Heimat/Fernbahnhof
(Infrastrukturelle Erschließung der Welt 2)


korrespondenz.biz --- 048 (24.02.2003) --- [Print-Version] --- [Kommentare]
 
 

I.

Es gibt eine literarische Phantasie über das Verreisen, die zugleich eine Phantasie über eine bestimmte Art zu Leben ist und eine bestimmte Vorstellung vom Individuum transportiert. Sie findet sich in Romanen, wird einem aber auch von Freunden erzählt und von Sängern vorgetragen. Wherever I lay my hat, that's my home. Alles was wirklich wichtig ist, hat man bei sich, sagt die Phantasie. Ich könnte jeder Zeit meine Sachen in einen Koffer packen und in den Zug steigen.
Weiter geht sie meist nicht, der Rest ist auch in der Phantasie Vorstellung. Doch genau darum geht es, nicht um ein definiertes, möglicherweise erstrebenswertes Ziel, sondern um die Loslösung, Unabhängigkeit, Autonomie gegenüber dem, was sich im täglichen Leben um einen herum angesammelt hat. Man wird es zurücklassen, sich ohne das alles zurecht und etwas neues finden können.
Versucht man diese Phantasie weiter, über das Schließen des Koffers und das Besteigen des Zuges hinaus, als Phantasie über das Reisen zu denken, dann sagt sie einem, dass man nicht viel braucht, um sich zurecht zu finden außer einem System, mit dem man die Welt verstehen kann und der Fähigkeit, mit der Welt zu kommunizieren (+ ein paar Hemden und zu viel Geld). Man braucht nur sich.

II.

Steigt man dann aber wirklich in den Zug, kann einem die Phantasie schnell abhanden kommen. Man setzt den Koffer ins Gepäcknetz, den Hintern auf die Auslegeware, und richtet sich ein: fährt die Lüftung hoch, knipst am Schalter der Leseleuchte herum, nimmt Strom aus der Steckdose, prüft das Display in der Armlehne und vergewissert sich auf dem Faltblatt "Ihr Reiseplaner" des Filmangebots in der 1. Klasse. Die Strategie der Bahn, dem Reisenden das Reisen vorzuenthalten, indem man die Fahrt zur Unkenntlichkeit verkürzt, das Fahrgefühl verwischt und um den Sitzplatz eine multimedial beschallte Komfortzelle errichtet, trifft auf eine empfangsbereite Kundschaft. Dem infrastrukturellen Angebot entspricht ein weit verbreite Erwartung.
Zum Zugfahren gehört nun das Andocken. Die Einsteigenden verdrahten sich umgehend, der Blick geht auf den Bildschirm, die Panoramascheiben bleiben blind, im Ohr fünf Kanäle. Man schaut nicht aus dem Fenster, sondern ins Faltblatt, vergisst den Rhythmus des Fahrens über dem Fingern an der Fußleiste und vermisst nicht mehr die Zeit zwischen Abfahrt und Ankunft, die zur schönsten Ungewissheit gehört, die das Reisen bieten kann. "Wo bist Du", spricht es aus den Handys, "ich bin im Zug", spricht es in die Handys. "Ich bin gleich da." "Gleich zu Hause." Es kann nicht mehr lange dauern.
Man sieht: mindestens ebenso wichtig wie das Erreichbar-sein und das Erreicht-werden, welches hcs an dieser Stelle bereits beschrieben hat, ist die Möglichkeit, alles erreichen zu können. Man muss nie ganz weg sein, niemals so ganz gehen, denn wenn man mal weg muss, nimmt man seine Welt mit auf den Weg. Man reist mit Kommunikationsstruktur, am Arbeitsplatz und unter ständiger Vergegenwärtigung seines zu Hauses - soweit es technisch reproduzierbar ist.
Niemand reist mit beschränktem Gepäck.

III.

Wie letztens, als ich mit dem Zug fuhr. Stieg ein geschniegelter Mann zu und platzierte sich in der Vierergruppe neben meiner. Er hatte einen stattlichen Pilotenkoffer bei sich, dem er einen der Sitze reservierte. Geschäftsreisender, dachte ich. Er verschwand im Gang, blieb dort drei Sekunden und tauchte mit einem weiteren großformatigen Gepäckstück wieder auf. Das er nach einem prüfenden (möglicherweise warnenden) Blick in die Umgebung auf Sitzplatz Nummer 2 zurückließ. Um wenig später, mit einem schmalen Schweißfilm auf der Stirn, eine schmucke, anscheinend gewichtige und ebenfalls schwarze Sporttasche auf den Sitz neben dem Pilotenkoffer zu wuchten. Wo noch frei war, setzte er sich.
Dann holte er aus seiner Sporttasche ein Eau de Toilette und eine Stange Zigaretten, die er im Laufe der fünfstündigen Fahrt auf handhabbares Maß kürzte. Nachdem er seine Handgelenkinnenseiten mit dem Alkohol präpariert hatte, entnahm er dem Pilotenkoffer einen Laptop, den er rasch verkabelte. Der andere Koffer spendierte einen portablen CD-Player, den er mit dem Laptop verband. Eine 10er CD-Box aus der Sporttasche fütterte das Gerät, und während Robbie Williams zu singen anfing, begann der Windows Media Player auf dem Computerbildschirm seine osmotisch-neurasthenischen Astralgrafiken zu erzeugen. Mit einem Kopfhörer im Ohr begann der Mann E-mails zu schreiben, wechselte zwischendurch von Williams Track Nummer 1 zu Williams Track Nummer 7, von Williams zu Wonderwall, von Kippe zu Kippe, Taskfenster zu Taskfenster und alle Zugdurchsage lang ans Telefon, zu einem Gespräch mit seiner Frau, das er bald komme, er sei auf, es dauere nur noch, dem Weg.

IV.

Wie hcs hier an anderer Stelle bemerkt hat, zeichnet sich "Mobilität nicht dadurch aus, dass die Orte, zwischen denen man sich bewegt, in nennenswerter Weise voneinander verscheiden sind"; Mobilität erfordert eine infrastrukturell erschlossene Welt. Auch dem Mann, der nur mit einem Koffer in der Hand in den Zug steigt, wird dies so gehen. Er braucht einen Zug, in dessen Speisewagen er über den Rand seines Whiskyglases schauen, er braucht einen Tisch im Hotel, an dem er seiner Reiseschreibmaschine anvertrauen kann, welchen Unmenschen er auf seiner letzten Zugfahrt begegnet ist.
Wenn ich hcs richtig verstanden habe, ist die entschiedene infrastrukturelle Erschließung der Welt nicht nur notwendig, damit man in fremdes Terrain hinein findet, sondern auch Voraussetzung, um "die Fremde" erkennen und erkundigen zu können. Die negativen, "überschiessenden" Effekte dieser - meist touristischen Zwecken dienenden - Infrastruktur, die Gefahren eines standardisierten Erlebens, der Abkapselung von der Umwelt oder Anästhesierung gegenüber dem Unbekannten, müssen in Kauf genommen, können jedoch begrenzt werden. Doch schildert hcs gerade auch Verhältnisse, in denen diese Grenzziehung nicht mehr stattfindet. In denen die touristische Infrastruktur nicht mehr Mittel zum Zweck, sondern wesentlicher Bezugspunkt ist, in denen sie - hier würde ich die Sichtweise noch zuspitzen - ihren instrumentellen Charakter ablegt und dem Menschen zum Ganzen des Urlaubs wird.
Bangkok ist dafür das passende Beispiel. Wer einmal in den einschlägigen Hostel-Vierteln der Stadt war, erkennt direkt, dass die Miturlauber dort nicht nach Bangkok gekommen sind, um Bangkok zu sehen, sondern in das Viertel, wo man sich mit anderen Backpackern gemeinsam die Füße schmutzig machen, Fusel auf 1,90-Gerichte extra scharf kippen, dem Hostel-Besitzer kumpelhaft kommen und gebräunten Silberschmuck tauschen kann. Die Leute wohnen nicht nur, sondern verbringen dort ihren Urlaub; man kennt sich, es gibt Veteranen- wie andernorts Abiturtreffen, und Gesprächsthema sind nicht die Busverbindungen nach draußen, sondern die Witterungsbedingungen vom letzten Jahr. Wenn man das Viertel verlässt, dann nur wegen eines 20m langen goldenen Buddhas, einer Bordellstrasse oder einer Bootsfahrt wie bei James Bond. Wenn man den ganzen Ort verlässt, dann Richtung Flughafen oder weil man in den Süden fährt, wo es aussieht wie Bali, und man die andere Hälfte des letztjährigen Bekanntenkreises trifft. Hier ist beinah wie daheim.
Und was einem zunächst wie ein paradoxer Effekt des Lonely planet-Konzepts erscheint, bekommt nach der dritten Erfahrung dieser Art die Umrisse einer Strategie. Der Lonely planet ist zugleich Profiteur wie er Produzent dieser touristischen Infrastruktur ist. Und er reproduziert diese Infrastruktur, weil seine Leser Gefallen an den Reproduktionen gefunden haben. Das Prinzip des Robinson-Clubs, über das sich viele Besucher eines Bangkoker Hostel-Viertels lustig machen würden, weil sie darin ein Konzept für Fernfahrer und Tennislehrer sehen, ist durch Lonely planet universalisiert worden. Der Robinson-Club für zurückhaltende Zeitgenossen ist die Bungalowsiedlung auf der Ostseeinsel, der Robinson-Club für Kletterer ist Kathmandu, der Robinson-Club für moderate Wanderer und durchschnittlich Erlebnishungrige Neuseeland. Dort schaut man in einen Vulkan, läuft durch den Urwald und vergleicht abends mit anderen Backpackern, wie's der Reiseführer eigentlich fand. Das Englisch ist Dänisch, das Deutsch ist Niederländisch.
Man ist unter solchen Umständen eigentlich nicht verreist. Man ist im Urlaub, und das heißt, dass man vor allem weniger tut als zu Hause aber nicht allzu weit weg ist davon. Die Fremde, die man braucht, weil man sonst nicht weggewesen wäre, nimmt man in kleinen Dosen auf: Ein Besuch auf dem Basar, ein merkwürdig gewürztes Essen und nach dem Eingeborenentanz noch ein letzter Abstecher mit einem Einheimischen in die schmutzigeren Viertel seiner Stadt - und dass dies alles routiniert dargebotene, quasi "infrastrukturelle" Dienstleistungen sind, irritiert einen nicht, weil man weiß, wie schwierig es wäre, richtige Maori zu treffen, dass es, wie Mr. Planet sagt, viel zu gefährlich wäre, durch Harlem zu spazieren und man, wenn man dort unten im Süden gestoßenes Eis äße, nie mehr auch nur irgendein Eis essen können würde.

V.

Ich gebe hcs recht, dass man der touristischen Infrastruktur kaum entkommen kann, und dass der Versuch, dieser Infrastruktur zu entkommen, einen nur in ein Bürgerkriegsgebiet und die Perversion der Touristenrolle führen würde.
Das Problem, dass die infrastrukturelle Erschliessung der Welt die Welt im gleichen Masse wieder versiegelt, dass die Angebote des Tourismus den Zugang zu anderen Ländern/Menschen/Situationen mindestens genauso versperren wie sie ihn eröffnen, ist so alt wie der Tourismus selbst. Ebenso alt dürfte die Klage von Touristen über die Beschränkungen des Tourismus sein. Und weil sie so oft geboten wird, wirkt sie ermüdend und witzlos. Doch ist sie deshalb überflüssig?
Ich denke nicht. Wer nicht Urlaub machen will im Robinson-Club oder einfach nur wegfahren, wer verreisen will, wird Urlaub machen im Robinson-Club oder einfach nur wegfahren und darüber Klage führen. Er wird monieren, dass die meisten Besucher Bangkoks nur noch in den bunten Unterkünften der Hostellerien hocken bleiben und wird die Touristikbeilage seiner Tageszeitung kritisieren, weil sie darüber lamentiert. Er wird in seine Urlaubserzählung Geschichten einer gescheiterten Annäherung und einer gescheiterten Distanzierung einflechten. Er wird, wenn er genug abgelegene Gassen fotografiert hat, biertrinkend ein Bad in der touristischen Menge suchen, ob auf der Karlsbrücke in Prag, einem Bergwanderweg in Newest zealand, einem Einkaufszentrum für Urlauber in Portugal. Er wird verliebten Paaren an den romantischsten Plätzen New Yorks beim Blättern im Romantikreiseführer helfen. Er wird die touristischen Infrastrukturen in verschiedenen Ländern und die infrastrukturellen Raster verschiedener Reiseführer vergleichen und nach Bruchstellen suchen, durch die etwas Licht fällt. Und er wird sich freuen, wenn er unaufmerksam geworden sich verlaufen hat; und wenn er auch dann nicht in abgelegenen Gassen findet, wie das wirkliche Leben in der Fremde so ist, dann freut er sich über die Möglichkeit, sich verlaufen zu können.
Denn Reisen ist reflektierter Tourismus. Und Verreisen nur eine Sache der Phantasie.

VI.

Nach zwei Stunden dauerte mich das Verhalten des Mannes mit den Koffern. Auch mir wurde die Reise lang. Ich konnte nicht mehr nach draußen schauen weil ich ihm zusehen musste, wie er seine Duty-free-Packung, die Zeit zwischen den Zugansagen mit Rauchen, die Zeit zwischen den Zigaretten mit Anrufen dezimierte. Ich holte mir einen Kaffee, nahm ein Bier hinzu, ließ meine Lektüre fallen, versuchte, nachdem ich Nachbars Williams nicht mehr hören wollte, NDR 2, dann Sport, dann Klassik Radio. Nahm das Buch wieder an mich, legte es weg, griff zur Flasch, zum Fahrplan, studierte die Haltezeiten auf den Bahnhöfen, die Klostandsanzeige und
Saß nach weiteren zwei Stunden immer noch neben dem Herrn der Pilotenkoffer. Inzwischen hatte ich mein drittes Bier, das Bahnmagazin beendet, in Schnipsel gerissen, Erdnüsse verspeist, meinen Rucksack durchwühlt, und mit dem vorgefundenen Mobilfon versucht, meine Verbindungen zum Internet zu verbessern.
30 Minutes to go. Der Mann mit den Koffern hatte sich inzwischen aus seiner Apparatur befreit, ein letzter Satz No Angels sickerte aus seinem Kopfhörer ins Sitzpolster, er rauchte nun stehend und zappelte am Mobilfon zappend den Gang hinunter, bis er von der Tür zum Nichtraucherabteil aufgehalten wurde: "komme gleich". Im selben Moment war sein CD-Spender erschöpft, die letzte CD ausgelaufen. Der Mediaplayer im Leerlauf fielen die Lichteffekte auf dem Bildschirm in Ruhepuls.
Ich stellte meine Bierflasche zur Seite und schaute hinüber. Dann stand ich auf, staubte die Erdnussreste von meinem Hemd und ging auf das verlassen liegende Ensemble von Palmtops und Pilotenkoffern zu. Nach ein paar Schritten lag das Equipment des Geschäftsreisenden dicht vor mir. Ich sah mich um, streckte meine Hand aus, und griff mit einer schnellen Bewegung die in der Gepäckablage liegende fettfleckige Zeitung. (Es war "die Zeit".)
Als ich mich umdrehte, um sie zu meinem Platz zu tragen, sah ich in ein sorgenvolles Sonnenbankgesicht. Während ich mich an dem Gesicht vorbei drückte, ließ der Mann sich auf den freien Sitz fallen, wo sein Kopfhörer auf neuen Input wartete. Mit einem unruhigen (möglicherweise prüfenden) Blick zur Seite legte er die rechte Hand auf das Gehäuse seines Laptops. Er war noch warm. Er hatte eine Angst gehabt. Er wird sie nie vergessen. Und ich nicht die lange Reise durch seine verkabelte Welt.

tlr