korrespondenz.biz - 033 (11.11.2002): Versuche, den "Pianisten" zu verstehen


''6. Papierkorb. 3 Cola-Büchsen - 1 Marlboro-Schachtel - 2 Orangendrink Cappy-Pack
1 Kurzinformation - 1 Limoflasche - 1 Kodak Color-Schachtel"
(Gabriele Goettle, Bergen-Belsen)

"Ein Film über den Holocaust steckt immer in einem Dilemma. Wie lassen sich die Grausamkeit und das Wahnsinnige der Tat adäquat in Bilder fassen, wie soll ein Film, der fast notwendig auf ein gutes Ende hinausläuft, das völlig Sinnlose des Verbrechens angemessen darstellen?" So (wie diese von Tobias Ebbrecht aus der junge world nr. 44/2002), muss jede Kritik eines Filmes über den Holocaust anfangen, diese Frage trägt wahrscheinlich jeder Zuschauer mit sich herum, der nicht ins Kino geht, um sich von einem Film über die Judenvernichtung das in der Oberstufe verpasste Grundwissen nachreichen oder sich gar gruselnd unterhalten zu lassen - Chips dabei.

Im Falle von Künstlern wie Roman Polanski kommt zu dem Problem, wie sich das jeder Repräsentation Verweigernde präsentieren lässt, ein weiteres: das des eigenen und öffentlichen Umgangs mit der Zeugenschaft. Wie kann man sich als Betroffener erinnern, das Erfahrene, das sich nur schwerlich fassen lässt, kommunizierbar machen, wie kann man die eigene Perspektive mit der öffentlichen Erinnerungskultur der Nachgeborenen und Täternationen in Beziehung setzen, einer Erinnerungskultur, die oft genug zu unangemessener Identifikation mit den Opfern, undifferenzierter Wahrnehmung, Trivialisierung oder pathetischer Überhöhung, in jedem Fall: einer Art Enteignung des Geschehenen neigt? Und wie kann man das im populären Kino tun, einem Medium, das - anders als die Literatur, wo es (von Klüger bis Kertesz) mittlerweile eine Vielzahl von hochreflektierten Werken zu dieser Thematik gibt - stark an bestimmte, "stringente" Erzählformen gebunden ist und auf ein in vielem weniger vorbereitetes Publikum trifft?

Roman Polanski, der das Krakauer Ghetto überlebt hat, hat sich diese zweite Frage natürlich auch gestellt und sie nicht im Medium des Films beantworten wollen. Er hat mit "Der Pianist" bekanntermaßen keinen Film über das Erinnern und die Möglichkeit der Erinnerung gemacht und keinen über die eigenen Erinnerungen, sondern erzählt die Geschichte des Pianisten Wladyslaw Szpilman, der mehrere Jahre im Warschauer Ghetto war, durch Zufall fliehen konnte und - während seine Familie in Auschwitz ermordet wurde - in verschiedenen Verstecken überlebte. Polanski hat sich nicht nur dessen (nach der Befreiung aufgeschriebene, vor einigen Jahren publizierte) Geschichte anzueignen versucht, sondern auch die Art, wie Spzilman diese Geschichte erzählt hat: kühl und differenziert - wie Polanski immer wieder gegenüber der Presse herausgehoben hat. Die Filmkritik, die dem "Pianisten" fast einhellig Anerkennung entgegen brachte, kennzeichnete diesen Ansatz als "dokumentarisch" und das "Dokumentarische" als wesentliche Qualität des Filmes. Doch natürlich ist der "Pianist" nicht dokumentarisch. Wie könnte er es sein?

Der Eindruck des "Dokumentarischen", der für viele Kritiker so offensichtlich ist, entsteht offenbar vor dem Hintergrund der letzten NS- Kitschfilmwelle oder als Antwort auf Steven Spielbergs "Schindlers Liste", der auf eine Strategie inszenatorischer Überwältigung setzte und - wie der Literaturwissenschaftler Manuel Köppen gezeigt hat - durch Aneignung, Verdichtung und reflektierte Rekombination des populären Zeichenrepertoires zum Thema "Holocaust" den Eindruck der "Authentizität" zu erzeugen versuchte.
Polanski dagegen hat zurückhaltend gearbeitet und auf einige Schemata und Formen "aufwühlender" Inszenierung verzichtet: die schnelle Schlagabfolge spannender Szenen, die inszenatorische Herstellung von Nähe, einen zur Identifikation einladenden Helden, stark emotionalisierende Bild- und Musikfolgen. Er sucht nicht nach neuen künstlerischen Formen, meidet weitgehend den oftmals üblichen pathetischen "Horror", Tränen und Geigen, greift zu einer manchmal fast konventionell wirkenden Bildsprache oder irritiert sogar in einigen Szenen das Authentizitätsverlangen des Zuschauers durch eine kulissenhafte Szenerie. Eine Besonderheit des Films ist die betonte Beiläufigkeit in der Schilderung des NS-Terrors. Immer wieder sind - wie willkürlich und in Entsprechung zu den Willkürhandlungen der NS-Täter - Szenen von Demütigungen, Quälereien und Tötungen in die Erzählung hineingeschnitten. Und während man dies sieht oder noch mit den Abbildern solcher Szenen beschäftigt ist, während die Täter schon aus dem Bild gegangen sind, taucht im Hintergrund eine Tonspur auf, die die Unterhaltungsfetzen deutscher Soldaten hörbar macht: "Haste mal 'ne Zigarette" oder "Mach Dir keine Sorgen - um Deine Frau".

Polanski führt einen nicht mit großer Geste durch das "Schicksal" eines Überlebenden, sondern zeichnet Situationen und Stationen beim Überleben nach: wie Szpilman kurz nach dem deutschen Angriff auf Polen mit seiner Familie ins Ghetto gezwungen wird, wie rapide die Schritte der Entrechtung aufeinander folgen (Umsiedlung, Vermögensentziehung, Berufs- und Lokalverbote, Kennzeichnungspflicht, Arbeitszwang), wie die jüdische Bevölkerung mit dieser Einkerkerung, den alltäglichen Demütigungen durch Wehrmachtssoldaten/SS/Polizei und dem Terror fertig zu werden und das Überleben zu organisieren sucht, und wie nicht fertig zu werden ist mit dem NS-Terror, der bald in ein alltägliches Töten übergeht. An dieser Stelle schweigen im Kino erstmal(s) die Chipstüten: wenn ein Kind, das Lebensmittel außerhalb des Ghettos organisiert hat, beim Versuch, durch ein Mauerloch zurückzuschlüpfen, erschlagen wird; wenn die Polizei bei der Durchsuchung einer Wohnung einen Rollstuhlfahrer, der sich nicht zum "deutschen Gruß" erheben kann, aus dem Fenster wirft und die anderen Verhafteten auf der Straße flüchten lässt, um sie erschießen zu können.
Marcel Reich-Ranicki, der in seiner Autobiographie "Mein Leben" selbst eine sachlich anmutende, betont unsentimentale Schilderung seines Aufenthalts im Warschauer Ghetto gegeben hat, attestierte Polanskis Darstellung in der FAZ, sie sei "meisterhaft gelungen" und "unfassbar authentisch" (- eine andere Authentizität offensichtlich als jene, die das Publikum bei "Schindlers Liste" fand). Marcel Reich-Ranicki hat Recht, und er kann das sagen. Die davon nichts wissen aber nicht. Es steht ihnen nicht zu, dem Film ein Echtheitszertifikat auszustellen. Auch wenn der "Pianist" ein Dokument sein könnte, könnten sie es nicht so lesen.

Mir scheint, Polanski hat dies zu berücksichtigen versucht, denn der Film ist keineswegs so "dokumentarisch" wie unterstellt, sondern arbeitet immer wieder mit Stilisierungen, Symbolen, Überhöhungen; als ob die Geschichte des "Pianisten" doch behutsam mit dem Zeichensystem der populären Erinnerungskultur verknüpft werden müsse. (Oder ist dies nur die Lesart jenes Zuschauers, der sich in dieser Erinnerungskultur bewegt?) Er gibt zwar nicht wie "Schindlers Liste" eine "autoritative Zusammenschau" (M. Koeppen, M. Bratu Hansen) der bekannten Bilder und Zeichen, doch greift er wiederholt auf die Ikonographie des Holocaust zurück. Die Szenen alltäglicher Gewalt im Ghetto - Uniformierte zwingen jüdische Passanten, vor ihnen zu tanzen, ein betrunkener Offizier pöbelt im alkoholverstärkten Machtrausch eine Kolonne von Arbeitern an, ein anderer NS-Scherge hält einen Bautrupp an, wählt wie es ihm gefällt einzelne Arbeiter aus, befehlt ihnen, sich auf den Boden zu legen, und erschießt sie - und die Bilder vom Abtransport der Familie Szpilman "nach Osten" sind voll von Verweisen auf bekannte und oft zitierte Bilder der Judenvernichtung (die Selektion, die Postenkette, die Rampe, der zurückgelassene Koffer). In jener Szene, in der die jüdischen Arbeiter hingerichtet werden, fällt einem das Foto ein, das zum Emblem der ersten "Wehrmachtsausstellung" wurde. In einer anderen Szene sieht man, wie Polizisten/SS-Leute die Leichen erschossener Widerstandskämpfer (Szpilman beobachtet hier längst nicht mehr die Situation im Ghetto, sondern ist in dieser Szene "Zeuge" des Warschauer Aufstandes 1944) mit Benzin übergiessen und in Brand stecken; die Kamera schwenkt hoch und schaut in den Rauch, einen kurzen Moment nur in den dichten Rauch, hinter dem der Himmel verschwindet. Der Betrachter erhält in Szenen wie dieser die Möglichkeit, die Geschichte eines einzelnen Überlebenden mit dem allgemeinen Kontext der NS-Vernichtungspolitik zu verknüpfen, im Gezeigten Hinweise auf das Nichtzeigbare zu finden. Doch die Verknüpfung, die ich hier (ohne Polanskis Zutun) hergestellt habe, ist bezeichnend. Sie scheint weiterzuführen und dennoch verwirrt sie. Und es ist eine Verknüpfung zwischen einem Bild und dem nächsten.

Auffallend waren für mich neben diesen ikonographischen Verweisen auch die im Film sichtbar werdenden Typisierungen. Es gibt "Juden", "Polen" und "Deutsche", und stets sind sie in Kleidung, Habitus, Aussehen deutlich voneinander geschieden. Und es gibt Typisierungen, die einem, weil sie an allzubekannte Muster aus Genrefilmen erinnern, ärgerlich erscheinen. So finden sich unter Wehrmachtshelmen und deutschen Uniformmützen stets die erwartbaren Visagen (Visagen von deutschen Schauspielern übrigens, die in deutschen Krimiserien die Verbrecher spielen - oder einen Tatort- Kommissar). Und die im Film auftauchenden "Polen" sind überwiegend im Widerstand tätig und hilfsbereit gegenüber den "Juden". Eine Szene des Films ist wie aus dem Mythenkatalog der polnischen Nation: Szpilman, der aus dem Ghetto entkommen ist, findet Unterschlupf bei einem polnischen Widerstandskämpfer, der ihn in seinem Keller versteckt, in einem Kabuff, in dem er auch ein illegales Waffenlager angelegt hat. Isoliert betrachtet Klischees, die im Rahmen von Polanskis Erzählung aber keine sind. Die Typisierungen ermöglichen nicht nur, einen klaren Rahmen für Szpilmans Überlebensgeschichte abzustecken, sondern spiegeln die nationalsozialistischen Klassifizierungen. Welcher Deutsche gab einem "Juden" im Ghetto die Möglichkeit, ihn anders zu sehen als als uniformierten "Herrenmenschen"?

Im Bezug auf die Innensicht des Ghettos gelingt es Polanski überdies, Typisierung und Differenzierung zu verbinden. Der Film spielt in mehreren kleinen Szenen die unterschiedlichen Positionen innerhalb der jüdischen Bevölkerung durch. Er spart nicht die Rolle der Ghettopolizei aus oder die Versuche einer Zusammenarbeit mit den deutschen Besatzern, vor allem aber stellt er anhand einzelner Protagonisten dar, welche Formen und Versuche der Selbsterhaltung es gab: das Ausweichen vor den NS-Normen oder die Vorstellung, durch normgerechtes Verhalten der Vernichtung entgehen zu können, der Rückzug in die Familie oder das Klammern an die Insignien des früheren Lebens, die Konzentration auf das physische Überleben oder das Festhalten an kulturellen "Schätzen", die Hoffnung auf Befreiung von außen, die Versuche sozialistischer Organisierung oder die Vorbereitung auf den bewaffneten Widerstand - und er stellt (fast wie im Nachtrag auf Hannah Arendts missverstandene These, das "jüdische Volk" habe sich zu wenig gewehrt) dar, dass alle Strategien gleichermassen rettungslos waren, sein mussten.

Im Kern des Filmes steht die Überlebensgeschichte Szpilmans. Zunächst folgt Polanski der Geschichte von Szpilmans Familie, die 1942 im Zuge systematischer Deportationen in die Vernichtungslager transportiert und aus der Wladyslaw Szpilman kurz vorher durch "fremde Hand" herausgerissen wird. Zuvor werden sie werden auf einem Platz zusammen getrieben, wo sie mit ihrer letzten Habe auf weitere Anweisungen warten. Der Vater erwirbt für seine letzten Zloty von einem Jungen, der Süßigkeiten an die Wartenden verkauft ("was willst Du noch mit dem Geld anfangen?", wird er gefragt) einen Bonbon, den er mit dem Messer auf seinem Koffer zerteilt und herumreicht; einer seiner Söhne und eine Tochter, die man bei der vorhergehenden Selektion verschont hatte, waren daraufhin freiwillig zum Sammelplatz gekommen, um mit den Anderen zusammen zu sein. Als die Familie zu den Gleisen geführt wird, wo der Transport "in den Osten" abfährt, wird Szpilman von einem Ghettopolizisten, den er flüchtig kennt und den er früher einmal um einen Gefallen gebeten hatte, aus der Menge heraus gerissen - gezwungen zurückzubleiben.
Von da ab konzentriert sich Polanski auf die Figur des Überlebenden und zeigt, wie er überlebt: wie er durch die mit Toten gefüllten Straßen läuft, wie er sich in einem menschenleeren Restaurant versteckt, wie er in eine Gruppe jüdischer Zwangsarbeiter unterkommt, wie er nicht ermordet wird, weil ein Nationalsozialist den Arbeiter neben ihm erschießt, wie er nicht ermordet wird, weil ein anderer die Lust an der Misshandlung verliert, wie er nicht ermordet wird, weil ein Soldat bei einer Durchsuchung die im Getreidesack versteckte Pistole nicht zu fassen kriegt, wie es ihm gelingt, da die Wache einen Moment unaufmerksam ist, aus dem Ghetto zu fliehen, wie ehemalige Bekannte sich bereit erklären, ihn unterzubringen, wie er von Unterkunft zu Unterkunft gebracht wird, wie er in seinem Versteck bei einer Haudurchsuchung verschont wird, weil man den Bewohner der Nachbarwohnung abholt, wie er die Zerstörung "seines" Hauses durch deutsche Panzer überlebt, wie er von Versteck zu Versteck zurückweicht bis in die letzte Kammer des Dachbodens im allerletzten Haus. Polanski zeigt, wie der Versuch zu überleben Szpilman in die Rolle des Zuschauers zwingt, der vom Fenster eines Versteckes aus ansehen muss, wie Teilnehmer des Ghettoaufstandes von einem Polizeitrupp umgebracht werden, und vom Fenster eines anderen Verstecks aus die "Niederschlagung" des Warschauer Aufstandes beobachtet.
Das Überleben ist hier nicht Rettung, sondern tiefe Ohnmacht, das Überleben ist Zufall, und Polanski zeigt die Willkür, die in diesem Überleben liegt (, und die von Überlebenden oft nur als "Schuld" begriffen werden konnte). Polanski zeigt das Überleben nicht als Befreiung, sondern durchdrungen vom Terror: das Warten, die Krankheit, den Hunger, die Unterdrückung von Sprache und Artikulation - so dass Szpilman in einem Versteck, in dem ein Klavier steht, über den Tasten spielt und das Fallenlassen eines Tellers ihm zur Todesdrohung wird. Es wird nicht viel geredet, die Dialoge brechen ab, und es gibt keine Vorträge über Moral oder heroische Posen. Polanski gibt Szpilman eine traurige Gestalt. Er zeigt das Suchen nach Nahrung, in leeren Töpfen, der Küche eines leergebombten Hauses, unter den Schalen einer verfaulenden Kartoffel. An seinem letzten Zufluchtsort entdeckt Szpilman eine schwere Dose, die saure Gurken enthält. Er kann sie nicht öffnen, aber muss sie aufbekommen, er kann sie kaum tragen, aber nimmt sie mit und trägt sie mit sich herum. Auf der Suche nach Werkzeugen ist er schließlich ohne jede Vorsicht und - hier implementiert Polanski eine Thrillerszene - wird überrascht.

In das Haus, in das sich Szpilman zurückgezogen hat, wird eine Einheit der deutschen Wehrmacht auf dem Rückzug vor den russischen Truppen einziehen. Während Szpilman die Konserve mit den Gurken zu öffnen versucht, findet ihn ein deutscher Offizier, der das Haus besichtigt. Auch er ermordet Szpilman nicht. Sondern fragt, wer er sei und was er hier mache, erfährt, dass der Mann vor ihm Pianist ist, lässt ihn vorspielen, und anschließend - ganz Musikliebhaber, selbst Klavierspieler - schont er ihn: Szpilman kann in sein Versteck auf dem Dachboden zurückkehren und bis zur Befreiung Warschaus bleiben.
An diesem Punkt wird die sonst zurückhaltende Darstellung des Filmes durch eine teilweise befremdlich wirkende Inszenzierung durchbrochen. Als der deutsche Offizier auftaucht, bekommt er einen Auftritt. Die sonst so zurückhaltende Kamera fährt einige Sekunden lang von den Stiefeln aus seine Uniform hinauf bis in ein Gesicht hinein, das einen an die Propagandabilder von deutschen Helden erinnert [eine ironische Brechung?]; während dieser Held mit Szpilman spricht, scheint er nachzudenken und zuzuhören, als er Szpilman zum Klavier geführt hat und der Pianist um sein Leben spielt, bekommt der Zuschauer immer wieder den kultivierten, sinnierenden Blick des Deutschen zu sehen [die Verbindung von "absoluter Macht" und Kunstverstand?]; dann lässt er sich Szpilmans Versteck zeigen und verlässt wieder das Haus [eine Willkürgeste wie jede Erschießung, wie Susan Vahabzadeh in der SZ angemerkt hat?].
Als er später mit den Wehrmachttruppen im Haus Quartier bezogen hat, sieht man ihn morgens mit sauberer Uniform und Ledertasche das Haus betreten, auf dem Weg zu seinem Schreibtisch die zackigen Rufe der Untergebenen mit zurückhaltendem Gruß beantworten [der Habitus des Schreibtischtäters?], und während er einige Schriftstücke abzeichnet, geht der Blick von seinem Füller zu einem gerahmten Foto seiner Familie [eine kühne Umkehrung: das Bild des braven Familievaters als Verweis auf den Massenmörder?]. Nachdem er seine Unterschriften geleistet hat, geht er mit der Ledertasche auf den Dachboden zum Versteck Szpilmans, ruft "Jude" [die Geste des Herrenmenschen?] und wirft ihm ein Päckchen zu, dessen Inhalt Szpilman dankbar [einfach nur mit der Gier des bald Verhungernden?] verschlingt: ein Kommissbrot und etwas Marmelade. Bevor die Truppen wieder abziehen, kommt der deutsche Offizier noch einmal zu Szpilmans Versteck und teilt ihm mit, dass die Deutschen das Haus nun verlassen werden, schenkt [gibt?] ihm noch einmal zu Essen und nimmt schließlich seinen Militärmantel von den Schultern [der Versuch, sich auf dem Rückzug etwas "Würde" zu erkaufen?], um ihn Szpilman zu geben, damit dieser nicht erfriere [sagt aber: "Ich habe noch einen zweiten: wärmeren"]. Bevor er geht, fragt er "den Juden" nach seinem Namen [und missversteht zynisch?: "Spielmann"], er sagt "Gott mit uns" [und vereinnahmt so das Opfer noch in der Verabschiedung].
Als die ersten polnischen Milizen durch die Straßen fahren, verlässt Szpilman als "Geretteter" das Haus - mit dem deutschen Militärmantel um die Schultern [doch er wird beinahe erschossen und kann nur mit Mühe den Befreiern klar machen, dass er kein "Deutscher" ist. "Was willst Du mit dem scheiß Mantel?", wird er gefragt, und antwortet "Mir ist kalt" - eine Szene in der, wie Georg Seeßlen in der Zeit unterstellt, sich Szpilmans Geschichte von der Ikonographie emanzipiert?]. Später wird der Offizier, der hinter Stacheldraht in einem provisorischen deutschen Kriegsgefangenenlager sitzt, einem vorbeiziehenden befreiten polnischen Musiker davon erzählen, dass er Szpilman geholfen habe. Als der davon erfährt, dem Offizier helfen will und zum Platz des Lagers fährt - eine Szene, die an den Epilog von "Schindlers Liste" erinnert -, ist der Ort leer.

Was ist daran so befremdlich? Das Dargestellte oder die Darstellung? Oder meine Darstellung der filmischen Darstellung (für die Polanski nun das Wenigste kann)? Was ist dargestellt?
Ich weiß es nicht. Und finde, hier taucht ein Problem auf, das sich auch bei anderen populären Filmen über den "Holocaust" und besonders bei "Schindlers Liste" stellt. Man findet in den besseren dieser Filme stets Reflexionen über die Schwierigkeiten der Darstellung des Dargestellten oder Momente - so Georg Seeßlen - wo sie "sie [...] die Grenzen ihrer eigenen Fähigkeiten zur Wahrheit wieder[geben]", wo "sich [sic] alle Erzählweisen des populären Films [brechen]". So richtig dies ist, so richtig es auch ist, wenn KulturwissenschaftlerInnen die komplexen Codierungen von "Schindlers Liste" betonen und den Film gegen eine vereinfachende Kritik in Schutz nehmen, so richtig ist doch auch jene Kritik, die diese Filme "einfacher" liest und auf die Gefahren der Verkitschung, Trivialisierung und Instrumentalisierung hinweist. Denn das Publikum der Filme ist mehrheitlich eben nicht das Publikum literaturwissenschaftlicher Abhandlungen oder feuilletonistischer Filmkritik.
Natürlich lässt sich nicht entscheiden, welchen Eindruck die letzten Szenen des "Pianisten" auf die Leute im Kino gemacht haben; wie derartige Filme wirken und verarbeitet werden, liegt ja noch weitgehend im Dunkeln (zumindest ist die Forschung dazu noch nicht sehr ausführlich). Doch fürchte ich, das die geschilderten Szenen - gerade in ihrem Spiel mit vertrauten Darstellungsweisen und Klischees - wie verkehrt aufgenommen werden. Hier erneuert sich - und das zeigt auch das Presseecho zum "Pianisten" - die Problematik von "Schindlers Liste": es bleibt dann das "glückliche" Ende, das Motiv des "guten Deutschen", ein universelles Lehrstück gegen "Menschenverachtung" und für "Mut" und "Menschlichkeit", es verschwinden die Ermordeten hinter dem Bild der Überlebenden und die Überlebenden hinter dem Bild des Retters.
Georg Seeßlen* schreibt in seiner Besprechung des "Pianisten", dass "die wirkungsvollsten Holocaustfilme der letzten Jahre [...] dadurch [verbunden waren], dass sie immer einen Rest von Identifikation, von Rettung und Erlösung bewahrten und durchaus als Märchen gesehen werden können." Beim Verlassen des Kinos steht eine halbe Chipstüte auf dem Boden.

tlr

* ... dessen Argumentation ich an dieser Stelle umkehre ...