| Offene Zweierbeziehung?
korrespondenz.biz --- (12.04.04) --- [Print-Version] --- [Kommentare] |
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"Deutsch-Südwest" ist wieder ein Begriff in Deutschland. Möglicherweise
begünstigt durch die Diskussionen um eine internationale Strafgerichtsbarkeit, vor
allem aber durch die Belebung der erinnerungspolitischen Debatten und die Globalisierung
der Erinnerungskultur, die neben dem nationalsozialistischen Völkermord an den Juden
zunehmend auch andere Genozide ins Blickfeld treten lässt, wurde Namibia in den
letzten Jahren wieder präsent in der deutschen Öffentlichkeit: vor allem der
Völkermord an den Herero, den die "deutsche Schutztruppe" zu Beginn des 20.
Jahrhunderts im damaligen "Schutzgebiet" des "Deutschen Reiches" beging. Die Ausstellung folgt einer groben chronologischen Ordnung. In einem ersten Teil wird die "Erschließung" Namibias durch deutsche Missionare, Unternehmer und Verwaltungsexperten sowie der Krieg der deutschen Kolonialtruppen gegen einheimische Aufständische gezeigt, der schließlich im Völkermord an den Herero und Nama gipfelte. Nach einem deutlichen zeitlichen Bruch widmet sich die zweite Ausstellungseinheit den Hinterlassenschaften der Kolonialzeit. Am Beispiel der namibischen Hauptstadt Windhoek und der aktuellen "Lebenswelten auf dem Land" stellt sie dar, wie die während des Kolonialismus installierte "Zwei-Klassen-Gesellschaft" aus deutschstämmigen Siedlern und einheimischer Bevölkerung, nach dem Ende der deutschen Kolonialherrschaft im südafrikanischen Apartheidsregime konserviert (Namibia stand als so genannte "fünfte Provinz" seit den 20er Jahren unter südafrikanischer Mandatsverwaltung), auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse prägt. In einer dritten Einheit wird die Aktualität der deutsch-namibischen Beziehungsgeschichte nochmals vor Augen geführt: anhand von fünf Biographien aus deutsch-afrikanischen Familien, der Gedenkrituale und Erinnerungskultur im heutigen Namibia. Ein Ausblick in die "gemeinsame Zukunft" beschließt die Schau. Quer zur chronologischen Ordnung läuft eine zusätzliche Achse durch die Ausstellung, die vor allem in den ersten Ausstelungseinheiten ausgeprägt ist. Auf der linken Seite des Besucherparcours wird die Perspektive der Kolonialisten und weißen Namibier deutscher Abstammung entwickelt - das "weiße Band" -, auf der rechten Seite – dem "schwarzen Band" - wird der Blick auf die Kolonisierten und deren Nachkommen geworfen. Manche Besucher mögen diese Gegenüberstellung zu einfach finden, sie erweist sich beim Gang durch die Ausstellung aber nicht nur als hilfreicher Maßstab, sondern trifft auch die Grundkonstellation im Verhältnis "Deutschland – Namibia". Schwierig erscheint mir allenfalls, dass das "schwarze Band" bei manchen Besuchern den Eindruck erwecken könnte, hier lasse sich ohne Verluste die "Perspektive der schwarzafrikanischen Bevölkerung" (Kurzführer zur Ausstellung, S. 4) einnehmen. Das Ziel ist jedoch Reflektion, nicht Identifikation. Die Ausstellung arbeitet sehr ökonomisch, ohne jedoch Lücken zu lassen: anhand von wenigen Ausstellungsstücken und Tafeln folgt man der Geschichte von den ersten Kontakten deutscher Missionare zu Beginn des 19. Jahrhunderts über die zunehmende ökonomische Erschließung und Ausbeutung bis zur Aneignung des Landes als deutsches "Schutzgebiet" seit 1884. Dabei werden auch die Eroberungstechniken der Kolonisatoren deutlich: vom offenen Zwang über die Nutzung von vorher produzierten Konkurrenzbeziehungen unter den lokalen Führern, von Täuschungsmanövern bei Vertragsabschlüssen bis zum Einsatz des Alkohols als herrschaftspraktischem "Schmiermittel". Besonders verdienstvoll ist auch, dass die Ausstellung den sogenannten "Hinterraum" kolonialer Herrschaft und damit ein Thema in den Blick nimmt, das zuletzt auch in der historischen Forschung zunehmende Aufmerksamkeit gewonnen hat: die kolonialen Initiativen im Deutschen Kaiserreich und die Weltmachtsphantasien in der deutschen Alltagskultur. [2] Der Besucher kann sich Sammelalben und Bildquartette über deutsche Posten und das Personal der "Schutztruppe" ansehen, erfährt von der Tätigkeit der Kolonialvereine und den um die Jahrhundertwende so beliebten Kolonialausstellungen und "Völkerschauen". Die koloniale Herrschaft, das zeigt sich an den alltäglichen Obsessionen, war auch im Deutschen Reich selbst keine Marginalie. Verlässt man die "deutsche Seite", so erfährt man mehr über das Land vor der Kolonisierung: kulturelle Vorstellungen und rituelle Praktiken, Lebensgewohnheiten und die innere Organisation der verschiedenen Bevölkerungsgruppen oder die afrikanischen Eigentums- und Landkonzepte, über die die deutsche "Neuordnung" einfach hinweg ging. Sein Recht bekommt der Widerstand, der sich unter den "Völkern" der Herero und Nama entwickelte, die "Aufstandsbewegungen" gegen die deutsche Herrschaft bekommen ein Gesicht in Gestalt der wichtigsten einheimischen Führer (Samuel Maharero, Hendrik Witbooi). Doch bleibt auch hier das "weiße Band" prägend, wo man mit der Radikalisierung der deutschen Kriegsführung konfrontiert ist. Nach Überfällen der Herero auf deutsche Farmen, Militärstationen und Verkehrsverbindungen antwortete die deutsche Militärführung mit den Mitteln des "Rassen"- und Vernichtungskriegs. Der Führer der deutschen Schutztruppe, Generalleutnant Lothar von Trotha, der sich bereits in China und "Deutsch-Ostafrika" als Spezialist für "Aufstandsbekämpfung" profiliert hatte, proklamierte die "Vernichtung" des "Gegners". Als nach den entscheidenden Gefechten am Waterberg die überlebenden Herero in die Omaheke-Wüste flohen, wurde ihnen jeglicher Rückweg versperrt, so dass ein Großteil von ihnen verdurstete. Den Ereignissen in der Omaheke-Wüste folgte ein mehrjähriger Krieg gegen die Nama, die bis 1908 mit einer Art Guerillataktik Widerstand leisteten. Am Schluss der deutschen Kolonialherrschaft in "Deutschsüdwest-Afrika" standen tausende von Opfern. Die Ausstellung weist zwar auch auf die kritischen Stimmen innerhalb der deutschen Gesellschaft hin, diese treten aber neben den Belegen für die Eskalation der Kolonialherrschaft zurück. Wer die Dokumente und Fotografien zur Kriegsführung der deutschen Truppen, zur rassenanthropologischen Erfassung der Bevölkerung, zur Einrichtung von Konzentrationslagern für die Kriegsgefangenen und zum System der Zwangsarbeit betrachtet, sieht sich schnell mit einer These konfrontiert, die nicht nur in der Literatur zu "Deutsch Südwestafrika", etwa bei Thomas Pynchon ("V.", New York 1968, S. 227: "... von Trotha ... is reckoned to have done away with about 60.000 people. This is only 1 per cent of six million, but still pretty good.") oder in der eindrucksvollen historischen Montage "Morenga" von Uwe Timm (ersch. 1978, jetzt München 2002, S. 373: "Sehen Sie, sagte Elschner, der Generalstab sollte den aufständischen Hottentotten doch auf Knien danken. Hier könnte in einem kleinen, überschaubaren Maßstab erprobt werden, was später in einem weit gefährlicheren und größeren anzuwenden wäre. Er denke an einen Guerillakrieg in einer bevölkerungsreichen Kolonie ... oder aber, noch brisanter, an einen Kleinkrieg im europäischen Großkrieg, also in Frankreich oder Russland ...") angedeutet, sondern auch von Hannah Arendt frühzeitig formuliert wurde und mittlerweile wieder lebhafte Diskussionen in der Kolonialismusforschung hervorruft: die These, wonach der Kolonialismus als "Laboratorium" zu sehen sei, in dem der Totalitarismus des 20. Jahrhunderts vorbereitet wurde. Zwar sind hierbei einfache Analogien oder Parallelisierungen unangebracht, und einige Historiker warnen vehement vor Kontinuitätsannahmen. Kaum zu bestreiten ist jedoch, dass Konzepte und Praxis des Rassismus und der Kriegführung in den Kolonien einen Erfahrungshintergrund (oder eine "kulturelle Ressource") schufen, auf den bei der Umsetzung der Rassengesetzgebung, der Annexions-, Raub- und Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus zurückgegriffen werden konnte. Folgt man Jürgen Zimmerer, einem führenden Vertreter der vergleichenden Genozidforschung, so war der europäische Kolonialismus ein "wichtigen Ideengeber" "im Sinne einer Archäologie der Bevölkerungsökonomie und des Genozids". [3] Diesen Deutungshorizont greift auch die Ausstellung auf. Ohne sich eindeutig zu positionieren stellt sie die Informationen und Perspektivierungen bereit, mit denen auch der Besucher in die längst noch nicht abgeschlossene Debatte einsteigen kann. Doch dies ist nur eine Kontinuitätsdiskussion, die die Ausstellung aufwirft. Auch nach Ende der deutschen Kolonialherrschaft, die durch den Ersten Weltkrieg und den Versailler Friedensvertrag beendet wurde, blieben die Grenzziehungen und Herrschaftsverhältnisse der kolonialen Periode deutlich spürbar. Unter südafrikanischer Verwaltung und dem System der Apartheid wurde die Zweiklassengesellschaft zwischen Weißen und Schwarzen durch Segregation, getrennte Bildungs- und Ausbildungssysteme und ökonomische Ungleichheit fortgeschrieben. Obgleich nach der Selbständigkeit Namibias Anfang der 90er Jahre die Beschränkungen im Bildungssystem aufgebrochen und vorsichtige Landreformen durchgeführt wurden, obgleich sich die Grenzziehungen zwischen den Bevölkerungsgruppen zu verwischen beginnen und sich eine neue schwarze Mittelschicht zwischen die weiße Ober- und die schwarze Unterklasse schiebt, bleiben fundamentale kulturelle und wirtschaftliche Unterschiede bestehen. Die Ausstellung führt dies an zwei Komplexen vor Augen: sie stellt eine deutsche Farmerfamilie vor, Besitzer großer Ländereien und Arbeitgeber für mehr als 100 schwarze Landarbeiter, die Kinder Nachwuchs für eine international orientierte Bildungselite, und stellt ihr eine schwarze Familie gegenüber , die auf gepachtetem staatlichen Land mit einer bescheidenen Viehzucht einen – aus einheimischer Sicht – erträglichen Lebenswandel führt. Ebenso eindrücklich werden dem Betrachter auch die kulturellen Kontraste vor Augen geführt, insbesondere beim Blick auf die über Jahrzehnte konservierte deutsche Alltagskultur, die vor dem Hintergrund der Geschichte den Eindruck einer absurden Folklore erweckt: vom Karneval bis zum Oktoberfest, den deutschen Orts- und Straßennamen bis zu den deutschen Speisekarten und Zeitungen. (Man fragt sich da unweigerlich, ob die Beliebtheit, die Namibia neuerdings als Urlaubsland der Deutschen genießt, nur auf seine landschaftlichen Reize und seine interessante Geschichte zurück zu führen ist, oder auch auf seiner Attraktivität als Heimatmuseum beruht.) Beim Blick auf die Hinterlassenschaften der kolonialen Periode erweist sich die Ergiebigkeit eines ethnologischen Blicks, der die "Geschichte" nicht nur in Dokumenten, sondern auch in den Gegenständen fixiert: sei es in der deutschen Zeitung und ihrem speziellen Blick auf das Land (Thema des ausgestellten Exemplars sind Fragen der "Inneren Sicherheit"), sei es in einer Patrone unbekannter Herkunft, die zum "Zeugen" der Vergangenheit erklärt wird, sei es in einer leeren Konservendose, die eine Zeit vergegenwärtigt, als die Dose noch das "typische" Trinkgefäß der Schwarzen war. Am Schluss der zweiten Ausstellungseinheit findet man zwei Spielzeugautos aus Draht. Auf der "weißen Seite" ein wohlgeformter, sauber konstruierter VW Käfer, auf der linken Seite ein Modell, dem deutlich anzusehen ist, dass es einer Kultur des Mangels entstammt: zusammengebaut aus Drahtresten, mit improvisierten Verklammerungen und unübersichtlichen Verstrebungen verfehlt es die Formen des Vorbildes an jeder Ecke und Kante und sieht doch wesentlich interessanter aus. Es wirft den kolonialen Blick zurück, und sei es in seiner wohlwollenden Form. In den Dingen macht die Ausstellung nicht nur die Geltung zweier Erfahrungswelten deutlich, sondern veranschaulicht auch, wie die Grenze zwischen "Schwarz" und "Weiß" verwischt wird in kulturellen Zitaten und Hybridbildungen. In der Tracht der Heterofrauen werden Bezüge zur "Uniform" deutscher Missionarinnen deutlich; die Beschilderung des kommunalen Farmlandes imitiert und kommentiert die Schilder der deutschen Farmen; und in den Haushalten kombiniert man Geräte aus "afrikanischen und europäischem Kontext". Derartige Grenzüberschreitungen und Vermischungen werden am Schluss zum zentralen Anliegen, wenn es um die gemeinsame Zukunft von Deutschland und Namibia geht. Die auch vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung unterstützte Ausstellung setzt hier erkennbar auf Ausgleich und Versöhnung. O-Töne von namibischen Farmern und Lehrern, von Politikern und Wissenschaftlern beschwören die Chancen einer "partnerschaftlichen" Beziehung. Doch mischen sich in den Chor der hoffnungsvollen Stimmen auch Dissonanzen - zu sehr unterscheiden sich die ökonomischen Perspektiven, politischen Erwartungen und historischen Horizonte. Während man von deutscher Seite auf eine Befriedung der Vergangenheit setzt, führt die Erinnerung an den Völkermord auf namibischer Seite naturgemäß zu wesentlich heftigeren Reaktionen und Abgrenzungsbemühungen. Auch der Schluss, was die sorgfältig abwägende Ausstellung zeige, müsse eigentlich common sense sein, ist offenbar voreilig. Ein Ehepaar, das mit mir durch die Räume geht, scheint seine Schwierigkeiten mit der Interpretation der Exponate zu haben. Als die Frau erstaunt eine Tafel kommentiert, auf der die ungefragte Landnahme der Kolonialmacht benannt wird, widerspricht der Mann. Was hätte man denn anderes tun sollen. Auf afrikanischer Seite, so führt er aus, habe es angesichts der unübersichtlichen Clanstrukturen schließlich keine greifbaren Ansprechpartner gegeben. Wenig später treffe ich die beiden vor einem Text über den Kolonialkrieg, wo der Mann über die "Aufstandsbekämpfung" referiert. Das Vorgehen der Widerständler, so tut er mit ausgreifenden Handbewegungen dar, erinnere ihn an die Strategie der ETA. tlr[1] Katalog: Larissa Förster u.a. (Hg.), Namibia-Deutschland. Eine geteilte Geschichte. Widerstand-Gewalt-Erinnerung, Wolfratshausen 2004. Die Ausstellung wird später im Deutschen Historischen Museum Berlin zu sehen sein. [2] Vgl. hierzu etwa Birthe Kundrus, Moderne Imperialisten. Das Kaiserreich im Spiegel seiner Kolonien, Wien 2003; dies (Hg.), Phantasiereiche. Zur Kulturgeschichte des deutschen Kolonialismus, Frankfurt/Main 2003; Ulrich von der Heyden/Joachim Zeller (Hg.), Kolonialmetropole Berlin. Eine Spurensuche, Berlin 2002. [3] Vgl. etwa Jürgen Zimmerer, Deutsche Herrschaft über Afrikaner. Staatlicher Machtanspruch und Wirklichkeit im kolonialen Namibia, Hamburg 2001; ders./Joachim Zeller (Hg.), Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904-1908) in Namibia und seine Folgen, Berlin 2003. Zitat und weitere Nachweise bei ders., Holocaust und Kolonialismus. Beitrag zu einer Archäologie des genozidalen Gedankens, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 51 (2003), S. 1098- 1119, hier S. 1119. Zur Erinnerung "vor Ort" Gesine Krüger, Kriegsbewältigung und Geschichtsbewußtsein. Realität, Deutung und Verarbeitung des deutschen Kolonialkriegs in Namibia 1904 bis 1907, Göttingen 1999.
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