Wind im Gesicht

korrespondenz.biz --- (05.01.2004) --- [Print-Version] --- [Kommentare]
 
 

Im Jahr 2003 saß mir eines Tages in der U-Bahn ein Mann gegenüber, der eine Broschüre las mit dem Titel ``How To Receive A Miracle From God?''. Das dünne Heft hatte sogar eine ISBN-Nummer und einen Preis: 1 Euro 95. Er las, und ich dachte darüber nach, ob es ein Limit für die Anzahl der einzufordernden Wunder gebe. Irgendwann stieg der Mann, der eine Aktentasche und einen Schirm bei sich trug, aus, und ich blieb zurück in der Ruhe eines Lebens eines mittelalten Menschen, der keine Wunder braucht, weil nichts fehlt.

Gegen Ende des gleichen Jahres traf ich einen Freund, der in Berlin einen Schriftstellerkongress besuchte. Thema der Konferenz war der literarische Umgang mit den Anschlägen vom 11. September.

Mittlerweile war es im Schatten der Geschehnisse des Jahres 2001 zu einem zweiten Krieg und einem Szenario der permanenten Bedrohung gekommen. Im Gegensatz zu der Realität des Krieges mit seinen Toten, Verstümmelten und Gebrochenen, handelt es sich bei letzterem hauptsächlich um ein kollektives Hirngespinst, an dem die Bevölkerung im Gegensatz zu den Regierenden bereits das Interesse verliert. 2003 ist niemand mehr im ``Kampf gegen den internationalen Terrorismus'' erstickt, weil er sein Haus von innen gegen einen möglichen Biowaffenangriff mit Plastikfolie versiegelt hat. Doch werden Verdächtige weggeschlossen, Grenzen verstärkt und Mini-Atombomben entwickelt. Und besonders um Weihnachten und Silvester war die Home Security der Länder, die sich als Anschlags-Zielgebiet definieren, besonders dünnhäutig.

Der oben genannte Freund erzählte mir, dass er vor seinen Schriftsteller-Kollegen über die Erleichterung sprechen werde, die die Anschläge -- die Ur-Anschläge von New York und Washington -- mit sich gebracht hätten. ``'Endlich' ist etwas passiert'', sagte er und zitierte Jean Baudrillard, der uns -- den Nutznießern des guten Lebens der westlichen Gesellschaft -- sogar eine ``geheime Lust'' am Zusammenbrechen des World Trade Centers bescheinigt hatte.

Später, als ich auf dem Heimweg auf die Bahn wartete, wog dieser Gedanke mit einem Mal sehr leicht. Ja, sicher, wir warten darauf, dass etwas passiert. So wie auf Wind im Gesicht, wenn die Luft zu stehen scheint, das Singen der Gleise, wenn die Bahn nicht kommt. Und in Dostojewskis ``Dämonen'' legen junge Leute Bomben, damit sich endlich etwas ändert. Ohne dass sie eine Ahnung haben, was das überhaupt sein soll.

Ein anderer Freund hat einmal gesagt, dass er sich manchmal wünsche, wenn er die Treppe zu seiner Wohnung hinaufsteige, dass sie ausgeraubt oder ausgebrannt sei. Alles verloren. Das bisherige Schaffen dahin. Kontrollverlust. Neuanfang.

Und bei all diesem Ennui und Fatalismus fällt mir einer ein, der sich gerne als Sprecher dieser mittelalten Generation, der nichts fehlt, präsentiert und der als hervorstechendstes Merkmal ``unsere'' Politiklosigkeit erkannt haben will. ``Meine Generation hat keine Protestform'', sagt Florian Illies. ``Wir wählen nur Leute bei 'Deutschland sucht den Superstar' raus.'' Dann wird gelacht wie immer, wenn Leute diesen Alters über ernste Dinge sprechen. Und die, die nicht lachen, hoffen wohl auf Wind im Gesicht -- oder ein Wunder.

hap