Manfred

korrespondenz.biz --- (22.12.2003) --- [Print-Version] --- [Kommentare]
 
 

Sehr geehrte Herausgeber von korrespondenz.biz,

da wollte ich Ihnen zum Abschluss dieses für uns alle harten Jahres gratulieren, nachdem Sie durchgehalten und gegen den Trend ökonomischen Raubbaus und intellektuellen Niedergangs angeschrieben haben. Doch dann musste ich Ihre ärgerliche Wortmeldung zu Martin Walsers "Panegyrikus" "Jochen" lesen.
Nicht nur, dass der Hinweis, ein Gedicht lese sich "wie aus dem Lyrikgenerator" etwas (gerade angesichts unserer Geschichte besonders) unselig Denunziatorisches hat; er ist auch intellektuell ähnlich dürftig wie die Anmerkung angesichts eines Werkes abstrakter Kunst, dies hätte "auch meine Nichte" malen können. Im übrigen kann meine Nichte gar nicht so schlecht malen.
Sie resp. Ihr Autor rsa liegen aber auch inhaltlich falsch. Wie das seinerzeit von Hans Magnus Enzensberger durchgeführte Experiment zeigt, ist ein Poesieautomat keinesfalls zu derart komplexen Sinnbildungen und Wortschöpfungen in der Lage wie wir sie bei "Jochen" vorfinden. Enzensbergers Automat etwa brachte nur folgenden Text zustande:

Überflüssige Erpressungen der Gremien, dieser fieberhafte Kunstgenuß am Wochenende
und diese vorgedruckten Zahlungsbefehle: Schleierhaft!
Im Grunde langweilt uns doch manches.
Einstweilen lediglich: würgende Lügen. Pünktlich einschrumpfen!
Einflüsterungen: ("Deine Freunde sind wieder so spießig.")
Im Hinterkopf Nullsummenspiele.
Das nackte Erbarmen sagt uns mehr als Impotenz
hierzulande schwimmen wir ganz allein.
Sachzwänge. Ratlosigkeit. Zierliche Wunderwaffen.
Anscheinend klappt alles.!
Und handelsübliche Lyrikgeneratoren bleiben noch weit dahinter - wie das folgende mit Günter Gehls Poetron erzeugte "Gedicht" zeigt:
Ode ans Wort
Jochen
Jubilar
Finde die Worte
die reimen
So reich
Jochen du.
Ich reime Worte
die weichen
ud bleiben
Worte so reich

Wie anders aber der von Ihnen kritisierte Text. Richtig erkannt haben Sie bei "Jochen" eine Tendenz zum Herkömmlichen und Hergebrachten. Der Dichter deutet dies selbst an, wenn er sich anfangs betont "altmodisch" gibt. Doch wie sehr haben Sie dies missdeutet. Richtig erkannt haben Sie die poetischen Formeln und lyrischen Floskeln in Walsers Text. Doch geht es ihm damit nicht - wie unterstellt - um die Offenlegung eines für jeden handhabbaren, kleinkunstgewerblichen Lyrikbauplanes. Vielmehr geht es ihn um Tradition. Walser schöpft bewusst aus dem gewaltigen Korpus, ja: Kosmos von Wendungen, Gedanken und Bildern, den die abendländische Kultur (sowie sie keine Trivialkultur war) hervorgebracht hat. Das Gedicht startet mit einigen Zeilen aus dem poetischen Schatzkästchen für Firmen- und Familienjubiläen, um sich dann in die Archive der Lyrik- und Geistesgeschichte zu begeben (Strauß, Pygmalion, Tod in Venedig), sichtet die manigfaltigen Formen abendländischer Dichtkunst (Elegien, Aphorismen, Schlagertexte) und bietet gleichzeitig eine Einführung in die Topoi der Kultur- und Zeitkritik.

Walser schöpft nicht nur aus einem gewaltigen Korpus, er bearbeitet diesen zugleich. Er reiht nicht nur Trouvaillen aneinander, sondern fügt Brechungen ein. Dies zeigt sich nicht nur an der konsequenten Reimverweigerung ("unser Leben /reimt sich nicht"), sondern auch an den leichtgüßig-reflektierten Überleitungen und Motivverknüpfungen ("Gestirne"/"Stirn"), kleinen Interventionen und rhythmischen Schwankungen, die erst vor dem Hintergrund des konventionell anmutenden formalen Rahmens zu wirken beginnen. Walser eignet sich das Korpus an; und diese Aneignung ist das genaue Gegenteil des Generierens.

Im übrigen kondensiert Walser aus den Konventionen, dem Hergebrachten und - wie Ihr Autor rsa sagen würde - Konventionellen eine Position. Deutlich eingeschrieben ist dem Gedicht die Haltung des Distanzierten, Widerständigen: Widerstand ("die Stirn") gegen das Schnelle, das allzu bald Verbrauchte und Niedrige, die "Wirren aus Eifer und Armut" sowie schlechte TV-Sendungen. Nicht um Regression und Rückzug geht es dabei jedoch, sondern um Unabhängigkeit, Überparteilichkeit, die Fähigkeit. sich herauszuhalten und -heben, ja: ich würde fast sagen, wenn Sie diesen Begriff nicht durch ihre letzte Einlassung entwertet hätten: die Neigung zum Antizyklischen.

Der Kritiker, zu dem der Autor spricht, ist nicht Kritikaster, sondern Geist und Schöpfer, nicht Parteigänger einer fragwürdig gewordenen "modernen" Gesellschaft, sondern Vertreter einer bestimmten Kultur. So ist "Jochen" ganz im Geiste des Formschönen geschrieben und verweigert sich der demonstrativen Zerstörung der Form. Wo "Jochens" Autor früher den Tod herbeiphantasierte, kann er nun das Leben loben.
Doch handelt das Gedicht nicht nur von dem Ideal des Kritikers, von "Jochen", sondern weist auch auf den Kritisierten, auf "Martin" selbst. Es stiftet eine Versöhnung von Kritiker und Autor in der Übereinstimmung von Dichter und der Denker, in der gemeinsamen Dicht- und Denkhaltung zweier alter weiser Männer, zweier Philosophen in des Wortes ursprünglicher Bedeutung, zweier Philosphenkönige, die in einer Zeit, die des Königtums nicht mehr zu bedürfen meint, den niederen Bedürfnissen der Zeit den Rücken zugewandt haben. Die Zeit ist spürbar in diesem Gedicht gegen die Zeit. Sie wird eingesetzt ("Kurs") statt verschwendet. Die Sprache wird gerettet ("gezähmt") vor ihrem unbedachten Gebrauch, die Form bewahrt statt zerschlagen.
So ist "Jochen" ein bewegendes Plädoyer geworden: für Tradition und Dauer, gegen Novitätensucht, gegen jede lautsprecherische Originalität und für die stille skeptische ("lippenschürzende") Größe des Geistes, die tiefschürfende, ja erhebende ja: Erhabenheit der Erkenntnis ("Spirale", "Gestirne", "Flügel").

Ich wünschte, ich hätte dieses ganz und gar heitere und zugleich vertrackte Stück zeichnen können.

Mit respektvollen Grüßen an den Autor

Manfred Bisinger