| Publikumsvolk korrespondenz.biz --- (05.01.2004) --- [Print-Version] --- [Kommentare] |
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Wer dachte, im vorletzten Jahr sei genug und ausreichend Unpassendes zur ,,deutschen Vergangenheit'' gesagt worden, wurde 2003 eines Besseren belehrt. Das letzte Jahr sah nicht nur eine ungebrochene Fortsetzung des Erinnerungsbooms, sondern eine wortreiche Umschreibung der NS-Geschichte. Von Guido Knopps neuesten Filmen über die Diskussionen um ein Vertriebenenzentrum bis zu Walser-Grass'scher Enttabuisierungsrhetorik und dem Revival des Bombenkriegs unter leidengeschichtlicher Perspektive -- die ,,Tätergesellschaft'' thematisierte sich vor allem als ,,Opfergesellschaft''. Die wissenschaftliche Täterforschung, die in den letzten Jahren nicht nur an Niveau, sondern auch eine neue Dichte und Komplexität gewonnen hat, blieb dagegen ohne nachhaltige Effekte. Während sie die Interpretamente der 50er Jahre einer gründlichen Kritik unterzieht, kehrt man öffentlich zu ebensolchen zurück. Einer, der diese Entwicklung zuletzt kritisch begleitet hat, [1] ist der Sozialpsychologe und Kulturwissenschaftler Harald Welzer, derzeit Leiter einer Forschungsgruppe zur Gedächtnisforschung am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen und Professor in Witten- Herdecke. Nach Forschungen zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Holocaust oder zur Sozialpsychologie von NS-Tätern hat sich Welzer in den letzten Jahren der nicht- wissenschaftlichen Erinnerung an das NS-Regime gewidmet. Sein Verdienst liegt vor allem darin, neben den öffentlichen Debatten und dem kulturellen Gedächtnis die private Erinnerung und Kommunikation über das ,,Dritte Reich'' untersucht zu haben. In der brillanten Studie zum deutschen Familiengedächtnis ,,Opa war kein Nazi'' [2], die Welzer zusammen mit Sabine Moller und Karoline Tschugnall vorgelegt hat, stellt er fest, dass der neue deutsche Opferdiskurs so neu nicht, sondern in den Wohnzimmern des Landes allbekannt ist. Die Marktgängigkeit und Auflagenstärke neuerer Leidensgeschichten dürfte, so ist Welzer zuzustimmen, nicht zuletzt auf diesem Resonanzboden beruhen. ,,Opa war kein Nazi'' zeigt die Verwandlung persönlicher NS-Geschichte im Gespräch der Generationen: mit der zunehmenden Entfernung vom Geschehen, so zeigt die Studie, kommt es zu einer ,,kumulativen Heroisierung'' der Beteiligten. Episoden über Zustimmung oder begeisterte Beteiligung werden allmählich ausgeblendet, Widersprüche und Konflikte mit den ,,Machthabern'' (wer kam schon mit Parteibonzen klar) oder kleine Abweichungen vom nationalsozialistischen Kanon (das Grüßen eines jüdischen Nachbarn) so betont, Kontexte so verunklart, dass selbst Zeitgenossen, die sich einst offen zum Nationalsozialismus oder der Beteiligung an NS-Verbrechen bekannten, schließlich zu Widerständlern werden. Solche Heldenkonstruktionen werden ergänzt oder kombiniert mit Erzählungen von eigenen ,,Opfererfahrungen''. Welcher Widerstandskämpfer hat nicht gelitten -- unter Karriereproblemen, Versetzungen, Krieg und Besatzung oder nachbarschaftlichen Gehässigkeiten. Derartige Um-Erzählungen beruhen auf der Loyalität des Familienverbandes, die sich in den seltensten Fällen mit einer offenen Rekonstruktion der Vergangenheit vereinbaren lässt; und sie entstehen, wie die Studie zeigt, in den Leerstellen der Zeitzeugenberichte, über beschwiegenen Lebenspassagen, Gedächtnislücken, erzählerischen Missverständnissen. Stößt die Familienerinnerung auf derartige Leerstellen, so werden sie oft kreativ gefüllt mit Hilfe populärer Topoi, filmischer und literarischer Fabeln und durch pragmatische Aneignung von Forschung, Gedenkveranstaltungen und Festreden -- wie das geschieht, dürfte dem volkspädagogischen Optimismus mancher Politiker schaden, die mit der öffentlichen Aufklärung über die Vergangenheit eine automatische staatsbürgerliche Aufklärung verbinden. Paradoxerweise werden nämlich selbst Erkenntnisse über die Judenvernichtung oder die weitläufige Beteiligung der Bevölkerung an den NS-Verbrechen zum Material familialer "Gegenaufklärung" -- etwa wenn man "den Nazi" hinter den komplexen Beteiligungsverhältnissen der NS-Gesellschaft verbirgt oder verbreitete Opferbilder auf den eigenen Opa überträgt. Dass Welzer gern auf wissenschaftlichen Kolloquien gesehen ist, verwundert nicht. Er stellt seine Studie jedoch auch vor breiterem Publikum vor. Es steht zu vermuten, dass der Erinnerungsboom, dem Welzer einigermaßen skeptisch gegenüber steht, gleichzeitig die Nachfrage nach seiner Studie beim breiteren Publikum fördert. ,,Opa war also kein Nazi''? In der kleinen Stadt C. wurde Welzer im letzten halben Jahr zweimal eingeladen: einmal von einem lokalen Verein, der sich rege und engagiert um Aufarbeitung und Umgang mit der örtlichen NS-Geschichte kümmert, ein ander Mal von der Universität, auf eine Diskussion zum Jahrestag der ,,Reichskristallnacht''. Ein lohnendes Unterfangen. Denn es kam viel Publikum: zwar nicht in Massen, doch einigermaßen engagiert, weniger erinnerungspolitisch oder kulturwissenschaftlich interessiert, doch verwickelt in die eigene Familiengeschichte. Fast jede/r hatte da einen Vater oder noch eine Bombenkriegserinnerung aus der Kindheit mitgebracht. Welzer gibt vor diesem Publikum nicht den Mythenzertrümmerer oder Fundamentalkritiker, macht sich aber auch nicht gemein; er attackiert nicht und gesteht den Betroffenen Raum für ihre Erinnerungen zu, geht aber auf Distanz zum populären Opferdiskurs, zeigt die Konstruktionsmechanismen der familialen Erinnerung und benennt die blinden Flecken im kommunikativen und kollektiven Gedächtnis. Er weist auf die Überlebenden hin, deren Traumata durch kollektive ,,Trauma''-Diagnosen überdeckt werden und die Holocaust-Opfer, deren Geschichte in der Erinnerung deutscher Familien weder Stimme noch einen ,,systematischen Platz'' hat. Das Publikum lauscht aufmerksam und lässt die aufklärerische Geste ergriffen ins Leere gehen. Was Wissenschaft kann, kann anscheinend kein Mensch. Dass man das Trauma der Deutschen nicht vernachlässigen solle, merkt ein Mann aus dem Publikum an. Darauf bekennt ein Altersgenosse, er sei durch die öffentlichen Diskussionen der letzten Jahre von seinem Schweigen befreit worden. Seitdem beschäftige er sich intensiv mit der Vergangenheit, er sei ,,in einem KZ gewesen'' [3] und begreife nun, wie ihn seine Bombenkriegserfahrung geprägt habe. Zustimmendes Gemurmel zur Kindheit im Krieg, ergänzende Ausführungen eines anderen Beiträgers, der sich mit ironischen Ausführungen über den Ortsgruppenleiter und die Zwangsarbeit in seinem Heimatdorf als Souverän seiner Vergangenheit outet. Die Stimmung ist gespannt, wer sich zu Wort gemeldet hat: erleichtert. Und bald stellt sich eine Art Seligkeit ein zwischen den Erinnernden -- eine (sich) um Begriffe wie Leid, Terror, Angst und Opfer assoziierende Gemeinschaft. Vom Krieg gerät einer der Anwesenden in den Schützengraben, von dem er Kameradschaft und kritische Haltung gegenüber fragwürdigen Vorgesetzten mitgebracht hat. Der Heimathistoriker hatte einen Vater, der ihm an Ironie gegenüber dem Ortsgruppenleiter in nichts nachstand.
Die Ermordung der Juden ist erst am Jahrestag der ,,Pogromnacht'' Thema. Dann werden die
Geschehnisse scharf verurteilt. Man ist ehrlich entsetzt. Wie Menschen anderen Menschen so
etwas antun könnten. [4]
Ein Zuschauer beklagt das wahre Skandalon der
,,Reichskristallnacht'': dass die normale Polizei nicht eingeschritten sei und die Bevölkerung
nur zugeschaut habe. Die Indifferenz und Verrohung. Auch heute wieder, so ein anderer,
merke man dies wieder, die Feindlichkeit gegenüber dem Fremden, die soziale Kälte, dieses
Zersetzende, das so gefährlich sei. Vom Zersetzenden weiß auch ein anderer Herr zu erzählen,
in Gestalt seines Vaters, eines konservativen Menschen, der auch damals vom Geist des
Antisemitismus überwältigt worden sei, aber bald erkannt habe. Ja, auch dies habe es
gegeben, hört man von der anderen Ecke des Saales: in einem ostdeutschen Dorf habe es
damals einen Amtmann gegeben, der verhindert habe, dass die Synagoge völlig bis auf die
Grundmauern herunter brannte. Es gibt immer wieder Pausen, doch eine gewisse Stimmung.
Man findet zusammen, spricht sich zu, entwickelt Mut. Schließlich wagt eine jüngere Frau
den Schritt. Sie geht nach vorne, ans Podium, von dem vorher die Wissenschaftler sprechen
durften. Da, wo vorher das Trauma Thema war, erzählt sie nun von ihrem letzten Traum. Es
sei ihr schwer gefallen, doch jetzt ... -- sie sei sehr erschüttert ... -- und beginnt eine Erzählung
vom Alp der Gewalt. Die Vision einer nächtlichen Verschmelzung mit den Leidenden dieser
Welt.
Spätestens an dieser Stelle treibt es einen aus dem Saal. Doch der Sozialpsychologe Welzer
bleibt sitzen. Vielleicht ist er höflich und sitzt seine Podiumszeit ab. Vielleicht bleibt er aber
auch als teilnehmender Beobachter da, der seinen Thesen bei der Materialisierung zusieht,
den Vergemeinschaftungsversuchen am Schnittpunkt von privater und öffentlicher
Erinnerung. tlr [1] Zuletzt: Harald Welzer, Von der Täter- zur Opfergesellschaft, in: Universitas 58 (2003), S. 1214-1230. [2] Harald Welzer/Sabine Moller/Karoline Tschugnall, ,,Opa war kein Nazi''. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis. Frankfurt/Main 2002. [3] Es scheint sich hierbei um eine gebräuchliche Formulierung zu handeln, vgl. die bekannte Äußerung der Regisseurin Margarethe von Trotta (Korrespondenz Nr. 77). [4] Auch dieses Sprechen analysieren Welzer, Moller und Tschugnall in ,,Opa war kein Nazi''. Sie fassen es unter dem Begriff ,,Leeres Sprechen'': ,,Akteure -- und zwar meist die Täter -- bleiben konturlos, historische Vorgänge werden nur in Umrissen beschrieben, so dass unklar bleibt, worum es eigentlich geht ...'' (S. 160). Übliche Formeln sind: ,,Was die Juden erleiden mussten'', ,,das da darf nicht vergessen werden'', ,,ich habe davon/von dem ganzen Ausmaß erst nach dem Krieg erfahren'' usf.
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