korrespondenz.biz - 040c (30.12.2002): Film des Jahres 2002: Donnie Darko (Richard Kelly)


Frei nach Vladimir Nabokov sind die dümmsten Filmzuschauer diejenigen, die sich in der Hauptfigur sehen, anstatt den Film und seine Bilder im ganzen zu schauen und zu würdigen. Was mich für die ersten Minuten von Donnie Darko, meinem Film des Jahres 2002, zu einem schlechten Zuschauer macht: der Film beginnt zu "Killing Moon" (Echo & the Bunnymen), ein Untertitel sagt uns, dass es 1988 ist, ins Bild radelt die Hauptfigur (eben jener Donnie Darko), um die 16 Jahre alt, und sofort sehe ich: mich. Wie gut für mich und Nabokov also, dass Donnie nur wenige Sequenzen später von einem menschengrossen Hasen besucht wird, der ihm das Ende der Welt vorraussagt, in knapp 26 Tagen. Das ist mir damals nie passiert. (Auch war das Wetter im Oktober 1988 vermutlich viel schlechter, wo ich damals lebte; leider nicht in Kalifornien, nämlich.)

Donnie Darko ist das Debut des 25jährigen amerikanischen Regisseurs Richard Kelly (der 2. -- toll, diese Amerikaner), der auch das Drehbuch schrieb; die Enstehungsgeschichte ist wie üblich: unbekannter Autor verschickt Drehbuch, Stars werden überzeugt (Drew Barrymore, Noah Wyle (Dr Carter aus ER), Patrick Swayze), die für Bruchteil der Gage usw. Aber das soll uns nicht interessieren. Die Tagline des Filmes ist "David Lynch crossed with John Hughes", und das ist gar keine schlechte Beschreibung. Donnie wird nicht verstanden von seiner Umwelt, wie das Teenagern so geht. Allerdings ist da noch der sprechende Hase Frank, und das Ende der Welt, das nur Donnie abwenden kann. Die klare Diagnose: Paranoide Schizophrenie. Doch der Film bleibt bei Donnie. Die Handlung wird merkwürdig. War das ein belangloses Wort des Lehrers, oder ein Hinweis auf etwas? Ist Frank die Verkörperung seiner Krankheit? Oder ist das hier ein science fiction-Film?

Aus der Spannung, diese Ambiguität nie, oder erst ganz am Schluss, aufzulösen, bezieht der Film seine Stärke; dazu liefert er noch eine Beschreibung eines Vorstadt-Umfeldes, zum Ende der Reagan-Zeit, das plausibel ist, aber doch so klarerweise daneben, dass Schizophrenie eine gültige Option sein muss. Nur ganz selten greift der Film daneben -- stürmische Wolken sind vielleicht etwas zu häufig zu sehen -- meist sind Bilder und Story angenehm im Einklang. Donnie Darko, ein eindrucksvolles Debut, und ein weiteres Beispiel dafür, wie die guten amerikanischen Indie-Produktionen auf dem Stand der Unterhaltungskunst sein und doch darüber hinaus weisen können.

Um auch noch meinen schlechtesten Film den Jahres anzuhängen: Die Entdeckung des Himmels, ein weiteres Beispiel dafür, dass Europäer keine Filme machen dürfen sollten, oder zumindest keine Gemeinschaftsproduktionen. Man sieht sie förmlich in ihren Konferenzen, Fördergelder genehmigend, endlich mal ein anspruchsvoller, kulturell wertvoller Film. Heraus kommt prätentiöser Quark, ohne Respekt für's Erzählen, ohne Gefühl für das Nichtzeigen, das stärkste Mittel des Kinos.

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