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korrespondenz.biz - 037 (b) (09.12.2002): Infrastrukturelle Erschließung der Welt (Mobilität 2/2) Mobilität zeichnet sich dadurch aus, dass man von A nach B, weiter nach C, ggf zurück nach A usw gelangt und dass die Orte A, B, C, ... in nennenswerter Entfernung voneinander liegen. Mobil ist nicht, wer sich nur vom Büro nach Hause und zurück bewegt. Mobil ist schon, wer sich vom Büro in Karlsruhe nach Hause in Basel, dann zu einem Treffen nach Frankfurt, zum Ausstellungsraum in Kopenhagen und über das Wochenende zur Freundin nach Graz bewegt. Der mobile Mensch gelangt absichtlich von einem Ort zum anderen. Odysseus war auf seiner Odyssee nicht mobil. Hans Dietrich Genscher war als Außenminister sehr mobil. Eine notwendige Voraussetzung für Mobilität sind Verkehrsverbindungen, auf denen man von einem Ort zum anderen gelangt. Die Verbindungen müssen vorhanden sein, es muss Verkehr auf den Verbindungen stattfinden und es muss möglich sein, sich an diesem Verkehr zu beteiligen. Man muss es sich leisten können. Bis vor kurzen war z.B. die Verbindung zwischen Köln und Wien schlecht. Mit dem Zug war man lange unterwegs (10-11h), Flüge waren teuer. Billigfluglinien bringen einen jetzt schon ab 29 Euro in kurzer Zeit von Köln nach Wien. Eine notwendige Voraussetzung von Mobilität ist weiterhin die Zugangserlaubnis zu den angestrebten Orten. Visabestimmungen können einen hindern, an das gewünschte Ziel zu kommen. Für den Großteil der Weltbevölkerung sind Migrationsbeschränkungen stark mobilitätshemmend. Mobil sind in erster Linie Bürger reicher Industriestaaten. Auch für die allerdings ist es nicht selbstverständlich, ein Visum für die Einreise in jedes Land zu bekommen. Gabun z.B. verfährt bei der Ausgabe von Visa stark selektiv. Mobilität zeichnet sich nicht dadurch aus, dass die Orte, zwischen denen man sich bewegt, in nennenswerter Weise voneinander verschieden sind. Dieses, im Gegenteil, kann der Mobilität abträglich sein. Die Dienstreise wird zum Problem, wenn man nicht weiß, wie man ein Hotelzimmer bekommt, wie man ein Taxi ruft und wie man im Restaurant bestellt, womit ja schon vorausgesetzt ist, dass es Hotels, Taxis und Restaurants gibt. Die Reise wird ununterhaltsam, wenn man sich nicht zu beschäftigen weiß, weil Zerstreuung die Kenntnis einer fremden Sprache voraussetzt. In Frankfurt am Main schließt man lieber Theater als dass man Subventionen für die Oper kürzt, denn Opernaufführungen verstehen auch des Deutschen nicht mächtige Besucher, von denen man einige in Frankfurt haben will und denen man etwas bieten muss. Kulturelle Eigenarten sind für den Besucher interessant, aufschlussreich und unterhaltsam, solange er ihnen auf Wunsch entkommen kann. Schön ist es, wenn Hammelhoden angeboten werden, allerdings nur, wenn man auch etwas anderes bestellen darf. Gerne entkommt man zwischenzeitlich der Fremde und trifft Menschen, mit denen man ohne Mühe sich unterhalten kann, am besten in der Muttersprache. In Frankreich natürlich trifft man nur ungern deutsche Touristen, aber dort muss man sich auch nicht von der Fremde erholen. Aber einem Bekannten, der nach Tokio fährt, empfehle ich das Kimi Ryokan. Er antwortet, das sei ihm schon mehrfach empfohlen worden. Kein Wunder: Sämtliche Europäer, die nach Japan fahren, scheinen dort erstmal unterzukommen, Fernsehn zu gucken, Dosenbier zu trinken und über Preise zu stöhnen. Das Kimi Ryokan wird auch vom Lonely Planet empfohlen. Reisenführer dienen der Mobilität enorm. Sie erschließen die von ihnen beschriebenen Orte, indem sie erstens dem Leser über Gegenheiten aufklären, örtliche Einrichtungen -- Unterkünfte, Restaurants etc -- bewerten und den Leser zu diesen Einrichtungen leiten. Zweitens forcieren Reiseführer durch ihre Bewertungen Veränderungen am Zielort selbst. Das gilt für den Michelin, dessen Bewertungen Orientierung für Gastronomen und Hoteliers in Frankreich sind. Das gilt besonders stark den Lonely Planet, den Reiseführer der Mittelklasse schlechthin. Lonely Planet Führer gibt es für jedes Land der Welt. Ihre Autoren haben die Haltung des verständigen Individualtouristen, der mit scheinbar wenig Geld in ferne Länder reist und nicht so gerne "Tourist" genannt wird. Dieser Reisende gebraucht den Führer, um günstige Angebote auswählen, seine Ausgaben gering zu halten und bei der Wahl seiner Ziele keinen großen Unwägbarkeiten ausgesetzt zu sein. Vor einer Reise nach Rumänien suche ich mit meiner Freundin im entsprechen Lonely Planet ein Budget Hostel in Bukarest. Wir reservieren. Nach unserer Ankunft stellen wir fest, dass das Hostel so ist, wie alle Hostels auf der Welt, schön also: Wie eine sehr kleine Jugendherberge, die Wände farbig angemalt, mit bunten Alternativreiseprospekten, einer abenteuerlich kalten oder kochend heißen Dusche und einer Waschmaschine im Keller. Man trifft Rucksacktouristen aus aller Welt, unterhält sich mit ihnen über die im Führer beschriebenen Reiseziele und die Bierpreise vor Ort. Bald finden wir heraus, dass die Übernachtung im 6-Bett-Zimmer des Hostels viel teurer ist als die im deutlich bequemeren Zwei-Bett-Zimmer eines der umliegenden Hotels. Wir reservieren für die nächste Nacht ein richtiges Hotelzimmer. Dort schließlich eingezogen freuen wir uns, dass das Bett nicht zu weich, das Duschwasser angenehm warm und das Frühstück lecker ist. Leider aber sind die übrigen Gäste durchweg rumänische Dienstreisende, die partout kein Interesse zeigen, sich mit uns über im Lonely Planet beschriebene Reiseziele und rumänische Bierpreise zu unterhalten. Ein Reinfall also. Auf unserer weiteren Reise kommen wir in einen Teil der Walachei, der im Lonely Planet nicht beschrieben wird. Wir haben noch einen zweiten Reiseführer von einem Autor, der als DDR-Bürger Rumänien mehrfach bereiste. Er beschreibt die Gegend als besonders schön, nennt aber keine Hotels oder andere Unterkünfte. Wir fahren trotzdem hin. Es ist toll. Wir haben das Glück, bei einer Frau, deren Mann in Deutschland arbeitet, und deren Familie unterzukommen. Die Gegend ist touristisch nicht erschlossen, wir haben unser Glück also nötig. Eine Beschreibung im Reiseführer hätte uns die Erschlossenheit des Reiseziels versichert. Mit Missfallen beschrieben -- z.B. in der Touristik-Beilage der NZZ -- wird von Zeit zu Zeit der Einfluss des Lonely Planet in Bangkok. Dort sollen ganze Hostel-Viertel entstanden sein. Diese entsprechen den Bedürfnissen jugendlicher Mittelklasse-Reisender, bieten bunte Unterkünfte, Interent-Cafés, Bierbars, Diskotheken mit bekannter Musik und verträgliches Essen. Beobachter erklären, dass der Großteil der Reisenden diese Gegenden erst gar nicht verlasse, im eigentlichen Sinne also nicht nach Thailand gereist sei. Wer aber reist schon, um die Scheißerei zu kriegen? In Kathmandu soll es ähnlich aussehen in Bangkok. Allerdings, so wurde mir berichtet, werde das Stadtbild dort auch sehr stark von Jack Wolfskin Shops und anderen Läden für Wanderbedarf bestimmt. Wer nach Nepal reist, darf also nicht nur seine Zahnbürste, sondern auch seinen Fleece-Pullver vergessen. Furchtbar finden das Menschen, die die echte Fremde suchen und Orte wie den Harzer Brocken bei Caspar David Friedrich. Sie verlangen verständlicherweise das Privileg, an Orte zu kommen, an denen die Masse nicht schon ist. Das ist durchaus möglich, allerdings entweder gefährlich oder teuer. In der Zentralafrikanischen Republik, in Sierra Leone und Liberia wird man wenige Touristen treffen. Der Kaukasus und der Osten der Türkei dürften auch nicht überfüllt sein. Dort wollen aber aus guten Gründen nicht nur keine Touristen hin, dort wollen sogar die nicht-bewaffneten Einheimischen weg. Touristen streben nicht an, sich der Migration entgegen zu bewegen. An Kap Hoorn zu stehen und den Winden zu trotzen, auf Motorschlitten durch den kanadischen Winter zu rauschen, auf Guadeloupe oder Martinique abzuhängen oder in Patagonien das Abenteuer Stille zu bestehen ist sicher weitaus geiler aber nicht billig und auch nicht wirklich abenteuerlich (vgl http://www.spiegel.de/reise/fernweh/). Aktivisten, die aus situationistischen Organisationen mit Arschtritt entfernt werden, träumen, in den Weltraum zu ziehen. Leute, die es sich leisten können, buchen schon. hcs
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