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korrespondenz.biz - 036 (02.12.2002): "Get more from life" (Mobilität 1/2)
Wozu Mobiltelefonie? Erreichen: Mit einem Mobiltelefon kann von überall aus andere erreichen. Man hat eine Panne mit dem Auto und ruft Hilfe. Der Zug kommt nicht und man meldet, dass man sich verspätet. Man erfriert im Himalaya und spricht ein letztes Mal mit seiner Freundin. Man kann nicht nur Leute anrufen, sondern auch Dienste. Nach der Landung ruft man seinen Online-Broker an und verkauft Lufthansa-Aktien, wofür man Bonusmeilen bekommt. Die Zugfahrtzeiten erfährt man vom Wap-Server der Bahn. An erschlossenen Orten bleibt man durch ein Mobiltelefon mit einer vertrauten Umgebung verbunden. Ein großer Teil der Welt ist erschlossen, der größte Teil wird bald erschlossen sein. Romantiker finden das vielleicht unromatisch. Sie fliehen in irgendein Bürgerkriegsgebiet in Zentralafrika. Erreicht werden: Mit einem Mobiltelefon kann man jederzeit und überall erreicht werden. Der diensthabende Arzt darf beim Tennis gestört werden, der selbständige Kleinunternehmer bekommt einen neuen Auftrag, der Freund erfährt, dass er seinen Schlüssel liegen gelassen hat, bevor er in den Bus steigt. Der sorgende Vater wird bei der Everest-Besteigung von der Geburt der Tochter informiert. (Die Kombination von Mobiltelefonie und Bergsteigen ist mir in Werbungen oft begegnet.) Der subalterne Möbelpacker erfährt auf dem vermeintlichen Weg zur Arbeit vom Rausschmiss. Du fährst U-Bahn, und I just call to say I love You. "Hallo, gehen wir heute abend einen trinken?" - "Ich bin gerade in Italien. Ansonsten gerne.", "Wo bleibt Ihr?" - "Wir biegen um die Ecke, ich sehe Dich schon." In Mobile Minded (s.u.) steht: "Perversely, mobility seems to reinforce the importance of the physical location of the user - most people's mobile conversations often start with the question: where are you?" ("Most" und "often" bewahren die These vor schnellem, empirisch begründetem Widerspruch.) Im Zug lautet der von mir am meisten mitgehörte Satz "Ich bin gerade im Zug." Wenn man das Telefon abschaltet, ist man nicht erreichbar und muss nicht erklären, wo man gerade ist, was man gerade macht und was man noch vorhat. Allerdings wissen alle, die einen erreichen wollen, dass man erreichbar sein könnte, sogar von ihnen aber nicht erreicht werden will und dass man insofern eher unfreundlich ist. Wer zur Arbeit ein Mobiltelefon bekommt, dem kann es passieren, dass er es nicht abschalten darf, sondern erreichbar sein muss. Das Mobiltelefon kann als Leine fungieren z.B. für Angestellte, Kinder, die um 12h zuhause sein sollen, und Typen, die einem das Telefon klauen ("Hallo?" - "Wo bist Du?"). Wer sein Telefon abschaltet, dem wird auf die Mailbox gesprochen, so dass ihm kein Nachricht entgeht. Durch Mobiltelefonie bleibt an sehr vielen Orten die vertrauten Umgebung mit einem verbunden. Dass es viele Gründe gibt, erreichbar zu sein, wird ausgenutzt, könnte aber viel stärker ausgenutzt werden, z.B. für SMS- oder MMS-Spams. Location Based Services: Für Telefongesellschaften, die in UMTS-Lizenzen investiert haben, scheinen sich ortsbezogene Dienste als weitere Einnahmequelle anzubieten. Das Telefon wird mit dem GPS oder einem zukünftigen Konkurrenzsystem verbunden, so dass das Telefon relativ genau lokalisiert wird. (Genauer als über die Funkzelle, bei der es sich angemeldet hat.) Der Telefonbesitzer kann sich einen Stadtplan zeigen lassen, wenn er sich verlaufen hat. Er kann sich zu monumentalen Bauwerke führen und kunsthistorisch belehren lassen. Solche Systeme zu realisieren ist nicht trivial. Zum einen ist GPS nicht besonders genau, es lokalisiert einen Nutzer nur ungefähr. Zum anderen muss ggf geklärt werden, wohin der Nutzer gerade guckt (Sieht er die Kirche auf der einen oder die auf der anderen Seite?). Dieses Problem löst GPS nicht. Kein Mensch will, wenn er an einem Laden vorbeigeht, dessen Sonderangebote aufs Telefon geladen bekommen. Evt aber gefiele es dem einen oder anderen Autofahrer, über eine besonders billige Tankstelle in unmittelbarer Nähe informiert zu werden, wenn sein Tank nur noch -- formulieren wir es optimistisch -- halb voll ist. (Die Kombination von Auto und Mobiltelefonie, von zwei Formen der Mobilität also, ist selbstverständlich in Anzeigen und Projektbeschreibungen eine häufig anzutreffende.) Vergessen wir die Werbeidee von Geschäftsleuten, die in einer fremden Stadt über das Kulturangebot informiert werden und, ohne an der Hotelrezeption zu fragen, ein Restaurant empfohlen bekommen wollen. Auf Telefonen Nutzerprofile und Kontaktpräferenzen abzuspeichern, an andere Telefone in der Umgebung automatisch zu senden und zwei Telefone klingen zu lassen, wenn sie sich in unmittelbarer Nähe befinden und ihre Nutzerprofile besonders gut zueinander passen, ist eine sicherlich gut funktionierende Kontakthilfe, hat sich trotzdem nicht durchgesetzt. Universale Schnittstelle: Man kann oder könnte ein Mobiltelefon als universale Schnittstelle zu diversen Geräten benutzen, z.B. als Fernbedienung für Fernseher, Stereoanlage und Licht und als Kreditkartenersatz zum Bezahlen am Automaten oder an der Supermarktkasse. Das Telefon erhält die Funktionen eines PDAs, gespeicherte Daten werden mit denen auf dem PCs zuhause und dem im Büro synchronisiert. Die Waschmaschine meldet, dass die Wäsche fertig ist, der Briefkasten, dass Post gekommen ist, der Kühlschrank, dass Milch fehlt, das Auto, dass es geklaut wurde, das Kind, dass es schreit. Auf Anruf öffnet sich die Parkplatzschranke, kocht die Kaffeemaschine Kaffee, geht das Licht in der Wohnung an und klappt das Klappbett zusammen. Hacking macht Freude.
WapVoodoo und Terrorgotchi:
Ich schlage zwei höchst originelle Dienste für das Mobiltelefon vor.
Mobile Interpassivität: Natürlich möchte man mit seinen Freunden in Kontakt bleiben, andererseits deren SMS-Nachrichten und Anrufe nicht immer gleich beantworten müssen. Der Gebrauch von Funknetzen wird anstrengend, wenn dieses Netze zunehmend von Hackern, Spam-Verschickern oder anderen, die Datenkommunikation nicht im Sinne der Erfinder interpretieren, genutzt werden. Auf die Rezeption von Werbung muss man nicht vollständig verzichten wollen, ein Spam-Filter mag man trotzdem für ein nützliches Werkzeug halten. Das Genusspotential mobiler Unterhaltungselektronik ist groß, der Genuß selber ggf aber aufwendiger als gewünscht. Ein intelligenter Personal Digital Assistant schafft nicht nur Daten heran, sondern filtert diese, reagiert selbständig auf Mitteilungen, sendet schon mal auf eigene Initiative irgendetwas an Bekannte, nimmt einem also einen Teil der Kommunikation ab. Er ermöglicht Genuss, übernimmt den Genuss auf Bedarf selbst, indem er die neuesten Spiele für einen spielt, über Witze für einen lacht (nicht zuletzt über die eigenen) usw. Rober Pfaller hat für deligiertes Genießen den Begriff der Interpassivität geprägt und ein Buch mit entsprechendem Titel herausgegeben. Jemand verhalte sich beispielsweise interpassiv, wenn er seinen Videorekorder Filme für sich gucken lässt. Ich habe mindestens einen Bekannten, der schon so viele Filme aufgenommen hat, dass er das weitere Aufnehmen nicht mehr damit rechtfertigen kann, dass er die Filme irgendwann gucken will. Er müsste sofort in Rente gehen, um alle Kassetten bis zu seinem Lebensende sehen zu können. Das Hintergrundlachen in Witzsendungen rege nicht zum Lachen an, so Pfaller, solle auch nicht zum Lachen anregen, sondern vielmehr dem Zuschauer das Lachen abnehmen. Kafka hat angeblich, als er kein Bier trinken durfte, in einem Lokal jemandem ein Bier ausgegeben, damit dieser es für ihn trinkt und genießt. Ein digitaler Assistent kann mit Terrorgotchi spielen, wenn man gerade weder Zeit noch Lust hat. Er schickt Geburtstagsgrüße an einen Freund, die sofort von dessen Assistenten beantwortet werden. Ein großer Teil unseres Datenaustauschs könnte vollständig von Assistenten übernommen werden, hin und wieder, wenn wir wollten, schalteten wir uns ins Gespräch ein. Mobile Minded: In diesem Jahr ist das Buch Mobile Minded, herausgegeben von NL.Design, zusammengestellt von Mieke Gerritzen und Geert Lovink, erschienen. Laut Vorrede soll das Buch den kritschen Diskurs über eine Theorie der Mobiltelefonie und den künsterischen Umgang mit Mobilität eröffnen. Das Buch besteht aus im NL-Design-Stil gesetzten Parolen, kurzen Beobachtungen und Thesen zur mobilen Kommunikation: Durch mobilen Zugang zu Datennetzen werde ein organisches Netzwerk von perzeptiven, kommunizierenden Agenten (Menschen) gebildet. "The new culture of cellphone communication is leaving the cyberspace behind." "The body is becoming out interface." "Information as decoration." Mobilität garantiere nicht Liberalität. "The mobile minded: Just another tribe of command and control freaks." "The right of mobility means that any person on earth can live anywhereon earth, as long as they follow local laws and pay local taxes." Weitere Beobachtungen: "California: smoking prohibited in bars, restaurants and public spaces, cellphones allowed if not stated otherwise. Holland: cellphones prohibited in bars and restaurants, smoking allowed no matter what." "Gave out soup to people living on the Streets in New York yesterday. One of the homeless men in line keeps shouting into his cellphone: FUCK YOU, FUCK YOU, FUCK YOU! When it is his turn in line, he accepts the soup and milk graciously, thanks me nicely for it, and immediately returns to his phone conversation: FUCK YOU, FUCK YOU, FUCK YOU, FUCK YOU!" Was wir daraus schließen dürfen: Nichts. Vielleicht wird sich schon in zwei Jahren niemand mehr für Mobiltelefonie interessieren. hcs
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