Die Spinnen

korrespondenz.biz --- (10.11.2003) --- [Print-Version] --- [Kommentare]
 
 

Man muss über eine Brücke, um vom einen Teil des Dorfes in den anderen zu gelangen. Weit im Süden gibt es eine Straße über den Fluss, doch das ist ein großer Umweg. Für die Fußgänger war deshalb vor etwa hundert Jahren mitten im Dorf ein Übergang gebaut worden.

Es ist eine schöne Brücke, auf steinernen Pfeilern, mit einem schlichten Überbau aus dunklem Holz und einem eisernen Geländer. Sie hat sogar ein Dach, damit die Dorfbewohner bei Regen - und es regnete oft in dieser Gegend - trocken über den Fluss kommen. "Wozu sonst eine Brücke, wenn man doch nass wird", hatte der Zimmermann gesagt.

Alle aus dem Dorf hatten geholfen, sie zu bauen. Die kein Geld übrig hatten, um die Handwerker zu bezahlen, halfen Steine zu schlagen oder Holz zu sägen. Die Frauen brachten zur Mittagszeit Stärkung, und die Kinder beobachteten aufgeregt den Fortschritt am Bauwerk, den jeder Tag mit sich brachte.

Das Fest ihrer Einweihung war eines der wichtigsten Ereignisse der Dorfgeschichte. Man hatte es größer und aufwendiger begangen als jeden Tanz um den Maibaum, jede Hochzeit, jedes Sommerfest zuvor und danach. Die Kapelle, so heißt es, habe drei Tage lang gespielt, der Bäcker hatte eine riesige Torte in Form der Brücke gebacken, der Schlachter drei Ferkel geschlachtet, und der Bürgermeister hatte in seiner feierlichen Rede gesagt: "Auch wenn dies nur ein kleines Dorf ist, diese Brücke ist ein Zeichen großen Fortschritts."

Nach dem Feiern, diversen Berichten in der Lokalpresse - und sogar ein Reporter aus der fernen Stadt war gekommen, um darüber zu schreiben -, und nachdem die älteste Frau der Stadt am Arm des Bürgermeisters als erste über die Brücke gegangen war, wurde der Übergang den Bewohnern übergeben. Von da an liefen die Menschen Tag ein Tag aus von einer Seite auf die andere, wann immer sie wollten, froh nicht mehr auf die kleine Fähre und den unzuverlässigen Fährmann warten zu müssen, der zugleich ein Trinker war und häufig vergaß, welchen Beruf er hatte.

Die Dorfbewohner mochten ihre Brücke, hundert Jahre lang gingen sie auf ihren Planken, trafen sich auf ihr, blieben stehen, ruhten sich an ihrem Geländer aus. Bis vor kurzem. Denn da hatte ein kleiner Junge entdeckt, dass Spinnen im Dach der Brücke leben.

Es war früher Abend gewesen, als das Kind in den anderen Teil des Dorfes nach Hause gehen wollte. Da war ihm etwas aufgefallen. Etwas hing im Weg. Eine Spinne hatte sich an ihrem Faden herabgelassen und baumelte im leichten Luftzug. Der Junge war zuerst fasziniert ob des seltsamen Wesens, das ihm den Weg versperrte. Fast wäre er hineingelaufen. Sie hatte die Beine von sich gestreckt, und deutlich sah er ein weißes Kreuz auf ihrem haarigen Rücken.

Schließlich folgte sein Blick dem Faden nach oben. Und er erschrak. Über seinem Kopf waren hunderte Spinnen. Große Spinnen, kleine Spinnen, die in ihren Netzen unter dem Holz saßen und ihm ihre bekreuzten Rücken zeigten. Mit angezogenen Beinen harrten sie aus, bis ihre unzähligen Fäden durch Vibrieren anzeigten, dass sich etwas verfangen hatte. Dann rannten sie die Weben entlang zu ihrer Beute, wickelten sie ein und schlugen ihre Kieferzangen in die Wehrlosen, um sie zu töten.

Der Junge starrte unter das Dach, hatte den Kopf in den Nacken gelegt und nicht bemerkt, dass er im Vorwärtsgehen in den Faden der Spinne lief, die ihm zuerst aufgefallen war. Die hatte sich nicht schnell genug wieder nach oben gezogen und landete auf dem Arm des Jungen. Das Kind bekam Angst, schlug nach dem Tier, und weil es eine Kreuzspinne war, biss sie den Angreifer. Der Junge schrie auf, rannte davon, und die Spinne fiel auf die Holzbohlen.

Atemlos kam er zuhause an und erzählte, was ihm zu gestoßen war. Die Bisswunde war mittlerweile stark angeschwollen, und der Junge sagte, er spüre seinen Unterarm nicht mehr.

Am nächsten Tag wurde die Brücke gesperrt. Niemand sollte mehr hinübergehen und sich den Spinnen aussetzen. Die Mutter des gebissenen Jungen war gleich am frühen Morgen ins Rathaus gegangen und hatte berichtet, was ihrem Kind passiert war. Dass es mit fiebrigem Blick im Bett lag und dass der Arzt besorgt sei, ob der kleine Körper mit dem Gift fertig werde.

Ein gelbschwarz-gestreiftes Band sperrte die Eingänge zu der Brücke über den Fluss. An jeder Seite stand ein Polizist und passte auf, dass sich keiner der Bewohner in die Gefahr begab, die hundert Jahre lang niemand bemerkt hatte.

hap