| Buch des Jahres 2004: Gao Xingjian, ``Buch eines einsamen Menschens'' korrespondenz.biz --- (05.01.2004) --- [Print-Version] --- [Kommentare] |
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Die folgende Besprechung basiert auf der 2003 erschienenen englischsprachigen Ausgabe des Buches unter dem Titel ``One Man's Bible''; im Früjahr diesen Jahres wird beim S. Fischer Verlag die deutsche Übersetzung erscheinen, unter dem oben angegebenen Titel.
``It was not that he didn't remember he once had another sort of life. But, like the old yellowing photograph at home, which he did not burn, it was sad to think about, and far away, like another world that had disappeared forever. In his Beijing home, confiscated by the police, he had a family photo left by his dead father: it was a happy gathering, and everyone in the big family was present. [...] He recalled that there were thirteen people in the photograph--an unlucky number--his parents, his paternal uncles and aunts, and also the wife of one of the uncles. Now, apart from an aunt in America and himself, all of them and the big house had vanished from this world.''
Im Sommer 1966 zieht der 72-jährige ``Große Vorsitzende'' Mao Zedong in seinen letzen großen revolutionären Kampf. 45 Jahre vorher hatte er, zusammen mit nur 12 anderen Genossen, die kommunistische Partei Chinas gegründet. Er hatte gegen die Nationalisten unter Chiang Kaishek gekämpft, er hatte den ``großen Marsch'' 1934 überlebt, also die Flucht der kommunistischen Truppen vor den Nationalisten, einen Marsch, den 90,000 Kommunisten antraten, und den 8,000 beendeten. Er hatte die wiedererstarkenden kommunistischen Truppen durch den 2. Weltkrieg und den Kampf gegen Japan geführt, und zuletzt dann in den Kampf gegen Chiang Kiasheks Guomindang, der mit dem Sieg der Kommunisten und der Ausrufung der Volksrepublik China am 1.10.1949 endet. Er hatte durchgesetzt in seiner Partei, dass das von der Sovietunion übernommene Planwirtschaftsmodell abgeändert wird und die Landreform zur Basis der kommunistischen Veränderung wird, und er hatte die großen Kampagnen in die Wege geleitet zur Formung der neuen Gesellschaft: Landreform nicht per Verwaltungsanweisung, sondern per Kampfsitzung mit Anklage und Verurteilung. Die Drei-Anti-, die Fünf-Anti- und die Gedankenreform-Kampagne hatten das riesige Land, und die Gesellschaft, fundamental verändert. Er war in der Partei kritisiert worden, besonders nach Chruschtschows stalin- und personenkultkritischer Rede 1956, aber er hatte die Partei besiegt, in dem er 1957, an dem Parteiapparat vorbei, die Intellektuellen aufrief in der ``Hundert Blumen Kampagne'' zur Kritik an der Bürokratie. (Freilich ließ er diese Kritik, als sie gegen die Partei ging, mit der ``Anti-Rechts-Kampagne'' beenden; etwa 500,000 Menschen kommen um.) Denoch war es seinen Widersachern in der Partei gelungen, ihn auszumanövrieren, und so hatte er sich 1960 aus der Politik weitgehend zurückgezogen. Doch jetzt, 1966, war es wieder an der Zeit, ``Fehlentwicklungen'' zu korrigieren, die alten Gefährten loszuwerden. Wieder wendet sich Mao direkt ans Volk. Eine Wandzeitung angeschlagen in der Pekinger Universität, welche den Rektor der Uni kritisiert (``Vernichten wir all die Schlangengeister und Rinderdämonen'' -- Geister, die menschliche Gestalt annehmen, um Unheil zu stiften, die aber, einmal erkannt, ihre ursprüngliche Gestalt einnehmen und geschlagen werden können), nimmt er zum Anlass, zum Kampf gegen die ``als Kommunisten getarnten Kapitalisten'' aufzurufen, zur Beseitigung der ``4 Relikte der alten Gesellschaft'': altes Denken, alte Sitten, alte Kultur, alte Gewohnheiten. Es beginnt, was später die ``Kulturrevolution'' genannt werden wird. An den Universitäten zuerst, dann auch in Betrieben, bilden sich ``Rote Garden'', die die örtlichen Parteifunktionäre angreifen, ihre Lehrer, ihre Vorgesetzen, und in endlosen Verhandlungen zu Geständnissen zwingen, Kapitalisten zu sein. (Es gibt viele offene Rechnungen.) Bald bekämpfen sich einzelne Verbände der Roten Garden, die Vorgaben der Parteiführung ändern sich täglich. Wieder muss Mao einsehen, dass ihm die Kontrolle entgleitet. Im Januar 1967 lässt er die Armee eingreifen, im Mai des Jahres gibt es wieder Aufstände, so dass im September die Kampagne gegen die ``Ultralinken'' ausgerufen wird, die die Ruhe wiederherstellt. Weit mehr als 4 Millionen Studenten werden aufs Land geschickt zur Umerziehung, die alten Kader werden rehabilitiert; insgesamt, so wird geschätzt, sind etwa 1 Millionen Menschen ums Leben gekommen in der Volksrepublik in diesem Jahr.
Vor diesem Hintergrund spielt ``One Man's Bible'' von Gao Xingjiang, aus dem das einleitende Zitat stammt. Es ist die fiktionalisierte Biographie Gaos, der vor einigen Jahren den Nobelpreis für Literatur verliehen bekommen hat. In 61 Kapiteln erzählt er von seinen Erlebnissen während der Jahre 1966 bis 1976, oder besser, von den Erlebnissen von ``ihm'', der namenlosen Figur, die in der dritten Person beschrieben wird. Verwoben damit ist eine Erzählebene, die näher an der Gegenwart liegt, 1997, in der die erinnernde Person direkt angesprochen wird in der zweiten Person. Ausgelöst wird das Erinnern des nun im Exil lebenden durch eine Begegnung in Hong Kong, 1996 (vor der Rückgabe an China also), und es wird eine, von Reflektionen des gestandenen Schriftstellers über das Erinnern begleitete Suche nach der geraubten Zeit: einer Suche nach dem verlorenen Ort der Kindheit und Jugend, ein Umgehen mit einem zweifachen Exil. Die äußeren Ereignisse sind schnell erzählt: 1966 arbeitet ``er'', die erinnerte Person, ``he that you must allow to emerge from your memory, that child, that youth, that immature man, that daydreaming survivor, that arrogant fellow, and that scoundrel who gradually became crafty'', ein Universitätsgraduierter, in einem Betrieb als Schreibtischarbeiter. Die bisherigen Kampagnen hat er halbwegs überstanden, auch wenn sein Familienhintergrund nicht ganz sauber ist: die Großmutter besaß Land, ein Verwandter arbeitete für die Nationalisten. Er hatte es verstanden, sich fernzuhalten von der Politik, im Stillen schrieb er. Mit Beginn der Kulturrevolution nun schließt er sich einer der Rebellengruppen an, muss intrigieren, Nachforschungen überstehen, alte Kader anklagen. Die Intrigen, Geflechte, werden zu kompliziert, wie jeder verliert er den Überblick, was gerade als konterrevolutionär gilt. Mit dem Ende der Kulturrevolution wird er, wie alle anderen, auf's Land geschickt zur ``Umerziehung'', er wird Dorfschullehrer, er trinkt Schnaps, er heiratet, er wird rehabilitiert, er lässt sich scheiden. Aber diese äußeren Ereignisse sind natürlich nicht das Wichtige. Was Gao schmerzhaft präzise beschreibt, ist, wie durch die Kampagnen, durch permanente Beobachtung und Denunziation, die Menschen um ihn herum, und ebenso er, gebrochen werden, wie sie schlecht, oder wahnsinnig werden. Was kollektivierte Armut dem Individuum antut. Was es bewirkt, von den ``Alten Kategorien'' abgeschnitten zu werden. Seine Familie wurde ihm genommen, seine Mutter starb im Arbeitslager an Entkräftung, wie auch die Erinnerung an sie: als er eine Durchsuchung seines Zimmers fürchten muss, verbrennt er nicht nur seine Manuskripte, sondern auch sein letztes Erinnerungsfoto, auf dem die Mutter eine Kleidung trägt, die sie als der "schwarzen Klasse" angehörig erkenntlich macht, was für ihn ernste Probleme bedeuten könnte. Und wie aus dem ``er'' das ``du'' der Gegenwart wurde, abgeschnitten von der Vergangenheit; in Freiheit, aber alleine, ganz alleine. So erinnert die Figur sehr an die anderen entwurzelten, heimwehkranken Wanderer der Weltliteratur, an die Figuren W.G. Sebalds, die Opfer des anderen großen Unrechts des 20. Jahrhunderts.* Mehr noch als diese jedoch thematisiert One Man's Bible das Erinnern selbst, das Wirken der ``Katze Erinnerung'', die Antwort auf ``Speak, Memory.'' Gut für den Klappentext, für die kritische Radiosendung ist es, wenn man sagen kann, dass ``trotz allem'' das Leben bejaht wird in dem besprochenen Buch, es sich um eine bewegende Feier des Widerstands gegen die Unterdrückung und Zerstörung handelt, etc.pp. Dieses Buch, auch hier ähnlich wie die Sebalds, macht es einem nicht so einfach: die Resignation ist zu groß, das körperlich gerettete Individuum zu schwer beschädigt.** Ein trauriges, aber sehr gutes Buch.
Noch etwas Service: ein Artikel allgemein zu Gao Xingjiang aus der NZZ, und eine Besprechung seines anderen großen Romans, ``Der Berg der Seele'', auch aus der NZZ. das * Zu den wohl schwächeren Passagen von "One man's bible" gehört es, wenn Gao eine explizite Verbindung zieht zwischen diesen Ereignissen, in der Figur der Margarethe nämlich, einer deutschen Jüdin, der er Teile der Geschichte erzählt. ** Nicht, dass das die Schreiber des Klappentexts abhalten würde: ``One Man's Bible is above all a piercing, passionate account of the effects of political oppression on the human spirit -- and of how that spirit can triumph.''
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