| Punks
bei Doktor Lehrer Specht
korrespondenz.biz --- (21.04.2003) --- [Print-Version] --- [Kommentare] |
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Das Eventcenter als Museum kulturellen VenturekapitalsDress funky.
Man weiß an sich gar nicht mehr richtig, überblickt so vieles gar nicht mehr. Wie sich das Zeitkontinuum angesichts des Ozonlochs verschiebt. Wie die neuen Medien unsere Wahrnehmung verändern. Was man mit der überflüssigen Freizeit anfangen soll. Wie Geld arbeitet und wohin es geht. Was die Jugend so macht. Usw. Usf. Einiges ist mir jedoch seit kurzem klarer geworden. Neulich bekam ich einen Brief ins Haus, der mir viele dieser Fragen beantworten half. ``Leben live'', hieß es da in unnachahmlicher RTL-Diktion. Und fuhr fort: ``Spaß und Action haben in der Freizeit? Und gute Freunde treffen? Chillen bei einem Kaffee? ... Das Gangolf.com ist genau das, was uns ... gefehlt hat: ein Treffpunkt für alle, die ihr Leben aktiv gestalten möchten. Na, neugierig geworden?'' Logo, antwortete ich. Und habe deshalb direkt darauf eingecheckt bei gangolf.com. Dort entdeckte
ich vor dem ``Gangolf'' das dynamisch geschwungene Logo der Sparkasse und
ein völlig neues Konzept, das unser Bankwesen, unsere Freizeit und
die Welt als solche verändern wird. Oder nicht. Es heißt ``Erlebnisbank''
und wird in unterschiedlichen Varianten angeboten. In Köln, wo alles
etwas größer und glamouröser ist als in Bonn, begegnet
es uns in Form des Future point,
einem Ort, an dem sich neben dem ``Veranstaltungsraum der Zukunft'' mit
Foyer, Bar und Garderobe nicht nur die banküblichen Dienstleistungen
finden, sondern auch neue Vermögensanlageberatungsformen (Börsenspiel)
und visionäre Vermögensanlagevermarktungsstrategien (Wortspiel:
``Infopendence-Day''), kurz: ``Business und Kultur'' für junggebliebene
Erwachsene, die braungebrannt, gutgelaunt, kurzgeschoren und von einem
leckeren Heißgetränk begleitet ihren Geschäften nachgehen
wollen. In Bonn hat man derartige Zukunft nicht, jedoch immerhin ein altes
Kino, ``Gangolf'' mit Namen, in dessen raumschiffförmigen Grundriss
die Sparkasse eine ``Mediathek'', ein Café, Club, Fan Shop, Forum,
Ticket-Service und schlussendlich einige Kontoauszugsdrucker untergebracht
hat.
Wer dies nicht besonders aufregend findet, sollte wissen, dass sich die Sparkasse den Umbau einiges hat kosten lassen. Und dass das Gangolf.com ein Wagnis ist. Es will nicht weniger sein als eine stadtentwicklungstechnisch betriebswirtschaftlich marketingmäßig kulturpolitische Allroundwaffe. Nicht nur dient es der lokalen Wirtschaftsförderung (``Alles auf einmal geht nicht in Bonn? Vergangenheit.''), es ist auch wesentliches Element einer Imagekampagne, mit der die Sparkasse sich als junge Bank profilieren (und schließlich an die Postsparbücher der Jugend kommen) will, es etabliert neue Nutzungskonzepte für die Innenstädte unserer Metropolen und geht auch kulturpolitisch neue Wege. Denn es integriert die Bankgeschäfte in ein Eventcenter, das die genussvolle Verschränkung von Geldausgeben und Geldanlegen ermöglicht und uns jenen Spaß am Kapital wiedergibt, der im fortschreitenden Crash'n'Burn der letzten Jahre verloren gegangen ist. So kann man sich dort, wie der Seite von Gangolf.com zu entnehmen ist, an der Theke Laptops ausleihen um mobil zu surfen, an einem eigens entwickelten Börsentraining teilnehmen und bei einem Energieriegel (in Köln gilt immerhin ``Surfen und Trinken'') virtuelle Telekom-Aktien pulverisieren, um sich dann nach dem Cafe Macchiato einen Anlageplan für sein Taschengeldkonto entwickeln zu lassen und mit dem erworbenen Geld im Telekom- Fanshop ein Janica Bramovic-Schweißband zu kaufen, das einem im Club des Ganzen beim Business-Dinner locker auftrumpfen lässt. Kein Zweifel, das Gangolf.com ist auf der Höhe der Zeit. Die Bank als Rekreationsberater und Freizeitanbieter, der auch die letzten Reservate unökonomischen Verhaltens (Trinken, ``Abhängen'') für die Kundenbindung nützt - schöner als mit diesem Szenario könnte man die fortlaufende Kolonisierung von Lebenswelten durch die Kapitallogik nicht illustrieren. Doch so fanatisch modern sich Future point oder Gangolf.com auch geben, sie sind zugleich museale Orte. Triste Museen des börsennotierten Optimismus und jener Zeit, in der Geldmachen und Lebensgestaltung noch so fantastisch und selbstverständlich ineinander aufgingen. Die Zeit ist vorbei. Doch erst jetzt ist der Schick des Geschäfts unten angekommen, als Angebot für die breiten Kreise: allzu spät abgesunkenes Kulturgut. Doch nicht nur in dieser Hinsicht gibt das Gangolf.com eine traurige Figur ab. Jammervoll ist auch die im Konzept vorgesehene Aneignung und Adaption von ``Jugend(lichkeit)'' und Szenesprache. Während sich der ``Futurepoint'' schon mit seinem Namen an eine ältere Kleintel wendet (``Zukunft''!, ``Verantwortung''!, ``Planung''!) und die ``Location'' mit unverkennbar seriöseren Angeboten (Jazz-Piano!, Laser Forum!, Intel European Finals!) bespielt, lässt man bei Gangolf.com nichts Junges aus und unversucht. Die Sparkasse hat hierfür eigens ein Team von Eventexperten eingestellt, das ein Programm kreiert hat, welches von ``lifestyle'' nur so strotzt. Es fällt schwer, dieses Programm zu referieren, da man in diesem Fall unweigerlich für einen halbsenilen deutschen Kabarettisten gehalten wird, der ``Jugendsprache'' imitiert. Doch es muss sein - schon der Events zu Liebe. Darunter: gemeinsames Bundesligagucken am Samstag (offenbar ein Ersatz für den in Köln so beliebten ``Mitternachtsbasketball''), Formel Eins ohne Werbeunterbrechungen am Sonntag, der Gangolf Brunch, die 6 o` club-Feierabend- Party, der Comedy-Club in Koop (meint Zusammenarbeit) mit der Springmaus oder die Best poppers club night sowie als Bonbons des Monats April: Ei bi si house sounds Bonn präsentiert von dancefield und gangolf.com (schrille Houseparty mit DJ 88 Keys bekannt von Clubstar Records und den Resident Frän-DK und Ben Göbel), sowie die Global players - Asia Lounge, als Live-Act das Spacereport Orkestra of Benares und DJ Kinky Trash, indische und asiatische Klänge von Hindi, Bhangra, Bollywood und Anjabi mit modernen Rhythmen unterlegt. Auch dies: geeignet für ein Museum, nicht der Jugend selbst, sondern der Vorstellung von Jugend als kalkulierbarer Masse. Denn die ``Jugend'', die im Programm von Gangolf.com konstruiert wird, hat es nicht gegeben, wird es nicht geben und kann es nicht geben. Genauso wenig wie es jene Rocker gab, die sich während der siebziger Jahre in deutschen Krimiserien herumtrieben oder die Punks, die man bei Rentierssendungen vom Stile ``Unser Lehrer Doktor Specht'' zu Gesicht bekam: 35jährige Schauspieler, die aus Freude über die Sicherheitsnadeln in ihren Nasen ohn` Unterbrechung grölten: affengeil. Kann es nicht geben, meint man. Doch wenn man das Gangolf.com wirklich besucht, sieht es anders aus. Da sitzen sie dann, in ihren weichen Freizeithemden, in einem Café im Stile des neuen Bahnhof-Modernismus, mit bunten Lampen in entschiedenem Rechteckdesign und Bedienungen mit noch entschiedener gestärktem Kragen. Sie stehen vor der Eingangstür, ein paar unschlüssige Halbstarke in Kunstlederjacken, die ihre Schlüsselbänder betrachten. Sie sitzen in der Mediathek, brave Gymnasiasten, die ein wenig an den Laptops herumfingern. Der ehemalige Kinosaal, nun im freundlichen Gesamtschulturnhallenlook, zeigt auf sieben Fernsehbildschirmen, was läuft: etwa South Park. Gegenüber der Mediathek, im Clubbereich, lehnt man lässig an filialtypischen Metallgeländern; optimistische Azubis laden hier ihre gekämmten Damen zum Bananenweizen ein. Die Jungs würden gern Marylin Manson hören, die Mädchen lieber BroSis; so läuft Christina Aguilera. You are beautiful, no matter what they say. Man geht um 11; auf dem Weg nach draußen nimmt man noch ein paar Veranstaltungszettel aus den gut sortierten Flyerfächern. Eine Postkarte kündigt den Top-Event für die Osterfeiertage an, den Funky Chicken Club, die seit sechs Jahren legendäre Kölner Party- Veranstaltung mit Disco Gessner, presented by Gangolf.com and Paparazzi club including local support special use-limousine-shuttle to Nippon Lounge enjoy free sushi and selected drinks. Auf der Vorderseite der Postkarte die Abbildung einer dunkelhaarigen braungebrannten Frau, die sich vor rosa Hintergrund eine Dampfbrause an den glitzernden nackten Körper hält. Die letzte Erregung, die bleibt: purer Durchschnitt. tlr
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