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korrespondenz.biz - 040d(30.12.2002): Aufräumen 2002 Nachdem die Gänge eines Erfurter Gymnasiums, sächsische Vorgärten und Häuser nach Elbe-Flut, jegliche Kriegsvorbehalte und das Tiefkühlfach eines Kannibalen ausgeräumt sind, ist es plötzlich, wenn auch irgendwie erwartet, an den Journalisten, ihre bis dahin unantastbar gewähnten Arbeitszimmer zu räumen. Seitdem geht es Deutschland wirklich schlecht, denn die, die es tagtäglich beschreiben, verlieren haufenweise ihre Jobs. Glücklich sind die, die sich trotz ihres hart erlernten Handwerks Akademiker nennen dürfen, steht ihnen doch im Arbeitsamt ein eigener Flur zu. Manchmal sogar mit Auslegware, die dem Unterschied zum zigarettenstummelgebräunten Linoleum eine irgendwieartige Prägnanz verleiht. Im Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg auf jeden Fall zeigt ein freundliches Gelb an den Wänden die Akademikergrenze an. Doch fangen wir am Anfang an. Schon in der Ubahn-Station weist ein diskretes Schild dem Suchenden den Weg: Arbeitsamt, Pfeil nach links. Treppe runter, urinstinkender, gekachelter Gang, sehr scharfe Kurve, Rolltreppe nach oben, Drehung um 180 Grad, und nun den Massen folgen. Denn egal an welchem Tag -- und zwei Versuche sollen hier reichen -- zieht eine Menge stoisch den Weg entlang, der bekannterweise beim ersten Mal länger erscheint. Viele rauchen. Viele tragen Schnurrbärte. Das Gebäude ist groß und erinnert an eine Gesamtschule nach dem Pausenklingeln: Immer knäuelt es sich am Eingang. Die, die schon mal da waren und wissen, wo sie hin müssen, gehen direkt zu den Fahrstühlen. Die "Neuen" warten vor dem Hausmeister-Kabuff, in dem eine hilflos gealterte Blondine mit Pudel-Applikation auf dem Plüschpulli ihren pinkfarbenen Lippenstift nachzieht und gleichzeitig telefoniert -- die Sachlage ignorierend. Aber Murren tut niemand. Denn keiner erwartet Gutes. Auf der Ablagefläche zwischen ihr und denen ohne Arbeit liegen bunte Zettel mit Raumnummern und Stockwerkbezeichnungen, die sie verteilt, wenn sie aufgelegt hat und man ihr sagt, was man ist. Akademiker sind orange und im zweiten Stock. Die metallene Aufzugauskleidung ist vollgekritzelt, und die Menschen blicken sich kurz scheu lächelnd in die Gesichter. Das kann aber auch an Berlin liegen. Kanariengelb also. Die Farbe könnte auch an die Wände eines Kindergartens passen, fehlen nur die ausgeschnittenen Zirkustiere. Stattdessen hängen IT-Fortbildungskurs-Poster da. Dieses Gelb erinnert an die klassische Musik, die im Hamburger Hauptbahnhof aus unzähligen Lautsprechern tropft, um das Bahnhofsvolk der Junkies und Obdachlosen friedlich zu stimmen. Hier aber ist es still. Angespannt still. Zuerst kommt M bis Z, keine Ahnung warum, weiter den Gang entlang kommt schließlich der Sackbahnhof für A bis L. Vor einer Theke wie beim Arzt kommt man zum Stehen und sucht vergebens den Apparat mit den Nummern zum Abreißen. Stattdessen wird man zuvorkommend nach seinem Begehr gefragt, die Computertastatur klickert, und dann soll man sich setzen, bis man "gleich" drankommt. Auf den orangenen Plastikstühlen sitzt einem eine ältere Frau in einem eleganten Anzug gegenüber -- mindestens Armani -- ans Stuhlbein gelehnt ist ihre "Mandarina Duck" Aktentasche und daneben eine KDW-Tüte. Man wird von seiner Sachbearbeiterin persönlich abgeholt. In ihrem Büro mit Weihnachts-Deko um den Computermonitor lächelt sie schief und geht den ausgefüllten Zettel mit den persönlichen Angaben zwei bis acht Mal durch und fragt Formulare ab. Dann reicht sie drei Blätter, auf denen hinter Codes Kenntnisse und Fähigkeiten wie "Windows NT", "Film, Fotografie" oder "Literaturwissenschaft" oder "Byzantinistik" stehen. Zehn Kreuze pro Zettel sind erlaubt. Dafür hat man eine halbe Stunde im Wartezimmer, und da fallen einem die Blumen an der Theke auf. Zahnarzt, ich muss mal wieder zum Zahnarzt. Ein Mann grimassiert, als hätte er das auch nötig. Später erhält man mehrere Mappen für den "Weg zum Arbeitsplatz". Die Beamtin rattert einen Text runter, den sie selbst nicht versteht, denn jede abweichende Frage wirft sie aus der Bahn. Gespickt mit Wörtern wie "Profiling" und "Recruiting" wird der Weg gezeichnet. Die ganzen Fragen zur Situation und Ausbildung waren eigentlich umsonst, denn ein Profiling-Kurs steht noch an. Da soll festgestellt werden, was man wirklich kann. Da hat der Schöneberger Akademiker Glück, in Friedrichshain gibt's das noch nicht. Als man mit formularschwerer Tasche und schlechtem Gefühl wieder herauskommt, wird vor dem großen Gebäude gestreikt. Ein paar Leute in Verdi-Mülltüten stehen mit dampfenden Tassen im Schneeregen und lachen. Noch. hap
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