Die Freundin

korrespondenz.biz --- (20.05.04) --- [Print-Version] --- [Kommentare]
 
 

Ich kannte sie so gut, dass mir davon übel wurde. Die Grobporigkeit ihrer Gesichtshaut, die Form ihrer Fingernägel. Die Art wie sie die kleinen Augen aufriss, was ihrem Blick wohl etwas Hilfloses geben sollte. Ich hatte sie jahrelang nicht gesehen.

Meine beste Freundin aus Kindertagen. Zumindest zeitweise, wenn wir über Barbiepuppen gebeugt ins Spiel vertieft am Boden saßen. Wenn sie über ihre selbstsüchtige Mutter klagte oder ihren abwesenden Vater. Am nächsten Tag in der Schule konnte es schon wieder ganz anders sein. Da gab es Freundschaftshierarchien. Da war die eben noch tiefe Vertrautheit vergessen, weil eine andere diese plötzlich genoss und man selbst Grund zur Klage oder wie es damals hieß Lästerei war. Machtspiele waren das. Vorbereitung auf später vielleicht. Aber in diesen Augenblicken nur verletzend. So wie man selbst.

Sie stand neben mir und hielt ein Glas Rotwein in der Hand. Sie trug schwarz, schließlich waren wir auf einer Vernissage. Sie hatte auch die hellen kurzen Wimpern schwarz getuscht, die ich noch aus einer Zeit kannte, als Schminken etwas war, das noch kommt. Auch ihr Haar war gefärbt, rötlich und der Mode entsprechend fransig geschnitten. Sie war jetzt eine Frau, auch wenn ich im gleichen Augenblick das Gefühl hatte, wieder das puppenspielende Kind zu sein. Obwohl diese Frau doch eigentlich mein Spiegel sein müsste.

Auch wenn ich größer als sie bin, hatte ich das Gefühl, hoch gucken zu müssen. Vielleicht waren wir zu den Barbies geworden, mit denen wir gespielt hatten. Barbie als Ärztin, Barbie als Geschäftsfrau, Barbie als Journalistin. Seltsamerweise konnte ich mich an die Situationen, die wir damals durchgespielt haben, nicht erinnern. Aber eine Ausstellung war sicher auch einmal dabei gewesen.

Sie lachte, machte Witze mit Männern, die sich zu uns gestellt hatten, warf kokett den Kopf zurück und schien sich sehr wohl zu fühlen. Ich fragte mich, ob sie sich damals wohl gefühlt hatte. Ich hatte immer gedacht, dass sie eigentlich unglücklich war. Weil sie keinen Vater hatte, und weil sie dick war. Heute war sie kräftig, aber das nennt man wahrscheinlich eher gesund. Sie wirkte so fest mit beiden Beinen im Leben stehend, dass ich sekündlich jünger und unsicherer wurde. Hatte sie in der Zwischenzeit die wichtigen Fragen beantwortet? Sie erzählte von einer Mitschülerin, die mir früher immer wieder das Vertrauen gestohlen hatte, die heute verheiratet und Mutter war. Die sei aber ganz unzufrieden und genervt von ihrem Mann. Wo sind wir, fragte ich mich. Sind wir, die wir damals waren, heute verschwunden? Bin ich unterentwickelt, weil ich mich genauso fühle wie damals? Ist sie, diese imposante Frau, weiter? Tut sie nur so?

Dann tauchte auch noch ihre Mutter auf, eine mittlerweile alte Frau, die viel lachte und meinen Namen komisch aussprach. Sie erzählte komische Geschichten darüber, was wir mal gemacht hatten, und meine ehemalige beste Freundin antwortete genervt, dass das nicht stimme. Mit einem Mal dachte ich, dass ich hier nichts zu suchen habe, da mein Wissen um Früher das Bild zerstört, das sich die Personen von sich selbst erarbeitet hatten. Genauso wie ich mich wieder nur gelitten fühlte, fühlte sie sich vielleicht wieder von ihrer Mutter gequält. Vielleicht führte diese Erinnerung an 'damals' in eine Sackgasse, aus der man froh war, heraus zu sein. Und wenn man jemanden trifft, der einen einmal darin hat stehen sehen, steht man plötzlich - ob man will oder nicht - wieder vor der Mauer.

hap