Aareschwimmen, oder:
warum es in Bern so viele PACE-Tücher wie Clubs gibt


korrespondenz.biz --- (11.08.2003) --- [Print-Version] --- [Kommentare]
 
 

In Bern hat die Aare ihre ursprünglich durch Klammen rauschende Wildheit hinter sich gelassen. Ihre engen Mäander teilen die Landschaft in Kurven und Zungen. Selbst vom Gurten, dem Hausberg Berns, sehe ich nur einzelne kleine Reflexionspunkte des Wassers im grüntiefen Flusstal, keine größeren Flächen, zu schnell ändert der Fluss wieder seine Richtung. So entsteht aus der Ferne ein falscher Eindruck von Unentschlossenheit oder Weitschweifigkeit.

Aber die Aare ist anders. An ihrem Ufer stehend bin ich von ihrem angenehm zügigen Fließen beeindruckt. Nicht durch Wellen, Stromschnellen oder Rauschen teilt sich Bewegung des Wassers mit, sondern durch das leise Vorbeiziehen glatter Oberflächen, hervorgerufen durch aus der Tiefe aufsteigende Turbulenzen. Doch erst als ich ganz in ihr Wasser tauche und als Schwimmer selbst ein Teil dieser zielstrebig hinwegtragenden türkisgrünen Strömung werde, kann ich - durch mein Mitfließen - die ganze Bedeutung des Aareschwimmens erfahren, zu der nicht nur die Abkühlung von den Jahrtausendtemperaturen des Sommers gehört. Nicht nur der von der Flussmitte aus frei werdende Blick auf schneebedeckte Berge. Nicht nur die ungewohnte Art der Fortbewegung: lautlos, wie schwebend. Durch das Im-Fluss-sein wird gleichzeitig ein vegetatives Gefühl für die den Körper bewegende Kraft vermittelt, wie es an Land nur bei einer starker Beschleunigung erfahrbar ist. Jeder Versuch, sich der Strömung zu widersetzen, ein Armzug oder Beinschlag im Wasser erweckt ein unmittelbares Gefühl von vollkommener Kraftlosigkeit. So dem Fluss hingegeben und nach einigen Kehren ans Vorangetrieben-Sein etwas gewöhnt, beginne ich eine weitere ungewöhnliche Sensation wahrzunehmen: Das erstaunlich klangvolle Rieseln des Flussbettes dringt in einer seltsamen Mischung aus Hören und Fühlen ins Bewusstsein. Ein Klang, der durchs Wasser kommt und genau so durch den darin schwimmenden Körper geht. Ich lasse mich herabsinken und wandere im türkisen Schimmer strömend auf dem Flussgrund. Als der Körper dann wieder auftaucht, um weiter flussabwärts an Land zu kriechen und ich wieder die Kontrolle übernehme, war er für kurze Zeit Teil eines großen anderen Wesens.

Zweifellos eine überraschend transzendentale Erfahrung für die erste naseweise Beteiligung an einem Eingeborenenritual. Doch welche darüber hinausgehende mythologische Bedeutung muss das Aareschwimmen für die Berner natives haben? Ist das Wasser, in dem sie schwimmen nicht das nach Jahrtausenden geschmolzene Eis der Gletscher, über die schon ihre Ahnen wanderten? Geschmolzenes Jungfraujoch und Aletschfirn? Und rieseln im Flussbett nicht die Hobelspäne der Gebirgsbildung, kleine Stücke des schroffen Schreckhorn, des tödlichen Eiger, des rätselhaften Niessen? Abschilferungen der mit Mythen beladenen Symbolberge. Das kollektive Aareschwimmen ähnelt einer Taufe oder rituellen Waschung. Dabei ist die Teilnahme nicht auf ausgewählte Personen beschränkt oder an Bedingungen geknüpft. Die Annäherung an die zentralen Symbole wird jedem gewährt.

Findet sich hier nicht eine "Transzendenz des Alltäglichen", deren Mangel Constantin von Barloewen in "Anthropologie der Globalisierung" konstatiert und als Ursache einer "ungesunden Entwicklung [...] in den Industriestaaten" erkennt? Die Zeichen dieses Mangels seien "[steigende] Selbstmordraten, Drogenkonsum, Scheidungsraten...". Zwar weiß ich nicht, ob die Selbstmord- und Scheidungsraten in Bern höher oder niedriger sind als in Madagaskar, und auch hier finden Kinder Fixerbestecke auf dem Spielplatz. Aber könnte es nicht sein, dass ein Ort Transzendenz stiftet, wenn er seinen Ureinwohnern die Gelegenheit bietet, in die rematerialisierten Fußstapfen der Ahnen einzutauchen und über kristallisch klingende Reliquienfelder zu schweben? Welche Parameter eignen sich überhaupt zur Bestimmung eines lokalen alltäglichen Transzendenzgrades? Von Barloewen weist in diesem Zusammenhang auf die Friedfertigkeit der Madegassen und ihre Liebe zum Tanz hin (Interview Metropolis, ARTE, 19.07.03). Beides ist auch in Europa leicht messbar: Mittels PACE-Tuch- und Club-Dichte. In beiden Werten dürfte Bern an der Spitze liegen.

mun