Der Plan

korrespondenz.biz --- (03.05.04) --- [Print-Version] --- [Kommentare]
 
 

Für H. und M.

Man müsste mal, sagte M. einmal, als ich mal wieder meine Pläne geändert, als ich mal wieder nicht das getan, was ich mir vorgenommen hatte, sondern noch "auf einen Kaffee" oder ein "letztes Bier geblieben" war oder ausnahmsweise mit zu einer Ausstellung gekommen oder wider alle Vernunft meine Arbeit früher als erwartet zu Gunsten eines Ausflugs an den Rhein beendet und gesagt hatte, "eigentlich müsste ich ja noch weiter was tun", man müsste mal, sagte M., ein Tagebuch führen, in dem man das alles aufschriebe. In dem man seine Pläne skizziere, Tag für Tag, und in einer Kommentarspalte festhalte, inwiefern und wieweit und wofür man diese Pläne verpasst und verfehlt habe. Oder vielmehr, sagte M., als ich mal wieder mitteilte, eigentlich hätte ich ja Lust mitzukommen, ich könne aber nicht, weil noch drei Seiten Schreiberei auf mich warteten, solle ich so ein Tagebuch führen.

30.04.
Plan: drei Seiten Aufsatz "Trigonometrische Ökonometrie"
Realisation: 1,5 Seiten, eineinhalbspaltig
Alternative: Wenigstens mit dem Verleger telefoniert. Oder: Drei Weizen unter der Sonne.
Usw usf. für jeden Tag.

Wenn ich diese Notate regelmäßig vornehmen und über 10 Jahre durchhalten würde, so M. vorausschauend, hätte ich nicht nur ein schönes Gedenkbuch zum eigenen Leben verfasst, sondern ein Buch über alle anderen Leben, denn dies Buch sei ein Buch über die moderne Existenz schlechthin, die ja eine Arbeitsexistenz, oder vielmehr eine auf Arbeit ausgerichtete Existenz sei, ohne natürlich eine sich in Arbeit erfüllende Existenz zu sein, und wenn sie sich erfülle, dann im Scheitern. Im übrigen wäre dieses Projekt, wenn ich es Ernst nähme und durchhielte, so bedeutend, dass ich es in Kunst verwandeln könne, und, so eine Galerie sich fände, die sich dem Projekt annähme, schließlich mit diesem Kunstwerk zu leben beginnen und nach einiger Zeit vollends in diesem Kunstwerk verschwinden könne.

27.07.
Plan: Entwicklung von Planentwürfen für die Woche 27.07.-30.07.
Realisation: Planskizze 27.07.
Alternative: Korrektur und Überarbeitung der Planbeschreibungen 23.-25.07.
Sorgen über den Fortgang der weiteren Planungen. Cappuccino und Absinth.

Als ich H., die ich beim Italiener traf und nach einem kurzem Imbiss, der sich allerdings so weit über die vereinbarte Zeit von dreißig Minuten hinauszog, dass an ein Einhalten des Tagesarbeitspensums schon gar nicht mehr zu denken war und ich also gleich ganz sitzen bleiben konnte, als ich H. also traf und wegen der neuerlichen Verfehlung meines Zeitplanes genug Zeit hatte, um von M.'s Vorschlägen zu erzählen und meinen weitgehend gescheiterten Versuchen, dessen Vorschläge umzusetzen, sagte sie, ihr leuchte das Vorhaben dennoch ein. Ich solle bloß, um einem Scheitern vorzubeugen, es konsequenter angehen, es wäre doch besser, ja radikaler, so H., wenn ich statt ein Tagebuch zu führen, meine Pläne in einer großangelegten Tabelle präsentieren würde. In der linken Spalte könne ich dann meinen jeweiligen Tagesplan eintragen, in der zweiten Spalte notieren, was ich davon realisiert habe; eine dritte Spalte könne die Gründe aufnehmen, warum ich den Plan verpasst und eine vierte, was ich stattdessen getan habe. Schließlich könne in die rechte Randspalte mein neuer, angepasster Plan eingetragen werden, quasi: die Planung für den nächsten Tag. Diese rechte Randspalte sei also die erste Spalte für den folgenden Tag, dessen fünfte Spalte wiederum die Basis für den darauf folgenden Tag sei usf. Darüber hinaus könnte man verschiedene Planungen ausweisen, Planungssegmente sozusagen, und man müsse beachten, so H., dass auch aus den sogenannten "Alternativen", also einem Kaffee am Nachmittag oder einem Galeriebesuch mit anschließendem Pikkolobesäufnis, neue Verpflichtungen erwachsen könnten, eine weitere Einladung etwa oder ein neuer Auftrag, der wiederum ergänzende Planungen notwendig mache. So würde sich die Tabelle auf mehreren Ebenen entwickeln lassen, ja, wenn man die Planungsverläufe auch grafisch aufbereite, zu einem regelrechten Gemälde auswachsen, das nicht nur ästhetisch Position beziehe, sondern auch wissenschaftlichen Zwecken dienlich sei, als Material für die Entwicklung einer ausreichend komplexen und differenzierten Entscheidungstheorie dienen könne, aber auch existentielle Aussagen treffe. Ein solches Gemälde zeige nämlich, erläuterte H., die vielen Richtungen unserer Lebensweise, die keineswegs mit einer Richtungslosigkeit zu verwechseln sei, es sei weniger ein Zeugnis der Planlosigkeit, sondern ergebe eine Art Gesamt-Plan aller Planungen, ein solches Gemälde, so H. weiter, wäre mithin auch ein Gemälde unserer alltäglichen Schlachten, ein Bild der verpassten Möglichkeiten, jedoch auch, so H. nach einem erneuten Wink zum Kellner, der genutzten Gelegenheiten. H.'s Plädoyer für eine Ausweitung und Verbesserung des Plans überzeugte sowohl mich als auch M., der wider Erwarten "früher Schluss gemacht" hatte, zu uns gestoßen war und auch gegen meinen Vorschlag, gemeinsam noch ein paar Getränke zu nehmen, nichts einzuwenden hatte.

tlr