Hinter der Kamera

korrespondenz.biz --- (14.02.2005) --- [Print-Version] --- [Kommentare]
 
 

"Die fetten Jahre sind vorbei" war nicht nur eine engagierte, bisweilen altkluge Abhandlung über die Möglichkeiten von Politik in den Zeiten umfassend imaginierter Sachzwänge und Aufforderung, das Notwendige zu tun, Epilog zu den Alt-68-er-Debatten der letzten Jahre, Lustspiel für die Jugend und komische Abhandlung über die besonderen Gesetze des Mau-Mau-Spiels, sondern auch ein Gegenstück zum zweiten deutschen Politfilm des Jahres: "Muxmäuschenstill". Zusammen bilden sie eine Art Diptychon populärer und popkultureller Gesellschaftskritik.

Dabei spiegelt und konterkariert "Die fetten Jahre" in vielerlei Hinsicht die Verfahrens- und Herangehensweisen von "Muxmäuschenstill". Wo Marcus Mittermaiers Film eine rabiate Law-and-Order-Phantasie aufbietet, präsentiert Hans Weingartner eine Phantasie der Verunsicherung; wo der erste mit einer Strategie der Verzerrung und Verwirrung operiert, scheut sich der zweite nicht vor dem ernstgemeinten Bekenntnis. Auch im Hinblick auf ihre -- wenn man so will -- medienpolitischen Positionen -- denn beide Filme verhandeln explizit Techniken und Wirkungsweisen von Medien -- lassen sich derartige Spiegelungen erkennen. Die Kamera als Überwachungsinstrument ist in beiden Filmen zentral. Wo sie in "Muxmäuschenstill" aber vor allem als Medium alltäglicher Terrorisierung, als "Besserungsmaschine" des braven Bürgers Gestalt annimmt, werden ihr in Weingärtners Film auch subversive Praktiken zugeschrieben. Die Kameras, die Jan und Peter installieren und einsetzen, dienen äußerlich gesehen dem gleichen Zweck wie die von Herrn Mux geführten: der Beobachtung und Ausforschung. Sie zielen jedoch nicht auf die Verdichtung des Überwachungssystems, sondern auf dessen Lücken, die versteckten Mängel des zur Perfektion drängenden Kontrollregimes. Die von "den Erziehungsberechtigten" eingesetzten Kameras beobachten (und hier ist "Die fetten Jahre sind vorbei" klassischer Gangsterfilm) die Kameras der Gegenseite, sie registrieren ihre Bewegungsmuster vor den abgeschotteten Vorstadtvillen, die Patrouillengänge von Wachleuten oder Polizisten, die kleinen Risse in den Festungsbauten der "gated communities".

Wo "Muxmäuschenstill" auf die Dystopie einer unterm Überwachungsmodus gleichgeschalteten Öffentlichkeit verweist, die Aufnahmen der Kamera zum Material für das "Schulungsvideo der Gesellschaft" werden, plädiert Weingärtners Film für den Mut zur Lücke. Am Schluss der "fetten Jahre" machen sich die drei juvenilen Helden zu einer weitgehend unbekannten im Mittelmeer gelegenen Insel auf, wo sie die Sendemasten der europäischen Fernsehanstalten vermuten. Die "Erziehungsberechtigten" schalten ab. Es folgt der Abspann des Filmes, beendet durch ein kurzes Knacken und jenes schwarz-weiße Geriesel, das der Fernseher zeigt, wenn ihm der Empfang ausgegangen ist. Schneetreiben statt weißes Rauschen.

tlr