Vor der Kamera

korrespondenz.biz --- (19.07.04) --- [Print-Version] --- [Kommentare]
 
 

 

Verstehen Sie Spaß? (Kurt Felix)

I.
Wenn man von der Dubliner City stadtauswärts fährt, kommt man nach einiger Zeit zum Kilmainham Gaol, einem Ende des 18. Jahrhunderts errichteten Bau, in dem auch zahlreiche politische Gefangene eingesperrt worden sind und man deshalb vom Führer eine stolze Einführung in den Freiheitskampf des irischen Volkes erhält, einem Bau, der allerdings auch als Kerker für "normale" Straftäter, Arme und Randständige gedient hat. Wie die meisten dieser Einrichtungen zunächst nur für dem Zweck der Ausschließung und Einsperrung entwickelt, wurde das Gefängnis im 19. Jahrhundert schritt- und stückweise zur "Besserungsmaschine" umgestaltet. Der Gefangene sollte nun von schlechten Einflüssen ferngehalten und unter Aufsicht zu einem angepaßten, produktiven Lebenswandel erzogen werden. Zu diesem Zweck erhielt das Gefängnis Mitte des 19. Jahrhunderts einen neuen Zellenbau, entworfen nach den Regeln des Panoptismus, dem nach Foucault zentralen Modell für die moderne Disziplinargesellschaft. Der Grundgedanke: die Räume der Insassen sind so angeordnet, dass sie alle von einem Punkt aus einsehbar sind und die Gefangenen stets von einem Wächter beobachtet werden - ohne dass sie jedoch ihrerseits überprüfen können, ob sie unter Beobachtung stehen. Auch wenn der Wächter nicht anwesend ist, zwingt sie der Glaube an Kontrolle und Sanktion zu Konformität.
Im Reformflügel von Kilmainham installierte man zwar kein perfektes panoptisches System - so verzichtete man auf einen zentralen Beobachtungspunkt. Man legte jedoch großen Wert auf Sichtbarkeit und Einsehbarkeit. Ein schallschluckender Teppich in den Zellengängen ergänzte das Arrangement. Auf diese Weise konnten die Häftlinge nicht hören, wann sich ein Wächter ihrer Zelle näherte und durch das Guckloch in der Eisentür seinen kontrollierenden Blick warf. Der Wächter war immer unterwegs.

II.
In der sehenswerten Ausstellung von Kilmainham Gaol, die sich mit der Historie des Gefängnisses beschäftigt und neben einer politischen Geschichte in den Farben Grün-Weiß-Orange eine meist düstere Geschichte abweichenden Verhaltens und staatlichen Einschließens präsentiert, wird nicht nur das panoptische Prinzip erklärt, sondern auch veranschaulicht, in welcher Form diese Verhaltenskontrolle heutzutage ausgeübt wird. So führt die Ausstellung den Besucher vor ein Pult mit Bildschirmen, auf denen die Aufnahmen mehrerer Überwachungskameras leuchten. Die Kameras scannen den Gefängnisbau, einen Hof, den Eingangsbereich; auf dem linken Bildschirm erkennt man die Wand einer Gefängniszelle. Man kann die zugehörige Kamera mit Steuerknöpfen bewegen, die Mauern heranzoomen und wieder auf Distanz bringen.
Abgesehen davon verändern sich die Bilder auf den Schirmen nur wenig. Nach drei, fünf Minuten ohne Bewegung und Veränderung ist man geneigt, wieder zu gehen und die Kameras ihre Arbeit alleine tun zu lassen, da schiebt sich plötzlich durch den mittleren Bildschirm eine Menschengruppe, in Freizeitkleidung und schwer durchschaubarer Formation, einige mit Zeitungen oder Büchern unterm Arm, andere mit Arbeitsutensilien oder Schirmen vielleicht, einige haben - wenn man recht sieht - sogar Kameras ungehängt. Man schaut näher hin und entdeckt, dass es sich um eine Besuchergruppe handelt. Und erkennt: wie man diese Besuchergruppe beobachtet, wurde man von einem Besucher aus der vorherigen Beuschergruppe beobachtet, und genauso wird einer der von mir beobachteten Gruppe eine andere Gruppe beobachten. Der Blick zurück auf den linken Bildschirm, zur Zelle. Doch die Identifikation mit dem Wächter gelingt nicht, die Bedienung der Kamera macht keinen Spaß mehr. Im übrigen ist die Zelle leer.

III.
Zurück in der City von Dublin entdeckt man sie überall. Der kontrollierende Blick gehört hier zum Alltag, er hat die Gefängnisse verlassen und die Einkaufsstraßen beiläufig neu organisiert. Wenn man genau hinschaut, findet sich auf fast jeder Hauswand, vor jeder Eingangstür, Geschäftsfassade und Kneipenfront eine Kamera. Betritt man einen Laden, wird man gewarnt, dass man gefilmt werde - DIESES GESCHÄFT IST VIDEOÜBERWACHT - oder vielmehr: man wird in Kenntnis gesetzt. Die Kameras erfassen anscheinend alles, ohne dass man genau wüsste, wer dafür verantwortlich ist. Man wird es auch nicht erfahren, denn man verhält sich unauffällig, wohl wissend, dass man nicht unbeobachtet bleibt. Gelegentlich stört man sich daran, dass im rechten oberen Winkel des eigenen Blickfeldes die unvermeidliche Kamera justiert ist, doch man arrangiert sich mit ihr: ein kurzes Erkennen, gelegentlich ein Lächeln, ein Winken. Ab und an zückt man seinen Fotoapparat und schießt zurück. So geht es durch die Fußgängerzone, als Teil einer großen, wohlgeordneten Besuchergruppe. Nur in der Mitte der großen Plätze, weit weg von den Fassaden der Geschäfte, in den Docklands, fernab der City, in billigen Hotelzimmern benehmen sich die Leute daneben.

IV.
Zurück in Deutschland sind die Zeitungen voll des Lobs über den Film "Muxmäuschenstill", allerdings nicht nur, weil er eine schaurige Law&Order-Phantasie präsentiert und die Kontrollphantasien seines Protagonisten auf intelligente Weise mit anderen aktuellen Phänomenen und Ideologemen verknüpft: einer kommunitaristischen Widerstandslehre, der Rhetorik der Bürgergesellschaft, neoliberalen Lektionen und den Moden medialer Selbstverwirklichung, populistischer Auslegeware und Ich-AG-Ästhetik; sondern auch, weil man hinter den deutlich inszenierten "faschistoiden" Methoden des Herrn Mux ein berechtigtes Anliegen, eine sympathische Figur und aufrechte Haltung erblickt, die Rebellion gegen Werteverfall, Egoismus und mangelnde Verantwortung und eine große Unordnung. Eine geheime Lust an der Kontrolle artikuliert sich da, aufgehoben freilich in einer korrekten Selbstkritik. Wo ist die Grenze? Ja, wo könnte sie sein.

V.
Die Kamera ist ein wichtiges Utensil in "Muxmäuschenstill", die wahre Waffe des Ordnungschaffenden, während die Pistole ("Mäuschen") nur in allergrößter Notwendigkeit gezogen wird. Die Kamera ist Seh- und Sprachrohr des Protagonisten gegenüber der Welt, Identifikationshilfe für den Zuschauer, filmhistorisches Zitat und vieles mehr. Sie ist aber auch eine Überwachungskamera, eine mobile "Besserungsmaschine". Mux nimmt die Idee der umfassenden Überwachung auf, wendet sich aber gleichzeitig gegen den Ansatz einer bloß abstrakten oberflächlichen Kontrolle, die den Kontrollierten zu Wohlverhalten veranlasst, ihm aber immer noch in die blinden Winkel, unausgeleuchteten Plätze und billigen Hotelzimmer abzutauchen erlaubt.
Er nimmt die Kamera in die eigene Hand und geht mit ihr an die Orte, die vom kontrollierenden Blick bisher verschont geblieben sind, Schwimmbecken, Toiletten, Autokabinen; er dokumentiert das Verhalten, das von den festverschraubten Kameras nicht erfasst wird oder nur undeutlich auf den Schirm kommt: unauffällige Verfehlungen, versteckte Missetaten, gedankliche Abweichungen. Mux' Kamera dringt unter die Oberfläche, rückt den Leuten auf den Leib, hält drauf und zwingt die Gefilmten zur Beichte.

VI.
Das Anliegen des Herrn Mux ist zwar eines der "Erziehung". Durch Überwachen und Strafen soll der Gemeinsinn in die Gesellschaft gebracht werden. Das Projekt genügt jedoch letztlich sich selbst. Was es erreicht, ist eine Verallgemeinerung, eine Demokratisierung der Überwachung. In "Muxmäuschenstill" wird praktisch, was viele bisher nur vor dem Fernsehbildschirm nacherlebt haben, in den zahlreichen Reality-Serien über Polizeiwachen, Ordnungsstreifen, Kammerjäger, Gerichtsvollzieher. Doch mitmachen kann jeder. Als "Aufpasser" kommen alle in Frage. Das gilt auch für die Macher des Films. Auf der Internetseite mux-braucht-dich, die ein Mailformular bereit hält für jene, die ihre Kenntnisse über gemeinwidrige Zustände nicht weiter verschweigen wollen, berichtet "Herr Mux" von seinen jüngsten Aufklärungserfolgen: der Festnahme eines Videopiraten, den man bei der Uraufführung des Films in Berlin dingfest machen konnte, als er mit seinem Objektiv auf die Leinwand hielt. Natürlich ein Teil des Spiels.
Wie auch die Szene, die man letztens in Köln beobachten konnte. Dort standen vor einem Kiosk, stadtauswärts gelegen, ein halbes Dutzend Jugendliche. Sie sahen aufmerksam durch die Eingangstür, wo drei weitere gleichen Alters unermüdlich in forderndem Ton auf den Mann hinter der Theke einredeten. Warum er denn kein Flaschenpfand heraus, wenn man Flaschen zurückgebe. Warum er denn Flaschenpfand verlange, wenn er Flaschen verkaufe. Ob das denn in Ordnung sei, Flaschenpfland zu verlangen, dann aber nicht zurückzuerstatten? Der Mann hinter der Theke fragte, ob dies ein Spaß sei, wurde aber anstelle einer Antwort erneut darauf hingewiesen, dass er kein Flaschenpfand retourniere. Und dass dies nicht gehe. Dabei wechselten sich zwei der Jugendlichen ab, während der dritte unbeirrt seine Digitalkamera auf den Kioskbesitzer richtete, der nichts entgegen zu setzen hatte als verlegen in seiner Kasse zu kratzen. Teil des Spiels?
Vor dem Laden merkte man, dass etwas fehlte. Da standen Zeitungsständer, Wasserflaschenbatterien, Paletten mit Süßigkeiten, weit und breit aber kein Schild: WIR MACHEN SIE HÖFLICH DARAUF AUFMERKSAM, DASS DIESES GESCHÄFT KAMERAÜBERWACHT IST. Es wird nicht noch mal passieren.

tlr