Martin

korrespondenz.biz --- (22.12.03) --- [Print-Version] --- [Kommentare]
 
 

Da ist selbst das Journal des Antizyklischen überrascht. Da dachte man vor Kurzem noch, die Idee des Poesieautomaten oder Lyrikgenerators habe sich, so interessant sie sprachwissenschaftlich ist, literarisch längst erledigt, da die bisher unternommenen Versuche, diese Idee umzusetzen, allenfalls mäßig humorvolle Nonsenslyrik oder konventionelle und grob getaktete Texte hervorgebracht hätten:

Dir zuliebe bänd' ich gern die Wörter
zum Strauß und flöchte blühende Reime hinein.
Aber aus meinen Händen wachsen
statt Blumen Elegien, unser Leben
reimt sich nicht.

Doch dann muss man von einer plötzlichen Renaissance, ja Neubewertung des Projekts erfahren, einer Renaissance jenseits sprachtheoretisch orientierter Forschungsforen und obskurantistischer Literatenkreise, eine Renaissance in Gestalt einer "Automatenlyrik", die Formeln und Konventionen des Dichtens offensiv offenlegt. So verbreitete die SZ am 18.12.2003 unter der Überschrift "Jochen" ein "Panegyrikus zum 75. des Kritikers" Joachim Kaiser, das in der Folge vollständig zitiert werden soll:

Dir zuliebe bänd' ich gern die Wörter
zum Strauß und flöchte blühende Reime hinein.
Aber aus meinen vertanen Händen wachsen
statt Blumen Elegien, unser Leben
reimt sich nicht. Rühmen möcht' ich Dich schon.
Altmodisch darf ich sein, Dein Schnauben, wenn Du
ernsthaft wirst, lyrisch nennen. Die Schräge,
die Dein Kopf dann wählt, startet die Spirale
eines Satzes, der sich im Raum hält und in der Zeit.
Du schaust und hörst ihm nach und merkst, wie wir staunen.
Du verbleibst in lippenschürzender Bescheidenheit,
als könntest Du gar nichts dafür. Deine Sätze
sehen aus, als wärst Du allen Problemen
am Strand begegnet und sie hätten sich vor Dir
entkleidet, hätten Dir gestanden, was sie
wert sind. Sprachgezähmt führst Du sie uns vor,
erschließt unsere Sinne, dass wir fähig werden,
Dir zuzustimmen. Aber da bist du schon verreist.
Traumhafter Pygmalion. Und hältst Kurs
inmitten der Wirren aus Eifer und Armut, als leiteten
Dich Gestirne. Es ist aber die Stirn,
uns allen bekannt als eine sanfte Festung,
in der Du den Gedanken Flügel wachsen läßt.

Gezeichnet: Martin Walser. Das Gewicht dieses Namens legt die Frage nahe: ist "Jochen" mehr als eine unsinnige konventionell getaktete Fingerübung? Ist "Jochen" vielmehr programmatisch angelegt? Ist hiermit der Anfang gemacht für eine Poetik, die die mechanistischen Utopien einer maschinell erzeugten Dichtung stützt und ästhetisch affirmiert? Die die automatische Generierung von Texten aufnimmt und unsere Auffassung von Sprache "automatistisch" revolutioniert? Ein überraschendes, interessantes Projekt, weiß Gott. Was der von Walser angesprochene Kritiker dazu sagt, ist allerdings nicht überliefert.

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