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korrespondenz.biz - 038 (16.12.2002): Art & Cognition Kunstwerke sind, soviel sollte unstritting sein, immer Ergebnisse intentionaler Akte. Hinter jedem Kunstwerk steckt eine Entscheidung, und (mindestens) ein Entscheider. Wenn ich versehentlich einen Becher Farbe über einem Blatt umstoße, ist der entstehende Fleck nur dann (vielleicht) ein Kunstwerk, wenn ich mich dafür entscheide. Eine Bergkette kann man vielleicht "ein Kunstwerk der Natur" nennen, das ist aber nur eine Trope, in der der Natur eine Intention zugesprochen wird. Intentionen zu formen nun ist eine Funktion der menschlichen Kognition, und damit ist eine Verbindung gemacht zwischen den Begriffen des Titels. Es bieten sich hier zwei mögliche Fragestellungen an: Was kann uns Kunst über Kognition sagen? In dieser Stoßrichtung wäre Kunst verstanden als ein kulturelles Artefakt wie zum Beispiel Sprache, anhand dessen man dem Funktionieren der Kognition auf die Spur kommen kann. Komplementär dazu ist die Frage, was Kognition uns über Kunst sagen kann, oder spezieller, "what can science tell us about the production and perception of works of art?" Dieser Frage geht das virtuelle Symposium art_and_cognition nach, das von der in Frankreich basierten Organisation Euro-edu-Association ausgerichtet wird. Seit Ende November und noch bis Mitte Januar werden auf der angegeben Webseite kurze Artikel zum Thema veröffentlicht und diskutiert. Ich möchte hier stellvertretend zwei der bereits erschienenen Texte kurz diskutieren, um vielleicht zum Besuch des Symposiums anzuregen. In der Einleitung oben haben wir für unstrittig erklärt, dass Kunstwerke in einem konstitutiven Verhältnis zu Intentionalität stehen. Das jedoch grenzt Kunstwerke nur von Resultaten unabsichtlicher Akte ab, nicht jedoch von Ergebnissen anderer intentionaler Akte, wie zum Beispiel Naseputzen. Eine intensionale Definition des Begriffes "Kunstwerk", also eine über Angabe von Eigenschaften und nicht durch bloße Aufzählung von Vertretern, versucht der französische Philosoph Roberto Casati in The Unity of the Kind Artwork. Zur Vorbereitung seiner These baut Casati erst einmal einen Strohmann auf, gegen den argumentiert wird: die "Kunst-als-Nachricht-Theorie". Nach dieser Theorie (die in guter Strohmann-Tradition natürlich so von niemandem ernsthaft vertreten wird) haben Künstler etwas zu sagen, das sie mühsam kodiert in Kunstwerke verpacken und das vom Empfänger mühsam ausgepackt werden muss. Das, so Casati, ist ein falsches Bild, denn es erklärt nicht unseren Umgang mit Kunstwerken. Richtig hingegen sei, dass Kunstwerke Gespräche evozieren: Die work of art as conversational prompt-Theorie. Objekte müssen maximal neuartig sein, Aufmerksamkeit erregen, und hinreichend komplex sein, um vielleicht erfolgreich Konversationzu stimulieren und zu erhalten im linguistischen Kontext des Kunstdiskurses. "Works of art are objects created with the chief aim of making conversation possible." Es seien hier zwei Einwände gegen diese (Anfänge einer) Theorie eingebracht -- ganz abgesehen davon, dass es beeindruckend ist, wie der Autor sich um den Begriff "Sprachspiel" drückt, dem er offensichtlich viel (alles?) zu verdanken hat. Zum einen ist sie natürlich kaum restriktiver als das in unserer Einleitung gegebene. Den von Stockhausen und auch von Damien Hirst behaupteten Zusammenhang zwischen Konzeptkunst und Terroranschlag jedenfalls kann diese Theorie nicht widerlegen: Akte des Terrorismus sind oft auch beabsichtigt maximal neuartig, aufmerksamkeitserregend und komplex. Die (recht modische) Verschiebung der Beweislast in die Domäne der linguistischen Praxis gibt bestenfalls den Anfang einer Theorie. Schwerwiegender jedoch ist, dass diese Theorie völlig den Objektcharakter mancher Kunstwerke aus dem Blick lässt, Benjamins Aura. Kann man Konversationen Affektion entgegenbringen? Thierry de Duve: "you are in love. and just as you need no theory of woman to love a woman, or of man to love a man, you need no theory of art to love art." Die Bandbreite auf dem Symposium vertretener Meinungen wird verdeutlicht durch den zweiten Artikel, den ich hier kurz ansprechen möchte, Pictorial Language des Künstlers Avigdor Arikha. In diesem Artikel wird dann doch etwas vertreten, dass der Kunst-als-Nachricht-Theorie gefährlich nahe kommt. Arikha behauptet die Existenz einer Grammatik der Bildsprache, deren Elemente Linie, Form und Farbe sind. Aufgabe einer kognitionswissenschaftlichen Herangehensweise an Kunst wäre es dann, diese Grammatik herauszuarbeiten; vielleicht ähnlich wie die Linguistik seit Chomsky eine universale Grammatik erarbeitet aus den vorliegenden Sprachdaten. Solch eine Position muss einen aber natürlich zu einem gewissen Konservatismus führen: "the regression of the 1960s perpetuates a setback, one that influenced art cognition negatively." Auch in diesem Paper zeigt sich ein Problem, nämlich das der Kürze, und so ist auch dieser Aufsatz mehr Behauptung als Belegung. Aber dennoch interessant, und anregend, wie die Kommentare auf der Website belegen. Die noch folgenden Texte versprechen vielleicht sogar noch interessanter zu werden, mit einem Paper zur Frage, ob sich Kunstwerke "übersetzen" lassen von einem Medium in ein anderes, einem Paper über kollektive Kreation, und einem eher technischeren, der der neurobiologischen Basis von Kunstempfinden nachgehen wird. Es lohnt sich also, der virtuellen Konferenz in den nächsten Wochen noch einen Besuch abzustatten. das
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