| Urban Ethology, Karl Grammers Homepage korrespondenz.biz --- (22.09.2003) --- [Print-Version] --- [Kommentare] |
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Karl Grammer ist Direktor des Ludwig-Boltzmann-Institute for Urban Ethology in Wien. Er erforscht die Interpretation und Abstimmung menschlichen Verhaltens und die Evolution von Verhaltensmustern. Ziemlich bekannt sind seine Untersuchungen zu Kriterien der Partnerwahl. In der Sprachtheorie ist Intentionalität eine notwendige Bedingung von Kommunikation. Folgen wir dem Griceschen Grundmodell: Ein Sprecher meint etwas mit einer Äußerung, wenn er intendiert, dass die Äußerung einen bestimmten Effekt bei seinen Zuhörern hat, und wenn dieser Effekt dadurch erzielt wird, dass die Zuhörer seine Intention erkennen. In Psychologie, Soziologie und Ethologie wird ein schwächerer Begriff von Kommunikation verwendet: In einer zwischenpersönlichen Situation ist jegliches Verhalten der beteiligten Personen, auch nicht-intentionales Verhalten, kommunikativ. Das Verhalten des anderen hat Signalcharakter. Konfrontiert mit einem anderen Menschen interpretiert man dessen Verhalten. Vom wahrgenommenen Verhalten schließt man auf seine Dispositionen, darauf, wie er sich wahrscheinlich in Zukunft verhalten wird und auf Möglichkeiten der Manipulation seines Verhaltens. Das Erstellen von Hypothesen über den internen Zustand des anderen wird manchmal euphemistisch ``mind reading'' genannt. Soziale Kompentenz besteht in der Fähigkeit, das Verhalten anderer richtig zu interpretieren und in seinem eigenen Verhalten die (mögliche) Interpretation anderer zu berücksichtigen. Das Senden und Interpretieren von Signalen muss nicht bewusst erfolgen. So ist man sich über das Ausscheiden von Duftstoffen und seine Reaktion auf den Geruch eines anderen nur dann bewusst, wenn der Geruch eine gewisse Intensitätsschwelle überschreitet. Unter Umständen aber ist man sich bewusst, dass sein Verhalten interpretiert wird. Man verhält sich so-und-so, um eine bestimmte Interpretation zu bewirken. Der Interpret weiß, dass der andere durch sein Verhalten eine Interpretation bewirken kann und ggf bewirken will. Er interpretiert das Verhalten des anderen als manipulatives Verhalten. Der andere kann sich so verhalten, dass sein Verhalten im von ihm gewünschten Sinne als manipulatives Verhalten interpretiert wird, was der Interpret wiederum bei seiner Interpretation berücksichtigen kann. Usw. Im Zuge der Interpretation muss festgestellt werden, welches Verhalten bewusst wegen seiner Signalwirkung an den Tag gelegt wird und welches nicht. Wenn der Interpret davon ausgeht, dass ein bestimmtes Verhalten nicht wegen seiner Signalwirkung erfolgt, dann interpretiert er dieses Verhalten ohne Berücksichtigung einer möglichen manipulativen Intention. Nicht-intentionales Verhalten ist per definitionem nicht manipulativ. Der Interpret kann sich seiner Interpretation nicht-intentionalen Verhaltens besonders sicher sein. Das kann der andere nutzen, indem er sein intentionales Verhalten als nicht-intentionales Verhalten tarnt. Chrustschow soll 1960 in der UNO mit einem Schuh aufs Rednerpult gehauen haben, was von seinem Publikum als Ausdruck unkontrollierter Emotionalität gewertet wurde. Von einem, der mit seinem Schuh aufs Rednerpult haue, müsse man einiges erwarten, jedenfalls dass er die von ihm ausgesprochenen Drohungen wahr mache. Es gibt Leute, die behaupten, es gebe ein Foto, auf dem können man sehen, dass Chrustschow seine Schuhe anhatte, während er einen dritten Schuh als Signalgeber einsetzte. Chrustschow wollte nicht in erster Linie dem, was er sagte, Nachdruck verleihen. Vielmehr das primär intendierte Signal die Art des Nachdruck-Verleihens selbst. Damit das Signal die gewünschte Wirkung zeigte, durfte die Intention vom Publikum nicht erkannt werden. (Ob die Geschichte von Chrustschows drittem Schuh stimmt, weiß ich nicht.) Um Verhalten interpretieren zu können, braucht man eine einigermaßen konstante Semantik von Verhaltensmustern. Man klassifiziert konkretes Verhalten gemäß der Verhaltensmuster und weist ihm Bedeutung zu. Die Bedeutung des Verhaltens einer Person ist kontextsensitiv. Sie ist u.a. durch das Alter und das Geschlecht der Person bestimmt. Dasselbe Lächeln kann im Zusammenspiel mit verschiedenen Körperhaltungen unterschiedlich interpretiert werden. Verhalten ist komplex, es setzt sich aus verschiedenen Komponenten zusammen. Verhalten ist nicht immer eindeutig, die Bedeutung der Einzelkomponenten des Verhaltens kann konträr sein. Uneindeutiges Verhalten ist schwerer zu interpretieren als eindeutiges. Durch uneindeutiges Verhalten kann man seine Dispositionen verbergen. Man legt sich nicht auf ein bestimmtes Interesse fest, und man desavouiert seinen Kommunikationspartner nicht, indem man seine Haltung ihm gegenüber zweifelsfrei macht. Karl Grammers Homepage bietet viele Materialien zur Anpassung und Interpretation von Verhalten im Interaktionskontext und zur Evolution von Verhaltensmustern. 2001 hat Grammer die Firma DigitalMankind gegründet. ,,Die Kernkompetenz von digitalMankind liegt in der computergestützten Simulation und Analyse des menschlichen Verhaltens. [...] Die langfristige Vision von digitalMankind ist, dem Menschen ein virtuelles, soziales Gegenüber zur Verfügung zu stellen, das als sozial kompetente Schnittstelle den Umgang mit komplexen Zukunftstechnologien wie verteilten Computersystemen oder personalisierten Autos einfach, effizient und menschenähnlich gestaltet. Als innovative Schnittstellen können diese ,Virtuellen Menschen' hochkomplexe Technologie für eine breite Öffentlichkeit zugänglich machen. Die erste Version dieses Virtuellen Menschen werden als interaktive Spielfigur zur Verfügung stehen.'' hcs
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