| Rosenstraße
revisited korrespondenz.biz --- (13.10.03) --- [Print-Version] --- [Kommentare] |
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I.
Am 27. Februar 1943 startete im Deutschen Reich die sogenannte "Fabrik-Aktion", eine der
letzten Stationen auf dem Wege zur Vernichtung der europäischen Juden. Mehrere tausend
jüdische Menschen, die überwiegend noch als Zwangsarbeiter in der deutschen
Rüstungsindustrie eingesetzt waren, wurden an ihren Arbeitsplätzen verhaftet und in
Sammellager verbracht. In Berlin, wo ein Großteil der Betroffenen lebte, internierte die
Gestapo einen Teil der Inhaftierten, die in sogenannten "Mischehen" mit nicht-jüdischen
Partnern Lebenden, in einem Verwaltungsgebäude der jüdischen Gemeinde in der
Rosenstraße. Hier versammelten sich die Angehörigen, meist Frauen, und demonstrierten auf
offener Straße für eine Freilassung - auch gegen die Drohungen der Staatsmacht. Nach einer
Woche des Protestes wurden die Gefangenen freigelassen. Der Großteil der in der "Fabrik-
Aktion" Verhafteten wurde jedoch nach Auschwitz deportiert.
Das Geschehen in der Rosenstraße ist seit einem in den 90er Jahren erschienenen Buch des
amerikanischen Historikers Nathan Stoltzfus ein wichtiger Eckpunkt deutscher
Erinnerungskultur: es dient als Beispiel für einen "Widerstand des Herzens" (Stoltzfus),
Zivilcourage in "Zeiten des Krieges" und erfolgreiches Aufbegehren gegen die NS-
Vernichtungspolitik. Die Vorstellung, dass der Protest der Frauen entscheidend für die
Freilassung der jüdischen Männer war, da die NS-Führung und insbesondere
Propagandaminister Goebbels das mit den Protesten verbundene Aufsehen fürchteten, ist
jüngst jedoch in Zweifel gezogen worden. Nach einem Aufsatz des Historikers Wolf Gruner
im Jahrbuch für Antisemitismusforschung 2002 [1] lässt sich diese
Auffassung bis in die Jahre 1945-47 zurück verfolgen, als die ersten Berichte über die
"Rosenstraße"-Proteste erschienen - ein übrigens keineswegs überraschender Befund, gehen
doch immer noch zahlreiche besonders der populären Bilder und Erzählungen vom "Dritten
Reich" auf Deutungen der unmittelbaren Nachkriegszeit zurück. Nachdem die nach dem
Krieg entwickelte Sichtweise über Jahrzehnte hinweg ohne Einsprüche geblieben war, erhält
sie nun im Lichte von Gruners Forschungen die Züge einer "Legende". Gruner - ausgewiesen
durch Forschungen zum jüdischen Zwangs-"Arbeitseinsatz" im Nationalsozialismus - kommt
zu neuen Ergebnissen, weil er neben Erinnerungsberichten oder den notorischen Goebbels-
Tagebüchern bisher unbeachtet gebliebene Quellen heranzieht, vor allem der Polizei- und
Verwaltungsbehörden, aber auch der katholischen Kirche und jüdischer Einrichtungen. Aus
Sicht dieser Quellen erscheinen Protest und Freilassung nicht so ursächlich verknüpft wie
ursprünglich angenommen. Zwar kann auch Gruners Studie keine lückenlose und
abschließende Rekonstruktion der Ereignisse liefern, seine Untersuchung lässt es jedoch
plausibel erscheinen, dass die durch "Mischehen" privilegierten Juden gar nicht
abtransportiert werden sollten, sondern u.a. für die Arbeit in den verbleibenden jüdischen
Institutionen bestimmt waren.
Dass diese Erkenntnis erinnerungspolitisch durchaus heikel ist, ist auch Gruner deutlich
bewusst: die "Entzauberung" der "Rosenstraße"-Geschichte dürfe nicht den Einsatz der
Protestierenden schmälern, so seine Botschaft, die auch von den Medien gehört wurde, die -
vom SPIEGEL bis zum ZDF - Gruners Intervention angemessen differenziert
referierten. Gruner plädiert offen für eine genaue Unterscheidung von historischer Forschung
und öffentlichem Gedenken, doch ist diese Differenzierung nicht so leicht. Das zeigt nicht nur
sein Insistieren auf der Unterscheidung, sondern auch eine kleinere Kontroverse, die einige
Jahre vor Gruners Intervention stattfand, und deren Heftigkeit sich sicher nicht nur
wissenschaftsimmanent erklären lässt. Nathan Stoltzfus hatte zu diesem Zeitpunkt seine
Version der Rosenstraße-Ereignisse in der Zeitschrift "Geschichte und Gesellschaft"
vorgestellt. Dabei gab er nicht nur dem "Rosenstraße"-Protest die ihm zurecht gebührende
Aufmerksamkeit zurück, sondern wartete auch mit einigen "neuen" Thesen zum "Dritten
Reich" auf. Der Rosenstraße-Protest diente ihm nicht nur als Anlass für die - allerdings offen
"provozierend" gestellte - Frage, ob die Vernichtung der europäischen Juden durch mehr
derartige Aktionen nicht gestoppt oder verlangsamt hätte werden können. Stoltzfus bot auch
eine ungewöhnliche Sichtweise auf den "Widerstand" an. Statt des Widerstands der
Arbeiterbewegung und der alten Eliten (wie er sich im 20. Juli 1944 manifestierte), der
bislang die Aufmerksamkeit von Forschung und Öffentlichkeit auf sich gezogen habe, gelte es
die "Resistenz" stärker in den Mittelpunkt zu rücken, eine "Resistenz", wie sie sich nicht nur
in der "Rosenstraße" gezeigt habe, sondern auch in den Einsprüchen der katholischen Kirche
gegen gesellschaftliche Gleichschaltung, Zwangssterilisation und "Euthanasie". Dem
ideologisch formierten, organisierten und zersplitterten Widerstand stellt Stoltzfus eine
gewaltfreie und kollektive Opposition entgegen, die auf der "elementaren Familiensolidarität"
und der "ehrwürdigen Institution der Kirche" beruhe und allein deswegen schon mehr
Beachtung verdiene, weil sie - im Gegensatz zu offenen Widerstandsaktionen - die
Verfolgungspolitik des Nationalsozialismus "erfolgreich" unterlief: "Resistenz trotzte dem
Regime, ohne zugleich einen Vorwand zu liefern, Gewalt anzuwenden, und vermied damit
den Anschein des Hochverrats."
Ein Jahr später reagierte der Darmstädter Historiker Christof Dipper und bekannte seine
"Schwierigkeiten mit der Resistenz" Stoltzfus'scher Prägung. Er kritisierte zutreffend die
ahistorische Herangehensweise des amerikanischen Historikers, der die besonderen
Kontextbedingungen für den Rosenstraße-Protest vernachlässige, die Unschärfe von dessen
Begriffsdefinitionen, die Verdinglichung der "Resistenz" und Verklärung von
"Familiensolidarität" und katholischer "Selbstbehauptung" sowie die anachronistische
Gegenüberstellung von "erfolgreichem" und "erfolglosem", "guten" und "schlechtem"
Widerstand. Dipper legte seiner Kritik die "Empfehlung" bei, es sei "weniger die Aufgabe des
Historikers" "hypothetische Geschichtsverläufe zu entwerfen und im Anschluss daran den
Verfall moralischer Maßstäbe zu beklagen" als vielmehr "die Motivationen und
Handlungsspielräume aller Beteiligten auszuloten und zur Erklärung der Ereignisse
heranzuholen". Doch lassen sich die Differenzen zwischen Dipper und Stoltzfus nicht allein
auf die Gegenüberstellung von "wertneutraler" und offen "moralisierender"
Betrachtungsweise zurückführen. Sie zeigen vielmehr unterschiedliche "Modelle" des
nationalsozialistischen Regimes, die wiederum auf unterschiedliche
Gesellschaftsvorstellungen und Menschenbilder zurück gehen dürften.
Zwar betonen beide Historiker die hohe Folgebereitschaft der deutschen Bevölkerung
gegenüber den NS-Regime; während Dipper aber - vereinfacht gesagt - die dahinter stehenden
spezifischen Interessen eruieren möchte und mit den "Handlungsspielräumen" des Einzelnen
stärker die Strukturierung dieser Spielräume durch den Verfolgungsapparat zu betonen
scheint, neigt Stoltzfus - zugespitzt dargestellt - zu einem Modell freier Entscheidungen, in
dem Resistenz oder Widerstand jederzeit möglich ist (, Anpassung und Aktivismus im Sinne
des Regimes jedoch weitgehend unerklärt bleiben). Seine Fokussierung auf die Ereignisse in
der Rosenstraße erklärt er unter anderem mit seinem Interesse an einem historiographischen
Perspektivwechsel - hin zu einer erfahrungsnahen "Alltagsgeschichte". Sein Blick auf die
"Rosenstraße" hat aber offenbar auch mit sehr genauen Vorstellungen über das richtige
Funktionieren von Gesellschaft zu tun. Die Hinwendung zur "Rosenstraße", die Hinwendung
zur "Resistenz", geht auf "Schwierigkeiten" mit dem "klassischen Widerstand" zurück, der
offenbar Dissonanzen erzeugt durch das Auseinanderfallen von Anspruch und "Erfolg",
Zielen und Mitteln, "legitimem" Aufbegehren und "illegitimen" Zukunftsplänen. Die
"Rosenstraße" steht dagegen für eine weitgehend "unschuldig" gebliebene, "ungefährliche"
Opposition, die auch nach dem "Zeitalter der Extreme", für die Gegenwartsgesellschaft,
anschlussfähig ist; sie steht für ein Verhalten, das nicht im eigentlichen Sinne politisch ist,
sondern sich auf vermeintliche "Grundtatsachen" des menschlichen Lebens, den "Glauben"
und die "Familie", bezieht. Falls diese Annahmen stimmen und nicht nur Spekulation sind, so
verweist der Streit zwischen Stoltzfus und Dipper nicht nur auf unterschiedliche
Methodologien und Theorien vom "Dritten Reich", sondern ist auch Ausdruck tieferliegender
Differenzen, unterschiedlicher Wissenschafts- und Erinnerungskulturen, in und zwischen Amerika und Deutschland.
Dies zeigt auch der Artikel Wolf Gruners im Jahrbuch für Antisemitismusforschung. Denn der Autor
stellt sich zum Schluss seiner Studie doch den forschungsstrategischen und
erinnerungspolitischen Implikationen seiner Arbeit. Ähnlich wie Christof Dipper wendet er
sich gegen einen "wohlfeilen Widerstandsmythos" und plädiert für eine genaue
Rekonstruktion von "Motiven und Interessen" insbesondere "der Täter". Gruner wehrt
Stoltzfus' Spekulationen jedoch nicht nur ab, sondern nimmt auch offensiv zu ihnen Stellung:
Notwendig gewesen, so ließe sich dieses Zitat "pädagogisch" fortschreiben, wäre also
nicht nur der Einsatz für Familie oder das eigene Lebensumfeld, sondern ein viel
umfassenderes, generalisiertes Engagement für "Außenseiter" und Verfolgte. Gerade die
Verbindung von partikularer Resistenz und allgemeiner Indifferenz gegenüber der
Verfolgungspolitik - so ließe sich Stoltzfus entgegenhalten - sorgte für das Funktionieren des
Regimes.
Eine solch skeptische Sichtweise eignet sich jedoch nicht so gut für die öffentliche
Verarbeitung wie die - in ihrem öffentlichen Gebrauch noch zusätzlich und ohne Zutun des
Autors vielfach vereinfachte - Erzählung vom erfolgreichen "Widerstand des Herzens". Denn diese
Erzählung ermöglicht eine deutliche Distanzierung vom NS-Staat und deutscher Bevölkerung,
um zugleich ein optimistisches Gegenmodell und einen versöhnlichen Ausblick zu liefern. [2]
Da ist es symptomatisch, wenn Joschka Fischer, ausgewiesen für eine "produktive"
"Vergangenheitsbewältigung", der 2002 gedruckten deutschen Taschenbuchauflage von
Stoltzfus' Werk ein Vorwort beisteuert. Darin ist von der "millionenfache[n] Passivität und
Gleichgültigkeit im Angesicht des grausamen Schicksals der jüdischen Landsleute" und die
"Scham" über "damalige Gleichgültigkeit, ja Feindseligkeit so vieler Deutscher" die Rede,
zugleich wird jedoch ein Aufbruch im Zeichen der "Rosenstraße" propagiert, der schließlich im
Auftrag einer staatlichen "genocide prevention" und der Selbstvergewisserung des "mündigen
Bürgers" aufgeht:
II.
Auch Margarethe von Trotta hat in ihrem 2003 veröffentlichten vielbeachteten Film an diese Perspektive angeschlossen. Sie
hat - bei immerhin 10jähriger Vorbereitungszeit - auch die Zeit gefunden, die neueren
Forschungen zur "Rosenstraße" wahrzunehmen, sich aber trotzdem für die "Legende"
entschieden - nicht ohne zu Beginn des Filmes gut tautologisch auf der Verbindlichkeit ihrer
Perspektive zu bestehen. "Die Ereignisse haben tatsächlich stattgefunden", heißt es da - ein
Authentizitätsanspruch, der Wolfgang Benz, Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung, in der Süddeutschen
Zeitung zu einer harschen Kritik veranlasst hat. Benz
verwies auf die (im institutionellen Zusammenhang seines Instituts entstandene) Studie von
Wolf Gruner und zieh von Trottas mit eigenem Echtheitszertifikat versehenen Film - mit
gewissem Recht - der "Geschichtsklitterung". Die Reaktion der Regisseurin hierauf war
einigermaßen unentschlossen: hielt sie zunächst dagegen, der Film lasse offen, warum die
Gefangenen der Rosenstraße freigelassen wurden, so beharrte sie späterhin auf der populären
"Erfolgsgeschichte", um schließlich in erstaunlicher Wendung Benz seinerseits der
"Geschichtsklitterung" zu beschuldigen. [2b]
Formal gesehen lässt der Film tatsächlich offen, welche Gründe hinter der Freilassung stehen
(es gibt keinerlei Szene zu den Entscheidungsprozessen "hinter den Kulissen"), der
plot ist aber ganz auf die "Legende" hin zugeschnitten. Denn nur durch deren klare
und einfache Moral kann erreicht werden, worauf der Film hinauswill: eine "heilsame",
"Versöhnung" stiftende Erinnerung. Von Trottas Film beginnt nämlich mit "Trauma" und
Kommunikationsblockade. Nach dem Tode ihres Mannes verfällt die in New York lebende
Ruth Weinstein (Jutta Lampe) in ein rätselhaftes Verhalten (das populärpsychologisch
augenscheinlich für eine "Retraumatisierung" steht): sie schließt sich von der Welt ab und
wendet sich einem längerem (vom Film so deklarierten) orthodoxen Trauerritual zu. Dieses
Verhalten führt sie in einen Konflikt mit ihrer Tochter Hannah (Maria Schrader), die
nicht nur mit Unverständnis auf die bisher unbekannte Seite ihrer sonst so "säkularisiert"
auftretenden Mutter reagiert, sondern auch selbst mit offener Ablehnung konfrontiert ist.
Hannahs Plan, einen "nicht-jüdischen" Mann zu heiraten, wird plötzlich strikt von der
Mutter abgelehnt: "weil er nicht zu uns gehört". Die Tochter, die nach missglückten
Gesprächsversuchen von einer Verwandten über die "dunkle Vergangenheit" ihrer
Mutter erfährt, reist daraufhin nach Berlin, in die Stadt, aus der Ruth Weinstein in den
40er Jahren emigrieren musste. Mit der Legende einer Historikerin versehen, die über
jüdische "Mischehen" forscht (das Wissenschaftliche ist bekanntlich privat), versucht sie
genaueres über das "Schicksal" ihrer Mutter herauszufinden. Sie macht Lena Fischer
ausfindig, eine Deutsche von Adel, die in den 40er Jahren mit dem jüdischen Musiker Fabian
(Martin Feifel) verheiratet war. Sie zählte zu den Frauen der Rosenstraße und erwirkte nicht
nur die Befreiung ihres Ehemannes, sondern nahm sich im Laufe der Aktion auch des
Mädchens Ruth an, das während der "Fabrik-Aktion" seine Mutter verlor, weil diese
aufgrund der Scheidung von ihrem "arischen" Partner den Schutz der "Mischehe" verloren
hatte. Von dieser Lena (Doris Schade) lässt sich Hannah die Geschichte
erzählen.
Der Film spielt auf drei Handlungsebenen: auf der ersten sehen wir Hannahs modisch
inszenierte Recherchen - vom Hotelzimmer schaut sie auf die bewegten Lichter der Großstadt
Berlin, auf dem Bett sitzend hört sie die Aufnahmen ihrer Gespräche mit Lena ab,
bearbeitet das Gehörte (vermutlich mit Kaffeetasse versehen) mit ihren Laptop
und versucht in Telefonaten mit dem Freund das Erfahrene mit dem eigenen Leben
kurzzuschließen. Auf einer zweiten Ebene sehen wir das Interview Hannahs mit
Lena, in einem mit Fotos und Erinnerungsstücken vollgeräumten und von schweren
Vorhängen verhängten Zimmer, das als Andachtsstube und Museum der Zeitzeugenschaft
präsentiert wird. Dieses Zimmer wiederum dient als Zeitschleuse und transportiert den Zuschauer schließlich in die
dritte Dimension, das Geschehen im nationalsozialistischen Berlin.
Es verwundert so auch nicht, dass man bei von Trotta alle für solche Historienfilme gängigen
Stereotypen wiederfindet. Wolfgang Benz hat in seiner Kritik einige genannt, seine Liste ließe
sich noch verlängern. Es gibt nicht nur einschlägige psychologische und erschreckend
"selbstverständliche" physiognomische Klischees - nach einem Bericht von Iris Noah in der jungle world
hat es die zuständige Castingagentur nicht einmal unterlassen, nach "jüdisch" und "arisch"
aussehenden Komparsen zu fahnden. Bevölkert wird der Film auch durch die bewährten
Ikonen deutscher "Vergangenheitsbewältigung": quadratschädelige SS-Männer und aalglatt
gekämmte Gestaposchergen, den altgedienten und darob äußerlich wie innerlich
verknöcherten General sowie seine etwas überforderte Frau (Gaby Dohm, überglänzt von Schwester
Christa), den gutmütigen, aber autoritätshörigen Schutzmann, der nicht kann
wie er will, die patente Berliner "Volksgenossin" und ihren Widerstand Herz mal Schnauze,
schließlich die aufrechte Adelige, Lena Fischer, ehemals von Eschenbach, die für
Humanität einsteht und in ihrer Hand: der begabte und sanfte jüdische Musiker, das
verlassene Mädchen. "Gräfin Dönhoff" und "Anne Frank".
Gelegentlich findet man Abweichungen von diesem für Macher und Publikum bequemen
Schema, in einer polemischen Szene etwa über "Terror" und "Gemüt", die einen
Gestapomann zeigt, wie er bei sentimentalen Weisen die eigene Rührung kultiviert.
Gelegentlich fällt auch die Tonspur aus und es kehrt etwas Stille ein, eine für das Genre fast
schon irritierende Stille, so dass man den Eindruck hat, der Film nähere sich den nüchternen szenischen Rekonstruktionen von Polanskis "Pianisten". Dies bleibt aber die
Ausnahme, die schöne Regel dagegen der Ton des Melodrams, die Ästhetik der Hollywoodromanze oder der Vilsmayerschen Kitschproduktionen.
Geigen geben Nachhilfe in humaner Anschauung.
Der historische Stoff wird verdichtet zu einer persönlichen Schicksalsgeschichte, zur Fabel
über die "Kraft der Liebe" und die "Hoffnung" in "düsteren Zeiten" (Cinemaxx TV, Pro7).
Doch ist "Rosenstraße" nicht nur dies, sondern auch ein Film über die "Treue" der Frauen (Interview von Trotta). Wir
erfahren, dass Männer sich wesentlich häufiger durch Scheidung aus "Mischehen" lösten und
von ihren Partnern "lossagten", und wir sehen gegen diesen Hintergrund immer wieder die
Frauen, die ausharren, die nie aufgeben, zu ihren Männern stehen und sich sogar selbst den
gelben Stern anheften, wenn sie so nur ihren Mann besuchen können. Die Treue zeigt sich
selbst im äußersten: wenn Lena Fischer (Katja Riemann) sich zur Rettung ihres
Mannes auf einer Versammlung von Nazi-Unterhaltungskünstlern Goebbels
präsentiert und schließlich zum Opfer bringt. Zunächst begleitet sie unter seinen Augen eine
Aktrice des boomenden NS-Films am Klavier, während diese mit kollaborateurischem
(kollaborierendem?) Timbre "Ich weiß nicht, wohin ich gehöre" singt, dann tut sie wie
gesungen, obgleich ein Blick in Katja Riemanns Augen zeigt, wo sie wirklich
hingehört. Ihrem ungehörigen Opfer, dem Beischlaf mit dem
Reichspropagandaminister, folgt prompt die Freilassung der Häftlinge. Lena schließt
ihren Mann wieder in die Arme.
Damit erreicht der Film seinen Höhepunkt: nicht nur eine kitschige Phantasie über
"Verstrickung" und "Märtyrertum", sondern auch eine historisch und erinnerungspolitisch
äußerst fragwürdige Wendung. Nicht nur, dass Goebbels derart ungebrochene Kompetenzen gar nicht
zukamen. Die Szene privatisiert das Geschehen auch auf fragwürdige Weise: indem der Film
seine adelige Hauptfigur als eigentliche Heldin präsentiert, marginalisiert er den ganzen Rest
vom Rosenstraße-Protest. Indem die Regisseurin das Opfer gegenüber dem promiskuitiven
Minister zum Schlüssel für die Freilassung der Gefangenen macht, vollzieht sie erst, was sie
wohl Forschern wie Gruner unterstellt: sie entwertet den "Aufstand" der Frauen. Auch hierauf hat Wolfgang
Benz hingewiesen.
Die schauerliche Goebbels-Szene - von der Kritik fast einmütig als "befremdlich" gekennzeichnet - folgt nicht nur einem vorgeblich populären
Bedürfnis, dem "Bösen" ein Gesicht zu geben und reproduziert die landläufige Vorstellung
des Nazi-Verbrechers. Sie ist auch von zentraler Bedeutung für das Frauenthema der
"Rosenstraße". Denn Goebbels ist die zentrale Gegenfigur, die auf "einleuchtende"
Art männliche Macht mit sexueller Bedrohung bündelt und das Private so schön politisch
werden lässt (mit Hitler wäre dies wohl nicht so gegangen). Wen anders hätte man für diese
Figur wohl nehmen können als Martin Wuttke, der nach exaltierten Arturo Ui-
Performances nun den Goebbels als lauernden Dämon geben darf. Für Jürgen Vogel
bleibt da lediglich, den "guten Deutschen" zu verkörpern, Lena Fischers Bruder
Arthur, der bei der "Befreiung" der Rosenstraße eine wichtige Rolle spielt, ein
kriegsversehrter Stalingrad-Kämpfer, der sich mit Fronkämpferautorität gegen SS und
Parteibonzen behauptet, ein verwundeter Mann, der den Antisemitismus des Vaters bekämpft,
die Massenverbrechen "von SS und SD" für die Nachwelt festhält und natürlich auch für das
vom Nationalsozialismus verschüttete weltoffene Berlin steht: er kann tanzen und mag Swing.
Offensichtlich eine identifikatorische Wunderwaffe.
Von Trotta bedient durch derart edle Figuren nicht nur eine allzu einfache Erinnerung, sie
macht es sich mit dem Erinnern auch allzu einfach. Der Film kreist um die Notwendigkeit der
Erinnerung, um sie zugleich wieder aufzuheben; er inszeniert gelungenes und erfolgreiches
Erinnern, in dem er sich selbst wiederum spiegelt. Überdies findet das grundsätzlich richtige
"Gegen das Vergessen" in der "Rosenstraße" eine regelrecht "imperialistische" Wendung.
Dies wird besonders deutlich an der Figur des Arthur Fischer, mit der kurzer Hand die
ganze "Erinnerungsschuld" der letzten Jahrzehnte abgetragen wird. Denn Fischer ist
zwar Frontkämpfer im Zweiten Weltkrieg, jedoch einer mit kritischem Bewusstsein. Von
seinem "Einsatz" bringt er Fotos von Erschießungen mit, die er seinen Wehrmachtskameraden
mit anklagender Geste vorhält. Nicht "wir haben es gewusst" sagt diese Szene jedoch,
sondern: "wir stellen uns der Dinge". An die Stelle des durch die Wehrmachtsausstellung
öffentlich zum Thema gewordenen Soldaten, der mit touristischem Interesse
Hinrichtungsfotos schießt, tritt der aufrechte Offizier, der Menschheitsverbrechen
dokumentiert. Dies ist eine Grundlinie des Filmes: es sind "Deutsche", die die Verbrechen
dokumentieren, es ist die "Deutsche" Lena Fischer, die das Schweigen bricht, die das
Sprechen über die Vergangenheit in der "jüdischen" Familie wieder möglich werden lässt und
Versöhnung stiftet, zwischen den Generationen, zwischen den Gemeinschaften. Zum Schluss
des Interviews erhält Hannah von Lena ihren (christlichen?) Segen. Sie kehrt
zurück, spricht sich mit ihrer Mutter Ruth aus und darf ihren "nicht-jüdischen" Mann
heiraten.
Die Regisseurin reiht sich in diese Linie ein: es ist schließlich Margarethe von Trotta, die uns
diese Geschichte gibt. Wie wichtig dies ist, machte das filmbegleitende Merchandising
deutlich. Nicht müde wurden dabei die Regisseurin und ihre interviewten Darstellerinnen, die
Bedeutung ihrer "Erinnerungsarbeit" hervorzuheben; nicht müde wurden sie zu betonen, dass
sie die Lektion gelernt, dass sie ihren Levi, Wiesel und Kertesz gelesen haben. Auf der
Internetseite zum Film gab von Trotta an, es sei nicht leicht gewesen, über die NS-Verbrechen
und die Erfahrungen der Betroffenen zu lesen, aber man müsse durch das alles "hindurchgehen". "Ich bin
dann auch in Auschwitz gewesen ..." Im ZDF war sie auch, bei Elke Heidenreichs "Lesen!"-
Sendung, wo sie bekannte, dass die Berichte von Überlebenden sie sehr mitgenommen hätten. Und:
"Ich habe tagelang geweint." Aber das, so von Trotta, sei wohl eher eine Sache der Frauen.
Mit dieser Episode erst findet der Film sein Ende. Sie verdeutlicht die Selbstbezüglichkeit, die nicht nur
instrumentellen sondern auch anmaßenden Züge dieses "Rosenstraße"-Projekts. Die Auseinandersetzung
mit der Vergangenheit führt über die Identifikation mit den Betroffenen zur Enteignung der
Opfer, von der unaussprechbaren Trauer zum kathartischen Erinnern; es beginnt mit der
Mahnung gegen das Vergessen und endet bei einer kaum verstellten Identitätspolitik. Am
Schluss steht die Reimagination der Regisseurin, ja: ihre Reinkarnation als Rosenstraßlerin.
Man muss "durch das alles hindurchgehen." Im geschichts-politischen Werk von Trottas, das
sich thematisch vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum Mauerfall streckt, war die NS-Zeit
bisher noch nicht bearbeitet worden. Dies ist nun geschafft.
III.
Von Trottas Film setzt dem "Rosenstraße"-Protest nicht nur ein "Denkmal", er ist auch offen
als solches konzipiert; und wenn man dem Medienecho glaubt, so wird er sicherlich für die
weiteren Jahre die entscheidende Orientierungsmarke des "Rosenstraße"-Gedenkens
darstellen. Dabei hat dieses Gedenken schon eine längere Geschichte. Besonders am
"historischen Ort", in Berlin, gab und gibt es derartige Initiativen. Von ihnen zeugen mehrere
Gedenk-Stätten in der Nähe des nicht mehr existenten Gebäudes, eine Ausstellung in einem
benachbarten Hotel und ein 1995 eingeweihtes Denkmal von Ingeborg Hunziger, das mit
seiner Inschrift "Die Kraft des zivilen Ungehorsams und die Kraft der Liebe bezwingen die
Gewalt der Diktatur" in etwa die Linie des Trotta-Films vorwegnimmt. Dass die Ereignisse in
der Rosenstraße in den letzten Jahren eine hohe öffentliche Präsenz erreicht haben, geht auf
mehrere dokumentarische Filme und eine lebhafte publizistische Tätigkeit zurück: neben
Nathan Stoltzfus' mehrfach gedrucktem Werk haben unter anderem Gernot Jochheim und
Nina Schröder einschlägige Veröffentlichungen vorgelegt. [3] Schließlich
finden sich auch im Internet zahlreiche Hinweise auf die "Rosenstraße" und mögliche Lesarten
des Protestes. Bereits auf der Seite zum Film erhält man einige Adressen, über die sich
wiederum weitere Webseiten erschließen lassen; zudem liefert Google verläßlich
umfangreiche und ergänzende Fundstellen. Hier kann, wer nur ein wenig orientiert ist über die
"Autoren" und "Verbreiter" der Angebote, schnell verlässliche Informationen heraussuchen.
Im Online-Magazin Hagalil etwa gibt es eine souveräne
Einführung zum Thema, die die neueren Forschungen berücksichtigt, die Spannung zwischen
historischer Forschung und historischem Gedenken berührt und sowohl die Geschehnisse wie
deren öffentliche Verarbeitung in den letzten Jahren thematisiert; sehr knapp und ohne
größere Kommentierungen zwar, die wesentlichen Orientierungspunkte werden jedoch gesetzt
und hinreichend Anregungen für eine weitere Auseinandersetzung vermittelt.[4] Bei Hagalil spart man sich erinnerungspolitischen Pathos und setzt
auf historische Situierung: die Hinweise auf den konkreten Ort (das Gebäude) und den
verfolgungspolitischen Kontext ("Fabrik-Aktion") wenden sich gegen eine isolierte
ereignisgeschichtliche Lesart.
Von dieser Darstellung getrennt findet man bei Hagalil jedoch auch eine Seite, die vor allem
an den "Bedürfnissen" öffentlichen Gedenkens orientiert ist. Hier werden "Zeugenberichte", Fotos vom
Rosenstraße-Denkmal und weiterführende Links zur Verfügung gestellt. Über diese Links
kann man tiefer in die Geschichte des Berliner Judentums eindringen; sie verschränken
überdies die Geschichte der Rosenstraße mit der Geschichte jüdischer
Wohlfahrtseinrichtungen und jüdischer Selbstbehauptung im Nationalsozialismus - eine
alternative Lesart zu der in von Trottas Film.
Ähnlich an historischer Rekonstruktion orientiert wie die erwähnte Seite auf Hagalil
Online ist das Angebot der Stiftung
Topographie des Terrors (, die auch 1999 den Anstoß gab zur Dokumentierung der Geschehnisse auf zwei Litfasssälen in der Nähe des historischen Ortes). Hier "klärt" ein einführender Text
das Geschehen, ergänzt durch einen Kartenausschnitt, der die frei flottierende Anschauung auf
den historisch-topographischen Boden holt. Die kurze Einführung lässt Hinweise auf die
"Kontroverse" um die Rosenstraße leider vermissen, vermeidet aber eine Festlegung zu den
Gründen der Freilassung. Wichtig sind die beigegebenen zehn "Dokumente", die man über
eine Zahlenleiste abrufen kann. Sie dienen der Veranschaulichung, zielen auf eine Vertiefung
des Wissens (vom "Besonderen zum Allgemeinen") und lassen - wenn man will - auch eine
dramaturgische Anordnung erkennen. Nach Berichten von Betroffenen und Passagen aus den
Goebbels-Tagebüchern folgen "Dokumente", die die unmittelbare Umsetzung der "Fabrik-
Aktion" durch die Verfolgungsbehörden (wie etwa das Reviertagebuch des Reviers Berlin-
Schönefeld) und den NS-Arbeitseinsatz als allgemeinen Hintergrund erkennen lassen. Vor
allem wird die Verklärung zu einer Geschichte "mit gutem Ende" unterlaufen: Dokument 10
zeigt Transportlisten über die Deportation jüdischer Bürger von Berlin nach Auschwitz.
Es zeigt sich also: sichtet man die Hinweise auf die "Rosenstraße"-Episode im Internet, so
finden sich auch eine Zahl von differenzierten und weiterführenden Darstellungen. Kein
Grund zur Idealisierung des "Netzes", jedoch Anlass für eine abwägende Beurteilung der
"virtuellen" Darstellung der NS-Vergangenheit - insbesondere, wenn man das Internet mit
anderen Medien kontrastiert. Wer sich über die "Rosenstraße" nur mittels des Trotta'schen Werkes
und der filmbegleitenden Fernsehberichterstattung kundig gemacht hat, die sich weitgehend
auf Trailersampling und Schauspielerinterviews konzentrierte, wird ein ungleich simpleres
Verständnis vom Geschehen entwickeln.
Gleichwohl sind "im Netz" natürlich nicht nur Beiträge zu finden, die den
Ansprüchen und Repräsentationsbedürfnissen des Geschichtswissenschaftlers
entsprechen. Auch zur Rosenstraße finden sich zahlreiche Angebote, die nicht-
"professionellen" Ursprungs sind und deutlich von außerwissenschaftlichen Interessen
geprägt sind. Besonderen Raum nimmt hier die Seite www.rosenstrasse-protest.de ein, die bei den üblichen Suchroutinen
besonders häufig auf dem Schirm erscheint. Hierbei handelt es sich offenbar um ein
privates Projekt, das auch dem Design nach keine Anstalten macht, einen "offiziellen" Eindruck zu erwecken. Motiv
für die Einrichtung der Site ist offenbar das Singuläre des Protestes: sie eröffnet mit
einem eindrücklichen Zitat von Nathan Stoltzfus, und unter "Info" findet man eine Kollage, die
die Demonstrationen in der "Rosenstraße" als einzigartigen öffentlichen und einzig
erfolgreichen Widerstand gegen Judendeportationen und "Nazi-Faschismus" präsentiert. Was
dieser Eröffnung folgt, sind jedoch keine weiteren Ausführungen zum Verhältnis von
"Faschismus" und Bevölkerung, sondern eine nahezu unkommentierte Sammlung von
Betrachtungen und Quellen zu den Ereignissen: "Veranstaltungen - Interviews - Fotos - Texte
- Links - Filmliste - Bücherregal - Forum". Dem entspricht anscheinend auch die Nutzung der
Site: schaut man sich die spärlichen Spuren im "Forum" an, so funktioniert
www.rosenstrasse-protest.de weniger als Diskussionsplattform denn als willkommene
Informationsbasis. Für diesen Zweck ist die Seite auch geeignet: sie bietet, soweit ich sehen
kann, das umfangreichste Angebot an Verweisen zum Thema und lässt dabei - wie in der
Rubrik "Texte" dokumentiert - auch unterschiedliche, konfligierende Sichtweisen zu. Eine
"eindeutige" Version der Geschehnisse wird offenbar nicht angestrebt, vielmehr zeigt sich im
kleinen Maßstab eine mögliche Stärke des Netzes insgesamt: die Herstellung von
Multiperspektivität. Zugleich offenbart sich aber auch ein Problem, das sozusagen im
Schatten der "Multiperspektivität" entsteht: die Neigung zu Reihung und eine gewisse
Konturlosigkeit. So wünschte man sich zum einen bei www.rosenstrasse-protest.de eine
genauere, quellenkritischen Ansprüchen genügende Nachweisung und Einordnung der bereit
gestellten Erinnerungstexte. Zum anderen vermisst man eine Gliederung und Kommentierung
der angebotenen Kommentare und Links. Die unterschiedlichen Perspektiven sollten nicht nur
angeboten, sondern auch zum Thema gemacht, die verschiedenen Darstellungen der
"Rosenstraße" ausgewiesen, wenn nicht deutliche Hinweise auf die hinter den Darstellungen
stehenden Darstellungsregeln und Interessen gegeben werden. Anderenfalls entsteht eben
doch der oberflächliche Eindruck einer weitgehend einheitlichen Erinnerung. Und der Nutzer
wird, statt für oder gegen bestimmte Sichtweisen Stellung nehmen, zum Opfer seiner
willkürlichen Suchbewegungen.
Die Notwendigkeit einer stärkeren Kommentierung und Kontextualisierung zeigt sich auch,
wenn man die Rubrik "Texte" mit der Linkliste vergleicht. Zum Teil finden sich hier
identische Verweise: im ersten Fall allerdings auf reinen Text, im zweiten Fall zum
ursprünglichen Standort des Textes, seinem Entstehungs- und Erzählkontext. Der Unterschied
ist deutlich und wird unmittelbar beim "Einklicken" in die entsprechende Seite
greifbar: ob man einen Kommentar aus der Graswurzelrevolution im "neutralen"
Grauschwarz oder unter buntem
Banner präsentiert bekommt, ist für seine Interpretation nicht belanglos.
www.rosenstrasse-protest.de vermittelt nicht nur den Link zur Graswurzelrevolution,
sondern eine Reihe weiterer, wieder andere lassen sich nach wenig aufwändiger Recherche
per Suchmaschine ausfindig machen. Sie machen deutlich, Sie machen deutlich, in welch unterschiedlichen Erzählkontexten die Ereignisse in der "Rosenstraße" Verwendung finden. Ausführliche "revolutionstheoretische
Überlegungen" wie bei der Graswurzelrevolution finden sich eher selten, viele Seiten
kompilieren vielmehr bereits publizierte Texte aus Büchern und Zeitungen, englischsprachige
Seiten bieten vor allem Texte und Auszüge von Nathan Stoltzfus selbst. Wesentlich ist
allerdings der Rahmen der Präsentation. Dieser Rahmen wird offenbar bevorzugt von Seiten
der Friedensbewegung zur Verfügung gestellt, zum Teil aus dem Kontext der
Frauenbewegung und linksalternativen bis basisdemokratischen Gruppen. [5]
Entsprechende Schattierungen erhält das historische Geschehen: die Demonstrationen in der
Rosenstraße werden in diesem Rahmen zum Musterfall eines erfolgreichen gewaltlosen Widerstands
gegen "Krieg" und "Diktatur", bieten Anlass für die Rehabilitierung eines von der bisherigen
patriarchalen Wahrnehmung weitgehend marginalisierten Frauenwiderstandes oder werden
zum Ansatzpunkt einer verschütteten (wohlgemerkt:) deutschen Protestgeschichte.
Zwar wird "die Rosenstraße" auch als Beleg für die Möglichkeit eines "revolutionären" Systemwechsels präsentiert;
meist dient der Protest jedoch als Vorbild für systemimmanente
Korrekturen und Aktionen, eine allgemeine Friedenserziehung, "bürgerschaftliches" Engagement unter der
Parole "Never again" oder sozialen Protest nach dem Vorbild "Brent spar".
Dass hinter solch' pragmatischer Nutzung das historische Geschehen an Konturen verliert, ist
unmittelbar einleuchtend. Die Geschichte des Nationalsozialismus, soweit sie nicht allein von
den Protesten her gedacht und damit nur verzerrt wahrgenommen wird, verblasst hinter den
verschiedenen "Rosenstraße"-Geschichten. Das "Dritte Reich" wird zum Anwendungsfall für
"Humantiät" und "Zivilcourage" und Setting für eine aufbauende Episode im Gedächtnis der
Menschheit.
Doch dies sind nur erste, unsystematische Eindrücke. Um zu einem klareren Bild zu kommen,
wäre eine genauere Aufschlüsselung von Nöten. Diese Aufschlüsselung sollte jedoch nicht
allein in einer historischen Untersuchung, sondern auf einer eigenen Seite durchgeführt
werden - Angebote wie www.rosenstrasse-protest.de bieten hierfür einen Ausgangspunkt.
Eine solches Projekt könnte gleichzeitig Ansatz sein, die Darstellung der "Rosenstraße" im
Netz über längere Zeit zu verfolgen. Es wäre interessant zu beobachten, wie sich das noch
relativ "junge" Gedenken an die Rosenstraße entwickelt: ob die Forschungen Gruners zu einer
Differenzierung des Bildes führen oder es zu einer weiteren Kanonisierung im Sinne von
Trottas Film kommen wird; ob sich die Unterschiede zwischen "amerikanischem" und
"deutschem" Gedenken abschleifen werden und sich ein erinnerungspolitischer
mainstream entwickelt, der die jetzt noch präsenten alternativen Interpretationen
überdeckt.
Vor allem aber könnte ein solches Projekt der Aufklärung dienen: über das Medium selbst
und den öffentlichen Gebrauch der Geschichte.
[1] Literaturangaben zum Folgenden: Wolf Gruner, Die Fabrik-Aktion und die Ereignisse in der Berliner Rosenstraße. Fakten und Fiktionen um den 27. Februar 1943, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 2002, S. 137-177 [mit weiteren Nachweisen]. - Nathan Stoltzfus, Widerstand des Herzens. Der Protest in der Rosenstraße und die deutsch-jüdische Mischehe, in: Geschichte und Gesellschaft 21(1995), S. 218-247; ders., "Third Reich History as if the People mattered". Eine Entgegnung auf Christof Dipper, in: Geschichte und Gesellschaft 26 (2000), S. 672-684; ders., Widerstand des Herzens. Der Aufstand der Berliner Frauen in der Rosenstraße 1943. Mit einem Vorwort zur Taschenbuchausgabe von Joschka Fischer, München 2002. - Christof Dipper, Schwierigkeiten mit der Resistenz, in: Geschichte und Gesellschaft 22 (1996), S. 409-416. [2] Damit funktioniert der "Widerstand des Herzens" strukturell ähnlich wie "Hitlers willige Vollstrecker" von Daniel Goldhagen, das auch eine scharfe Kritik an der deutschen Bevölkerung unter dem Nationalsozialismus mit Entlastungen für die Nachgeborenen verknüpfte. Natürlich lassen sich "Stoltzfus" und "Goldhagen" nicht gleichsetzen. Ähnlichkeiten sind jedoch unübersehbar - auch was die Spannungen zwischen öffentlichem Erfolg und fachlicher Resonanz, amerikanischem Autor und deutschen Kommentatoren angeht. [2b] Allerdings ist auch Benz' Kritik wiederum kritisiert worden; vgl. z.B. die Rezension in der FAZ. [3] Etwa: Gernot Jochheim, Frauenprotest in der Rosenstraße Berlin 1943. Berichte, Dokumente, Hintergründe, Berlin 2001; Nina Schröder, Hitlers unbeugsame Gegnerinnen. Der Frauenaufstand in der Rosenstraße, München 2001. [4] Ähnliche Funktion erfüllen auch Seiten, die die neuen Erkenntnisse Gruners darstellen und deren Bedeutung für die "Rosenstraße"-Erinnerung diskutieren, vgl. etwa den Beitrag von Daniela Schmidt für das ZDF-Kultur-Magazin Aspekte. [5] Wobei hier natürlich deutlich zwischen amerikanischen und deutschen Seiten zu unterscheiden ist, hinsichtlich der Trägergruppen wie der getroffenen Aussagen.
Nachtrag 18.04.04: Der Text wurde geringfügig überarbeitet. Zu "Rosenstraße"-Kontroverse und von Trottas Film jetzt einschlägig: [ Wolf Gruner, Ein Historikerstreit? Die Internierung der Juden aus Mischehen in der Rosenstraße 1943. Das Ereignis, seine Diskussion und seine Geschichte, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 52 (2004), S. 5-22; [ Beate Meyer, Geschichte im Film: Judenverfolgung, Mischehen und der Protest in der Rosenstraße 1943, in: ebd., S. 23-36. Nachtrag 20.06.2004. Der Ausgeglichenheit halber und auf Anregung von Nathan Stoltzfus gegenüber korrespondenz.biz sei auch auf dessen jüngste Beiträge hingewiesen, in denen er seine 1995/2000 in der Zeitschrift Geschichte und Gesellschaft formulierten Thesen weiterentwickelt, vertieft und präzisiert. Etwa: [ The Limits of Policy: Social Protection of Intermarried German Jews in Nazi Germany, in: Robert Gellately/Nathan Stoltzfus (Hg.), Social Outsiders in Nazi Germany, Princeton/Oxford 2001, S. 117-144. [ Die Wahrheit jenseits der Akten, in: Die ZEIT 45/2003. [ Der "Versuch in der Wahrheit zu leben" und die Rettung von jüdischen Angehörigen durch deutsche Frauen im "Dritten Reich", in: Jana Leichsenring (Hg.), Frauen und Widerstand, Münster 2003, S. 74-88. [ Eine Entgegnung auf die Thesen seiner Kritiker soll demnächst in der Zeitschrift Central European History erscheinen (dort auch: Wolf Gruner, The Factory-Action and the Events at the Berlin Rosenstrasse. Facts and Fiction about 27 February 1943 - Sixty Years Later, in: Central European History 36 (2003), S. 179-208). Im Artikel "Die Wahrheit jenseits der Akten", der im Kontext der Kontroverse um von Trottas "Rosenstraße"-Film entstanden ist, wirft Stolzfus den Historikern um das Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung vor, sie würden dem Protest in der Rosenstraße mit demonstrativer Missachtung begegnen. Er plädiert dagegen für eine empathische Geschichtsschreibung, die sich auf die Perspektive der beteiligten Frauen einlässt und für eine stärkere (freilich selektive) Skepsis gegenüber den "Nazi-Dokumenten". Diese von Stoltzfus' gegenüber Wolf Gruner, Wolfgang Benz und Beate Meyer vorgenommene Positionierung macht - ebenso wie die am 29/30.04.2004 abgehaltene Konferenz Der Protest in der Rosenstraße 1943 - Zeitzeugen zwischen Akten und Erinnerung und die dort geführten Diskussionen - noch einmal deutlich, dass die "Rosenstraße"-Diskussion nicht nur unterschiedliche Interpretationen des Ereignisses bündelt, sondern eine Reihe weitergehender Konflikte, die die Funktionsweise des NS-Regimes und die Frage individueller Handlungsspielräume ebenso betreffen wie die Bewertung der Quellen und den Umgang mit "Oral history" sowie das Verhältnis von Geschichtswissenschaft, Öffentlichkeit und Erinnerungspolitik.
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