korrespondenz.biz - 041 (06.01.2003): Die digitale Revolution [Druckversion (pdf)]  [Weblog]


2002 war das Jahr, in dem ich die digitale Revolution verstanden habe. Etwas anti-zyklisch, zugegeben, hatte doch spätestens 2002 jedes mittelgrosse Dorf seinen eigenen Internetpleitier, waren handfeste Werte, Produkte, Dinge, Ernsthaftigkeit, Krise so in wie Ironie out war (und wohl auch 2003 bleiben wird). Ich jedoch habe mir einen portablen MP3-Spieler gekauft, und jetzt habe ich endlich begriffen, was ich schon immer wusste: digitale Daten kennen kein Zuhause. Kein Original, keine Fälschung. Jeder Versuch, sie zu verkaufbaren Gegenständen zu machen, wird scheitern.

Meiner verspäteten Epiphanie zum Trotz war 2002 aber auch das Jahr, in dem jene alte Kupplerin, die für lange Jahre alle die zusammenführte, die nämliche Revolution schon vor Jahren verstanden hatten, nach langer Krankheit verstarb: Napster, noch vor Jahren an den beliebten internationalen Finanzmärkten höher bewertet als das Bruttosozialprodukt so manchen Staates, wurde für das bei solchen Gelegenheiten übliche symbolische Kleingeld verscherbelt; zur Ausschlachtung, um im Bilde zu bleiben. Hatte die Konterrevolution also doch gesiegt?

Denn noch etwas änderte sich 2002: Plötzlich war Content nicht mehr selbstverständlich umsonst. SpiegelOnline z.B. wollte mich irgendwann nicht mehr allen Links umsonst folgen lassen, rattelte vielmehr penetrant mir mit dem Klingelbeutel vor der Maus umher. Sollte Information plötzlich doch nicht mehr frei sein?

Hier nun ist meine These, die diese Ereignisse zusammenführt: Wenn der Markt nicht eine solche grausige Anarchie wäre, ohne Sinn und Verstand, sondern z.B. eine Diktatur mit z.B. mir als (gutmütigem) Diktator, wäre alles anders gekommen, das Internet nicht verbrannt für's Geldverdienen, die Wirtschaft immer noch am Brummen, Berlin Mitte immer noch voller Sushi-Förderbänder und frei an Rudis-Reste-Rampe-und-more-Läden, Mikli-Brillen immer noch der letzte Schrei. Ich hätte es nämlich besser gewusst, und besser gemacht. Ich hätte ungefähr 1995 Micro-Payment eingeführt, und ich hätte MP3s legalisiert.

Wir sehen hier nämlich zwei sich annähernde Entwicklungen. Die Anbieter von Informationen (im engeren Sinne) waren immer schon da, aber umsonst, wollen jetzt aber Geld verdienen (oder zumindest nicht mehr verlieren). Die Musikanbieter (und bald auch die Filmanbieter) waren nicht (legal) präsent, wollen es jetzt aber sein, und endlich Geld verdienen (oder zumindest nicht mehr verlieren). Das ist die Ironie an der Entwicklung, dass nämlich die technischen Möglichkeiten vor langer Zeit schon, weit bevor die Massen das Internet entdeckten, bereit standen:

  • Es gab bereits Mitte der 90er mehrere Systeme, das anonyme, bequeme und schnelle (und das sind alles Eigenschaften, die nicht trivial sind zu realisieren mit digitalen Daten) Bezahlen tatsächlicher kleinster Beträge (wir sprechen hier von Beträgen wie .5 Cent, nicht so lächerliches wie 40 Cent für einen Artikel wie bei SpiegelOnline) für über das Internet bezogene Daten zu ermöglichen. Die Einführung dieser Systeme scheiterte an dem Desinteresse der Banken, Konkurrenz zur Kreditkarte einzuführen, und am Desinteresse der Content-Anbieter, den Benutzer zu verprellen in Zeiten voller Werbungsbudgets. Getreu des Betamax-Musters haben wir jetzt, wo niemand mehr etwas zu verschenken hat, kein Geld mehr für Werbung da ist und sowieso zuviel Kompetenz, diese Werbung zu ignorieren, viel Schwund an interessanten Informationsquellen, und für die noch existierenden nur noch nicht- oder halb-anonyme, unbequeme und langsame Bezahlwege.
     
  • Seit Musik auf CDs vertrieben wird -- also seit Mitte der 80er -- war klar, dass Musik nur noch Daten sind, denen egal ist, wovon sie getragen werden. Seit Erfindung der MP3-Kodierung war es klar, dass diese Daten durch dünne Leitungen passen. Seit Erfindung der peer-to-peer-Netzwerke war klar, dass sich Nachfrage ein Angebot sucht. Hätte, siehe oben, ein Bezahlsystem existiert, das eine angemessen niedrige Bezahlung einfach erlaubt, und ein Vertriebssystem mit einem vergleichbaren Angebot, müssten jetzt nicht Anwälte reich gemacht werden.

Hat all das die digitale Revolution verhindern können? Natürlich nicht. Aber aufhalten. Damit so etwas nicht wieder passiert, sollte ich Diktator werden.

das