Ohne vieles

korrespondenz.biz --- (28.07.2003) --- [Print-Version] --- [Kommentare]
 
 

Eine Frage, die man sich wohl stellen kann, ohne daß auf den ersten Blick klar sein müßte, daß es eine unsinnige und -- im gegenwärtigen gesellschaftlichen Ganzen gesehen (sofern wir dieses auf einen zureichend genauen Begriff bringen können) -- daß es eine ganz und gar unnötige, weil unbrauchbar-folgenlose ist, ist die Frage danach, welches Thema es wert sein könnte, zum Gegenstand einer literarischen Bearbeitung gemacht zu werden -- und welches es nicht wert wäre.

Ob ein Thema zum Gegenstand gemacht werden kann oder vielmehr das Thema das ist, was sich in demjenigen Gegenstand zeigt, der zum Gegenstand literarischer Arbeit gemacht wurde, ist eine andere Frage. Auch schließt sich möglicherweise die weitere Frage an, ob Themen -- literarische Themen oder Themen, denen sich die Literatur oder ein literarischer Text zuwendet -- verbraucht sein können, ob sich Themen also dem Leser als bekannt, als bis zum Überdruß bekannt und daher auf den ersten oder auf den zweiten Blick als uninteressant erweisen und demzufolge literarisch besser nicht mehr bearbeitet werden sollten.

Dem halbwegs geübten Leser drängen sich hier augenblicklich zahllose Antworten auf, und wenn Bertrand Russell über die Geschichte der abendländischen Philosophie sagte, sie sei nichts anderes als eine Fußnote zu Platon, so ließe sich ohne weiteres mit ein wenig Geschick behaupten, die Geschichte der abendländischen Literatur sei nichts anderes als eine Fußnote zur Ilias und zur Odyssee.

Die Ausgangsfrage aber müßte zunächst anders gestellt werden, weil wir, anders als vielleicht noch in den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts, weder über geistige und zeitliche Gelegenheiten noch über publizistische Foren verfügen, in denen Fragen darüber gestellt werden könnten, was denn überhaupt Literatur sei und wem sie in welchen Zeiten wozu dienen könnte oder sollte. Die Frage müßte also deshalb so gestellt werden: Welche Themen erachtet der Markt als literaturfähig, d. h. als -- zumindest ein Buchhalbjahr lang -- überlebensfähig, als profitabel? Als literaturfähig, nicht als literaturwürdig -- diese alte, gewissermaßen bildungsbürgerliche Unterscheidung muß durchaus erlaubt sein.

Die Antwort ist leicht zu finden in den einschlägigen Listen einschlägiger Magazine, in Buchkaufhäusern und in Verlagsprogrammen. Historische Themen sind literaturfähig, es gibt mehr historische Romane denn je (über Alexander, Cäsar, Hitler, die Päpstin, die Päpste und andere historische Themen und Gestalten). Auch gibt es mehr Krimis denn je (über Verbrechen unterschiedlicher Art in unterschiedlichen Zeiten und unterschiedlichen Kontexten), und auch die Liebe erweist sich als außerordentlich literaturfähig, sie ist das dritte Standbein der Literatur. Geschichte, Verbrechen, Geschlechtlichkeit -- das sind Themen, die zum Gegenstand der Literatur gemacht werden, und wenn wir einen gewissermaßen erweiterten Literaturbegriff in Betracht ziehen, wie er in den sechziger und siebziger Jahren vorgeschlagen worden war, dann handelt es sich bei all den Titeln, die mit den immergleichen Umschlägen beworben und verkauft werden, zweifellos um Literatur.

Nun würde ich mir anmaßen wollen, diese Literatur nicht gleich eine Nichtliteratur, aber doch eine vorderhand verbrauchte Literatur zu nennen, und eine solche brauche ich nicht. Weil in dieser Literatur von keinen Interessen mehr die Rede ist, sondern von gewissen Ereignissen und von Gefühlen und ähnlichem, ohne daß in ihr wirklich gesprochen würde, ist es eine Literatur ohne Interesse. Sie wird gekauft, und darin gründet ihr Recht, zu existieren. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Von Interesse hingegen wäre eine Literatur oder ein literarisches Produkt, in dem die Wirklichkeit (auch ein Wort, das man nicht mehr gerne hört und in den Mund nimmt, vor allem an Universitäten nicht) von Interesse wäre. Die Wirklichkeit als solche aber ist kein Thema, so wie es im Grunde gar kein Thema für die Literatur gibt. Es gibt Orte der Literatur -- Texte können spielen in Theatern, in Vorstandsetagen, in Auen, in Kaufhäusern, in Biergärten, auf Straßen, an Bushaltestellen usf., meistens spielen sie aber in Hinter- und Schlafzimmern --; es gibt Stoffe der Literatur (man nehme diesbezügliche Lexika zur Hand) und jene ``in modernem Gewand''; es gibt Stile und Stillagen (im weiteren: Formen) und vieles mehr.

Eine gestische Literatur indes würde sich vornehmlich für Haltungen und Sprechweisen interessieren (nebst den notwendigen Örtlichkeiten und Zeitumständen). Es wäre eine Literatur, die sich an einer Wirklichkeit orientierte, die der Literatur meist als nicht literaturwürdig erscheint (bzw. denen, die Literatur machen, und denen, die sie beurteilen). Eine solche Literatur könnte sich gar nicht als verbraucht herausstellen, weil sie von etwas Gebrauch machte, das dem herrschenden literarischen Bewußtsein als das Gebräuchliche und somit als uninteressant erscheint.

Die Verblendung der ``Kultur'' oder der Literatur gegen die Wirklichkeit der Welt (und die gesellschaftliche Funktion dieser Verblendung) hat Jean Baudrillard kürzlich überraschend klar zur Sprache gebracht (vgl. Frankfurter Rundschau, 26. Juli 2003). Er sprach von ``der Auslöschung des Sozialen durch das Kulturelle'', der ``Orgie der Kreation und kulturellen Konsumtion, deren Geiseln und Komplizen wir alle sind'', sowie vom ``kolossalen Effekt der Ablenkung von Konflikten, der von Freizeit und Kultur ausgeht''.

Für solche Formulierungen spricht die Zeit. Auf die Frage jedoch, was eine brauchbare Literatur sein könnte, ließe sich antworten, daß ein Text, der ein Bierglas in der Sonne richtig beschreibt, nützlich sein könnte. Oder der ein Gespräch an einem Postschalter wiedergibt. Oder allgemein etwas erzählt von Begebenheiten unter bestimmten Leuten.

Die Literatur soll sich thematisch fernhalten von der Öffentlichkeit (Medien usw.). Eine ereignislose Literatur, eine Literatur ohne Thema, schiene mir ein Vorschlag zu sein.

jro