| Der kleine Business-Analyst
korrespondenz.biz --- (26.04.04) --- [Print-Version] --- [Kommentare] |
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Angesichts der Dominanz von neoliberalen Neuordnungsplänen, wirtschaftsweiser Stimmungsmache und Unternehmenslebensberatungslehren ist während der letzten Jahre eine Gegenbewegung in Prosa und Theaterstücken entstanden, die - von "Top Dogs" bis zu "McKinsey kommt" - dieser Tendenz mit Sozialkritik, politischem Krawall, Analyse oder existentialistischer Geste entgegen tritt. Das ist längst fällig, denn die neuen ökonomischen Lehren haben sich zu einer weltumspannenden Glaubenslehre ausgewachsen - für die globale Politik wie für unsere alltäglichen Verrichtungen, Selbstwahrnehmungen und Lebensplanungen. Allerdings: hat die Kritik an Wirtschaftsexperten, Managern oder Brokern auch etwas Modisches; und man kann nicht umhin - misstrauisch wie man ist - die Kritik an der Ökonomie als bloße Welle zu betrachten, die sich aufgebaut hat in den Zeiten der Rezession, sich aber bald ebenso schnell wieder verlieren wird.
Kathrin Rögglas neues Buch Wir schlafen nicht steht natürlich auch unter diesem Verdacht. Denn es geht darin um das Elend der Unternehmensberatungsbranche und alles, was sonst noch wichtig ist: "um Organisation, um Content, um Kommunikation, vor allem aber um die eigene Identität", "das Leben mit der Droge Arbeit", um " Hierarchien, Erfolg und Privatleben", "Identifikation, Konkurrenz und Pleiten", "unsere Arbeitswelt", "unsere Gesellschaft und die Menschen, die unsere Gegenwart gestalten" (Verlagstext). Und es bietet multimediale Verwertungsmöglichkeiten: der Text ist Basis eines gleichnamigen Theaterstücks, das zeitgleich mit der Publikation des Buches auf deutschen Bühnen erscheint. Ein Hörbuch liegt nahe. Röggla, 1971 geboren, und bereits durch zahlreiche Veröffentlichungen bekannt geworden (Niemand lacht rückwärts 1995, Abrauschen 1997, Irres Wetter 2000, "Really ground zero 2002) hat sich schon vor ihrem neuesten Buch mit den jeweils neuesten Themen befasst: ob Jugendkulturen, Berlin oder 9-11.
Andererseits: scheinen Kathrin Rögglas Bücher auch immer etwas "zu spät", dem Trend hinterhergeschoben. Wir schlafen nicht, von ihr bereits Mitte der 90er Jahre konzipiert, kommt fast 10 Jahre nach den ersten literarischen Beiträgen zum Thema und Irres Wetter, ein Buch, das Texte über Orte, soziale Konstellationen und Sprechsituationen im boomenden Berlin versammelt, erschien, als Berlin schon gar nicht mehr boomte. Das liegt nicht, wie weniger Wohlmeinende vermuten könnten, daran, dass sie sich zu lange Zeit genommen hat, sondern verweist auf den Standpunkt der Autorin. Die Themen werden nicht auf ihrer Höhe, sondern bereits im Stadium des Verfalls aufgegriffen, wenn sie ihren Schick verlieren und selbst thematisierbar werden. Irres Wetter zum Beispiel reflektiert die in den 90er Jahren ventilierten Befindlichkeiten, den Jargon politischer Szenen und popkultureller Fraktionen, die Selbststilisierungen und Labelings der Leute, Identifikationsbegehren und Abgrenzungsbemühungen, das Metropolen-Gerede und die frisch renovierten Karrierelebenspläne - jedoch ohne affirmative Geste. Denn was von alldem übrig blieb, wird von Röggla noch zerlegt und auseinandergerissen, neu kombiniert und ineinander verkeilt, durchsetzt mit Verballhornungen, Umdichtungen, Übertreibungen, literarischen und - meist krummen - philosophischen Anspielungen, geordnet nach Spielszenen (die Party, die Diskussion, Wohnungssuche, eine Landpartie), die nicht aufgehen - eine fast schon enzyklopädische, zum Teil kunstvoll arrangierte Sammlung jüngst produzierten Sprachschrotts. Gegen die Identifikation mit einer seeligen und selbstverliebten Pop-, Generationen-, Zeitgeist- wie auch immer "Szene"-Literatur spricht nicht nur der ironische Ton ("jedenfalls ist immer ein dj im bild" - "irgendwo in den tiefen des raums ist in diesen tagen ja immer ein dj zu finden" - "dabei ist doch dj jetzt rufnummer eins, beruf nummer eins, da gibt es praktisch nichts anderes mehr"), sondern auch die Anlage: es gibt keine funktionierenden Dialoge, haltbaren Figuren und gelingenden Geschichten, sondern nur eine über alle hinweg gehende Sprache, in der alles geschieht und nichts sich fügt. Das Thema ist damit auch - wie öfters bei Röggla - die Schwierigkeit (der Erzeugung) von "Wahrheit" und "Wirklichkeit" (Röggla spricht freilich von "Realität" und "Authentizität").
Statt ner irren Stimmung vermittelt Irres Wetter eine enorme Trostlosigkeit - anders als etwa die Texte Wilhelm Genazinos, deren Held auch der Welt beim Missglücken zusieht, sich aber im Zusehen aus dem Mißglücken herauszieht. Wilhelm Genazino hat sich als Juror für den Italo-Calvino-Preis im Jahr 2001 allerdings Kathrin Röggla ausgeguckt und in seiner Laudatio nicht nur die genaue Wahrnehmung der Preisträgerin, sondern auch deren literarische "Unterwanderungen" gelobt. Gleichwohl schreibt Röggla keine - um einen im Zusammenhang mit Genazino oft gebrauchten Begriff zu verwenden - "Wahrnehmungsprosa" (wenn sie auch in Rezensionen "Wahrnemungsartistin" und "-partisanin" heißt). Ihre Literatur - die sich Vorbilder bei Jelinek, Fichte, der Wiener Schule oder Kluge sucht - zeichnet sich vor allem durch experimentelle Verfahren und die Art aus, wie sie das eingesammelte Material in hochverdichtete, vielstimmige, rhythmisierte und dynamische Texte überführt. Trotz der vielen wohlmeinenden Kritiken zu ihrer "Sprachartistik", "Tempo" und eigenen "Sound" und des theoretischen wie poetologischen Unterbaus werden aber auch die Gefahren dieser Prosa deutlich: dass sie sich richtungslos verliert oder in einem "Samplen der Oberflächen" erschöpft.
Damit kommen wir wieder zu Wir schlafen nicht. Das Buch ist, wie die Autorin verraten hat, auf der Grundlage von Interviews entstanden, die sie mit Leuten aus der Unternehmensberatungsbranche geführt hat. Deren Aussagen von ihr bearbeitet, umgeschrieben, neu komponiert und auf verschiedenen thematischen Feldern (Schlaf, Stress, Konkurrenz, Krise) arrangiert wurden. Als Figuren treten auf: die Key-Account-Managerin, der Senior Associate oder der Online-Redakteur. Aber auch hier gibt es keine Subjekte, sondern nur einen vielstimmigen Chor über Aufstieg und Niedergang in der geschäftlichen Welt.
Anders als Irres Wetter wirkt Wir schlafen nicht glatt, mitunter gefällig; an die Stelle der zerrissenen Sätze und schiefen Szenerien treten kleinere Erzählstücke, Selbst- und Situationsbeschreibungen, so dass das Buch auch als Stück einer Literatur der Arbeitswelt gelesen werden könnte. Man erfährt über die Regelsysteme der new economy, deren soziale Begleiterscheinungen (dauernde Mobilität, Konkurrenz als soziales Grundmuster, Totalisierung der Berufsrolle etc.) und psychische Folgen (soziale Anästhesierung, Kult der Flexibilität, Lust an der Verausgabung und Brett Easton Ellis-Studien). Das Buch fixiert den Habitus des neuen ökonomischen Menschen, einen Habitus, der sich auch in der Krise bewährt, weil man diese mit heroischer Kraftanstrengung zu managen versucht, mit ökonomischen Rezeptwissen plausibilisiert, und die eigenen Aussichten mit sozialdarwinistischen Phantasien oder radikalisiertem Selbstzwang zu verbessern versucht - wie in der Figur der Praktikantin, die sehnsüchtig darauf wartet, dass die Selbstausbeutung sich in einem Job mit eigenen Praktikanten kapitalisiert.
Aber natürlich geht der Text nicht im Dokumentarischen auf. Das Buch ist eines über Sprachregelungen: während man die Entkernung des Sozialstaats und den Stellenabbau als notwendige "Verschlankung" und "Entschlackung" präsentiert, jammert man larmoyant über die Gesellschaft, die ihren Fitnessmanagern nicht die geforderte Begeisterung entgegen bringt. Und es ist eines über die Sprache als Distinktions- und Vergemeinschaftungsmittel: von Rangbezeichnungen wie dem Senior Associate bis zu Geheimformeln wie der "Düsseldorfisierung".
Kathrin Röggla geht es, wie sie während der Lesung am 29.03.2004 im Literaturhaus Köln mitteilte, um "Ideologiekritik als Sprachkritik". Anders als in Irres Wetter werden die ideologischen Versatzstücke, die Wendungen und Rhetoriken nicht nur angerissen und direkt weiterverarbeitet, sondern ausführlicher rekonstruiert, gestreckt und variiert. Röggla zeigt die geschlechtsspezifischen Ausformungen des neuen ökonomischen Menschen, lässt die verschiedenen Figuren mit- und aneinander vorbei kommunizieren, gibt deren leerem Reden und manischen Wiederholungen Raum. Zum Teil ragen Bilder aus dem Erzählstrom wie jenes von der Geschäftsfrau, die nach getaner Arbeit in ihrem Hotelzimmer den Kollegen vom Geschäftsreisenden-Gewerbe in den benachbarten Einzimmerappartmentboxen dabei zuzuhören muss, wie sie zur obligatorischen "Pornoübereinstimmung" vor dem Hotelfernsehen finden. Das ist, konsequent in indirekter Rede wiedergegeben, auch ein humoristischer Text, der bewährte Verfahren komischen Sprechens aufnimmt (ohne dass man immer gleich "Bernhard" sagen muss).
Bloß: wessen, was für ein Humor ist das? Die Rezeption respektive Vermarktung von Wir schlafen nicht läuft lebhaft; das am Düsseldorfer Schauspielhaus gezeigte Stück war für den Premierenabend - wie das Theater verlauten ließ - vorzeitig ausverkauft, das Buch hat Aufmerksamkeit auch deswegen bekommen, weil es so "gegenwärtig" und am "Nerv der Zeit" entlang geschrieben sei. Als Kathrin Röggla im Literaturhaus Köln aus ihrem Buch las, waren es vor allem diese Up-to-date-Werte und gewisse Oberflächensamples, die Gefallen fanden. Der Senior Associate IT Equipment Manager war ein ebenso sicherer Lacher wie die "Düsseldorfisierung" (die übrigens auch in der Literatursendung "Schümer & Dorn. Der BücherTalk" beim Interview mit der Autorin das Hauptinteresse fanden). Man wunderte sich, wie das Publikum, das sich in den Gesprächen vor der Lesung noch im gemeinschaftlichen Kulturschaffenden-Jargon Gefallen hat, über den Jargon der Unternehmensbranche mokiert. Ein populistischer Sieg der Kultur über die Ökonomie, der kurze Triumph einer Szene über die nächste. Röggla hat das selbst in Irres Wetter thematisiert.
Während das Publikum Rögglas Geschäftsbericht zu goutieren scheint, hat die Literaturkritik gerade deswegen Verrisse produziert. Svenja Klaucke ließ in einer Rezension zur Düsseldorfer Uraufführung in der SZ kaum etwas aus: von den "Sprechblasen" über "heiße Luft" bis zum "Text-Sushi" und der "Doku-Soap" (14.04.2004). Mangelnde Originalität wie Klaucke stellte auch Holger Noltze in der FAZ fest, der Wir schlafen nicht trotz sprachlicher Verdienste als "Jargonprotokoll", als "Originaltonhörspiel" klassifizierte und sich fragte, ob wir das nicht alles vorher schon gewusst haben (24.03.2004)? Haben wir, und obwohl solche Kritik ein Problem des Buches trifft, fragt sich doch, auf welches Buch diese Kritik zielt. Denn die Forderung nach Originalität und Individualität, Tiefgang und Konflikt kollidiert nicht nur mit dem "subjektlosen", sprachkritischen Ansatz des Buches, sondern auch mit seinem Erkenntnisobjekt. Brauchen wir eine Literatur, die den Unternehmensberater als tragische Figur vorstellt?
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