Verlaufen

korrespondenz.biz --- (01.03.2004) --- [Print-Version] --- [Kommentare]
 
 

In einem Park auf einer Bank sitzen ein Mann und eine Frau und haben eine Liebesgeschichte hinter sich.

Über ihnen steht ein blauer Himmel, doch sie sehen ihn nicht. Zu ihren Füßen zertretenes Gras, ein Kiesweg, Zigarettenreste. Dinge, die ihnen gerade zum ersten Mal auffallen.

Als sie sich zum ersten Mal begegneten, geschah in den ersten Sekunden der Informationsaustausch, der dem Abgleich der Voraussetzungen für eine mögliche Beziehung dient, wenn potentielle Partner aufeinander treffen. Das Ergebnis war positiv, auch wenn es für die Betreffenden zu diesem Zeitpunkt noch keine unmittelbaren Auswirkungen hatte. Beim nächsten Kontakt war jedoch die Grundeinstellung gegenüber dem anderen freundlich. Auch der Austausch über den soziokulturellen Hintergrund verlief erfolgreich.

Nach ein paar gemeinsam verbrachten Stunden, begannen deshalb die Körper einander zu suchen. Das war der Augenblick, als auch der Mann und die Frau bemerkten, dass zwischen ihnen etwas passierte.

Es folgten zärtliche Worte, aus denen schließlich Gesten wurden. Doch nach einer Phase der Euphorie begannen Umweltfaktoren, die reinen Emotionen zu beeinflussen. So waren der Mann und die Frau nicht in der Lage, sich häufig zu sehen, hatten leichte Differenzen im Humor und Wein-Geschmack, und andere Menschen räumten einem erfolgreichen Verlauf der Beziehung geringe Chancen ein. Was sie auch kundtaten.

Aus diesen und mehr Gründen saßen der Mann und die Frau nun auf der Bank. Sie hatten die Prämissen ihres Zusammenseins verglichen. Sich über ihre Erwartungen, Bedenken und die Möglichkeiten in der Zukunft sowie deren Kombination ausgetauscht. Neben den Blumenrabatten, den Zigarettenstummeln und zerborstenem Glas.

Die Frau stand schließlich auf, sagte: "Ich kann nicht dein Freund sein", und ging. Der Mann blieb noch etwas sitzen. Er hatte den Kopf in den Nacken gelegt. Gerade fiel ihm auf, wie blau der Himmel an diesem Tag doch war. Er versuchte, die Reaktion seines Körpers zu kontrollieren. Die Verwirrung über das Scheitern der Beziehung nach seinen Vorstellungen, das Gefühl des Verlusts eines Menschen als Teil des Alltags und kein geringer Anteil verletzten Stolzes hatten sich zu einem leichten Ziehen unterhalb des Magens vereinigt. Schließlich stemmte er sich auf dem Holz der Sitzfläche nach oben und betrat den gleichen Weg wie die Frau kurz zuvor, allerdings in entgegengesetzter Richtung.

Die Frau hatte den Park mittlerweile verlassen und befand sich auf dem Gehweg neben einer breiten Allee. Die war gesäumt von hohen Bäumen, deren Schatten die Bordsteinplatten in regelmäßigen Abständen dunkler machten. Die Frau hatte trotz der Hitze kalte Hände, die sie kurz aneinander rieb. Ein Auto fuhr vorbei.

Sie war nun ungefähr einen Kilometer von der Bank entfernt. Der Mann war ungefähr noch einmal halb so weit davon in einem Gebäude verschwunden. Sein tatsächlicher Standort hatte für die Frau in diesem Augenblick jedoch keine Bedeutung, denn sie rekapitulierte die letzte Unterhaltung, verglich sie mit vorhergehenden, maß sie an Blicken und Gesten, die sie zuvor beobachtet hatte und versuchte, daraus zu schließen, wie es zu der Situation auf der Bank gekommen war. Ihr Schritt beschleunigte von Zeit zu Zeit etwas, als wolle sie vor gewissen Einsichten fliehen. Andere Gedanken wiederum ließen sie langsamer werden, und sie musste sie lächeln.

An einer Kreuzung zwangen abbiegende Autos sie stehen zu bleiben. Das Nachlassen der Bewegung beunruhigte sie. Sie hatte einmal gelesen, dass der Grad der Langsamkeit direkt proportional sei zur Intensität der Erinnerung; der Grad der Schnelligkeit sei wiederum direkt proportional zur Intensität des Vergessens. Die Frau wollte rennen, doch konnte sie das nicht wegen ihrer hohen Absätze.

Der Tag selbst würde gar nicht so schlimm sein, dachte sie. Stechend, schmerzend sind die folgenden, manche Wochen später, an denen Kleinigkeiten die Oberfläche des Bewusstseins erreichen und sich im Erinnerungstheater ganz nach vorne drängen. Bemerkungen, Berührungen, Blicke, die im Ganzen untergegangen waren, die mit einem Mal eine größere Bedeutung in einer größeren Geschichte haben sollten. Denn dazu wurde die gemeinsam verbrachte Zeit, eine Geschichte, die scheinbar noch fertig geschrieben werden musste. In der jedes Detail zählte in seiner kristallinen Einzigartigkeit. Als könnte es der Erzählung eine entscheidende Wendung geben, für die es doch längst zu spät war. Das könnte möglicherweise daran liegen, dass vor allem Liebesgeschichten monolithisch erinnert werden wollen. Ihnen soll das Zuklappen von Buchdeckeln oder ein Abspann folgen.

Der Tag, an dem sie zusammengefunden hatten, war wie der ihrer Trennung ein heißer Tag gewesen. Sie waren gemeinsam die Straßen ihrer Stadt entlang gelaufen, lachend, allem entrückt. In ihrer Erinnerung waren sie keiner Menschenseele begegnet. Bis zur Busstation. Die Frau stand draußen, während der Mann durch die Reihen bis ganz nach hinten ging. Er blickte durch das Fenster in ihr Gesicht. Die Frau musste lächeln, weil der Mann so ernst aussah. Als der Bus anfuhr, legte er eine Hand an die Scheibe.

Man kann bedeutsame Erinnerungen so häufig wiederholen, dass sie an Bedeutung verlieren. Ein Ort, den man nicht mehr aufsuchen mag, weil er mit einer Person verknüpft ist, die nicht mehr mit einem ist, kann zurück erobert werden, indem man diesen Effekt abnutzt, dachte die Frau. Sie zwang sich, täglich an der Bushaltestelle vorbei zu gehen. Dafür nahm sie sogar einen zehn Minuten längeren Weg zur Arbeit in Kauf. Genauso sollte es mit Musikstücken funktionieren, die an Personen gebundene Stimmungen und Atmosphären wiederherstellen können.

Goethe konnte Lärm nicht ertragen. Es fügte ihm körperliche Schmerzen zu. Also ging er am Tag eines Festumzugs gerade deshalb auf die Straße und lief neben der Kapelle her. Er setzte sich den Trommeln und Bläsern in ihrem ganzen Schallumfang aus. Und wie er selbst beschrieb, machte ihm Lärm danach weniger aus. Wenn es vor über 200 Jahren geklappt hatte, warum nicht auch hier und jetzt, dachte die Frau. Sie musste nur noch jemanden finden, der immer wieder mit zwei Fingern an ihrem Nacken hinabstrich und sagte: "Du hast einen schönen Hals. Du hast einen schönen Hals. Du hast einen schönen Hals". Jemand, der sie immer wieder schweigend ansah mit wildem Blick, der in ihren Augen Anker geworfen hatte, in dem sie geschwommen war, mal ängstlich, das Ufer aus den Augen zu verlieren, mal froh um die Weite der Wasserfläche.

Die Frau starrte auf ihre Schuh. Sie stand noch immer an der Kreuzung. Und sie staunte, denn sie hatte sich verlaufen.

hap