Rosenstraße revisited

korrespondenz.biz --- (13.10.03) --- [Print-Version] --- [Kommentare]
 
 

 

I.

Am 27. Februar 1943 startete im Deutschen Reich die sogenannte "Fabrik-Aktion", eine der letzten Stationen auf dem Wege zur Vernichtung der europäischen Juden. Mehrere tausend jüdische Menschen, die überwiegend noch als Zwangsarbeiter in der deutschen Rüstungsindustrie eingesetzt waren, wurden an ihren Arbeitsplätzen verhaftet und in Sammellager verbracht. In Berlin, wo ein Großteil der Betroffenen lebte, internierte die Gestapo einen Teil der Inhaftierten, die in sogenannten "Mischehen" mit nicht-jüdischen Partnern Lebenden, in einem Verwaltungsgebäude der jüdischen Gemeinde in der Rosenstraße. Hier versammelten sich die Angehörigen, meist Frauen, und demonstrierten auf offener Straße für eine Freilassung - auch gegen die Drohungen der Staatsmacht. Nach einer Woche des Protestes wurden die Gefangenen freigelassen. Der Großteil der in der "Fabrik- Aktion" Verhafteten wurde jedoch nach Auschwitz deportiert.
Das Geschehen in der Rosenstraße ist seit einem in den 90er Jahren erschienenen Buch des amerikanischen Historikers Nathan Stoltzfus ein wichtiger Eckpunkt deutscher Erinnerungskultur: es dient als Beispiel für einen "Widerstand des Herzens" (Stoltzfus), Zivilcourage in "Zeiten des Krieges" und erfolgreiches Aufbegehren gegen die NS- Vernichtungspolitik. Die Vorstellung, dass der Protest der Frauen entscheidend für die Freilassung der jüdischen Männer war, da die NS-Führung und insbesondere Propagandaminister Goebbels das mit den Protesten verbundene Aufsehen fürchteten, ist jüngst jedoch in Zweifel gezogen worden. Nach einem Aufsatz des Historikers Wolf Gruner im Jahrbuch für Antisemitismusforschung 2002 [1] lässt sich diese Auffassung bis in die Jahre 1945-47 zurück verfolgen, als die ersten Berichte über die "Rosenstraße"-Proteste erschienen - ein übrigens keineswegs überraschender Befund, gehen doch immer noch zahlreiche besonders der populären Bilder und Erzählungen vom "Dritten Reich" auf Deutungen der unmittelbaren Nachkriegszeit zurück. Nachdem die nach dem Krieg entwickelte Sichtweise über Jahrzehnte hinweg ohne Einsprüche geblieben war, erhält sie nun im Lichte von Gruners Forschungen die Züge einer "Legende". Gruner - ausgewiesen durch Forschungen zum jüdischen Zwangs-"Arbeitseinsatz" im Nationalsozialismus - kommt zu neuen Ergebnissen, weil er neben Erinnerungsberichten oder den notorischen Goebbels- Tagebüchern bisher unbeachtet gebliebene Quellen heranzieht, vor allem der Polizei- und Verwaltungsbehörden, aber auch der katholischen Kirche und jüdischer Einrichtungen. Aus Sicht dieser Quellen erscheinen Protest und Freilassung nicht so ursächlich verknüpft wie ursprünglich angenommen. Zwar kann auch Gruners Studie keine lückenlose und abschließende Rekonstruktion der Ereignisse liefern, seine Untersuchung lässt es jedoch plausibel erscheinen, dass die durch "Mischehen" privilegierten Juden gar nicht abtransportiert werden sollten, sondern u.a. für die Arbeit in den verbleibenden jüdischen Institutionen bestimmt waren.

Dass diese Erkenntnis erinnerungspolitisch durchaus heikel ist, ist auch Gruner deutlich bewusst: die "Entzauberung" der "Rosenstraße"-Geschichte dürfe nicht den Einsatz der Protestierenden schmälern, so seine Botschaft, die auch von den Medien gehört wurde, die - vom SPIEGEL bis zum ZDF - Gruners Intervention angemessen differenziert referierten. Gruner plädiert offen für eine genaue Unterscheidung von historischer Forschung und öffentlichem Gedenken, doch ist diese Differenzierung nicht so leicht. Das zeigt nicht nur sein Insistieren auf der Unterscheidung, sondern auch eine kleinere Kontroverse, die einige Jahre vor Gruners Intervention stattfand, und deren Heftigkeit sich sicher nicht nur wissenschaftsimmanent erklären lässt. Nathan Stoltzfus hatte zu diesem Zeitpunkt seine Version der Rosenstraße-Ereignisse in der Zeitschrift "Geschichte und Gesellschaft" vorgestellt. Dabei gab er nicht nur dem "Rosenstraße"-Protest die ihm zurecht gebührende Aufmerksamkeit zurück, sondern wartete auch mit einigen "neuen" Thesen zum "Dritten Reich" auf. Der Rosenstraße-Protest diente ihm nicht nur als Anlass für die - allerdings offen "provozierend" gestellte - Frage, ob die Vernichtung der europäischen Juden durch mehr derartige Aktionen nicht gestoppt oder verlangsamt hätte werden können. Stoltzfus bot auch eine ungewöhnliche Sichtweise auf den "Widerstand" an. Statt des Widerstands der Arbeiterbewegung und der alten Eliten (wie er sich im 20. Juli 1944 manifestierte), der bislang die Aufmerksamkeit von Forschung und Öffentlichkeit auf sich gezogen habe, gelte es die "Resistenz" stärker in den Mittelpunkt zu rücken, eine "Resistenz", wie sie sich nicht nur in der "Rosenstraße" gezeigt habe, sondern auch in den Einsprüchen der katholischen Kirche gegen gesellschaftliche Gleichschaltung, Zwangssterilisation und "Euthanasie". Dem ideologisch formierten, organisierten und zersplitterten Widerstand stellt Stoltzfus eine gewaltfreie und kollektive Opposition entgegen, die auf der "elementaren Familiensolidarität" und der "ehrwürdigen Institution der Kirche" beruhe und allein deswegen schon mehr Beachtung verdiene, weil sie - im Gegensatz zu offenen Widerstandsaktionen - die Verfolgungspolitik des Nationalsozialismus "erfolgreich" unterlief: "Resistenz trotzte dem Regime, ohne zugleich einen Vorwand zu liefern, Gewalt anzuwenden, und vermied damit den Anschein des Hochverrats."
Ein Jahr später reagierte der Darmstädter Historiker Christof Dipper und bekannte seine "Schwierigkeiten mit der Resistenz" Stoltzfus'scher Prägung. Er kritisierte zutreffend die ahistorische Herangehensweise des amerikanischen Historikers, der die besonderen Kontextbedingungen für den Rosenstraße-Protest vernachlässige, die Unschärfe von dessen Begriffsdefinitionen, die Verdinglichung der "Resistenz" und Verklärung von "Familiensolidarität" und katholischer "Selbstbehauptung" sowie die anachronistische Gegenüberstellung von "erfolgreichem" und "erfolglosem", "guten" und "schlechtem" Widerstand. Dipper legte seiner Kritik die "Empfehlung" bei, es sei "weniger die Aufgabe des Historikers" "hypothetische Geschichtsverläufe zu entwerfen und im Anschluss daran den Verfall moralischer Maßstäbe zu beklagen" als vielmehr "die Motivationen und Handlungsspielräume aller Beteiligten auszuloten und zur Erklärung der Ereignisse heranzuholen". Doch lassen sich die Differenzen zwischen Dipper und Stoltzfus nicht allein auf die Gegenüberstellung von "wertneutraler" und offen "moralisierender" Betrachtungsweise zurückführen. Sie zeigen vielmehr unterschiedliche "Modelle" des nationalsozialistischen Regimes, die wiederum auf unterschiedliche Gesellschaftsvorstellungen und Menschenbilder zurück gehen dürften.

Zwar betonen beide Historiker die hohe Folgebereitschaft der deutschen Bevölkerung gegenüber den NS-Regime; während Dipper aber - vereinfacht gesagt - die dahinter stehenden spezifischen Interessen eruieren möchte und mit den "Handlungsspielräumen" des Einzelnen stärker die Strukturierung dieser Spielräume durch den Verfolgungsapparat zu betonen scheint, neigt Stoltzfus - zugespitzt dargestellt - zu einem Modell freier Entscheidungen, in dem Resistenz oder Widerstand jederzeit möglich ist (, Anpassung und Aktivismus im Sinne des Regimes jedoch weitgehend unerklärt bleiben). Seine Fokussierung auf die Ereignisse in der Rosenstraße erklärt er unter anderem mit seinem Interesse an einem historiographischen Perspektivwechsel - hin zu einer erfahrungsnahen "Alltagsgeschichte". Sein Blick auf die "Rosenstraße" hat aber offenbar auch mit sehr genauen Vorstellungen über das richtige Funktionieren von Gesellschaft zu tun. Die Hinwendung zur "Rosenstraße", die Hinwendung zur "Resistenz", geht auf "Schwierigkeiten" mit dem "klassischen Widerstand" zurück, der offenbar Dissonanzen erzeugt durch das Auseinanderfallen von Anspruch und "Erfolg", Zielen und Mitteln, "legitimem" Aufbegehren und "illegitimen" Zukunftsplänen. Die "Rosenstraße" steht dagegen für eine weitgehend "unschuldig" gebliebene, "ungefährliche" Opposition, die auch nach dem "Zeitalter der Extreme", für die Gegenwartsgesellschaft, anschlussfähig ist; sie steht für ein Verhalten, das nicht im eigentlichen Sinne politisch ist, sondern sich auf vermeintliche "Grundtatsachen" des menschlichen Lebens, den "Glauben" und die "Familie", bezieht. Falls diese Annahmen stimmen und nicht nur Spekulation sind, so verweist der Streit zwischen Stoltzfus und Dipper nicht nur auf unterschiedliche Methodologien und Theorien vom "Dritten Reich", sondern ist auch Ausdruck tieferliegender Differenzen, unterschiedlicher Wissenschafts- und Erinnerungskulturen, in und zwischen Amerika und Deutschland.

Dies zeigt auch der Artikel Wolf Gruners im Jahrbuch für Antisemitismusforschung. Denn der Autor stellt sich zum Schluss seiner Studie doch den forschungsstrategischen und erinnerungspolitischen Implikationen seiner Arbeit. Ähnlich wie Christof Dipper wendet er sich gegen einen "wohlfeilen Widerstandsmythos" und plädiert für eine genaue Rekonstruktion von "Motiven und Interessen" insbesondere "der Täter". Gruner wehrt Stoltzfus' Spekulationen jedoch nicht nur ab, sondern nimmt auch offensiv zu ihnen Stellung:

"In der Rosenstraße zeigten Menschen in der allerletzten Phase der Massendeportationen Zivilcourage. Sie protestierten allerdings nicht gegen die Transporte generell, sondern wollten ihre jüdischen Angehörigen retten, die zudem Teil einer 'privilegierten' Gruppe waren. Eine Opposition gegen die antijüdischen Maßnahmen - mit Aussicht auf Erfolg - hätte sich jedoch viel früher und breiter formieren müssen: 1933 und in allen Schichten der deutschen Gesellschaft."

Notwendig gewesen, so ließe sich dieses Zitat "pädagogisch" fortschreiben, wäre also nicht nur der Einsatz für Familie oder das eigene Lebensumfeld, sondern ein viel umfassenderes, generalisiertes Engagement für "Außenseiter" und Verfolgte. Gerade die Verbindung von partikularer Resistenz und allgemeiner Indifferenz gegenüber der Verfolgungspolitik - so ließe sich Stoltzfus entgegenhalten - sorgte für das Funktionieren des Regimes.
Eine solch skeptische Sichtweise eignet sich jedoch nicht so gut für die öffentliche Verarbeitung wie die - in ihrem öffentlichen Gebrauch noch zusätzlich und ohne Zutun des Autors vielfach vereinfachte - Erzählung vom erfolgreichen "Widerstand des Herzens". Denn diese Erzählung ermöglicht eine deutliche Distanzierung vom NS-Staat und deutscher Bevölkerung, um zugleich ein optimistisches Gegenmodell und einen versöhnlichen Ausblick zu liefern. [2]
Da ist es symptomatisch, wenn Joschka Fischer, ausgewiesen für eine "produktive" "Vergangenheitsbewältigung", der 2002 gedruckten deutschen Taschenbuchauflage von Stoltzfus' Werk ein Vorwort beisteuert. Darin ist von der "millionenfache[n] Passivität und Gleichgültigkeit im Angesicht des grausamen Schicksals der jüdischen Landsleute" und die "Scham" über "damalige Gleichgültigkeit, ja Feindseligkeit so vieler Deutscher" die Rede, zugleich wird jedoch ein Aufbruch im Zeichen der "Rosenstraße" propagiert, der schließlich im Auftrag einer staatlichen "genocide prevention" und der Selbstvergewisserung des "mündigen Bürgers" aufgeht:

"Der Mut und der unerwartete Erfolg der Frauen aus der Rosenstraße wirken wie ein Licht in der abgrundtiefen Finsternis jener Jahre. Aber was war mit all den anderen? [...] Hätte Auflehnung, ja auch öffentlich gemachte, massenhafte Ablehnung nicht auch in vielen anderen Fällen Schlimmes verhindern können? Nach der Lektüre dieses Buches muss man die Frage mit Ja beantworten.
Aus der Erinnerung an das Geschehene, zu der dieses Buch Bemerkenswertes beiträgt, wächst eine Verantwortung für unser heutiges und zukünftiges Handeln. 'Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.' Dies ist die Konsequenz der deutschen Demokratie aus der Barbarei der Nazis. Zu dieser Verantwortung gehört als innen- wie außenpolitische Grundüberzeugung der Bundesrepublik Deutschland der entschiedene Widerstand gegen jeden aggressiven Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus. [...]
Und für uns Nachgeborene heute lautet die Botschaft jener mutigen Frauen, im Angesicht von Gewalt und Unterdrückung, auch wenn die Lage noch so ausweglos erscheint, niemals aufzugeben und sich nicht in das vermeintlich Unvermeidliche zu fügen."

 

II.

Auch Margarethe von Trotta hat in ihrem 2003 veröffentlichten vielbeachteten Film an diese Perspektive angeschlossen. Sie hat - bei immerhin 10jähriger Vorbereitungszeit - auch die Zeit gefunden, die neueren Forschungen zur "Rosenstraße" wahrzunehmen, sich aber trotzdem für die "Legende" entschieden - nicht ohne zu Beginn des Filmes gut tautologisch auf der Verbindlichkeit ihrer Perspektive zu bestehen. "Die Ereignisse haben tatsächlich stattgefunden", heißt es da - ein Authentizitätsanspruch, der Wolfgang Benz, Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung, in der Süddeutschen Zeitung zu einer harschen Kritik veranlasst hat. Benz verwies auf die (im institutionellen Zusammenhang seines Instituts entstandene) Studie von Wolf Gruner und zieh von Trottas mit eigenem Echtheitszertifikat versehenen Film - mit gewissem Recht - der "Geschichtsklitterung". Die Reaktion der Regisseurin hierauf war einigermaßen unentschlossen: hielt sie zunächst dagegen, der Film lasse offen, warum die Gefangenen der Rosenstraße freigelassen wurden, so beharrte sie späterhin auf der populären "Erfolgsgeschichte", um schließlich in erstaunlicher Wendung Benz seinerseits der "Geschichtsklitterung" zu beschuldigen. [2b]

Formal gesehen lässt der Film tatsächlich offen, welche Gründe hinter der Freilassung stehen (es gibt keinerlei Szene zu den Entscheidungsprozessen "hinter den Kulissen"), der plot ist aber ganz auf die "Legende" hin zugeschnitten. Denn nur durch deren klare und einfache Moral kann erreicht werden, worauf der Film hinauswill: eine "heilsame", "Versöhnung" stiftende Erinnerung. Von Trottas Film beginnt nämlich mit "Trauma" und Kommunikationsblockade. Nach dem Tode ihres Mannes verfällt die in New York lebende Ruth Weinstein (Jutta Lampe) in ein rätselhaftes Verhalten (das populärpsychologisch augenscheinlich für eine "Retraumatisierung" steht): sie schließt sich von der Welt ab und wendet sich einem längerem (vom Film so deklarierten) orthodoxen Trauerritual zu. Dieses Verhalten führt sie in einen Konflikt mit ihrer Tochter Hannah (Maria Schrader), die nicht nur mit Unverständnis auf die bisher unbekannte Seite ihrer sonst so "säkularisiert" auftretenden Mutter reagiert, sondern auch selbst mit offener Ablehnung konfrontiert ist. Hannahs Plan, einen "nicht-jüdischen" Mann zu heiraten, wird plötzlich strikt von der Mutter abgelehnt: "weil er nicht zu uns gehört". Die Tochter, die nach missglückten Gesprächsversuchen von einer Verwandten über die "dunkle Vergangenheit" ihrer Mutter erfährt, reist daraufhin nach Berlin, in die Stadt, aus der Ruth Weinstein in den 40er Jahren emigrieren musste. Mit der Legende einer Historikerin versehen, die über jüdische "Mischehen" forscht (das Wissenschaftliche ist bekanntlich privat), versucht sie genaueres über das "Schicksal" ihrer Mutter herauszufinden. Sie macht Lena Fischer ausfindig, eine Deutsche von Adel, die in den 40er Jahren mit dem jüdischen Musiker Fabian (Martin Feifel) verheiratet war. Sie zählte zu den Frauen der Rosenstraße und erwirkte nicht nur die Befreiung ihres Ehemannes, sondern nahm sich im Laufe der Aktion auch des Mädchens Ruth an, das während der "Fabrik-Aktion" seine Mutter verlor, weil diese aufgrund der Scheidung von ihrem "arischen" Partner den Schutz der "Mischehe" verloren hatte. Von dieser Lena (Doris Schade) lässt sich Hannah die Geschichte erzählen.

Der Film spielt auf drei Handlungsebenen: auf der ersten sehen wir Hannahs modisch inszenierte Recherchen - vom Hotelzimmer schaut sie auf die bewegten Lichter der Großstadt Berlin, auf dem Bett sitzend hört sie die Aufnahmen ihrer Gespräche mit Lena ab, bearbeitet das Gehörte (vermutlich mit Kaffeetasse versehen) mit ihren Laptop und versucht in Telefonaten mit dem Freund das Erfahrene mit dem eigenen Leben kurzzuschließen. Auf einer zweiten Ebene sehen wir das Interview Hannahs mit Lena, in einem mit Fotos und Erinnerungsstücken vollgeräumten und von schweren Vorhängen verhängten Zimmer, das als Andachtsstube und Museum der Zeitzeugenschaft präsentiert wird. Dieses Zimmer wiederum dient als Zeitschleuse und transportiert den Zuschauer schließlich in die dritte Dimension, das Geschehen im nationalsozialistischen Berlin.
Hier treffen wir auf die üblichen Geschichten und Gesichter, Fassaden, Farben und das aus Fernsehunterhaltung und deutschen Kinokomödien bekannte Personal (etwa Jürgen Vogel und Katja Riemann), das sich schon seit einigen Jahren durch historische Stoffe zu nobilitieren versucht. Von Trottas Film will "authentisch" sein, beglaubigt mit seinem Stil und seinem Ensemble aber vor allem ein bestimmtes Format: den neuen deutschen Historienfilm, der mit Kolorit, thrill (Nazis), human interest und nationaler Tragik spielt. Kein Zufall: wie die Regisseurin auf der Internetseite zum Film bekennt, war der lang projektierte Film erst dann realisierbar, als sich ein Produzent fand, der nach dem Abklingen der Komödien- eine neue, gleichermaßen lukrative Historienwelle ausmachte. Ästhetisch-inszenatorische Bezugspunkte ergeben sich so weniger zur komplexen Geschichte der Visualisierung des "Holocaust" als zum historisierenden Unterhaltungsfilm: "Sass" und die "Comedian Harmonists" klingen an; wer "Aimée und Jaguar" sah, soll auch "Rosenstraße" sehen, bevor er zum "Wunder von Bern" findet.

Es verwundert so auch nicht, dass man bei von Trotta alle für solche Historienfilme gängigen Stereotypen wiederfindet. Wolfgang Benz hat in seiner Kritik einige genannt, seine Liste ließe sich noch verlängern. Es gibt nicht nur einschlägige psychologische und erschreckend "selbstverständliche" physiognomische Klischees - nach einem Bericht von Iris Noah in der jungle world hat es die zuständige Castingagentur nicht einmal unterlassen, nach "jüdisch" und "arisch" aussehenden Komparsen zu fahnden. Bevölkert wird der Film auch durch die bewährten Ikonen deutscher "Vergangenheitsbewältigung": quadratschädelige SS-Männer und aalglatt gekämmte Gestaposchergen, den altgedienten und darob äußerlich wie innerlich verknöcherten General sowie seine etwas überforderte Frau (Gaby Dohm, überglänzt von Schwester Christa), den gutmütigen, aber autoritätshörigen Schutzmann, der nicht kann wie er will, die patente Berliner "Volksgenossin" und ihren Widerstand Herz mal Schnauze, schließlich die aufrechte Adelige, Lena Fischer, ehemals von Eschenbach, die für Humanität einsteht und in ihrer Hand: der begabte und sanfte jüdische Musiker, das verlassene Mädchen. "Gräfin Dönhoff" und "Anne Frank".

Gelegentlich findet man Abweichungen von diesem für Macher und Publikum bequemen Schema, in einer polemischen Szene etwa über "Terror" und "Gemüt", die einen Gestapomann zeigt, wie er bei sentimentalen Weisen die eigene Rührung kultiviert. Gelegentlich fällt auch die Tonspur aus und es kehrt etwas Stille ein, eine für das Genre fast schon irritierende Stille, so dass man den Eindruck hat, der Film nähere sich den nüchternen szenischen Rekonstruktionen von Polanskis "Pianisten". Dies bleibt aber die Ausnahme, die schöne Regel dagegen der Ton des Melodrams, die Ästhetik der Hollywoodromanze oder der Vilsmayerschen Kitschproduktionen. Geigen geben Nachhilfe in humaner Anschauung. Der historische Stoff wird verdichtet zu einer persönlichen Schicksalsgeschichte, zur Fabel über die "Kraft der Liebe" und die "Hoffnung" in "düsteren Zeiten" (Cinemaxx TV, Pro7).
Doch ist "Rosenstraße" nicht nur dies, sondern auch ein Film über die "Treue" der Frauen (Interview von Trotta). Wir erfahren, dass Männer sich wesentlich häufiger durch Scheidung aus "Mischehen" lösten und von ihren Partnern "lossagten", und wir sehen gegen diesen Hintergrund immer wieder die Frauen, die ausharren, die nie aufgeben, zu ihren Männern stehen und sich sogar selbst den gelben Stern anheften, wenn sie so nur ihren Mann besuchen können. Die Treue zeigt sich selbst im äußersten: wenn Lena Fischer (Katja Riemann) sich zur Rettung ihres Mannes auf einer Versammlung von Nazi-Unterhaltungskünstlern Goebbels präsentiert und schließlich zum Opfer bringt. Zunächst begleitet sie unter seinen Augen eine Aktrice des boomenden NS-Films am Klavier, während diese mit kollaborateurischem (kollaborierendem?) Timbre "Ich weiß nicht, wohin ich gehöre" singt, dann tut sie wie gesungen, obgleich ein Blick in Katja Riemanns Augen zeigt, wo sie wirklich hingehört. Ihrem ungehörigen Opfer, dem Beischlaf mit dem Reichspropagandaminister, folgt prompt die Freilassung der Häftlinge. Lena schließt ihren Mann wieder in die Arme.
Damit erreicht der Film seinen Höhepunkt: nicht nur eine kitschige Phantasie über "Verstrickung" und "Märtyrertum", sondern auch eine historisch und erinnerungspolitisch äußerst fragwürdige Wendung. Nicht nur, dass Goebbels derart ungebrochene Kompetenzen gar nicht zukamen. Die Szene privatisiert das Geschehen auch auf fragwürdige Weise: indem der Film seine adelige Hauptfigur als eigentliche Heldin präsentiert, marginalisiert er den ganzen Rest vom Rosenstraße-Protest. Indem die Regisseurin das Opfer gegenüber dem promiskuitiven Minister zum Schlüssel für die Freilassung der Gefangenen macht, vollzieht sie erst, was sie wohl Forschern wie Gruner unterstellt: sie entwertet den "Aufstand" der Frauen. Auch hierauf hat Wolfgang Benz hingewiesen.
Die schauerliche Goebbels-Szene - von der Kritik fast einmütig als "befremdlich" gekennzeichnet - folgt nicht nur einem vorgeblich populären Bedürfnis, dem "Bösen" ein Gesicht zu geben und reproduziert die landläufige Vorstellung des Nazi-Verbrechers. Sie ist auch von zentraler Bedeutung für das Frauenthema der "Rosenstraße". Denn Goebbels ist die zentrale Gegenfigur, die auf "einleuchtende" Art männliche Macht mit sexueller Bedrohung bündelt und das Private so schön politisch werden lässt (mit Hitler wäre dies wohl nicht so gegangen). Wen anders hätte man für diese Figur wohl nehmen können als Martin Wuttke, der nach exaltierten Arturo Ui- Performances nun den Goebbels als lauernden Dämon geben darf. Für Jürgen Vogel bleibt da lediglich, den "guten Deutschen" zu verkörpern, Lena Fischers Bruder Arthur, der bei der "Befreiung" der Rosenstraße eine wichtige Rolle spielt, ein kriegsversehrter Stalingrad-Kämpfer, der sich mit Fronkämpferautorität gegen SS und Parteibonzen behauptet, ein verwundeter Mann, der den Antisemitismus des Vaters bekämpft, die Massenverbrechen "von SS und SD" für die Nachwelt festhält und natürlich auch für das vom Nationalsozialismus verschüttete weltoffene Berlin steht: er kann tanzen und mag Swing. Offensichtlich eine identifikatorische Wunderwaffe.

Von Trotta bedient durch derart edle Figuren nicht nur eine allzu einfache Erinnerung, sie macht es sich mit dem Erinnern auch allzu einfach. Der Film kreist um die Notwendigkeit der Erinnerung, um sie zugleich wieder aufzuheben; er inszeniert gelungenes und erfolgreiches Erinnern, in dem er sich selbst wiederum spiegelt. Überdies findet das grundsätzlich richtige "Gegen das Vergessen" in der "Rosenstraße" eine regelrecht "imperialistische" Wendung. Dies wird besonders deutlich an der Figur des Arthur Fischer, mit der kurzer Hand die ganze "Erinnerungsschuld" der letzten Jahrzehnte abgetragen wird. Denn Fischer ist zwar Frontkämpfer im Zweiten Weltkrieg, jedoch einer mit kritischem Bewusstsein. Von seinem "Einsatz" bringt er Fotos von Erschießungen mit, die er seinen Wehrmachtskameraden mit anklagender Geste vorhält. Nicht "wir haben es gewusst" sagt diese Szene jedoch, sondern: "wir stellen uns der Dinge". An die Stelle des durch die Wehrmachtsausstellung öffentlich zum Thema gewordenen Soldaten, der mit touristischem Interesse Hinrichtungsfotos schießt, tritt der aufrechte Offizier, der Menschheitsverbrechen dokumentiert. Dies ist eine Grundlinie des Filmes: es sind "Deutsche", die die Verbrechen dokumentieren, es ist die "Deutsche" Lena Fischer, die das Schweigen bricht, die das Sprechen über die Vergangenheit in der "jüdischen" Familie wieder möglich werden lässt und Versöhnung stiftet, zwischen den Generationen, zwischen den Gemeinschaften. Zum Schluss des Interviews erhält Hannah von Lena ihren (christlichen?) Segen. Sie kehrt zurück, spricht sich mit ihrer Mutter Ruth aus und darf ihren "nicht-jüdischen" Mann heiraten.

Die Regisseurin reiht sich in diese Linie ein: es ist schließlich Margarethe von Trotta, die uns diese Geschichte gibt. Wie wichtig dies ist, machte das filmbegleitende Merchandising deutlich. Nicht müde wurden dabei die Regisseurin und ihre interviewten Darstellerinnen, die Bedeutung ihrer "Erinnerungsarbeit" hervorzuheben; nicht müde wurden sie zu betonen, dass sie die Lektion gelernt, dass sie ihren Levi, Wiesel und Kertesz gelesen haben. Auf der Internetseite zum Film gab von Trotta an, es sei nicht leicht gewesen, über die NS-Verbrechen und die Erfahrungen der Betroffenen zu lesen, aber man müsse durch das alles "hindurchgehen". "Ich bin dann auch in Auschwitz gewesen ..." Im ZDF war sie auch, bei Elke Heidenreichs "Lesen!"- Sendung, wo sie bekannte, dass die Berichte von Überlebenden sie sehr mitgenommen hätten. Und: "Ich habe tagelang geweint." Aber das, so von Trotta, sei wohl eher eine Sache der Frauen.
Mit dieser Episode erst findet der Film sein Ende. Sie verdeutlicht die Selbstbezüglichkeit, die nicht nur instrumentellen sondern auch anmaßenden Züge dieses "Rosenstraße"-Projekts. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit führt über die Identifikation mit den Betroffenen zur Enteignung der Opfer, von der unaussprechbaren Trauer zum kathartischen Erinnern; es beginnt mit der Mahnung gegen das Vergessen und endet bei einer kaum verstellten Identitätspolitik. Am Schluss steht die Reimagination der Regisseurin, ja: ihre Reinkarnation als Rosenstraßlerin. Man muss "durch das alles hindurchgehen." Im geschichts-politischen Werk von Trottas, das sich thematisch vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum Mauerfall streckt, war die NS-Zeit bisher noch nicht bearbeitet worden. Dies ist nun geschafft.

 

III.

Von Trottas Film setzt dem "Rosenstraße"-Protest nicht nur ein "Denkmal", er ist auch offen als solches konzipiert; und wenn man dem Medienecho glaubt, so wird er sicherlich für die weiteren Jahre die entscheidende Orientierungsmarke des "Rosenstraße"-Gedenkens darstellen. Dabei hat dieses Gedenken schon eine längere Geschichte. Besonders am "historischen Ort", in Berlin, gab und gibt es derartige Initiativen. Von ihnen zeugen mehrere Gedenk-Stätten in der Nähe des nicht mehr existenten Gebäudes, eine Ausstellung in einem benachbarten Hotel und ein 1995 eingeweihtes Denkmal von Ingeborg Hunziger, das mit seiner Inschrift "Die Kraft des zivilen Ungehorsams und die Kraft der Liebe bezwingen die Gewalt der Diktatur" in etwa die Linie des Trotta-Films vorwegnimmt. Dass die Ereignisse in der Rosenstraße in den letzten Jahren eine hohe öffentliche Präsenz erreicht haben, geht auf mehrere dokumentarische Filme und eine lebhafte publizistische Tätigkeit zurück: neben Nathan Stoltzfus' mehrfach gedrucktem Werk haben unter anderem Gernot Jochheim und Nina Schröder einschlägige Veröffentlichungen vorgelegt. [3] Schließlich finden sich auch im Internet zahlreiche Hinweise auf die "Rosenstraße" und mögliche Lesarten des Protestes. Bereits auf der Seite zum Film erhält man einige Adressen, über die sich wiederum weitere Webseiten erschließen lassen; zudem liefert Google verläßlich umfangreiche und ergänzende Fundstellen. Hier kann, wer nur ein wenig orientiert ist über die "Autoren" und "Verbreiter" der Angebote, schnell verlässliche Informationen heraussuchen.

Im Online-Magazin Hagalil etwa gibt es eine souveräne Einführung zum Thema, die die neueren Forschungen berücksichtigt, die Spannung zwischen historischer Forschung und historischem Gedenken berührt und sowohl die Geschehnisse wie deren öffentliche Verarbeitung in den letzten Jahren thematisiert; sehr knapp und ohne größere Kommentierungen zwar, die wesentlichen Orientierungspunkte werden jedoch gesetzt und hinreichend Anregungen für eine weitere Auseinandersetzung vermittelt.[4] Bei Hagalil spart man sich erinnerungspolitischen Pathos und setzt auf historische Situierung: die Hinweise auf den konkreten Ort (das Gebäude) und den verfolgungspolitischen Kontext ("Fabrik-Aktion") wenden sich gegen eine isolierte ereignisgeschichtliche Lesart.
Von dieser Darstellung getrennt findet man bei Hagalil jedoch auch eine Seite, die vor allem an den "Bedürfnissen" öffentlichen Gedenkens orientiert ist. Hier werden "Zeugenberichte", Fotos vom Rosenstraße-Denkmal und weiterführende Links zur Verfügung gestellt. Über diese Links kann man tiefer in die Geschichte des Berliner Judentums eindringen; sie verschränken überdies die Geschichte der Rosenstraße mit der Geschichte jüdischer Wohlfahrtseinrichtungen und jüdischer Selbstbehauptung im Nationalsozialismus - eine alternative Lesart zu der in von Trottas Film.

Ähnlich an historischer Rekonstruktion orientiert wie die erwähnte Seite auf Hagalil Online ist das Angebot der Stiftung Topographie des Terrors (, die auch 1999 den Anstoß gab zur Dokumentierung der Geschehnisse auf zwei Litfasssälen in der Nähe des historischen Ortes). Hier "klärt" ein einführender Text das Geschehen, ergänzt durch einen Kartenausschnitt, der die frei flottierende Anschauung auf den historisch-topographischen Boden holt. Die kurze Einführung lässt Hinweise auf die "Kontroverse" um die Rosenstraße leider vermissen, vermeidet aber eine Festlegung zu den Gründen der Freilassung. Wichtig sind die beigegebenen zehn "Dokumente", die man über eine Zahlenleiste abrufen kann. Sie dienen der Veranschaulichung, zielen auf eine Vertiefung des Wissens (vom "Besonderen zum Allgemeinen") und lassen - wenn man will - auch eine dramaturgische Anordnung erkennen. Nach Berichten von Betroffenen und Passagen aus den Goebbels-Tagebüchern folgen "Dokumente", die die unmittelbare Umsetzung der "Fabrik- Aktion" durch die Verfolgungsbehörden (wie etwa das Reviertagebuch des Reviers Berlin- Schönefeld) und den NS-Arbeitseinsatz als allgemeinen Hintergrund erkennen lassen. Vor allem wird die Verklärung zu einer Geschichte "mit gutem Ende" unterlaufen: Dokument 10 zeigt Transportlisten über die Deportation jüdischer Bürger von Berlin nach Auschwitz.
Es zeigt sich also: sichtet man die Hinweise auf die "Rosenstraße"-Episode im Internet, so finden sich auch eine Zahl von differenzierten und weiterführenden Darstellungen. Kein Grund zur Idealisierung des "Netzes", jedoch Anlass für eine abwägende Beurteilung der "virtuellen" Darstellung der NS-Vergangenheit - insbesondere, wenn man das Internet mit anderen Medien kontrastiert. Wer sich über die "Rosenstraße" nur mittels des Trotta'schen Werkes und der filmbegleitenden Fernsehberichterstattung kundig gemacht hat, die sich weitgehend auf Trailersampling und Schauspielerinterviews konzentrierte, wird ein ungleich simpleres Verständnis vom Geschehen entwickeln.

Gleichwohl sind "im Netz" natürlich nicht nur Beiträge zu finden, die den Ansprüchen und Repräsentationsbedürfnissen des Geschichtswissenschaftlers entsprechen. Auch zur Rosenstraße finden sich zahlreiche Angebote, die nicht- "professionellen" Ursprungs sind und deutlich von außerwissenschaftlichen Interessen geprägt sind. Besonderen Raum nimmt hier die Seite www.rosenstrasse-protest.de ein, die bei den üblichen Suchroutinen besonders häufig auf dem Schirm erscheint. Hierbei handelt es sich offenbar um ein privates Projekt, das auch dem Design nach keine Anstalten macht, einen "offiziellen" Eindruck zu erwecken. Motiv für die Einrichtung der Site ist offenbar das Singuläre des Protestes: sie eröffnet mit einem eindrücklichen Zitat von Nathan Stoltzfus, und unter "Info" findet man eine Kollage, die die Demonstrationen in der "Rosenstraße" als einzigartigen öffentlichen und einzig erfolgreichen Widerstand gegen Judendeportationen und "Nazi-Faschismus" präsentiert. Was dieser Eröffnung folgt, sind jedoch keine weiteren Ausführungen zum Verhältnis von "Faschismus" und Bevölkerung, sondern eine nahezu unkommentierte Sammlung von Betrachtungen und Quellen zu den Ereignissen: "Veranstaltungen - Interviews - Fotos - Texte - Links - Filmliste - Bücherregal - Forum". Dem entspricht anscheinend auch die Nutzung der Site: schaut man sich die spärlichen Spuren im "Forum" an, so funktioniert www.rosenstrasse-protest.de weniger als Diskussionsplattform denn als willkommene Informationsbasis. Für diesen Zweck ist die Seite auch geeignet: sie bietet, soweit ich sehen kann, das umfangreichste Angebot an Verweisen zum Thema und lässt dabei - wie in der Rubrik "Texte" dokumentiert - auch unterschiedliche, konfligierende Sichtweisen zu. Eine "eindeutige" Version der Geschehnisse wird offenbar nicht angestrebt, vielmehr zeigt sich im kleinen Maßstab eine mögliche Stärke des Netzes insgesamt: die Herstellung von Multiperspektivität. Zugleich offenbart sich aber auch ein Problem, das sozusagen im Schatten der "Multiperspektivität" entsteht: die Neigung zu Reihung und eine gewisse Konturlosigkeit. So wünschte man sich zum einen bei www.rosenstrasse-protest.de eine genauere, quellenkritischen Ansprüchen genügende Nachweisung und Einordnung der bereit gestellten Erinnerungstexte. Zum anderen vermisst man eine Gliederung und Kommentierung der angebotenen Kommentare und Links. Die unterschiedlichen Perspektiven sollten nicht nur angeboten, sondern auch zum Thema gemacht, die verschiedenen Darstellungen der "Rosenstraße" ausgewiesen, wenn nicht deutliche Hinweise auf die hinter den Darstellungen stehenden Darstellungsregeln und Interessen gegeben werden. Anderenfalls entsteht eben doch der oberflächliche Eindruck einer weitgehend einheitlichen Erinnerung. Und der Nutzer wird, statt für oder gegen bestimmte Sichtweisen Stellung nehmen, zum Opfer seiner willkürlichen Suchbewegungen.
Die Notwendigkeit einer stärkeren Kommentierung und Kontextualisierung zeigt sich auch, wenn man die Rubrik "Texte" mit der Linkliste vergleicht. Zum Teil finden sich hier identische Verweise: im ersten Fall allerdings auf reinen Text, im zweiten Fall zum ursprünglichen Standort des Textes, seinem Entstehungs- und Erzählkontext. Der Unterschied ist deutlich und wird unmittelbar beim "Einklicken" in die entsprechende Seite greifbar: ob man einen Kommentar aus der Graswurzelrevolution im "neutralen" Grauschwarz oder unter buntem Banner präsentiert bekommt, ist für seine Interpretation nicht belanglos.

www.rosenstrasse-protest.de vermittelt nicht nur den Link zur Graswurzelrevolution, sondern eine Reihe weiterer, wieder andere lassen sich nach wenig aufwändiger Recherche per Suchmaschine ausfindig machen. Sie machen deutlich, Sie machen deutlich, in welch unterschiedlichen Erzählkontexten die Ereignisse in der "Rosenstraße" Verwendung finden. Ausführliche "revolutionstheoretische Überlegungen" wie bei der Graswurzelrevolution finden sich eher selten, viele Seiten kompilieren vielmehr bereits publizierte Texte aus Büchern und Zeitungen, englischsprachige Seiten bieten vor allem Texte und Auszüge von Nathan Stoltzfus selbst. Wesentlich ist allerdings der Rahmen der Präsentation. Dieser Rahmen wird offenbar bevorzugt von Seiten der Friedensbewegung zur Verfügung gestellt, zum Teil aus dem Kontext der Frauenbewegung und linksalternativen bis basisdemokratischen Gruppen. [5]
Entsprechende Schattierungen erhält das historische Geschehen: die Demonstrationen in der Rosenstraße werden in diesem Rahmen zum Musterfall eines erfolgreichen gewaltlosen Widerstands gegen "Krieg" und "Diktatur", bieten Anlass für die Rehabilitierung eines von der bisherigen patriarchalen Wahrnehmung weitgehend marginalisierten Frauenwiderstandes oder werden zum Ansatzpunkt einer verschütteten (wohlgemerkt:) deutschen Protestgeschichte. Zwar wird "die Rosenstraße" auch als Beleg für die Möglichkeit eines "revolutionären" Systemwechsels präsentiert; meist dient der Protest jedoch als Vorbild für systemimmanente Korrekturen und Aktionen, eine allgemeine Friedenserziehung, "bürgerschaftliches" Engagement unter der Parole "Never again" oder sozialen Protest nach dem Vorbild "Brent spar".
Dass hinter solch' pragmatischer Nutzung das historische Geschehen an Konturen verliert, ist unmittelbar einleuchtend. Die Geschichte des Nationalsozialismus, soweit sie nicht allein von den Protesten her gedacht und damit nur verzerrt wahrgenommen wird, verblasst hinter den verschiedenen "Rosenstraße"-Geschichten. Das "Dritte Reich" wird zum Anwendungsfall für "Humantiät" und "Zivilcourage" und Setting für eine aufbauende Episode im Gedächtnis der Menschheit.

Doch dies sind nur erste, unsystematische Eindrücke. Um zu einem klareren Bild zu kommen, wäre eine genauere Aufschlüsselung von Nöten. Diese Aufschlüsselung sollte jedoch nicht allein in einer historischen Untersuchung, sondern auf einer eigenen Seite durchgeführt werden - Angebote wie www.rosenstrasse-protest.de bieten hierfür einen Ausgangspunkt. Eine solches Projekt könnte gleichzeitig Ansatz sein, die Darstellung der "Rosenstraße" im Netz über längere Zeit zu verfolgen. Es wäre interessant zu beobachten, wie sich das noch relativ "junge" Gedenken an die Rosenstraße entwickelt: ob die Forschungen Gruners zu einer Differenzierung des Bildes führen oder es zu einer weiteren Kanonisierung im Sinne von Trottas Film kommen wird; ob sich die Unterschiede zwischen "amerikanischem" und "deutschem" Gedenken abschleifen werden und sich ein erinnerungspolitischer mainstream entwickelt, der die jetzt noch präsenten alternativen Interpretationen überdeckt. Vor allem aber könnte ein solches Projekt der Aufklärung dienen: über das Medium selbst und den öffentlichen Gebrauch der Geschichte.

tlr

 


 

[1] Literaturangaben zum Folgenden: Wolf Gruner, Die Fabrik-Aktion und die Ereignisse in der Berliner Rosenstraße. Fakten und Fiktionen um den 27. Februar 1943, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 2002, S. 137-177 [mit weiteren Nachweisen]. - Nathan Stoltzfus, Widerstand des Herzens. Der Protest in der Rosenstraße und die deutsch-jüdische Mischehe, in: Geschichte und Gesellschaft 21(1995), S. 218-247; ders., "Third Reich History as if the People mattered". Eine Entgegnung auf Christof Dipper, in: Geschichte und Gesellschaft 26 (2000), S. 672-684; ders., Widerstand des Herzens. Der Aufstand der Berliner Frauen in der Rosenstraße 1943. Mit einem Vorwort zur Taschenbuchausgabe von Joschka Fischer, München 2002. - Christof Dipper, Schwierigkeiten mit der Resistenz, in: Geschichte und Gesellschaft 22 (1996), S. 409-416.

[2] Damit funktioniert der "Widerstand des Herzens" strukturell ähnlich wie "Hitlers willige Vollstrecker" von Daniel Goldhagen, das auch eine scharfe Kritik an der deutschen Bevölkerung unter dem Nationalsozialismus mit Entlastungen für die Nachgeborenen verknüpfte. Natürlich lassen sich "Stoltzfus" und "Goldhagen" nicht gleichsetzen. Ähnlichkeiten sind jedoch unübersehbar - auch was die Spannungen zwischen öffentlichem Erfolg und fachlicher Resonanz, amerikanischem Autor und deutschen Kommentatoren angeht.

[2b] Allerdings ist auch Benz' Kritik wiederum kritisiert worden; vgl. z.B. die Rezension in der FAZ.

[3] Etwa: Gernot Jochheim, Frauenprotest in der Rosenstraße Berlin 1943. Berichte, Dokumente, Hintergründe, Berlin 2001; Nina Schröder, Hitlers unbeugsame Gegnerinnen. Der Frauenaufstand in der Rosenstraße, München 2001.

[4] Ähnliche Funktion erfüllen auch Seiten, die die neuen Erkenntnisse Gruners darstellen und deren Bedeutung für die "Rosenstraße"-Erinnerung diskutieren, vgl. etwa den Beitrag von Daniela Schmidt für das ZDF-Kultur-Magazin Aspekte.

[5] Wobei hier natürlich deutlich zwischen amerikanischen und deutschen Seiten zu unterscheiden ist, hinsichtlich der Trägergruppen wie der getroffenen Aussagen.

 


 

Nachtrag 18.04.04: Der Text wurde geringfügig überarbeitet. Zu "Rosenstraße"-Kontroverse und von Trottas Film jetzt einschlägig:
[ Wolf Gruner, Ein Historikerstreit? Die Internierung der Juden aus Mischehen in der Rosenstraße 1943. Das Ereignis, seine Diskussion und seine Geschichte, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 52 (2004), S. 5-22;
[ Beate Meyer, Geschichte im Film: Judenverfolgung, Mischehen und der Protest in der Rosenstraße 1943, in: ebd., S. 23-36.

Nachtrag 20.06.2004. Der Ausgeglichenheit halber und auf Anregung von Nathan Stoltzfus gegenüber korrespondenz.biz sei auch auf dessen jüngste Beiträge hingewiesen, in denen er seine 1995/2000 in der Zeitschrift Geschichte und Gesellschaft formulierten Thesen weiterentwickelt, vertieft und präzisiert. Etwa:
[ The Limits of Policy: Social Protection of Intermarried German Jews in Nazi Germany, in: Robert Gellately/Nathan Stoltzfus (Hg.), Social Outsiders in Nazi Germany, Princeton/Oxford 2001, S. 117-144.
[ Die Wahrheit jenseits der Akten, in: Die ZEIT 45/2003.
[ Der "Versuch in der Wahrheit zu leben" und die Rettung von jüdischen Angehörigen durch deutsche Frauen im "Dritten Reich", in: Jana Leichsenring (Hg.), Frauen und Widerstand, Münster 2003, S. 74-88.
[ Eine Entgegnung auf die Thesen seiner Kritiker soll demnächst in der Zeitschrift Central European History erscheinen (dort auch: Wolf Gruner, The Factory-Action and the Events at the Berlin Rosenstrasse. Facts and Fiction about 27 February 1943 - Sixty Years Later, in: Central European History 36 (2003), S. 179-208).

Im Artikel "Die Wahrheit jenseits der Akten", der im Kontext der Kontroverse um von Trottas "Rosenstraße"-Film entstanden ist, wirft Stolzfus den Historikern um das Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung vor, sie würden dem Protest in der Rosenstraße mit demonstrativer Missachtung begegnen. Er plädiert dagegen für eine empathische Geschichtsschreibung, die sich auf die Perspektive der beteiligten Frauen einlässt und für eine stärkere (freilich selektive) Skepsis gegenüber den "Nazi-Dokumenten".
Diese von Stoltzfus' gegenüber Wolf Gruner, Wolfgang Benz und Beate Meyer vorgenommene Positionierung macht - ebenso wie die am 29/30.04.2004 abgehaltene Konferenz Der Protest in der Rosenstraße 1943 - Zeitzeugen zwischen Akten und Erinnerung und die dort geführten Diskussionen - noch einmal deutlich, dass die "Rosenstraße"-Diskussion nicht nur unterschiedliche Interpretationen des Ereignisses bündelt, sondern eine Reihe weitergehender Konflikte, die die Funktionsweise des NS-Regimes und die Frage individueller Handlungsspielräume ebenso betreffen wie die Bewertung der Quellen und den Umgang mit "Oral history" sowie das Verhältnis von Geschichtswissenschaft, Öffentlichkeit und Erinnerungspolitik.