NS/Medien (2): Das Netz im allgemeinen

korrespondenz.biz --- (05.05.2003) --- [Print-Version] --- [Kommentare]
 
 

Der Umgang mit dem NS-Regime und die Erinnerung an den Nationalsozialismus ist derzeit eines der wichtigsten und beliebtesten Themen zeitgeschichtlicher Forschung in Deutschland. Im Verlaufe der zehn Jahre, die dieses Thema nun schon mindestens Konjunktur hat, sind die rechtlichen und politischen Aspekte immer mehr von Fragen nach öffentlichem Gedenken, Ritualen, hoch- und popkulturellen Verarbeitungsformen abgelöst worden, und es hat sich - im engen Austausch mit Literatur- und Filmwissenschaft, Soziologie und Germanistik - eine Art Mediengeschichte der NS-Rezeption entwickelt. Mittlerweile erfasst diese Mediengeschichte ein weites Terrain, vom populären zum dokumentarischen Film, vom Comic bis zur Literatur, der Zeitungsberichterstattung bis zu den History-Soaps im Fernsehen. Doch das Internet ist, wie einer der besten Kenner der Materie, der Historiker Jan-Holger Kirsch kürzlich bemerkt hat, bisher weitgehend außer Acht geblieben. Dies ist umso bedauerlicher, als das Medium sich nicht nur weiter Verbreitung erfreut, sondern insbesondere bei den nachwachsenden Generationen als Informations- und Orientierungssystem ein nicht zu unterschätzendes ``Vertrauen'' zu genießen scheint.

Warum die Forschung zur öffentlichen Erinnerung an Nationalsozialismus und NS-Völkermord sich gegenüber Internet und neuen Medien bisher so sehr zurück gehalten hat, lässt sich natürlich nur spekulativ beantworten. Zunächst musste natürlich auch eine gewisse Konstitutionsphase abgewartet werden - die meisten Angebote zur NS-Geschichte und NS-Gedenken sind erst seit wenigen Jahren im Internet präsent, zu neu noch, um verlässliche Trends der Darstellung und Rezeption feststellen zu können. Darüber hinaus dürften auch die Flüchtigkeit und Dynamik der ``Erinnerungslandschaft im Netz'' für Probleme sorgen, ebenso wie die neuen Text- und Präsentationsformen, für die das bewährte Instrumentarium der Interpretation und Kritik überarbeitet und angepasst werden muss. Auch fällt es schwer, den relevanten Forschungsbereich einzugrenzen: was im ``Netz'' ist bedeutsam für die öffentliche Erinnerung? Was bezieht man in die Analyse ein: nur die Angebote der öffentlichen Gedenkstätten und Museen oder auch die Angebote von Forschungseinrichtungen, bloß die Einrichtungen der Expertenkulturen oder auch allgemein zugängliche Diskussionsforen, private Gedenkseiten, offensichtlich rechtsextreme Propaganda? Dieses Problem der Eingrenzung des Forschungsbereichs hat auch den österreichischen Historiker Wolfram Dornik beschäftigt, der mit seiner Dissertation eine der ersten größeren ``empirischen'' Arbeiten zur Darstellung des Nationalsozialismus im Internet plant. Nachdem er aus arbeitsökonomischen Gründen zunächst für eine Konzentration auf die ``seriösen'' Angebote plädiert hatte, werden nun auch - in begründeter exemplarischer Auswahl - andere, nicht-wissenschaftliche Anbieter in seinem Projekt berücksichtigt. Die "rechtsextremen Seiten" der NS-Darstellung bleiben jedoch ausgeklammert - Dornik sieht hierin eine relativ abgeschottete "Sonderkultur", die auf den öffentlichen Diskurs keinen direkten Einfluss habe. [1]

Überblicksdarstellungen zum Thema Bilder des ``Holocaust''/Nationalsozialismus im Internet sind im Netz selbst kaum zu finden. Die ``Selbstreflexion des Mediums'' äußert sich überwiegend - soweit man den Suchmaschinen glauben kann - in der Kommentierung von Linklisten, erläuternden Hinweisen zu Diskussionsforen und den natürlich wichtigen Warnungen und Informationen zu Holocaust denial und Auschwitz-Leugnung. Am ehesten scheinen sich noch Pädagogen und praktizierende Lehrer um Bilanzierung und weitergehende Einschätzung der Informations- und Deutungsangebote im Netz zu kümmern - kein Wunder, denn sie sind unmittelbar und alltäglich konfrontiert mit der Bedeutung dieses Mediums für die Geschichtsvermittlung.

Auf dem Papier ist die Situation - wie gesagt - recht überschaubar. Jan-Holger Kirsch, der das Feld geschichtswissenschaftlicher Beiträge zum Thema weitläufig abgesucht haben dürfte (ich selbst habe nicht ausgiebig bibliographiert), nennt in seiner bereits angesprochenen Rezension zwei einschlägige Aufsätze zum Thema: Rosmarie Beier, Geschichte, Erinnerung und Neue Medien. Überlegungen am Beispiel des Holocaust, in: dies. (Hg.), Geschichtskultur in der Zweiten Moderne, Frankfurt a.M. u. New York 2000, S. 299-323 sowie Anna Reading, Clicking on Hitler: The Virtual Holocaust@Home, in: Barbie Zelizer (Hg.), Visual Culture and the Holocaust, New Brunswick 2001, S. 323-339. Beide Beiträge sind verdienstvoll, denn sie sondieren das Terrain, zeigen verschiedene theoretische Zugänge und liefern erste Hypothesen und Projektionen. Sie lassen aber auch erkennen, wie schmal noch die Basis für Analyse und Prognose ist und bleiben mit ihren Deutungs- und Erklärungsversuchen notwendigerweise im Ungefähren.

Rosmarie Beiers Aufsatz - dies zeigt der Signalbegriff ``Zweite Moderne'' im Titel des von ihr herausgegebenen Sammelbandes - nimmt bei einer in Feuilleton und Wissenschaft schon seit Jahren populären Gegenwartsdiagnose ihren Ausgang, wonach es - verkürzt gesagt - in den letzten Jahr(zehnt)en zu einer fortschreitenden Individualisierung von Lebenslagen, der Auflösung klassen-, schichten- und gruppenspezifischer Traditionen, Loyalitäten und Lebensläufe kam und der Einzelne mit einer zunehmenden Freiheit bei der Wahl seiner ``Handlungs-, Präsentations- und Darstellungsfelder'' konfrontiert wurde. Dies hat - überformt und dynamisiert durch grundlegende Umwälzungen in den politischen Systemen, Veränderungen im öffentlichen medialen Raum und Neuorientierungen in den gesellschaftlichen Wissenssystemen - auch einen fundamentalen Wandel der Geschichtskultur nach sich gezogen, dessen wichtigste Aspekte allseits bekannt sind: das Verschwinden der ``großen Erzählungen'', die Aufsplitterung der Geschichte in partikulare Geschichten, die zunehmende Reflexivität im Umgang mit der Vergangenheit und die zunehmende Selbstreferentialität des öffentlichen Erinnerns.

Beier sieht in diesem Zusammenhang das Internet als Verstärker und Beschleuniger. Der in den letzten Jahren zu beobachtende ``Boom'' der Erinnerung hat im Netz nicht nur ein weites Betätigungsfeld gefunden, vielmehr haben die neuen Medien selbst diesen Boom verstärkt, ja mit den neuen Möglichkeiten der Speicherung, Verarbeitung und Verbreitung eine regelrechte Euphorie des Erinnerns und Gedenkens entfacht - am deutlichsten, wie Beier anmerkt, in dem Projekt von Steven Spielbergs Shoa foundation, die mittlerweile Tausende von Interviews mit Überlebenden geführt, aufbereitet hat und verfügbar machen kann. Das ``reichhaltige'' Angebot erhöht jedoch keineswegs die Verbindlichkeit des Erinnerns, sondern vervielfältig die Wege und Formen von Informationsbeschaffung und ``Erinnerung''. Über die Mobilität im Netz und die Techniken der Verknüpfung ist letztlich eine freie Bewegung durch die ``Historie'' und eine individuelle Zusammenstellung von Geschichtsbildern möglich. ``Erinnerung'' wird - mit besondere Hilfe des Internets - nicht nur freier wählbar, sondern löst sich auch - wie Beier konstatiert - von den spezifischen Orten der NS-Geschichte - weg von den Überresten und Denkmälern hin zu den digitalen Reproduktionen und virtuellen Gedenkräumen. Dies scheint umso bedeutsamer, als sich im Netz, so die Autorin, ein Stil des Erinnerns und Gedenkens durchgesetzt hat, der aus Sicht von Geschichtswissenschaft und Gedenkstättenarbeit fragwürdig erscheint: man vertraut auf die Wirkmächtigkeit und Wahrhaftigkeit der Bilder (obwohl dem die wachsende Skepsis in den Wissenschaften oder auch private Erfahrungen mit Bildmanipulationen [Digitalkameras und Bildbearbeitung] entgegen stehen), man setzt auf ikonische Verdichtung und Emotionalisierung und man verknüpft die Darstellung der NS-Geschichte mit einer irritierend einfachen und optimistischen Didaktik, derzufolge sich ``der Holocaust'' als universell einsetzbares Lernmittel im Sinne humanitärer Erziehung und wirksamer genocide prevention eigne.

Obwohl Beiers Aufsatz all diese kritischen Punkte referiert, mündet er jedoch nicht in eine Fundamentalkritik des Internets als Medium der ``Gegenaufklärung''. Das Interesse der Autorin gilt weniger der moralischen Bewertung der Entwicklung als der Frage, wie die Geschichtswissenschaft auf diese Entwicklung zu reagieren habe: mit Offenheit, ohne anmaßendes Insistieren auf einer ``richtigen'' (angemessenen, zutreffenden) Erinnerung, durch Erweiterung der Perspektive und Transformation von einer Vergangenheits- in eine Rezeptionsforschung. Eine grundlegende Kritik der ``Internet-Erinnerung'' scheint aus ihrer Sicht nicht nur deshalb unangebracht, weil die geschilderte Entwicklung irreversibel ist, sondern weil ihr auch positive Seiten zugesprochen werden könnten. Differenzierung und Individualisierung von Erinnerung, das hat ja auch etwas von ``Demokratisierung'', ``Emanzipation'' und ``Freiheit''. Doch spricht etwas ganz anderes gegen eine Fundamentalkritik am Internet als Medium der Erinnerung an die NS-Zeit. Dies wird deutlich, wenn man die anderen Beiträge des von Rosmarie Beier herausgegebenen Bandes betrachtet, die sich schwerpunktmäßig dem Museum, den historischen Ausstellungen und Ausstellungsobjekten widmen. Sie zeigen, wie unter einer kulturwissenschaftlichen (oder: kulturalistischen) Perspektive die Unterscheide verschwimmen zwischen Objekt und Abbildung, Ausstellung und Inszenierung, sachlicher Dokumentation und normativ aufgeladener Erinnerungsarbeit. Wenn man auf diese Art die ``Authentizität'' musealer Objekte in Frage stellt oder die ``Entörtlichung'' der Erinnerung durch universell verfügbare sprachliche und bildliche Reproduktionen (vgl. nur die Chiffren ``Buchenwald'', ``Auschwitz'') in den Blick fasst, verliert sich die besondere Bedeutung des Internets. Was ``im Netz passiert'', ist dann nicht sonderlich neu, was ``das Netz macht'', Ausdruck einer umfassenderen (Medien-)Problematik.

Anders als Beier, die sich im gesicherten kulturwissenschaftlichen und soziologischen mainstream bewegt, probiert Anna Reading unterschiedliche Perspektiven beim Blick auf das Thema aus, ja sie präsentiert einen regelrechten Baukasten zum Verständnis der neuen Medien und ihrer Auswirkung auf die ``Holocaust-Erinnerung''. Dabei kommt leider eine eher krude Mixtur heraus: da finden sich ein paar impressionistische Notizen zur Internetnutzung von Jugendlichen, ein Absatz zur politischen Ökonomie des Netzes und dem digital divide, Warnungen vor Holocaust denial, vage Baudrillard-Verweise und der Versuch, die Internetpräsentationen ``as part of a postmodern world of simulacra'' zu verstehen oder Passagen, in denen Modelle der Traumaforschung angezapft werden, um die ambivalente, zugleich auf Erinnerung wie Verdrängung zielende Struktur des Netzes zu ergründen. Auch Reading stellt kritische Lesarten zur Verfügung, die die mangelnde Tauglichkeit von Internet und Multimedial für Erinnerung und Erzählung des nationalsozialistischen Völkermords betonen; ihr Text kontrastiert an einer Stelle die offene und verzweigte Erzählstruktur des Hypertexts mit der Notwendigkeit einer klaren Darstellung des Geschehenen, Verfügbarkeitsdenken und Singularitätspostulat, Oberflächenästhetik und ``Wahrhaftigkeit''. Mit Recht verweist sie auf die Gefahren einer konsumistischen Praxis, in der das Bestellen von CD-Sonderangeboten auf den Besuch von Geschichtsseiten folgt und das Wegklicken von Werbebannern gestisch mit dem Durchforsten von Dokumenten verschränkt wird. Die Verknüpfung von Geschichtstheorie mit Netzkritik bleibt jedoch weitgehend spekulativ; und die zurecht geäußerte Kritik an Kommerzialisierung des Angebots und oberflächlicher Rezeption lässt sich kaum auf das Internet beschränken [Man muss hier nicht das falsche und zynische Bild von der ``Holocaust-Industrie'' bemühen; eher könnte man - wie auch Reading andeutet - an den Eisstand auf dem Busparkplatz vor dem kleinen Theresienstädter Ghetto oder über die Gewohnheit nachdenken, den Gedenkstättenbesuch als Teil einer Urlaubsreise zu planen.]

Readings Text scheint nicht nur beim Einsatz des theoretischen Instrumentariums, sondern auch von der Haltung her einigermaßen unschlüssig: den kritischen Hinweisen folgen immer wieder ``positivere'' Passagen, denen wieder pessimistischere Anmerkungen, denen wiederum relativierende Kommentare folgen. Usf. Auf diese Weise eröffnet ihr Text - ob gewollt oder nicht - auch optimistischere Perspektiven auf das Internet, und es lassen sich Szenarien einer produktiven, reflektierten Nutzung des Netzes entwickeln. 1. spendet die Medienkompetenz Trost: denn die Rezipienten, so Reading, sind der Gefahren des Internets durchaus gewahr, sie wissen die dort gebotenen Informationen zu gewichten und zu filtern, verstehen es, revisionistische und rassistische Angebote zu meiden und verknüpfen die ``virtuelle'' Informationsbeschaffung mit der Suche nach den ``wirklichen'' Orten der Erinnerung (den Gedenkstätten und Museen). 2. lassen sich Internet und Multimedialität auch zur Aufklärung (über sich selbst) nutzen, indem die mit Hilfe der neuen Medien produzierbaren und so oft produzierten schönen einfachen Bilder als Einstieg für weitergehende Ermittlungen genutzt oder auf ihre Entstehung hin untersucht werden. Was Reading als Beispiel für eine fragwürdige Ikonisierung wählt - man klickt auf ein Bild von Hitler, um etwas über ``die Nazis'' zu erfahren, auf ``Anne Frank'', um etwas über ``die Juden'' herauszufinden - könnte auch Ansatz für eine Umkehr sein - wenn hinter dem Bild eine Darstellung beginnt, die die Probleme dieser ikonischen Verdichtung thematisiert, verunsichert, wieder Komplexität ``herstellt''. Eine andere Form der produktiven Nutzung neuer Medien für ein reflektiertes Erzählen über den ``Holocaust'' nennt Rosmarie Beier; sie weist auf die CD-Rom zu Art Spiegelmans ``Maus''-Comic hin, in der die Arbeit der Rekonstruktion, die Entstehung der Erzählung und die vom Comic thematisierte Schwierigkeit, vom Erlebten zu erzählen, nochmals ``sichtbar'' gemacht wird. 3. können die Suchbewegungen im Netz selbst Anlass zur Reflexion geben. Die Suche und Verknüpfung von verstreuten Informationen, der schnelle Wechsel zwischen unterschiedlichen Perspektiven auf den Nationalsozialismus ließe sich demnach auch zum Nachdenken nutzen über die Schwierigkeiten der Rekonstruktion und den Prozess der Produktion von Erinnerung. Doch das ist schon wieder Spekulation.

Pragmatischer und weniger global als Reading und Beier geht ein neuerer Band der Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Deutschland (Museale und mediale Präsentationen in KZ-Gedenkstätten, Bremen 2001) an das Thema heran. Hier sucht man nicht nach den Spezifika der neuen Medien und wird deshalb auch nicht enttäuscht, wenn sich dann doch nur wenig Neues findet; hier werden weder großflächige Bedrohungsszenarien noch Demokratisierungsversprechen entwickelt; hier wird nicht spekuliert, was ``die Technologie macht'', sondern geprüft, was mit der Technologie gemacht wird und was mit ihr zu machen ist.

Dass die neuen Präsentationsformen via Internet und Multimedia sich nicht ``naturwüchsig'' durchgesetzt haben, sondern infolge bestimmter strategischer Entscheidungen, führt der einleitende Beitrag Olaf Mußmanns zum Strukturwandel der Gedenkstätten- und Erinnerungslandschaft vor Augen. Betrachtet man diesen Strukturwandel, wird auch deutlich, dass das, was Rosmarie Beier anhand des Internets thematisiert, auch ohne Blick ins Internet thematisiert werden kann und sich bereits deutlich vor der Etablierung des ``Netzes'' gezeigt hat - ob Universalisierung und Globalisierung des ``Holocaust''-Gedenkens, Pädagogisierung und Emotionalisierung der historischen Präsentation(en), Ausdifferenzierung der Erinnerungsangebote. (Und so ist die zukünftige Bedeutung der Gedenkstätten, Forschungs- und Bildungseinrichtungen an den Orten der Lager möglicherweise auch nicht vom ``Konkurrenzmedium'' Internet abhängig, sondern vom erinnerungskulturellen Klima und vergangenheitspolitischen Entscheidungen.)

Neben dieser Kontextualisierung bietet der Band auch Rezensionen zu einzelnen Internet-Seiten/CD-ROMs und Beiträge, die die Brauchbarkeit von Internet und Multimedia für die Gedenkstättenarbeit erörtern (Dietmar Sedlaczek, Andreas Pflock u.a.). Der Ton ist hier vorsichtig optimistisch. Natürlich kommen auch die Bedenken gegen eine unkritische Verwendung der neuen Medien zur Sprache - mit gutem Grund, wenn man an das Erlebnisfernsehen und die multimedialen Spieltische denkt, die sich in manch' historischen Museen finden. Die Bedenken führen aber nicht zu pauschaler Abwehr, sondern dienen einer genauen Prüfung des Potentials neuer Medien und einer an Thema und Auftrag der jeweiligen Einrichtung orientierten ``Verwendungsforschung''. Statt im Internet nur die Entwertung der ``manifesten'' Orte der Erinnerung zu sehen, soll es gezielt als Verweissystem für diese Orte eingesetzt werden, die Darstellung der Gedenkstätten im Internet nicht den Besuch ``vor Ort'' ersetzen, sondern diesen vorbereiten. Es gibt Hinweise darauf, dass dies funktioniert, ja die Präsentation im Netz als ``pull-Faktor'' sogar Besuche zu initiieren hilft. Es gilt also, auf diesem Wege weiter zu forschen.

Zwar beantwortet der Band Museale und mediale Präsentationen in KZ-Gedenkstätten auch nicht die eingangs gestellte Frage: welchen Einfluss das Internet auf die Erinnerung an Nationalsozialismus und ``Holocaust'' hat. Er weist mit seiner Praxisorientierung jedoch die Richtung fürs weitere Vorgehen. Denn die gestellte Frage muss auch praktisch beantwortet werden. Indem man Konzepte entwickelt, wie man die neuen Medien für eine angemessene Darstellung des Themas nutzt, ohne in die Fallen von Ästhetisierung, Trivialisierung oder ``Kundenorientierung'' zu laufen. Indem man sich mit neuen Erzählformen auseinandersetzt und untersucht, welche Sachverhalte und Argumentationen mit ihnen sinnvoll darzustellen sind. Indem man die ``seriösen'' Angebote so vernetzt und erreichbar hält, dass die Zugriffe zum Thema ``Holocaust''/``Shoa'' einigermaßen kanalisiert werden. [Dies scheint im übrigen schon einigermaßen zu funktionieren.] Indem man Kontexte herstellt, die eine angemessene Nutzung des Netzes befördern (etwa in der Schule).

Zum zweiten sollten auch Forschung und Kritik stärker ``praktisch'' werden. Globale Abhandlungen über das Internet im allgemeinen oder die neuen Medien ``an sich'' neigen zu einer Verdinglichung des Mediums. Es sind also zunächst Detailanalysen notwendig (in gewisser Weise eine Sozial- und Werkgeschichte des Internets), über die die Interessen und Strategien der Präsentation und Nutzung besser sichtbar werden. Wie sieht das Rezeptionsverhalten genau aus? Welchen Stellenwert hat das Internet im Vergleich zu anderen Medien? Welche Formen der Erinnerung sind wirklich spezifisch für das Netz: welche ``virtuellen Museen'' und Gedenkstätten gibt es? Welche Angebote bilden, welche Geschichtsbilder (re)produzieren die traditionellen Einrichtungen über das Netz? Usf.

Das ist ein schöner, einfach zu formulierender Fragekatalog. Die Beantwortung der Fragen wird nicht so einfach und Sache vieler Einzel-Forschungen sein. Vielleicht gibt's dazu ja auch an dieser Stelle demnächst ein wenig mehr. Konkretes.

tlr