Metasprache

korrespondenz.biz --- (18.08.2003) --- [Print-Version] --- [Kommentare]
 
 

O Freunde, nicht diese Töne! (Schiller/Beethoven)

Seit Platons Dialog Kratylos steht die Frage im Raum, was Sprache ist; die Frage, was wir tun, wenn wir sprechen, ob wir die Dinge bezeichnen, wie sie sind, oder ob wir uns in Konventionen fügen, die wir für das halten, was uns die Sicherheit gibt zu wissen, daß wir das Richtige tun und das, was nicht Sprache ist, die Welt, richtig bezeichnen, wenn wir Worte benutzen. Das sind die Probleme der Philosophie. Wissen aber die wirklichen Menschen, was sie tun, wenn sie sprechen? Und wissen sie, was sie uns antun? Antun können? Ich spreche hier nicht von gewöhnlichen Politikerreden in Zeiten des Krieges und des Nichtkrieges, nicht von gestanzten Verlautbarungen und nicht von Hetztiraden. Ich spreche von und aus der kleinen Welt, und in dieser Welt wird viel, wird pausenlos gesprochen. Nur - wird da noch gesprochen, wenn gesprochen wird?

Die Sprache habe ihr Wesen, ja, sie offenbare dieses Wesen im "jedesmaligen Sprechen", heißt es bei Wilhelm von Humboldt, der die warmherzigste, weiteste, in seinen vorsichtigen Worten: eine nicht "unzarte" Theorie oder gar Philosophie der Sprache zu skizzieren versuchte; eine Sprachphilosophie, die eine Dialogphilosophie war (und ist), eine umfängliche Theorie des Menschen, die von der Sprache her etwas entwarf, was der Unverletzlichkeit und der Würde des Individuums gerecht zu werden vermochte. Sie ist in der europäischen Geistesgeschichte seit dem 19. Jahrhundert im Grunde folgenlos geblieben. Frankfurt am Main, immerhin, kennt einige wenige Gelehrte, die jenseits des akademischen Mainstreams eine Philosophie dessen, was der Mensch sein könnte, an Hand der Theorie der Sprachlichkeit des Menschen fortzusetzen versuchten und versuchen - Bruno Liebrucks, Brigitte Schlieben-Lange und Hubert Ivo. Alle drei weisen darauf hin, daß wir uns unserer Sprachlichkeit bewußt werden im Dialog, im Sprechen, in dem wir gewahren, daß wir über uns selbst und über unsere Erfahrungen, Beschränktheiten und Möglichkeiten Klarheit zu gewinnen vermögen, wenn wir über uns als Sprechende, die somit zu anderen - und nicht monologisierende - Sprechende sind, nachzudenken beginnen. Dann merken wir, daß wir nur wir sind - bzw. je ein Ich sind -, weil andere sind. Hegel hat dies an einer systematisch nicht auffälligen Stelle der Phänomenologie des Geistes zum Ausdruck gebracht: Das Ich sei nur, wo es ein vernommenes, ein angehörtes ist. Und dieses Ich erkennt, als ein vernommenes, sich als Ich, indem es das je andere Ich als vernehmliches anerkennt. In unseren alltäglichen sprachlichen Handlungen ist etwas von diesem selbstreflexiven, aber selten reflexiv benannten Wissen aufbewahrt. Eine Frage, aus dem Gespräch heraus gestellt, die etwa lautet: "Wie hast du das gemeint?" - zeigt, daß wir zu verstehen versuchen, was eine Äußerung meint, was sie besagt. Die Sprache selbst, wie sie in ihrer Erscheinung als das Wesen ihrer selbst erscheint, ist metasprachlich. Das ist der letzte und der erste Anhalt dafür, daß wir Menschen sind und uns menschlich verhalten. Zu anderen. Zu uns.

Diese Dinge mögen kompliziert erscheinen oder evident. Was das aber sei, die Metasprachlichkeit, darüber existieren zahllose Spekulationen und Konstruktionen, vom logischen Positivismus bis zur Transzendentalhermeneutik. Die systematisierten Antworten sind meist dogmatisch, gebieterisch. Sie operieren jenseits dessen, was die Wirklichkeit des Sprechens ist. Auf der Straße, dort drunten bei mir, wird, sobald die Außentemperatur über zehn Grad klettert, geschrien. Stundenlang, jeden Tag, Menschen versammeln sich, um von morgens um zehn bis abends um elf ohne jede Unterbrechung ihre Angelegenheiten zu regeln, ausschließlich brüllend. In der Gastwirtschaft sollte das anders sein. Die Intimität eines relativ beengten Raumes, dessen Teilzeitbeleber nur koexistieren können, wenn sie die von Tisch zu Tisch wechselnden Gesprächsbereiche nicht verletzen, ist fragil, aber gewissermaßen fluidial stabil. Man nimmt wahr, wenn man zu laut redet, und dämpft womöglich den Ton, wenn man dies bemerkt. Man spitzt auch nicht in Nebentischunterhaltungen hinein, wenn diese Gespräche das nicht erheischen. Das ist die Ethik der Gastwirtschaft.

Wenn aber ein Stammgast einer solchen Gastwirtschaft etwa zwanzig Minuten lang schreit: "Die Musik, die is' mir zu laut! Sandy, kannst du dieses scheißlaute Radio leiser machen, es is' ja nicht auszuhalten, diese Lautstärke!" - dann spricht er über das laute Sprechen aus dem Radio als einer, der sich über das Sprechen vernehmlich äußert. Über das Wesen des Sprechens. Über dessen Unwesen, das Unwesen der Sprache. Und zwar tut er dies, sofern er sich äußert. So äußert er sich gegen das jedes Gespräch tötende Reden, indem er jedes andere Gespräch erstickt. Trotzdem - und deshalb - handelt er metasprachlich. Das ist die metasprachliche Falle, jenseits der Philosophie der gesprochenen Sprache. Allein, er weiß nicht, was er tut, wenn er spricht. Und was er antut. Gleich dem Politiker, gleich dem Straßenschreier, gleich - zu oft - unsereinem selbst.

jro