Thema des Jahres 2003: Wegschmeißen

korrespondenz.biz --- (05.01.2004) --- [Print-Version] --- [Kommentare]
 
 

I.

Beim Mittagessen wurde wieder einmal diskutiert, dass sich doch insgesamt viel zu viel ansammle: zu viele Daten auf der Festplatte, Emails in diversen Verzeichnissen, zu viele Bücher und Kopien im Regal, zu viele Briefe auf dem Schreibtisch und ohnehin viel zu viel, was man noch meint, erledigen zu müssen. Dabei kam eine Geschichte aufs Tapée, die in der einen oder anderen Form wahrscheinlich jeder schonmal gehört hat und die in der erzählten Form möglicherweise stimmt: Ein leitender Angestellter oder gar Besitzer einer Firma sei in Rage geraten und habe alle Dinge von seinem Schreibtisch, inclusive zu bearbeitender Korrespondenz, Angebote, Nachfragen, pipapo, auf einmal weggeschmissen, sich damit der ganzen Unübersichtlichkeit entledigt und erstmal Ruhe gehabt. Die Firma sei groß gewesen, aber noch so klein, dass der Manager- oder Chefschreibtisch tatsächlich voll potentiell wichtiger Dinge gewesen sei. Die Vernichtung des Schreibtischbelags habe sich trotzdem nicht negativ ausgewirkt. Wirklich wichtige Anfragen seien nochmal gestellt worden, von Verträgen habe es im Sekretariat Kopien gegeben, und wovon man nichts mehr gehört habe, das könne auch nicht so wichtig gewesen sein. Das rigoroses Aufräumen habe dem besagten Manger durchaus Entlastung und etwas Freude verschafft. Im Nachhinein könne man sein Verhalten rational rechtfertigen. Wenn der besagte Manager nun jeden Monat seinen Schreibtisch auf die rigorose Weise aufräumte, dann litten die Geschäfte wohl. Es stellt sich die Frage, wie oft man wegschmeissen darf, ohne dass es zu negativen Auswirkungen kommt. Und: Darf man öfter wegschmeissen, wenn man dafür weniger wegschmeisst? Der Manager könnte in Zukunft, sagen wir, jedes Vierteljahr alle Gegenstände, die sich auf der linken Hälfte seines Schreibtischs befinden, wegschmeissen. Wenn das zur Gewohnheit wird, könnte sich (quasi evolutionär) eine Ordnung auf dem Schreibtisch entwickeln, wonach sich die wichtigen Dinge eher rechts ablagern. Wenn sich eine solche Ordnung entwickelt hat, dann kann der Manager ggf. noch öfter wegschmeissen, z.B. alle zwei Monate. Wenn dadurch aber die Tendenz der allgemeinen Ablagerung rechts zunimmt, dann ist nichts gewonnen. Irgendwann muss rechts angebaut werden oder auch die rechte Hälfte abfallen.

II.

Andy Warhol hat nicht weggeschmissen, sondern in braunen Kartons (Time Capsules) gesammelt : ``Besorgen Sie sich für jeden Monat einen Karton, werfen Sie dort alles hinein und kleben Sie ihn am Ende des Monats zu. Dann datieren Sie ihn und schicken ihn nach Jersey rüber. Versuchen Sie, ihn im Auge zu behalten, aber wenn das nicht klappt und er verloren geht, ist das auch okay, denn dann gibt es eine Sache weniger, über die Sie nachdenken müssen, und Sie sind eine weitere geistige Bürde los.'' Warhol behielt seine Kartons im Auge, er kam wiederholt auf den Gedanken, sie zu verkaufen, was er aber nicht gemacht hat. Jetzt werden einige von ihnen im Frankfurter Museum für Moderen Kunst ausgestellt. Das ist natürlich ein Riesenquatsch. Es gibt nämlich durchaus einen Unterschied zwischen guten und interessanten Kunstwerken und Reliquien von Leuten, die gute und interessante Kunstwerke gemacht haben. Die ersten gehören ins Museum. ``Wir [Sokolowski und Kittelmann, die Direktoren des Warhol-Museums in Pittsburg, respektive des MMK in Frankfurt] wissen nicht, was Warhol von diesem Unterfangen [Ausstellung von Time Capsules inclusive Herausgabe eines Katalogs, aus dem das Zitat stammt] gehalten hätte, aber wir sind uns sicher, dass es ihn amüsiert hätte, und dass er zumindest die Kontrollabschnitte der Museumstickets sofort in die brandneue Time Capsule geworfen hätte.'' Vielleicht hätte es Warhol 1980 amüsiert. 2004 hätte er es wahrscheinlich öde gefunden, weil es nämlich öde ist. Ich an seiner Stelle hätte mit dem Sammeln sofort aufgehört.

hcs