Der Nagel

korrespondenz.biz --- (19.01.2004) --- [Print-Version] --- [Kommentare]
 
 

Die Frau war das, was man gemein hin als hässlich bezeichnet. Sogar hässlich wie die Nacht, wenn man einen Gemeinplatz bemühen möchte, was für dunkle Himmel, schattenwerfende Silhouetten und den milchigen Mond, als Indikator der Nachtzeit allerdings eine Beleidigung wäre. Sie war so hässlich, dass Ulrich zu ihrem Aussehen direkt einen unangenehmen Geruch assoziierte, obwohl sie für eine Wahrnehmung dessen viel zu weit weg stand.

Sie musste in der Mitte der Längssitzbank der Ubahn gesessen haben, bevor sie aufgestanden und zur Tür gegangen war. So war sie in Ulrichs Blickfeld gelangt, und dort stand sie nun und würde sich bis zur nächsten Station nicht fortbewegen. Und Ulrich wusste, dass er sie bis zur nächsten Station anstarren würde.

Ihre Gesamterscheinung war die einer dicken Frau, was durch eine unförmige, schwarze Lederjacke und lange Haare, die ihren Körper auf der Länge vom Scheitel bis etwa eine Handbreit über der Schulter stauchten. Die Haare wirkten ungewaschen und speckig und waren von einem gräulichen Schwarz, vereinzelte Strähnen schimmerten bräunlich. Die Dauerwelle, die den dünnen Haaren wohl Volumen und Halt hatte geben sollen, war herausgewachsen. Doch fuhr sich die Frau mit ihrer rechten Hand durchs Haar, als wisse sie um eine Attraktivität, die anscheinend nur Ulrich nicht sehen konnte. Sie mochte ihre Haare. Nach dieser koketten Bewegung fiel die Hand wieder neben ihren Körper und spielte an einem abgegriffenen Mini-Plüschbären, der an einer verschlissenen, schwarzem Handtasche befestigt war.

Ulrichs Blick wurde abgelenkt, als die Frau kurz in seine Richtung sah. Hatte sie bemerkt, dass er sie beobachtete? Hatte sie bemerkt, dass er sie hässlich fand? Dann blickt sie wieder aus dem Fenster. Sie trug eine Brille mit einem von ihrem Optiker wahrscheinlich als ``fesch'' oder ``flippig'' angepriesenem Gestell. Es war aus Metall, asymmetrisch und hatte bunte Bügel. Ihre Augen waren zu bunt geschminkt und das Weiß um die Iris war gerötet. ``Raucheraugen'', dachte Ulrich, und zu der bereits bestehenden Vorstellung des unangenehmen Geruchs, kam der kalten Zigarettenqualms. Er schauderte. Ihre Haut war sehr schlecht. Nicht nur, dass sie die ihr wahrscheinlich angemessenen Alterserscheinungen zeigte, sie wirkte grau und auf der Wange und der Stirn prangten kleine, alte Narben. Die Lippen hatte die Frau angemalt. Doch half das nicht, aus den schmalen Strichen wirklich Lippen zu formen, die ein Mann betrachten möchte. Sie wirkten irgendwie eingetrocknet. Wer sollte sie auch küssen wollen, dachte Ulrich und schämte sich dafür, den Körper der Frau so auszuzählen. Doch aufhören konnte er nicht. Die Hand, die eben noch an dem Teddy genestelt hatte, bewegte sich wieder. Sie strich Ponyfransen zurück. Ihre Finger waren, wie nicht anders zu erwarten, ``Wurstfinger'', wie man kurze, dicke Finger eben nennt. Die Haut wirkte abgearbeitet und war dunkelrosa. Doch trotz dieser nicht dem Schönheitsideal entsprechenden Hände, hatte die Frau jeden einzelnen Finger, abgesehen von den Daumen, mit mindestens einem verschnörkelten Silberring geschmückt. Und am Ende der kurzen Strecke zwischen Fingerwurzel und Fingerkuppe wuchsen perfekte rote Nägel. ``Sicher falsch'', dachte Ulrich. Hergestellt in einem dieser Nagelstudios, in denen eben ausschließlich die Nägel modelliert werden, ohne einen Blick auf den Rest der Person zu werfen. Ihre falschen Nägel waren nicht nur aggressiv rot, sie waren auch sehr lang und spitz gefeilt, ein wenig wie Klauen. Ulrich meinte, das Kratzen auf der Haut seines Armes spüren zu können. Der Halbmond, der über dem Nagelbett steht war mit dunklerem Rot ausgefüllt als der Rest des Nagels. Der Farbverlauf war schön anzusehen. Es hatte etwas von einem Tequila Sunrise. Grenadine und Orange. Ulrich musste lächeln.

Da drehte sich die Frau wieder zu ihm um, und diesmal war klar, dass sie bemerkt hatte, dass er sie betrachtete. Kurz bevor die Türen aufgingen, lächelte sie ihm kurz zu, und Ulrich wurde mit einem Mal klar, dass sie glaubte, dass er sie schön fand.

hap