plumpe Anspielung auf das Grimmsche Märchen. Für eine kritische Interpretation Maria Tatar, Von Blaubärten und Rotkäppchen. Grimms grimmige Märchen - psychoanalytisch gedeutet (The hard facts oft the Grimm's fairy tales), München 1995. Unter Berücksichtigung von Versmass und Betonung ("Hans im Glück": Hebung-Senkung-Hebung) ergeben sich aber auch ganze andere Bezüge: "Jack in the box", "Rabitt in Ruhe" (Updike), "Run to the hills" (Iron maiden). (23) Siehe den Hinweis in den Vorbemerkungen. (24) Nach neuerer Berechnung 7,80 bzw. 0,92 Euro. (25) Zu diesem Motiv bereits frühzeitig Homer, Ilias, Reinbek bei Hamburg 1962. (26) "Sauberkeit und Hygiene" stehen hier nicht affirmativ, sondern in ambivalenter Spannung. Einerseits erinnert der Ausdruck an das Leiden an einem "sauber" eingerichteten "sterilen Leben" (hierzu exemplarisch Wilhelm Genazino, Abschaffel. Eine Trilogie, Reinbek b. Hamburg 1977), an eine Sauberkeit und "Sterilität", die - wie in Robert Gernhardts Gedicht "Ermunterung" - nach einer fast schon ekstatischen Entladung und Verschmutzung verlangt ("Hier im Reinen ist es schön, viel schöner als im Schmutz zu stehn. Hier gibt es lauter reine Sachen, die können wir jetzt schmutzig machen. Schmutz kann man nicht beschmutzen, lass uns die Reinheit nutzen, Sie derart zu verdrecken, das Bettchen und die Decken" usf.). Auf der anderen Seite sind "Sauberkeit und Hygiene" aber auch Elemente eines positiven Entwurfes, der auf "Autonomie", "Vitalität", die Möglichkeit der Selbstzivilisierung zielt - wie sich im Werk Philip Roths zeigt, der den Verlust dieser Autonomie, die "Verunreinigung", die schwindende Selbstkontrolle und Inkontinenz des Alters fast schon obsessiv beschrieben hat; etwa in "Portnoys Beschwerden" (Portnoy's complaint) oder zuletzt in "Der menschliche Makel" (The human stain). (27) Siehe Anmerkung 23. (28) Aufgepasst. Gemeint ist natürlich nicht "sie" (wer?: die Käufer von Blatz-Servietten? unbekannte Dritte? die da drüben?), sondern "Sie": der Leser, die Leserin, der "Autor"! (29) Das stimmt. Vgl. den oben angegebenen Link. (30) Dürfte schwierig sein. (31) Kraftausdruck, der vor allem in den 70er Jahren Verwendung fand. Der "Hammer" wurde in dieser Zeit gleichsam zum Symbol für Grosses, Herausragendes und Sensationelles, vor allem im Sinne von Gestaltungswillen, gesunden Siegerqualitäten und "Durchschlagskraft". Vgl. hierzu vor allem die Werke Mickey Spillanes mit dem Helden Mike Hammer, insbesondere Ich, der Richter (I, the jury), München 1985. In den 90er Jahren schlichen sich in die Bildwelt des "Hammers" aber auch negative Bezüge; vgl. nur den zivilisationskritischen Film Tetsuo II: The body hammer (JAP, 1993) sowie den aufsehenerregenden Fall des sogenannten "Hammermörders", eines Polizisten, der mit Hilfe eines Hammers zahlreiche Banken ausraubte, im Zuge seiner Raubzüge aber auch mehrere Menschen tötete. (32) Notiert wie im Text vorgesehen. Die optische Brechung des Links "www.kupplung.de" dient offenbar der Verfremdung und fordert zur Distanzierung auf. Die naturalisierte, ja mittlerweile "natürliche" Reaktion des Internetnutzers auf einen Link, das sog. "spontane Draufklicken", wird dadurch nachhaltig in Frage gestellt. (33) Diese Stelle scheint mir wegen ihrer Bezüge zum Genre der Spionage-Literatur, insbes. den Romanen Eric Amblers und John Le Carrés, interessant (Dank an Hans-Christian Schmitz / Bonn-Köln für diesen Hinweis). Bezogen auf das Internet wird gleichzeitig die Problematik der Überwachung und "Ausspionierung" von Internetnutzern sowie die Notwendigkeit von Datenschutz und Verschlüsselungstechniken angesprochen; zu diesem Aspekt auch www.kennwort.de. (34) Die Bedeutung dieser Zeile ist einigermassen unklar, die Deutung hängt wahrscheinlich vom Erfahrungshorizont des Lesers ab. "Werden Sie Ihr eigener Chef!" lässt sich einerseits positiv, im Sinne von Dale Carnegies "Sorge Dich nicht, lebe!", nur eben anders, erfolgsorientierter, lesen oder als prophetische Kritik an dem Modell der "Ich-AG", die ja insbesondere seit den Vorschlägen der Hartz-Kommission als Gegenentwurf zur Existenz des Lohnabhängigen oder Sozialhilfeempfängers angepriesen wird. Zu dem dahinter stehenden verbrecherischen Konzept der "Unternehmer-Persönlichkeit" vgl. Susanne Karstedt, Kriminologie der Unternehmer-Gesellschaft, in: Unsichere Großstädte? Vom Mittelalter bis zur Postmoderne, hrsg. von Martin Dinges und Fritz Sack, Konstanz 2000, S. 291-312. (35) Vgl. Viviane Forrestier, Der Terror der Ökonomie (L'horreur économique), Wien 1997; Pierre Bordieu, Neue Wege der Regulierung. Vom Terror der Ökonomie zum Primat der Politik, Hamburg 2001. (36) Ein schon sehr subtiler Hinweis auf das beinahe vergessene Werk des Dichters Georges Rodenbach (1855-1898). Andere Bezüge sind irreführend. (37) Ein Stadtteil in Hanau. Anspielungen auf Goethe, Koeppen, Borchert, Thierse, Schäuble oder gar Wolfgang von Eschenbach sind unbeabsichtigt oder rein zufällig. (38) Hier ist die Frage aufzuwerfen, ob die Veröffentlichung nicht den ersten Intentionen und ursprünglichen Kommunikationssituation des Textes zuwiderläuft; ein Problem, das sich ja schon bei der Veröffentlichung des Kafka-Nachlasses oder der Publikation der Tagebücher Thomas Manns gestellt hat. Praktisch gefragt: Soll die hier notierte Telefonnummer nur einer begrenzten Öffentlichkeit mitgeteilt werden, also den (wenigen) Benutzern eines Papierhandtuchs auf einer Frankfurter Herrentoilette oder kann sie auch über das Internet verbreitet werden? An welches Publikum appelliert der Text ursprünglich: an die Besucher einer Quartierkneipe im Gallusviertel oder an eine ideal konstruierte universelle Öffentlichkeit? Ich plädiere dafür, diese auch datenschutzrechtlich sensible Diskussion nicht weiter zu führen, sondern die hier wiedergegebenen Telefonnummern symbolisch zu lesen. (39) Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes sei wenigstens der Nachname des H. unkenntlich gemacht. (40) Hier beginnt die Sequenz von Neuem. Ein klares Bekenntnis zur sog. seriellen Literatur. (41) Hier bricht der Text ab. Abrisskante.
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