Quiet please

korrespondenz.biz --- (24.11.2003) --- [Print-Version] --- [Kommentare]
 
 

Ich hatte gedacht, es funktioniert. Ich hatte gedacht, es würde etwas daraus. Als ich es wieder sah, schien das klar. Als ich ihn wieder sah. Ich bin nämlich aufgewachsen mit ihm. Ihm, dem ich neulich wieder beim Zappen begegnete, nach der Tagesschau von vor zwanzig Jahren. Rüstungsspirale, Staatsbesuche, Golfstrom, Veigels Werner. Boris Becker. Wir waren fast gleichaltrig. Becker. Hat mich begleitet durch meine Kindheit und Jugend, durch Sonntagnachmittage hinweg und in zahllose Tennisnächte hinein bis zu der Montagmorgenschlagzeile, um heftig umkämpfte oder souverän nach Hause gebrachte Spiele, die immer wieder sich steigernde Spannung und Entspannung vor und nach nach dem nächst erkämpften Sieg. Das war Freude, kein Spass, abgerungen. Dem Platz und Gegner, dem Publikum, Trainerstäben und Managmentplänen, durchgesetzt. Gegen die Gesetze des Marktes oder der Serie, gegen gutgemeinte Ratschläge und zarte Versuchungen. Immer wieder gab es Rückschlage, nicht zu retournierende Returns, zerschlagene Schläger, Erstrundenniederlagen und Zweitrundenniederlagen, Drittrundenniederlagen und Achtelfinalniederlagen und Viertelfinalniederlagen und Halbfinalniederlagen und schließlich das verlorne Endspiel. Doch ging es stets weiter, man konnte sicher sein: Becker macht weiter. Es war sicher. Seine Figur war wieder zu sehen, im TV, auf den Sportseiten, den Gesichtern der Verwandten vor dem Schirm und der Schulkameraden. Und man sah sie von Jahr zu Jahr klarer, schärfer und stärker. Die Figur. Sie blieb, mochten die Gegner auch retournieren; sie blieb, mochten die Beläge und Weltranglistenpositionen wechseln; sie blieb, aller trainigstechnischen, sportgesellschaftspolitischen und biograpischen Brüche zum Trotz, ungeachtet aller Hindernisse, die den Lauf des Beckerschen Lebens blocken wollten. Zu Becker hielt ich, mit Becker wurde ich erwachsen. Mit Becker wurden wir erwachsen, er begleitete uns. Wir waren gleichaltrig, und wie ich mittlerweile weiß, bestimmten Beckers Ballwechsel die frühen Erfahrungen einer ganzen Generation, einer Generation, die mittlerweile sich traut, darüber zu sprechen. Über ihre Erinnerung und Erfahrung, Welt und Weltanschauung. Rüstungsspirale in der Tagesschau und danach Becker. Was bleibt.

Als ich ihn neulich wieder sah, wurde mir das sofort bewusst. Es war spät, die Stunde zwischen Abend und Morgen, die sogenannte "Boris-Becker-Nacht". Nach einer Dokumentation über seine ersten Jahre kam eine Livenachübertragung des (mittlerweile zweit)längsten Spiels der Tennis-Weltgeschichte. Hartfort, 25. Juli 1987. Davis-Cup-Abstiegsrunde, USA gegen Deutschland. Ein dramatisches Match voller packender Ballwechsel, ein unvergessener Kampf, eine legendäre Auseinandersetzung. Ich erkannte genau die Bilder wieder. Die Halle, den bläulichen Belag, die Volker Schlöndorff, Lechtenbrink- und -Kottkamp-Stimme, die Stimmung in der Halle. Ich erkannte genau die Bildführung und Bewegungen wieder. McEnroe mit seinem überlegen wirkenden Gang und dem abschätzigen Blick nach dem schneidig gespielten Volley, seine zappelige Nervosität, die in der Haltung vor dem Aufschlag zur Ruhe kam, wenn er sich konzentriert gegen die Grundlinie lehnte, langsam sich auf den entscheidenden Moment zubewegte, um dann plötzlich, wenn der Kipppunkt erreicht war, nach vorne zu schnellen und den Filz übers Netz zu schießen. Und dort, als ob ich es selbst gemacht hätte (und ich hatte es selbst gemacht, da unsere Generation den Becker-Boom auch auf dem Platz erlebte), sah ich Becker, wie er sich gegen McEnroes Ball stemmte, den Schläger halb zurückgedrückt, halb nach vorne gereckt, in die Flugbahn klemmte, nach dem Rückstoß sich ordnete und, wenn der Ball sicher und unerreicht den Gegner passierte, kurz spannte, zu einer Siegesgeste mit Faust und rechtem Arm, der beim nächsten Ballwechsel schon wieder Grundlinienschläge trieb, nach einer weit ausholenden, fast demonstrativen Bewegung (als ob er den Ball erst auffangen und hinter seinem Rücken präparieren müsse, bevor er ihn zurückwerfe), und dann selbst in eine Aufschlagchoreographie eingebunden war: darin das linke Bein gegen die Aufschlaglinie drückte, vom Spielbein der Körper in ein leichtes Wippen geriet, das den Wurf des Balles in Gang setzte, der fast am Körper vorbeirauschte, bevor er doch noch auf das über den Kopf gekippte Racket traf und zu McEnroes geschickt ward.

Eine Sternstunde des Tennis, ein zäher Kampf, der mich nicht losließ und an den Schirm fesselte. Ich sah diese Bewegungen hunderte Male. Auch damals bis spät in die Nacht. Ich blieb dran, mochten die Verwandten zu Bett gehen, mochten die Freunde nach Hause abziehen, mochte die Zimmertemparatur sinken und die Kleidung wechseln, vom Schuh zum Hemd, vom Cord zum Frottee. Im Bademantel drückte ich mich in den Sessel, die Linke unters Bein geklemmt, die Rechte bei jedem Fourty-Love zum Nussdöschen greifend, und als dieses leer war, griff ich zu den Fingernägeln. Es war ein zäher Kampf, doch draußen, hinter dem Schirm: kämpfte unser Mann. Er widerstand. Hartford, Connecticut. Er hatte schwer zu tun. Schwer zu tun über 6 Stunden und 39 Minuten. Die Zuschauer gegen ihn, Fahnen, Flüche, Anfeuerungen, McEnroe als Matador, Becker als Volksfeind Nummer eins, gegen jeden seiner Bälle, für jeden seiner Fehler ein lärmzerfetzendes Geschrei, wenn auch auf Lautstärke eins bis zwei, damit man niemand weckte, derart leis', dass ich kaum die zunehmend ungeduldigen Ermahnungen des Stuhlschiedsrichters hörte: Quiet please. Doch Becker behielt die Ruhe, retournierte routiniert (obwohl er kaum älter war als ich), kontrollierte das Spiel, passierte McEnroe und schlug den Ball zum richtigen Ende. 4:6, 15:13, 8:10, 6:2 und Sechs zu Zwei im fünften Satz, ein halber Tag vorbei, und mehr als ein Tag eine Schlacht. Eine ganze Generation war vereint, eine Fernsehnation, Tennisnation. Ein Volk (wenn auch in Pyjamas).

Als Becker gewann, wusste ich bereits, wie McEnroe drauf reagieren würde: der abschätzige Blick weichgeworden, der Mund verbogen, ein trotziger Junge. Ich lief mit Becker zum Netz, die Haare etwas zu lang, die Hose zu kurz, doch das Match in der Tasche, hob die Hand und gab dem Gegner alle Fünfe, meine beste Geste, sicher und souverän, es war erstaunlich wie locker's ging, trotz der Spannung in den Schenkeln und der Schmerzen im Arm. Auf einmal war die Leichtigkeit wieder da, die Feindseligkeit weg, das Publikum beruhigt, faire Verlierer, respektvolle Welt. Ich freute mich. Und freute mich über die Freude. Ich lief mit mir mit Becker zum Netz. Es waren die gleichen Bewegungen. Die Haare waren da. Die Haare im Nagge, die Faust in dä Tasch. Er gewann. Er gewann immer noch. Und ich war dabei. Ich schrieb auf einen Zettel, als die Wiederholung einer Regionalkultursendung meine "Boris-Becker-Nacht" beendete: "Becker Geschichte". "Hartford". "Vorhand!". Ich wusste, das musst Du aufschreiben. Die Bewegung der Vorhand die Bewegung der Vorhand die Bewegung der Vorhand. Es war wie gestern. Ich ging ins Bett. Am nächsten Morgen schrieb ich es auf. Ich wusste, ich hätt's nicht tun sollen.

tlr