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korrespondenz.biz - 032b (27.11.2002): Erste revidierte Fassung der kommentierten Edition eines Papierhandtuchrollenblattes
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[Herrentoilette, Lokal "Zeitungsente", Frankenallee, Frankfurt am
Main, 09.08.2002] (14) Sinnen
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Anmerkungen
[...] (14) Das Blatt wurde um 22 Uhr 17 dem Papierhandtuchspender entnommen. Vor der Entnahme wurden zwei Umdrehungen abgerollt. Das Papier hatte keine Perforation, vor der Entnahme des Blattes musste der Bogen über eine geriffelte, am Handtuchspender angebrachte Metallkante gezogen und dadurch abgetrennt werden. Grösse des entnommenen Blattes: 129 x 21 cm. Blaue Schrift auf weissem Grund, leicht durchsichtiges Recyclingpapier. (15) Zu der hier vertretenen integralen Auffassung der "gesamten Sinne" siehe auch die Anmerkungen in Robert Jütte, Geschichte der Sinne. Von der Antike bis zum Cyberspace, München 2000 sowie Christoph Türcke, Sexus und Geist. Philosophie im Geschlechterkampf, Frankfurt am Main 1991, das freilich gar nichts mit dem Thema zu tun hat. (16) Hinweis auf die gefährlichen Implikationen eines scheinbar harmlosen Spiels und Anspielung auf Vladimir Nabokov, Lolita. Roman einer jungen Liebe, Tragödie einer gefährlichen Leidenschaft, Reinbek b. Hamburg 1991. Ich danke David Schlangen / Edinburgh für diesen Hinweis. (17) Nach neuerer Berechnung ca. 14,32 Euro. (18) Nach neuerer Berechnung ca. 7,56 Euro. (19) "Versandlogistik" - "Fabrikationsstrasse": offensichtlich Anspielung auf die demoralisierenden Folgen und die Prägung menschlicher Existenz durch Normen und Rhythmen entfremdeter Arbeit, ein Thema, das bereits vom "Werkkreis Literatur der Arbeitswelt" in den 60er Jahren und vom Genre des sog. "Angestelltenromans" in den 70er Jahren bearbeitet wurde. Eine Wiederaufnahme dieser Tradition scheint dringend geboten. Ansätze hierzu etwa bei Georg M. Oswald, Alles was zählt, München und Wien 2000. (20) Eine klare Spitze gegen Walter Krämers "Verein Deutsche Sprache e.V.", auch bekannt als Verein für den Erhalt der deutschen Sprache. Dessen Forderung, angloamerikanische konsequent durch deutsche Ausdrücke zu ersetzen, wird an dieser Stelle offensichtlich unterlaufen. "Synapsy mobile networks" ist ein sog. unübersetzbarer Terminus, ins Deutsche übertragen hiesse das Wortgebilde "Umschaltstelle beweglich vernetzten Arbeitens", was Quatsch ist. --- Eine alternative, gleichsam metaeditorische Interpretationsvariante bietet mun an: [D]er Editor [tlr] [sieht] in d[]em Firmennamen ["synapsy mobile networks"] eine "klare Spitze gegen Walter Krämers 'Verein Deutsche Sprache e.V.'". Als Beleg führt er die Übertragung dieses Terminus ins Deutsche an. Diese wird im Folgenden als "Quatsch" , also sinnlos oder wenig sinnhaft, in diesem Kontext auf jeden Fall weniger sinnvoll als das (vermeintliche) Original, bezeichnet. Sie lautet: "Umschaltstelle beweglich vernetzten Arbeitens". Welch [...] Begriff! Ohne verschwörungstheoretischen Nebengedanken oder Annahmen folgen zu müssen [wollen?], halte ich es für eine gerechtfertigte Hypothese, dass hier: 1. eine Verwechslung von Original und Übertragung vorliegt und2. synapsy mobile networks selber einer Kampagne oben genannten Vereins zum Opfer gefallen ist. Mehrere Argumente legen dies nahe: Zunächst zum Namen "synapsy": Ein Neologismus mit nahezu vollständiger Wortgleichheit zu "synapse", jedoch mit dem wesentlichen Unterscheidungsmerkmal des Verkleinerungs- oder Verniedlichungs-"y" am Ende, als Auslaut [i:] nicht nur im Angloamerikanischen bekannt. Eine mögliche Übertragung wäre also auch: "klitzekleine Umschaltstelle" oder "Umschaltstellchen", vielleicht, um der subzellulären Ausdehnung einer Synapse näher zu kommen: "mikroskopisch kleines, in seiner Einzelheit völlig unbedeutendes, Umschaltstellchen verloren im unbegreiflichen Wirrwar des vernetzten Cyberspace". Im völligen Kontrast dazu stehen die beiden anderen Komponenten des Firmennamens "mobile" und "networks". Trotz ihrer durch Omnipräsenz etwas abgelutschten ehemals handlichen Kanten handelt es sich hier um schwere, aber mundgefällige Schlagworte des big business. Aufgrund der Wortfolge gelingt es den Namensgebern hier keineswegs, aus dem Gegensatz produktive Spannung zu erzeugen. Vielmehr entsteht zunächst der Eindruck eines zarten und zerbrechlichen Gebildes, welches daraufhin schonungslos von zwei altbekannten Dampfhämmern der new economy in seine Bedeutungslosigkeit zurückgestampft wird. Verglichen mit anderen global playern des mobile networks Geschäftes fällt die unübliche Namenswahl noch deutlicher ins Auge (siehe: http://www.stratosglobal.com/; www.monetmobile.com). Ein kurzer Blick auf die homepage des betroffenen Unternehmens [zeigt], dass der so entstandene Namenseindruck mitsamt seinen Assoziationen keineswegs dem Firmenkonzept von synapsy mobile networks entspricht. Hier sei nur kurz aus der Unterschrift der homepage zitiert: synapsy bietet Unternehmen leistungsfähige Vertriebs- und Kommunikationswege. (Für weitere Belege siehe dort: http://www.synapsy.de.)Dem gegenüber steht nun die vermeintliche Übertragung: "Umschaltstelle beweglich vernetzten Arbeitens". Vier griffige, in Metrik und Farbe leicht changierende aber gut aufeinander abgestimmte Einzelkomponenten. Durch "Umschaltstelle" zunächst die deutliche Anspielung auf "Vorsprung durch Technik" (http://phrases.shu.ac.uk). Darauf folgend zeitgemäss, die das leicht angemottete Audi-Image sofort entmuffenden Bedeutungsfelder Bewegung und Vernetzung. Und schliesslich die gelungene Rückführung des Spannungsbogens und Erdung des Komplexes im Begriff der Arbeit. Wer sieht vor seinem geistigen Auge da nicht becordhoste und becamperschuhte Kommunikationsdesigner, nicht manisch aber gewinnend lächelnd, durch lichtdurchflutete, weil frisch kernsanierte und aussen bestahlglaste, Hamburger Speicherstadtbüros eilen, um das Bedürfnis nach besserer synaptischer Vernetzung des Kunden zu stillen? Zusammengefasst fallen zwei deutliche Widersprüche auf. Erstens: Eine Firma, die ihre Nische im globalisierten IT-Markt sucht, trägt einen ungeeigneten Namen. Zweitens: Die "Übertragung" dieses geradezu stumpfsinnigen (hyposynaptischen) Namens ins Deutsche [ist Ausdruck eigener Autorschaft]. Sie fordert in ihrer visuell-poetischen Griffigkeit zu eine gestaltorientierten Wahrnehmung dieser quasi-latenten blauen Blume heraus. Einen wichtigen Hinweis zum weiteren Aufschluss dieser Frage findet sich bei Betrachtung der gesamten Zeile:Synapsy mobile networks / Spiel des Jahres 2001Der flüchtige Quasi-Leser wird sehr wahrscheinlich das Fragment "Spiel des Jahres 2001" den um synapsy mobile networks herum gruppierten Werbebotschaften für ein Gesellschaftsspiel zuordnen, und dies scheint auch so beabsichtigt zu sein. Möglicherweise liegt hier aber der Schlüssel zu den beschriebenen Widersprüchen. Der Verdacht liegt nahe, dass synapsy mobile networks Opfer des Planspiels einer latent-literarisch sprach-isolationistishen Bewegung geworden ist, die dem armen Start-up in seiner Sprachverwirrung statt einer performance-flower einen Rohrkrepierer verkauft hat. Ob o.g. Vereinigung soviel vorausschauendes Kalkül zuzutrauen ist, sollte weiter untersucht werden (www.vds-ev.de). (21) Der Fairness halber sei an dieser Stelle auch auf andere "Spiele des Jahres" verwiesen. Über diese marktbezogene Konkurrenzreferenz evoziert der Begriff "Spiel des Jahres" auch weit welthaltigere Assoziationen, vgl. "Spiel des Lebens", "Der Spieler" (Dostojevski, Achim Reichel), "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern" (Franz-Josef Degenhardt). (22) Ein etwas plumpe Anspielung auf das Grimmsche Märchen. Für eine kritische Interpretation Maria Tatar, Von Blaubärten und Rotkäppchen. Grimms grimmige Märchen - psychoanalytisch gedeutet (The hard facts oft the Grimm's fairy tales), München 1995. Unter Berücksichtigung von Versmass und Betonung ("Hans im Glück": Hebung-Senkung-Hebung) ergeben sich aber auch ganze andere Bezüge: "Jack in the box", "Rabitt in Ruhe" (Updike), "Run to the hills" (Iron maiden). (23) Siehe den Hinweis in den Vorbemerkungen. (24) Nach neuerer Berechnung 7,80 bzw. 0,92 Euro. (25) Zu diesem Motiv bereits frühzeitig Homer, Ilias, Reinbek bei Hamburg 1962. (26) "Sauberkeit und Hygiene" stehen hier nicht affirmativ, sondern in ambivalenter Spannung. Einerseits erinnert der Ausdruck an das Leiden an einem "sauber" eingerichteten "sterilen Leben" (hierzu exemplarisch Wilhelm Genazino, Abschaffel. Eine Trilogie, Reinbek b. Hamburg 1977), an eine Sauberkeit und "Sterilität", die - wie in Robert Gernhardts Gedicht "Ermunterung" - nach einer fast schon ekstatischen Entladung und Verschmutzung verlangt ("Hier im Reinen ist es schön, viel schöner als im Schmutz zu stehn. Hier gibt es lauter reine Sachen, die können wir jetzt schmutzig machen. Schmutz kann man nicht beschmutzen, lass uns die Reinheit nutzen, Sie derart zu verdrecken, das Bettchen und die Decken" usf.). Auf der anderen Seite sind "Sauberkeit und Hygiene" aber auch Elemente eines positiven Entwurfes, der auf "Autonomie", "Vitalität", die Möglichkeit der Selbstzivilisierung zielt - wie sich im Werk Philip Roths zeigt, der den Verlust dieser Autonomie, die "Verunreinigung", die schwindende Selbstkontrolle und Inkontinenz des Alters fast schon obsessiv beschrieben hat; etwa in "Portnoys Beschwerden" (Portnoy's complaint) oder zuletzt in "Der menschliche Makel" (The human stain). (27) Siehe Anmerkung 23. (28) Aufgepasst. Gemeint ist natürlich nicht "sie" (wer?: die Käufer von Blatz-Servietten? unbekannte Dritte? die da drüben?), sondern "Sie": der Leser, die Leserin, der "Autor"! (29) Das stimmt. Vgl. den oben angegebenen Link. (30) Dürfte schwierig sein. (31) Kraftausdruck, der vor allem in den 70er Jahren Verwendung fand. Der "Hammer" wurde in dieser Zeit gleichsam zum Symbol für Grosses, Herausragendes und Sensationelles, vor allem im Sinne von Gestaltungswillen, gesunden Siegerqualitäten und "Durchschlagskraft". Vgl. hierzu vor allem die Werke Mickey Spillanes mit dem Helden Mike Hammer, insbesondere Ich, der Richter (I, the jury), München 1985. In den 90er Jahren schlichen sich in die Bildwelt des "Hammers" aber auch negative Bezüge; vgl. nur den zivilisationskritischen Film Tetsuo II: The body hammer (JAP, 1993) sowie den aufsehenerregenden Fall des sogenannten "Hammermörde rs", eines Polizisten, der mit Hilfe eines Hammers zahlreiche Banken ausraubte, im Zuge seiner Raubzüge aber auch mehrere Menschen tötete. (32) Notiert wie im Text vorgesehen. Die optische Brechung des Links "www.kupplung.de" dient offenbar der Verfremdung und fordert zur Distanzierung auf. Die naturalisierte, ja mittlerweile "natürliche" Reaktion des Internetnutzers auf einen Link, das sog. "spontane Draufklicken", wird dadurch nachhaltig in Frage gestellt. (33) Diese Stelle scheint mir wegen ihrer Bezüge zum Genre der Spionage-Literatur, insbes. den Romanen Eric Amblers und John Le CarrÚs, interessant (Dank an Hans-Christian Schmitz / Bonn-Köln für diesen Hinweis). Bezogen auf das Internet wird gleichzeitig die Problematik der Überwachung und "Ausspionierung" von Internetnutzern sowie die Notwendigkeit von Datenschutz und Verschlüsselungstechniken angesprochen; zu diesem Aspekt auch www.kennwort.de. (34) Die Bedeutung dieser Zeile ist einigermassen unklar, die Deutung hängt wahrscheinlich vom Erfahrungshorizont des Lesers ab. "Werden Sie Ihr eigener Chef!" lässt sich einerseits positiv, im Sinne von Dale Carnegies "Sorge Dich nicht, lebe!", nur eben anders, erfolgsorientierter, lesen oder als prophetische Kritik an dem Modell der "Ich- AG", die ja insbesondere seit den Vorschlägen der Hartz-Kommission als Gegenentwurf zur Existenz des Lohnabhängigen oder Sozialhilfeempfängers angepriesen wird. Zu dem dahinter stehenden verbrecherischen Konzept der "Unternehmer-Persönlichkeit" vgl. Susanne Karstedt, Kriminologie der Unternehmer-Gesellschaft, in: Unsichere Gro¯städte? Vom Mittelalter bis zur Postmoderne, hrsg. von Martin Dinges und Fritz Sack, Konstanz 2000, S. 291-312. (35) Vgl. Viviane Forrestier, Der Terror der Ökonomie (L'horreur Úconomique), Wien 1997; Pierre Bordieu, Neue Wege der Regulierung. Vom Terror der Ökonomie zum Primat der Politik, Hamburg 2001. (36) Ein schon sehr subtiler Hinweis auf das beinahe vergessene Werk des Dichters Georges Rodenbach (1855-1898). Andere Bezüge sind irreführend. (37) Ein Stadtteil in Hanau. Anspielungen auf Goethe, Koeppen, Borchert, Thierse, Schäuble oder gar Wolfgang von Eschenbach sind unbeabsichtigt oder rein zufällig. (38) Hier ist die Frage aufzuwerfen, ob die Veröffentlichung nicht den ersten Intentionen und ursprünglichen Kommunikationssituation des Textes zuwiderläuft; ein Problem, das sich ja schon bei der Veröffentlichung des Kafka-Nachlasses oder der Publikation der Tagebücher Thomas Manns gestellt hat. Praktisch gefragt: Soll die hier notierte Telefonnummer nur einer begrenzten Öffentlichkeit mitgeteilt werden, also den (wenigen) Benutzern eines Papierhandtuchs auf einer Frankfurter Herrentoilette oder kann sie auch über das Internet verbreitet werden? An welches Publikum appelliert der Text ursprünglich: an die Besucher einer Quartierkneipe im Gallusviertel oder an eine ideal konstruierte universelle Öffentlichkeit? Ich plädiere dafür, diese auch datenschutzrechtlich sensible Diskussion nicht weiter zu führen, sondern die hier wiedergegebenen Telefonnummern symbolisch zu lesen. (39) Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes sei wenigstens der Nachname des H. unkenntlich gemacht. (40) Hier beginnt die Sequenz von Neuem. Ein klares Bekenntnis zur sog. seriellen Literatur. (41) Hier bricht der Text ab. Abrisskante.
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